Bauformen des Gewissens

Die Architekten des Volksfürsorgehauses in Saarbrücken fanden, dass braune Fliesen dem Stadtbild gut täten (Bild: Yannis Popannis, CC_BY_SA 4.0)
Die Architekten des Volksfürsorgehauses in Saarbrücken fanden, dass braune Fliesen dem Stadtbild gut täten (Bild: Yannis Popannis, CC_BY_SA 4.0)

Ende der 1940er Jahre erlebte die Kachel einen beispiellosen Boom, der bis in die 1960er Jahre hinein anhielt. War sie bis dato weitgehend zu einem Nischendasein im feuchten Badezimmer oder der sterilen Arztpraxis verdammt gewesen, beförderten sie die Architekten des Wiederaufbaus zur omnipräsenten Fassadendekoration.

Viele Metropolen Westdeutschlands wetteiferten nach 1945 geradezu darin, ihre Innenstädte in überdimensionale Schwimmbäder zu verwandeln – gerne auch in den modischen Farben hellblau oder lindgrün. Markus Krajewski hat dieser kuriosen Spielart der Fassadengestaltung nun eine eigene Monographie gewidmet. Das Buch fragt abseits von Kostenersparnissen nach den Gründen der Popularität einer Bauform, „die man heute eigenartig bis verstörend einzustufen geneigt ist“. Ist die Hinwendung zur abwaschbaren und streng gerasterten Kachelfassade eine architektonische Überkompensation gesellschaftlicher Prozesse? Wie ist die plötzliche Omnipräsenz einer Bauform zu werten, die vormals sinnbildlich für Hygiene stand und nur in entsprechenden Räumlichkeiten situiert war? Das passende Bildmaterial liefert Fotograf Christian Werner, der mit Köln eine Stadt porträtiert, die der Fliesenästhetik nach 1945 intensiv huldigte. Am 29. Januar wird das Buch um 20:30 Uhr in Berlin (Pro qm, Almstadtstraße 48-50, 10119 Berlin) vorgestellt. (jr, 21.1.16)

Krajewski, Markus: Bauformen des Gewissens. Über Fassaden deutscher Nachkriegsarchitektur. Mit Fotografien von Christian Werner, Kroener Verlag, Stuttgart 2015, 220 Seiten, 80 Farbfotografien, Französische Broschur, ISBN 978-3-520-90801-8.

Regionen der Moderne

Indonesien, Bandung-Institut (Bild: GFDL oder CC BY SA 3.0)
Aus so sah die Moderne aus: 1920 errichtete Henri Maclaine Pont das Bandung-Institut in der damaligen niederländischen Kolonie/heute Indonesien (Bild: GFDL oder CC BY SA 3.0)

In den letzten 20 Jahren näherte sich die architekturgeschichtliche Forschung den Regionalismen der Zeit von 1890 bis 1950 als einer pan-europäischen Bewegung – als einer logischen Gegenbewegung zur Internationalen Moderne. Mit regionalen Bauformen suchten Architekten wie Nutzer eine regionale Identität zu erhalten oder neue zu schaffen. In Zeiten, als Nationen wie Frankreich, England, die Niederlande oder Deutschland in eine Phase der politischen Stabilisierung eintraten, bildeten sie die künstlerische Antwort auf die Suche nach einer kulturellen Selbstdefinition. Sei es für eine Stärkung der zentralen Identität durch die Einbeziehung der „Ränder“, sei es als Unabhängigkeitswunsch der entlegeneren Regionen. Diese architektonische Strömung erfasste aber ebenso die damaligen Kolonien in Afrika und Asien.

Die Konferenz „Picturesque Modernities. Architectural Regionalism as a Global Process (1890-1950)“ will im Deutschen Zentrum für Kunstgeschichte in Paris ovm 30. November bis zum 2. Dezember 2016 dieser Frage nachgehen. Es handelt sich um eine gemeinsame Arbeitstagung des Exzellenz-Clusters „Asia and Europe in a Global Context – The Dynacis of Transculturality“ der Heidelberger Universität, dem Deutschen Zentrum für Kunstgeschichte in Paris, der Universität von Poitiers, dem Centre André Chastel und der  Association d’Histoire de l’Architecture. Die Tagung ist öffentlich, die Konferenzsprachen sind Englisch, Französisch und Deutsch, Anmeldungen sind bis zum 28. November möglich. (kb, 6.11.16)

