Dieburg, FH, Posttasse (Bild: K. Berkemann, 2016/17)

Architektur im Alltag: die Posttasse

Manchmal sagt ein Gegenstand aus der alltäglichen Nutzung mehr über einen Bau als eine lange kunsthistorische Beschreibung. Spiegelt er doch, mit welchem Leben die Menschen hier den hehren Architektenentwurf füllen. Ob sie sich fremd fühlen oder heimisch, wie sehr sie noch vom Erbe ihrer Vorgänger zehren. Im südhessischen Dieburg schuf der Altmeister Herbert Rimpl bis 1971 ein Ensemble von klassischer Eleganz: die Ingenieurakademie der Deutschen Bundespost. Heute gehört die Fachhochschule (FH) zur Hochschule Darmstadt – und hütet im Keller noch Geschirr aus der Zeit, als die Post eine Behörde war.

 

Beatkonzerte und zu wenig Parkplätze

„Wenn tausend junge Männer zwischen achtzehn und fünfundzwanzig in eine Stadt mit 12.000 Einwohnern einziehen, kommen so manche Gleichgewichte ins Schwanken.“ Der Journalist vom Darmstädter Echo traf den atmosphärischen Nagel 1971 auf den Kopf. In Dieburg war die FH gerade erst fertiggestellt worden. Der Architekt Herbert Rimpl und der Landschaftsarchitekt Hermann Mattern hatten eine weitläufige Anlage mit Aula, Verwaltungsriegel, durch „Glasgänge“ vernetzten Lehrgebäuden, Wohnheimhochhäusern, Sportanlage und dazwischen viel Grün geschaffen. Der Hauptkritikpunkt der Studenten: zu wenig Parkplätze, um die Autos für die kleinen Fluchten ins nahe Darmstadt abzustellen.

In der FH wies man 1971 das das Image einer schnöden „Beamtenschmiede“ weit von sich. Immerhin konnten die Frauen hier seit 1972 mitstudieren – und besagter Journalist lobte die bunten Seiten des Dieburger Hochschullebens: „Man darf […] Beatveranstaltungen ausrichten.“ Welches Geschirr für das (gemeinsame) Frühstück danach zum Einsatz kam, können wir nur vermuten. Doch in einem holzvertäfelten Sozialraum werden in Dieburg noch einige Teller und Tassen der Bauzeit aufbewahrt: stapelbares Porzellan in kompromisslosem Weiß mit dem schwarzen Schriftzug „Post“, auf der Unterseite der Firmenstempel „Schönwald. Germany. 2298. Fabrik Dekor“. Dahinter verbirgt sich das preisgekörnte Rastergeschirr von Hans Theodor Baumann von 1971, dem Einweihungsjahr der FH. Wer vermisst da noch seinen laktosefreien Latte mit Karamell-Aroma aus dem Pappbecher.

 

Glasgänge und ein schalltoter Raum

Herbert Rimpl (1902-78), der Architekt der Dieburger FH, hatte sich in den 1930er Jahren als Werksarchitekt der (Ernst-)Heinkel-Flugzeugwerke etabliert. Es folgten Großaufträge in der (Rüstungs-)Industrie, der Doktoren- und Professorengrad und die Mitgliedschaft in Albert Speers Wiederaufbau-Stab. Nach 1945 schuf Rimpl mit seinem Wiesbadener Büro öffentliche Bauten in strenger Rasterung, teils aufgelockert durch Schalenkonstruktionen, die sprichwörtliche „Rimplwelle“. Sein Spätwerk umfasst drei behördennahe Bildungseinrichtungen: die Staatliche Ingenieurschule Gauß in Berlin (bis 1964), das Berufsbildungszentrum der Oberpostdirektion in Bremen (bis 1974) – und Dieburg.

Erst wollte die Post die FH Dieburg in der eigenen Bauverwaltung planen, doch dann entschied sie sich für Rimpls professionell durchorgansiertes Büro. Zwischen 1964 und 1971 verband dieser das große Bauvolumen durch konsequente Details zu einer Einheit: von den Natursteinverkleidungen über die aufgeständerten Obergeschossen bis zu den transparenten Gängen. Nur ein Teil der wohl ausbalancierten Anlage hat den um 2000 angebahnten Wechsel zur Hochschule Darmstadt überlebt, z. B. wurden die Studentenwohntürme niedergelegt. Umso kostbarer sind heute die technischen Relikte der Post-Ära – die (zur Besenkammer oder zum Getränkelager umfunktionierten) Telefonzellen auf den Gängen oder der bestens isolierte schalltote Raum für Tonexperimente.

 

Der wahre Luxus

1971 verwies das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 1971 auf Besucherstimmen von „italienischem Marmor“, von „Lüster[n] aus Muranoglas“, sprach von der Aula als einem „Luxusbau“. Heute wirkt die Kunst angenehm zurückhaltend auf den jeweiligen Bau bezogen und alte Plakate sprechen von einem eher bodenständigen Kulturprogramm. Fachleute schätzen die FH wieder als (Bremen dazugerechnet) „Letztwerk“ eines – bei allen geschichtlich-politischen Fragezeichen – baukünstlerischen Könners. In Dieburg schuf Rimpl ein Ensemble von großer Formenklarheit und Materialkonsequenz. Denn manchmal braucht es nicht mehr als vier schwarze Buchstaben auf weißem Porzellan. (kb, 2017)

 

Literatur und Quellen (Auswahl)

Bundespost. Marmor fürs Auge, in: Der Spiegel 1971, 45, 73-74.

Koppe, Holger, Wenn die Hochschule aufs Land geht… 1000 Post-Ingenieurschüler in Dieburg – Ohne Behördenlook – Mitbestimmungsforderungen, in: Darmstädter Echo 29. Januar 1971, S. 17.

Rimpl, Herbert, Verwaltungsbauten. Organisation, Entwurf, Konstruktion, Ausgeführte Bauten und Projekte, Berlin 1959.

Sollich, Jo, Herbert Rimpl (1902-1978). Architekturkonzern unter Hermann Göring und Albert Speer. Architekt des deutschen Wiederaufbaus. Bauten und Projekte, Berlin 2013 [zugl. Diss., Berlin, 2011].

Archive: Bundesarchiv Koblenz; Fachhochschule (FH) Dieburg, heute Teil der Hochschule Darmstadt ; Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden; Landkreis Darmstadt Dieburg, Bauberatung/-betreuung, Untere Denkmalschutzbehörde; Telefoninterview mit Heinz Krochmeyer durch die Verfasserin, 23. Dezember 2016.