Bauformen des Gewissens

Die Architekten des Volksfürsorgehauses in Saarbrücken fanden, dass braune Fliesen dem Stadtbild gut täten (Bild: Yannis Popannis, CC_BY_SA 4.0)
Die Architekten des Volksfürsorgehauses in Saarbrücken fanden, dass braune Fliesen dem Stadtbild gut täten (Bild: Yannis Popannis, CC_BY_SA 4.0)

Ende der 1940er Jahre erlebte die Kachel einen beispiellosen Boom, der bis in die 1960er Jahre hinein anhielt. War sie bis dato weitgehend zu einem Nischendasein im feuchten Badezimmer oder der sterilen Arztpraxis verdammt gewesen, beförderten sie die Architekten des Wiederaufbaus zur omnipräsenten Fassadendekoration.

Viele Metropolen Westdeutschlands wetteiferten nach 1945 geradezu darin, ihre Innenstädte in überdimensionale Schwimmbäder zu verwandeln – gerne auch in den modischen Farben hellblau oder lindgrün. Markus Krajewski hat dieser kuriosen Spielart der Fassadengestaltung nun eine eigene Monographie gewidmet. Das Buch fragt abseits von Kostenersparnissen nach den Gründen der Popularität einer Bauform, „die man heute eigenartig bis verstörend einzustufen geneigt ist“. Ist die Hinwendung zur abwaschbaren und streng gerasterten Kachelfassade eine architektonische Überkompensation gesellschaftlicher Prozesse? Wie ist die plötzliche Omnipräsenz einer Bauform zu werten, die vormals sinnbildlich für Hygiene stand und nur in entsprechenden Räumlichkeiten situiert war? Das passende Bildmaterial liefert Fotograf Christian Werner, der mit Köln eine Stadt porträtiert, die der Fliesenästhetik nach 1945 intensiv huldigte. Am 29. Januar wird das Buch um 20:30 Uhr in Berlin (Pro qm, Almstadtstraße 48-50, 10119 Berlin) vorgestellt. (jr, 21.1.16)

Krajewski, Markus: Bauformen des Gewissens. Über Fassaden deutscher Nachkriegsarchitektur. Mit Fotografien von Christian Werner, Kroener Verlag, Stuttgart 2015, 220 Seiten, 80 Farbfotografien, Französische Broschur, ISBN 978-3-520-90801-8.

Regionen der Moderne

Indonesien, Bandung-Institut (Bild: GFDL oder CC BY SA 3.0)
Aus so sah die Moderne aus: 1920 errichtete Henri Maclaine Pont das Bandung-Institut in der damaligen niederländischen Kolonie/heute Indonesien (Bild: GFDL oder CC BY SA 3.0)

In den letzten 20 Jahren näherte sich die architekturgeschichtliche Forschung den Regionalismen der Zeit von 1890 bis 1950 als einer pan-europäischen Bewegung – als einer logischen Gegenbewegung zur Internationalen Moderne. Mit regionalen Bauformen suchten Architekten wie Nutzer eine regionale Identität zu erhalten oder neue zu schaffen. In Zeiten, als Nationen wie Frankreich, England, die Niederlande oder Deutschland in eine Phase der politischen Stabilisierung eintraten, bildeten sie die künstlerische Antwort auf die Suche nach einer kulturellen Selbstdefinition. Sei es für eine Stärkung der zentralen Identität durch die Einbeziehung der „Ränder“, sei es als Unabhängigkeitswunsch der entlegeneren Regionen. Diese architektonische Strömung erfasste aber ebenso die damaligen Kolonien in Afrika und Asien.