Bruno Flierl lesen und zuhören

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Bruno Flierl: ein Leben, drei Systeme, zahllose Bauformen und -strömungen (Bild: Verlag Theater der Zeit)

Bruno Flierl, geboren 1927 zur Zeit der Weimarer Republik in Schlesien, aufgewachsen in Nazi-Deutschland, am Ende des Zweiten Weltkriegs in französische Kriegsgefangenschaft geraten, kam 1947 in den Westteil Berlins. Wie sein Vater und sein Bruder wurde er Architekt und wählte nach der Gründung der DDR deren Hauptstadt Berlin-Ost zu seiner Heimat. Hier setzte er sich für eine moderne sozialistische Architektur ein. Zeitlebens beschäftigte er sich theoretisch mit den Wechselwirkungen von Gesellschaft und gebauter Umwelt. Nach dem Ende der DDR brachte er sich in die gesamtdeutsche, europäische und globale Architekturdebatte ein und nimmt bis heute auch zur Stadtplanung Berlins konstruktiv-kritisch Stellung.

Im 2015 erschienenen Buch „Selbstbehauptung“ reflektiert Bruno Flierl sein Leben in drei Gesellschaften und erzählt auch seine Familiengeschichte im ungeteilten, im geteilten und im seit 1990 vereinten Deutschland. Schnellentschlossene können ihm am 20. Mai ab 19.00 in Berlin in der Hellen Panke bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung zuhören. Wer das nicht schafft, kann sich mit dem Flierl-Buch auf aufschlussreiche Reise durch drei politische Systeme und mehrere Bauformen der Vor- und Nachkriegsmoderne begeben. (db, 19.5.16)

Flierl, Bruno, „Selbstbehauptung – Leben in drei Gesellschaften“, Verlag Theater der Zeit, Berlin 2015, Klappenbroschur, 416 Seiten. ISBN 978-3-95749-024-7.

Das Bauhaus geht stempeln

Bauhaus-Stempel (Bild: museumgoods.de)
Wenn man Moderne auf das Wesentliche reduziert (Bild: museumgoods.de)

Dass das Bauhaus, gerade in Anbahnung des Jubiläums, ein Markenprodukt ist, hat sich inzwischen schon herumgesprochen. Wer mit den Ikonen der Bauhaus-Moderne aber auch seien Briefe und Karten veredeln möchte, hat jetzt ein Angebot: die Bauhaus-Stempel. Lehrreich ist in diesem Fall das Stempeln auch gleich, lernt man doch drei Hauptbauten der Dessauer Bauhausmoderne näher kennen: die Meisterhäuser von Walter Gropius (1925-26), das ikonische Bauhausgebäude selbst (1925-26) und die Ausflugsgaststätte „Kornhaus“ von Carl Fieger (1929-30).

Alle drei Bauten wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wieder hausgeputzt, teils wieder in ihre Entstehungszeit zurückgebaut und können heute im Weltkulturerbe Dessau besichtigt werden – im Kornhaus kann der Kulturbeflissene seine Tour dann bei einem gepflegten Essen stilvoll ausklingen lassen. Und übernachten ließe sich dann im Anschluss noch im Ateliergebäude, wo früher die Bauhaus-Studenten schliefen. Entwickelt wurden die drei Stempelmotive ca. 5,3 x 5,3 x 2,4 cm großen Stempel mit der Berliner Architekturillustratorin und Designerin Sandra Siewert. Sie reduzierte die sowieso schon programmatisch geometrischen Bauformen auf klare Schwarz-Weiß-Grafiken – dem Bahauslern dieser Jahre hätte es sicher gefallen. (kb, 7.5.16)

Halle: Platte unter Schutz

Die Gebäudezeile Große Klausstraße 17-21 steht nun unter Denkmalschutz (Bild: Andreas Preafcke, CC BY-SA 3.0)
Die Gebäudezeile Große Klausstraße 17-21 in Halle an der Saale steht nun unter Denkmalschutz (Bild: Andreas Praefcke, CC BY-SA 3.0)

Nachdem vergangenes Jahr bereits Halle Neustadt zum 50. Geburtstag gewürdigt wurde, sind nun auch innerstädtische Plattenbauten der Saale-Stadt in den Fokus gerückt. Und zwar nicht (mehr) als Bausünde, sondern als denkmalwertes Zeugnis der 1980er Jahre: Die Gebäudezeile Große Klausstraße 17-21 wurde Anfang 2015 unter Denkmalschutz gestellt. Sie zählt zu den wenigen „Platten“, deren Erscheinungsbild noch nicht dem allgemeinen Dämmwahn geopfert wurde.

