Architektur im Film

Sergej Eisenstein in den 1910er Jahren in St. Petersburg (Bild: gemeinfrei, via wikimedia commons)
Für den Regisseur Sergej Eisenstein – hier in den 1910er Jahren – war die Akropolis der wohl älteste Film der Welt (Bild: gemeinfrei, via wikimedia commons)

„The Acropolis of Athens has the same equal right to be called the perfect example of one of the most ancient films“ (S. 99), so Sergej Eisenstein in seinem Essay „Montage und Architektur“ aus dem Jahr 1937. Der Text vergleicht die Multidimensionalität der Blicke auf die Akropolis mit der Leistung der Kameraarbeit im Film. Der Sammelband „Architektur und Film“ von Christiane Keim und Barbara Schrödl arbeitet solche Beziehungen hervorragend auf.

„Leben und Bewegung soll der Film zeigen. Architekturen, ausgestopfte Präparate, Landschaften ohne bewegte Motive, all das ist nicht Objekt der Kinematographie“, schrieb der Schweizer Lehrfilmpionier Gottlieb Imhof in den 1920er Jahren und bringt damit die Schwierigkeiten der Visualisierung statischer Gegenstände zum Ausdruck. Bereits in Keims und Schrödls stimmiger Einleitung wird dagegen herausgearbeitet, „dass sich Gegenstände kunst- und architekturgeschichtlicher Art zwar nicht grundsätzlich zur Verfilmung eigneten, doch es im Bereich der Kunst- und Architekturgeschichte für das neue Medium durchaus interessante Einsatzmöglichkeiten gäbe.“ (S. 15) Diese Feststellung kann nach dem Lesen des Bands nur als wohlwollend bezeichnet werden, so überzeugend werden die Wechselbezüge zwischen Film, Architekturgeschichte und Architekturtheorie aufgezeigt, die aufgrund der überschaubaren Sekundärliteratur als offene Forschungsfrage bezeichnet werden kann.

 

Nicht Spiegel, sondern Gestalter

Leipzig, Messestand mit Filmkameras (Éclair), 1952 (Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0 de, Foto: Roger und Renate Rössing)
Nicht immer hatten die Filmschaffende eine solche Auswahl wie hier am Leipzig, Messestand im Jahr 1952 (Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0 de, Foto: Roger und Renate Rössing)

Neun Beiträge erörtern – in vier Kapitel unterteilt – die umfassenden Bezüge einer der ältesten und einer der jüngsten Kunstformen. Sie erläutern Interaktionen zwischen den Medien Kunst, Architektur und Film, ferner den ästhetischen Gebrauch visueller Medien in der Kunstgeschichte und Fragen und Zusammenhänge der Kunst- und Filmtheorie.

Ausgangspunkt des Bands ist die These, am prominentesten von Siegfried Kracauer in seiner „Theorie des Films“ vertreten, dass sich der Film aus der Fotografie entwickelt hat. Der Film wird daraus folgend nicht nur als möglicher Spiegel der Architektur begriffen, sondern ebenso als Gestalter der abgebildeten Objekte. So gelangt Christiane Keim in ihrem Aufsatz „Neue Welten der Sichtbarkeit schaffen“ über den Lehrfilm „Die Frankfurter Küche“ zu dem Ergebnis, dass der Film die moderne Stadt – das Neue Frankfurt der 1920er Jahre – in ihrer Dynamik und Multidimensionalität erst sichtbar mache. (S. 79)

 

Der virtuelle und der visuelle Raum

Galt in den 1920er Jahren als wchtiger Beitrag zur weiblichen Emanzipation: die Frankfurter Küche nach Entwurf der Architektin Schütte-Lihotzky (Bild: pd)
Avancierte in den 1920ern zum Filmstar: die Frankfurter Küche (Bild: pd)

Diese epistemische Rolle des Films verdichtet sich am deutlichsten im Themenfeld „Raum“, den die meisten Beiträge streifen, vor allem in Bezug auf die virtuellen und visuellen Repräsentationen des Raums sowie die damit verbundene Dynamisierung des Sehens.

Die untersuchte filmische Gattung der einzelnen Aufsätze ist dabei zunächst nicht der Spiel-, sondern der Kulturfilm, Vermittlungs- oder wissenschaftliche Film. Dementsprechend beschäftigen sich die meisten Autoren mit einer Frage, die Doris Agotai und Marcel Bächtiger in ihrem Beitrag „Manifeste für einen Architekturfilm“ auf den Punkt bringen: „Wie kann, wie soll der Film […] Architektur überhaupt ‚fassbar‘ machen?“ (S. 201)

Hier hätte man sich neben einer deutlicheren terminologischen Trennschärfe – nahezu allen Beiträge verwenden Großstadtfilm, Städtebaufilm oder Stadtplanungsfilm beinahe bedeutungsgleich – gewünscht, dass auf grundsätzliche Erkenntnisse der filmischen Wissenschaftskommunikation Bezug genommen wird. Denn diese Fragen beschäftigen keineswegs nur den Architekturfilm, sondern ebenso den Kultur-, Wissenschafts- oder populärwissenschaftlichen Film in seinen thematischen Ausprägungen.

Jeanpaul Georgen geht dann auch in einem der gelungensten Beiträge des Bands „Werben für eine neue Stadt. Stadtplanung und Dokumentarfilm im Wiederaufbau der Bundesrepublik“ neben der Wirkung solcher Filme ebenso der konkreten Visualisierung und Metaphorik nach. Als Beispiel führt er einen Film an, der die Erschließung eines Wohngebiets durch ein kreuzungsfreies Straßensystem verbildlicht und ästhetisch den Adern eines Blatts gleicht.

 

Ein schlüssiges Gesamtkonzept

Architektur im Film (Bild: transcript Verlag)Natürlich könnte man – wie bei fast jedem Sammelband – bemängeln, dass der eine oder andere vermeintlich auf der Hand liegende Zugang fehlt, z. B. Fragen der Architektur- und Filmpolitik sowie nach wirtschaftlichen Zusammenhängen oder didaktischen Konsequenzen. Doch der Sammelband krankt nicht am gattungsüblichen Problem, dass Aufsätze ohne thematischen Zusammenhang nachvollziehbar aneinandergereiht werden. Im Gegenteil: Das Gesamtkonzept ist schlüssig, die Fußnoten stellen sinnvolle Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den einzelnen Texten her. Nach dem Lesen bleibt man verwundert zurück, warum das Geflecht von Architektur und Film nicht bereits umfassender erforscht wurde, und wünscht sich mehr zu diesem Thema. (tr, 9.5.16)

Keim, Christiane/Schrödl, Barbara (Hg.), Architektur im Film. Korrespondenzen zwischen Film, Architekturgeschichte und Architekturtheorie, transcript Verlag, Bielefeld 2015, 244 Seiten, ISBN 978-3-8376-2598-1.