Die Konferenz „Picturesque Modernities. Architectural Regionalism as a Global Process (1890-1950)“ will im Deutschen Zentrum für Kunstgeschichte in Paris ovm 30. November bis zum 2. Dezember 2016 dieser Frage nachgehen. Es handelt sich um eine gemeinsame Arbeitstagung des Exzellenz-Clusters „Asia and Europe in a Global Context – The Dynacis of Transculturality“ der Heidelberger Universität, dem Deutschen Zentrum für Kunstgeschichte in Paris, der Universität von Poitiers, dem Centre André Chastel und der  Association d’Histoire de l’Architecture. Die Tagung ist öffentlich, die Konferenzsprachen sind Englisch, Französisch und Deutsch, Anmeldungen sind bis zum 28. November möglich. (kb, 6.11.16)

Bruno Flierl lesen und zuhören

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Bruno Flierl: ein Leben, drei Systeme, zahllose Bauformen und -strömungen (Bild: Verlag Theater der Zeit)

Bruno Flierl, geboren 1927 zur Zeit der Weimarer Republik in Schlesien, aufgewachsen in Nazi-Deutschland, am Ende des Zweiten Weltkriegs in französische Kriegsgefangenschaft geraten, kam 1947 in den Westteil Berlins. Wie sein Vater und sein Bruder wurde er Architekt und wählte nach der Gründung der DDR deren Hauptstadt Berlin-Ost zu seiner Heimat. Hier setzte er sich für eine moderne sozialistische Architektur ein. Zeitlebens beschäftigte er sich theoretisch mit den Wechselwirkungen von Gesellschaft und gebauter Umwelt. Nach dem Ende der DDR brachte er sich in die gesamtdeutsche, europäische und globale Architekturdebatte ein und nimmt bis heute auch zur Stadtplanung Berlins konstruktiv-kritisch Stellung.

Im 2015 erschienenen Buch „Selbstbehauptung“ reflektiert Bruno Flierl sein Leben in drei Gesellschaften und erzählt auch seine Familiengeschichte im ungeteilten, im geteilten und im seit 1990 vereinten Deutschland. Schnellentschlossene können ihm am 20. Mai ab 19.00 in Berlin in der Hellen Panke bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung zuhören. Wer das nicht schafft, kann sich mit dem Flierl-Buch auf aufschlussreiche Reise durch drei politische Systeme und mehrere Bauformen der Vor- und Nachkriegsmoderne begeben. (db, 19.5.16)

Flierl, Bruno, „Selbstbehauptung – Leben in drei Gesellschaften“, Verlag Theater der Zeit, Berlin 2015, Klappenbroschur, 416 Seiten. ISBN 978-3-95749-024-7.

Das Bauhaus geht stempeln

Bauhaus-Stempel (Bild: museumgoods.de)
Wenn man Moderne auf das Wesentliche reduziert (Bild: museumgoods.de)

Dass das Bauhaus, gerade in Anbahnung des Jubiläums, ein Markenprodukt ist, hat sich inzwischen schon herumgesprochen. Wer mit den Ikonen der Bauhaus-Moderne aber auch seien Briefe und Karten veredeln möchte, hat jetzt ein Angebot: die Bauhaus-Stempel. Lehrreich ist in diesem Fall das Stempeln auch gleich, lernt man doch drei Hauptbauten der Dessauer Bauhausmoderne näher kennen: die Meisterhäuser von Walter Gropius (1925-26), das ikonische Bauhausgebäude selbst (1925-26) und die Ausflugsgaststätte „Kornhaus“ von Carl Fieger (1929-30).

Alle drei Bauten wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wieder hausgeputzt, teils wieder in ihre Entstehungszeit zurückgebaut und können heute im Weltkulturerbe Dessau besichtigt werden – im Kornhaus kann der Kulturbeflissene seine Tour dann bei einem gepflegten Essen stilvoll ausklingen lassen. Und übernachten ließe sich dann im Anschluss noch im Ateliergebäude, wo früher die Bauhaus-Studenten schliefen. Entwickelt wurden die drei Stempelmotive ca. 5,3 x 5,3 x 2,4 cm großen Stempel mit der Berliner Architekturillustratorin und Designerin Sandra Siewert. Sie reduzierte die sowieso schon programmatisch geometrischen Bauformen auf klare Schwarz-Weiß-Grafiken – dem Bahauslern dieser Jahre hätte es sicher gefallen. (kb, 7.5.16)