Der Block im Besitz der Halleschen Wohnungsgesellschaft (HWG) entstand um 1985 im Zuge der damaligen Innenstadt-Sanierung durch den Stadtarchitekten Wulf Brandstädter. Unter seiner Ägide arbeiteten im Wohnbaukombinat Halle die Architekten Peter Weeck, Andreas Bollmann und Wolf-Rüdiger Thäder. Sie stellten sich der Aufgabe, moderne sozialistische Bauformen in gewachsene, kleinzeilige Strukturen einzufügen. Sie alle erleben die Würdigung ihres – lange nicht unumstrittenen – Werkes nun noch zu Lebzeiten. (db, 6.8.15)

Bauten für die Wartegemeinschaft

Soviet Bus Stops (Bild: C. Herbig)
Christopher Herbig fotografierte sowjetische Alltagsarchitektur (Bild: C. Herbig)

„Nur wartende Menschen/und nirgendwo ein Bus“, so besangen einst die Toten Hosen die festgefahrene Gesellschaft im Kuba Fidel Castros. Im „Bruderstaat“ UdSSR konnten sich die Wartenden zumindest an ungewöhnlicher Architektur freuen: die sowjetischen Bushaltestellen präsentierten sich nicht standardisiert, sondern bestachen durch Lokalkolorit und teilweise expressive Bauformen. Man könnte fast glauben, hier wollte jemand der spöttisch beschworenen „sozialistischen Wartegemeinschaft“ ein Denkmal setzen.

Der Fotograf Christopher Herwig hat diesem bislang kaum beachteten Stück Architekturgeschichte nun einen eigenen Bildband gewidmet. Für das Projekt legte er eine Strecke von über 30 000 km zurück und bereiste 13 Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: die porträtierten Bushaltestellen präsentieren sich mal als Miniaturmoschee in der kasachischen Steppe, mal als konstruktivistische Betonskulptur. Andernorts trifft man aufs überladene Schmuckkästchen voll sozialistisch-realistischem Kitsch oder auch einen überdimensionierten Mongolenhelm. Wer noch ein Exemplar ergattern möchte, sollte sich beeilen: der durch crowdfunding finanzierte Bildband wurde in einer streng limitierten Auflage von 1500 Exemplaren gedruckt, Restexemplare gibt es nur noch auf Nachfrage! (jr, 19.10.14)

Herwig, Christopher, Soviet Bus Stops. Limited edition photo book by Christopher Herwig, 2014, 128 Seiten, 28,5 x 21,5 cm.

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

von Philipp Stoltz (15/4)

München, Ökumenisches Zentrum im Olympiadorf (Bild: Philipp Stoltz)
Keine Spur von Spitzbogen oder Glockenturm: das Ökumenisches Zentrum (links im Bild) im Münchener Olympiadorf (Bild: P. Stoltz)

„Ich habe kürzlich einen im Ausbau begriffenen ökumenischen Kirchenbau in München angesehen. Mein Mitarbeiter und ich haben zunächst […] angenommen, daß es sich um einen Supermarkt handelte.“ Diese abfällige Bemerkung über das ökumenische Gemeindezentrum im Olympischen Dorf München stammt nicht etwa von einem konservativen Passanten, der Spitzbogenfenster und Glockenturm vermisste, sondern vom Architekten Reinhard Gieselmann, der gerade selbst ein Buch über „Neue Kirchen“ veröffentlicht hatte. Der moderne Sakralbau war innovativ, progressiv und er polarisierte, auch unter Fachkollegen. Vor allem dann, wenn er mit den traditionellen Formen brach und neue Impulse aus der „profanen“ Architektur aufgriff. Lange waren Historismus und Tradition für den Kirchenbau maßgeblich gewesen, sowohl in den Entwürfen der Architekten als auch in den Köpfen der Gemeinden und den Vorgaben der kirchlichen Bauherren. Neue Konzepte wurden sowohl durch die moderne Architektur als auch durch theologische, kirchliche und gesellschaftliche Umbrüche angestoßen: Sie führten zu einer Annäherung zwischen den beiden Konfessionen und machten so die Entstehung Ökumenischer Zentren möglich.

 

Annäherung auf evangelischer …

Im evangelischen Kirchbau waren drei Faktoren ausschlaggebend: Erstens war an die Stelle der Tradition die „Liturgie als Bauherrin“ getreten. Die Berneuchener Bewegung hatte das Altarsakrament neu entdeckt und den ökumenischen Austausch gesucht, beides wollte man auch baulich umsetzen. Zweitens rang man im Protestantismus gerade um das eigene Selbstverständnis und Verhältnis zur Gesellschaft – Innovationen gab es vor allem am Rand der kirchlichen Institutionen, auf den Kirchentagen und in den Evangelischen Akademien. Hier verstand man sich als Forum und Faktor in der Welt und entwickelte neue Konzepte für den Kirchenbau.

München, Ökumenisches Zentrum im Olympiadorf (Bild: Philipp Stoltz)
Kirche sollte und wollte sich nun zum städtischen Raum öffnen (Bild: P. Stoltz)

Damit ging drittens einher, dass sich die konkreten Gemeinden deutlich veränderten. Sie entdeckten neue Formen des Gemeindelebens und brachten sich immer engagierter in die Gesellschaft ein. Dafür wurden auch neue, möglichst vielseitige Räume notwendig. Die Kirchen sollten sich nicht abheben, sondern als „Agora“ zu ihrer Siedlung öffnen und einen niederschwelligen Zugang ermöglichen.

Gemeindezentren verzichteten darum auf repräsentative Elemente wie Kirchtürme, teils sogar ganz auf den dezidierten Sakralraum. Stattdessen orientierten sie sich bewusst mehr am städtebaulichen Umfeld und an der profanen Architektur: Die Gemeinden wollten zum Alltag der Siedlung gehören, nicht mehr nur zum Sonntag. Ein bekanntes Beispiel war das Projekt des Theologen Ernst Lange, dessen Berliner Gemeinde sich in einem Ladenlokal einmietete. Dass man Gemeindezentren leicht mit Supermärkten verwechseln konnte, war also durchaus beabsichtigt.

 

… und auf katholischer Seite

München, Ökumenisches Zentrum im Olympiadorf, Blick in die katholische Sakristei (Bild: Andreas Poschmann/Straße der Moderne)
Mit den Reformen – hier ein Blick in die katholische Sakristei – sollte mehr Gemeinschaft in die Messfeier einziehen (Bild: Andreas Poschmann/Straße der Moderne)

Ähnliche Entwicklungen hin zu Pfarrzentren hatten sich auch im modernen Katholizismus vollzogen, wenn auch nicht ganz so radikal. Die Volksliturgische Bewegung und Persönlichkeiten wie Dominikus Böhm und Rudolf Schwarz hatten die Gemeinde stärker berücksichtigt. In der Ersten Deutschen Liturgischen Konferenz und vor allem im Zweiten Vatikanischen Konzil erfuhr die Gemeinde schließlich große Wertschätzung, die sich auch deutlich im katholischen Kirchenbau niederschlug – vor allem in der Stellung von Altar und Gemeinde. Laien engagierten sich zunehmend in den Pfarreien und in der Gesellschaft und benötigten dafür neue Orte – es entstanden Pfarrzentren. Ähnlich wie der Protestantismus wandte sich auch der moderne Katholizismus stärker der Gesellschaft zu und erschloss sich öffentliche Räume.

 

Städtebauliche Allianzen

Die räumliche Verdichtung kirchlicher Angebote entsprach dem allgemeinen Trend zur städtebaulichen Zentrenbildung: Gebäude im Kern einer Siedlung wurden funktional und architektonisch aufeinander bezogen. Kirchliche Zentren fügten sich in diese Situation ein, erhoben aber zugleich einen Anspruch auf Dominanz. Diese war jedoch nicht mehr ohne Weiteres gegeben, vor allem nicht in urbanen Neubausiedlungen. Auch architektonisch fiel es zunehmend schwer, sich zwischen Hochhäusern durch einen Kirchturm zu behaupten.

München, Olympiadorf vom Olympiaturm (Bild: Douglas Whitaker, CC BY SA 2.5)
In Neubausiedlungen wie dem Münchener Olympiadorf wurden öffentliche Funktionen gebündelt (Bild: Douglas Whitaker, CC BY SA 2.5)

Der beschriebene theologische Rollenwechsel forderte offene, leicht zugängliche und vielseitige Räume. Dominanz sollte nicht mehr durch gestalterische Selbstdarstellung eingelöst werden, sondern durch funktionale Verdichtung zur „Agora der Siedlung“. Hier kam es vor allem in Neubaugebieten ab Ende der 60er Jahre zu strategischen Allianzen zwischen evangelischer und katholischer Kirche. Zusammen ließen sich ein noch vielfältigeres Raumprogramm und eine noch stärkere Verdichtung erzielen. Ein gemeinsamer Sakralraum blieb hingegen tabu.

Auf diese Weise hatten sich evangelische und katholische Kirche deutlich angenähert: Der protestantischen Wiederentdeckung der Liturgie entsprach die katholische Wiederentdeckung der Gemeinde. Die engagierten selbstbewussten Gemeinden beider Konfessionen benötigten neue, vielfältig nutzbare Räume, die man schließlich sogar in gemeinsamen Zentren zusammenzog. Es war nur konsequent, dass sich 1971 zwei der beiden wichtigsten Fachzeitschriften „Christliche Kunstblätter“ (katholisch) und „Kunst und Kirche“ (evangelisch) zusammenschlossen. Im ersten gemeinsamen Heft wurde auch das ökumenische Zentrum des Olympischen Dorfs in München vorgestellt.

 

Das Olympische Dorf in München …

München, Olympisches Dorf (Bild: Sansculotte, CC BY SA 2.0)
Ein Blick über die berühmten Dächer des Münchener Stadions auf das Olympisches Dorf (Bild: Sansculotte, CC BY SA 2.0)

Zu den XX. Olympischen Spielen 1972 in München wurde neben den bekannten Sportstätten eine Mustersiedlung errichtet, die zu den letzten großen Höhepunkten der städtebaulichen und architektonischen Moderne in Deutschland zählt. Sie zeugt von Planungseuphorie, Zukunftsoptimismus und dem Willen, eine ebenso innovative wie humane Siedlung zu schaffen. Stadtplanung sollte Kommunikation und Gemeinschaft fördern: Der gesamte Straßenverkehr ist eingehaust und so horizontal von den Fußwegen getrennt. Die Oberfläche der Siedlung – die eigentlich fünf Meter über dem Erdboden liegt – ist komplett autofrei, mit Grünflächen verzahnt und von Spielplätzen und Brunnen durchzogen. (Halb-)Öffentliche und private Zonen sind komplex miteinander verschachtelt.

Orientierung bieten die „Medialinien“, eine Installation des (Bau-)Künstlers Hans Hollein aus oberirdischen Rohren. Sie dienen als Wegweiser und Medienträger, zur Straßenbeleuchtung und angeblich (noch vor der Ölkrise!) Beheizung der Fußwege. Alle wichtigen Einrichtungen konzentrieren sich im Siedlungskern, der als Nadelöhr zwischen Wohnungen und U-Bahn-Station unumgänglich ist. Ganz im Geiste der Zeit liegen hier eng miteinander vernetzt Läden, Kindergärten, Arztpraxen und direkt am Marktplatz auch das ökumenische Gemeindezentrum.

 

… und sein Gemeindezentrum

München, Ökumenisches Zentrum im Olympiadorf (Bild: Philipp Stoltz)
Die allgegenwärtigen „Medialinien“ des Olympischen Dorfs führen auch zum Ökumenischen Zentrum (Bild: P. Stoltz)

Für ihr erstes ökumenisches Zentrum in Bayern hatten sich die Kirchen wohl vom olympischen Geist inspirieren lassen. Noch in der Ausschreibung war man von einem Ensemble getrennter Kirchbauten ausgegangen, die durch „Zusammengehörigkeit und Hinordnung“ aufeinander bezogen werden sollten. Schließlich entscheid man sich jedoch für den Entwurf der Architektengemeinschaft Bernhard Christ und Josef Karg. Er verkörpert in ästhetisch ansprechender Weise eine moderne, innovative Annäherung zwischen den beiden Konfessionen und zwischen Gemeinde und Gesellschaft, der beide Konfessionen und auch alle gemeindliche Funktionen unter einem gemeinsamen Dach vereinigt.

Das auffälligste Merkmal des Zentrums ist sein Dach, das aus dem Stahlrohr-System „Mero“ konstruiert wurde und als offenes einheitliches Raumfachwerk das gesamte Gebäude überkragt. Es ruht auf zwölf Betonsäulen, die Wände aus Eternitplatten sind nicht tragend und reichen nicht bis an die Decke. So ist der weite Blick frei auf den über die Räume hinausgehenden, sie verbindenden, Dachstuhl. Besuchern drängt sich der Eindruck auf, als könnten die provisorisch trennenden Wände jederzeit ausgebaut und so beide Kirchen vereinigt werden.

 

Ein Eingang, zwei Kirchenräume

München, Ökumenisches Zentrum im Olympiadorf (Bild: Philipp Stoltz)
Der farbenfrohe Zugang zum katholischen Kirchenraum (Bild: P. Stoltz)

Das Zentrum wird über ein gemeinsames Portal betreten, innen gehen nach rechts der evangelische und nach links der katholische Kirchenraum ab. Die Katholische Kirche verfügt zusätzlich zu ihrem großen Kirchenraum über eine separat zugängliche Werktagskapelle. Alle Sakralräume sind funktionalistisch und modern gestaltet. Die freistehende Altarinsel der katholischen Kirche steht deutlich unter dem Einfluss des Zweiten Vatikanischen Konzils: nur leicht erhöht und von der Gemeinde umgeben.

Erst in den 1990er Jahren wurde der Altarbereich durch eine Lichtinstallation an der Decke deutlicher gekennzeichnet. Abgesehen von diesem blauen Lichtband findet sich hier nur ein einfaches Kreuz, über ein ähnliches Kreuz verfügte auch der evangelische Kirchenraum. In seiner Ausstattung war er jedoch noch radikaler auf die wichtigsten Elemente beschränkt und noch mobiler konzipiert. Auf bildliche Darstellungen wurde bewusst verzichtet, dafür umso mehr Wert auf Farben und Formen gelegt. Der katholische wie der evangelische Altar bestanden aus Eternit-Halbrohren und unterschieden sich nur farblich, ebenso wie die übrigen Prinzipalstücke und Abendmahlsgeräte. Leider wurde der evangelische Kirchenraum später bei einer Generalsanierung völlig neu ausgestattet.

 

Ohne Schwelle

München, Ökumenisches Zentrum im Olympiadorf (Bild: Philipp Stoltz)
Erst in den 1990er Jahren wurde der Altarbereich im katholischen Kirchenraum durch eine Lichtinstallation besonders ausgezeichnet (Bild: P. Stoltz)

Die Ausstattung orientiert sich am einheitlichen Farbkonzept des Olympischen Dorfs. Ebenso fügt sich die gesamte Gestaltung des Zentrums ins geschlossene Konzept der Siedlung, zitiert die profanen Bauformen und Materialien seiner Umgebung: So begegnet z. B. das „Mero-System“ aus dem Dach des Zentrums auch im Verwaltungsgebäude am anderen Ende der Hauptstraße, in der heutigen Mensa der Studentensiedlung. Ohne Schwelle gehen Marktplatz, Eingangsbereich und Kirchenraum ineinander über, das Zentrum erscheint so als integraler Bestandteil der Siedlung.

Es fehlen die klassischen Formen kirchlicher Repräsentation wie ein Glockenturm. Auch das Kreuz über dem Haupteingang ist diskret aus der Fassade herausgearbeitet. Das zweite, sichtbarere Kreuz über dem Eingang der Werktagskapelle kam erst in den 80er Jahren hinzu. Statt der Glocken locken im Olympiadorf die „Medialinien“ in die Kirche: Zwei der Hauptrohre enden direkt vor dem Portal.

 

Verzicht als Gewinn

München, Ökumenisches Zentrum im Olympiadorf (Bild: Philipp Stoltz)
Mit seiner bungalowartigen Form behauptet sich das Zentrum gestalterisch gegenüber den umgebenden Hochhäusern (Bild: P. Stoltz)

Der Verzicht auf die klassische kirchliche Symbolik und die stilistische Angleichung an die umliegende Siedlung bedeutet jedoch nicht, dass das Zentrum auf einen städtebaulichen Akzent verzichtet. Seine horizontale bungalowartige Anlage kontrastiert die vertikalen Hochhäuser, fast als wäre die traditionelle Stadt-Silhouette auf den Kopf gestellt. Der Verzicht bedeutet auch keine Traditionslosigkeit, sondern eine moderne kreative Neuinterpretation – z. B. durch zwölf Säulen für das gesamte Gebäude. Dennoch konnte sich nicht jeder mit dieser modernen Form anfreunden, wie das Zitat vom Anfang zeigt. Und so erklärte auch der katholische Pfarrer des ökumenischen Zentrums zu dessen Einweihung im März 1974: „Es ist gewiß für viele nicht leicht, aus einem bisher gewohnten Kirchenraumverständnis heraus zu diesem Kirchenraum Zugang zu finden. Denn all‘ das, was eine ’schöne Kirche‘ von früher ausmacht, finden Sie hier nicht.“ Aber war der leichtere Zugang nicht das eigentliche Ziel des Verzichts gewesen?

 

Rundgang

Mit Bilder der „Straße der Moderne“ und von Philipp Stoltz durch die Räume beider Konfessionen im Ökumenischen Zentrum München …

 

Literatur

Volp, Rainer/Schwebel, Horst (Hg.), Ökumenisch planen. Dokumentation und Beiträge, Gütersloh 1973.

Römisch, Monika, Ökumenisches Kirchenzentrum „Frieden Christi“ und evang.-luth. Olympiakirche, Olympiadorf München, Lindenberg 2003.

Wittmann-Englert, Kerstin, Zelt, Schiff und Wohnung. Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne, Lindenberg 2006.

Römisch, Monika, Das ökumenische Kirchenzentrum im Olympiadorf München, in: Hildmann, A./Jocher, N. (Hg.), Die Münchner Kirchen. Architektur – Kunst – Liturgie, Regensburg 2008, S. 110–115.

Heger, Natalie, Das Olympische Dorf München Planungsexperiment und Musterstadt der Moderne, Berlin 2014.

PORTRÄT: Papierarchitekten

von Kirsten Angermann (16/2)

In den 1980er und 1990er Jahren schufen die selbsternannten russischen „Papierarchitekten“ Entwürfe, die nie zur Verwirklichung gedacht waren. Als Gegenentwürfe ihrer Zeit lassen sie sich als Teil der Postmoderne lesen. Denn der ArchitektInnenberuf war in der Sowjetunion unattraktiv geworden: Bürokratie und erstarrte Strukturen, die erzwungene Technisierung und Ökonomisierung des Bauens hatten die kreativen Freiräume erstickt. Die Zahl der ArchitekturstudentInnen sank, und nicht wenige nutzten diese Zeit als künstlerische Ausbildung, ohne jemals als ArchitektIn tätig zu werden. Aus Kritik und Freiheitssuche begannen einige von ihnen, insbesondere am Moskauer Architekturinstitut MARCHI, visionäre Entwürfe bei Wettbewerben im „kapitalistischen Ausland“ vorzulegen.

 

In Japan aufs Cover

Cover von Japan Architect Nr. 289, Februar 1982 mit dem 1. Preis von Belov und Kharitonov
Der Entwurf von Michail Belov und Maxim Charitonov erschien im Februar 1982 auf dem Cover von „Japan Architect“

Die Entwürfe der sowjetischen StudentInnen wurden – nicht selten von Vermittlern im Handgepäck ausgeschleust – bei internationalen Ausschreibungen eingereicht, darunter Wettbewerbe von Architekturzeitschriften wie „Architectural Design“ und „Japan Architect“ oder von internationalen Organisationen wie der UNESCO oder der UIA. 1981 erhielt ein Entwurf von Michail Belov und Maxim Charitonov den ersten Preis beim Shinkenchiku Residential Design Wettbewerb von „Japan Architect“ und erschien 1982 sogar auf dessen Cover.

In der Tradition der sowjetischen Avantgarde der 1920er, inspiriert durch Entwürfe der Gruppe NER (dem sowjetischen Archigram der 1960er Jahre) und angereichert mit Bildern aus westlichen Architekturzeitschriften, schufen die ArchitektInnen Visionen auf Papier. Die jährlichen Wettbewerbsausschreibungen von „Japan Architect“ waren ideal, ließen sie doch genau diese Auseinandersetzung mit dem Bauen ausdrücklich zu. Zwischen 1981 und 1988 erzielten die Papierarchitekten, wie sie sich selbst nach einer gleichnamigen Moskauer Ausstellung 1984 nannten, vier erste und sechs zweite Preise sowie viele weitere lobende Erwähnungen. In manchen Jahren kamen über 120 von insgesamt rund 450 Einsendungen aus der Sowjetunion. In der Folge waren auch Beiträge aus weiteren osteuropäischen Staaten unter den ausgezeichneten Arbeiten.

 

Ungebaute Bauten

Y. Avakumov/I. Pischukevich/Y. Zirulnikov, Matryoshka House, 1984 (Bild: utopia.ru)
Y. Avakumov/I. Pischukevich/Y. Zirulnikov, Matryoshka House, 1984 (Bild: utopia.ru)

Zu den Papierarchitekten zählten vorrangig AbsolventInnen des Moskauer Architekturinstituts, die ihr Studium zu Beginn der 1980er Jahre abgeschlossen hatten. Führende Köpfe der informellen Gruppe von etwa 50 Aktiven waren Michail Belov, Alexander Brodskij, Ilja Utkin, Michail Flippov, Nadja Bronzova oder Jurij Avvakumov, um nur einige zu nennen. Ihre Zeichnungen, Konzeptstudien und Modelle zeigten visionäre Stadtentwürfe, surreale Innenräume und abstrakte Kompositionen. In gewisser Weise verweigerten sie sich damit dem tatsächlichen Bauen und übten Kritik an der damaligen Planungspraxis in der Sowjetunion. Dabei bedienten sich die ausgebildeten ArchitektInnen verschiedener Techniken von Radierung und Zeichnung bis hin zu Ölfarben, Aquarell und Collage.

Die Verarbeitung historischer Bauformen und ihre ironischen Verfremdungen verwiesen auf postmoderne Vorbilder wie die Zeichnungen der Gebrüder Krier. Zugleich blieben die Rückbezüge auf die eigenen Traditionen der russischen Avantgarde sichtbar. Verglichen mit den Wettbewerbsbeiträgen von „Japan Architect“ aus anderen, großteils westlichen Ländern, war die konzeptionelle und künstlerische Herangehensweise keine Besonderheit der Papierarchitekten. Deren Bedeutung und Wahrnehmung resultierte vorrangig aus der besonderen Situation, mit ihren Arbeiten im Heimatland zu provozieren und auf das Papier verbannt zu sein.

Die Wettbewerbserfolge der Papierarchitekten strahlten weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus. Dieser Aufmerksamkeit ist wohl zu verdanken, dass sie ihre Arbeit, anfangs kritisch beäugt und teils aus Ausstellungen verbannt, ohne Repressionen fortsetzen konnten. Auf die erste Präsentation 1984 in den Räumen der Moskauer Jugendzeitschrift „Junost'“ folgten bis in die frühen 1990er Jahre international viele weitere. Die 1992 am Architekturinstitut in Moskau gezeigte Ausstellung „Papierarchitektur. Alma Mater“ markiert den Abschluss dieser Entwicklung und kann (fast) schon als Retrospektive gewertet werden.

 

Vom Kapitalismus eingeholt

A. Brodsky/I. Utkin, Crystal Palace, 1982 (Bild: utopia.ru)
A. Brodsky/I. Utkin, Crystal Palace, 1982 (Bild: utopia.ru)

Aus westlicher Perspektive, für die sich die Postmoderne bereits in Historismen totgelaufen hatte, erschien die Papierarchitektur, kaum war sie aufgetaucht, beinahe schon überholt. Dabei erklärten sich die KünstlerInnen selbst nicht zu sowjetischen WegbereiterInnen der Postmoderne oder gar von Glasnost und Perestroika. Sie nannten sich, so Belov, „Kinder der Stagnation“ der Brežnev-Ära. Aus heutiger Sicht teilten sie die damals in Ost wie West gleichermaßen vernehmbare Modernekritik, nur taten sie es aus der Rolle der DissidentInnen. Mit ihren konzeptionellen Arbeiten avancierten sie jedoch zumindest zum Begleiter der Erneuerung. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte auch die Architekturfantasie ihre kritische Bedeutung verloren. Einige ProtagonistInnen wie Alexander Brodskij blieben ihrer Arbeit zwischen Architektur und Kunst treu. Sie mussten sich jedoch in einem kapitalistischen Architekturbetrieb zurechtfinden, den sie zuvor zeichnend heraufbeschworen hatten.

 

Literatur

Sokolina, Anna, In Opposition to the State. The Soviet Neoavant-Garde and East German Aestheticism in the 1980s, in: ArtMargins, 21. Mai 2002. 

Cook, Catherine/Hatton, Brian (Hg.), Nostalgia of Culture. Contemporary Soviet Visionary Architecture, London 1988.

Klotz, Heinrich (Hg.), Papierarchitektur. Neue Projekte aus der Sowjetunion. 4. März 1989 – 14. Mai 1989, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main, Stuttgart/München 1988.

Japan Architect, Hefte 1981 bis 1990.