Mark Escherich am Rundbau im Erfurter egapark (Bild: K. Berkemann)

Auf ein Milcheis mit Mark Escherich

„Damit konnten die Erfurter etwas anfangen.“ Noch fünf Jahre später strahlt Mark Escherich, wenn er im egapark vor dem Pavillon steht. Mit viel Engagement wurde damals der markante Rundbau aus dem Jahr 1974 gerettet. Erst protestierten nur Denkmalschützer und eingefleischte Ostmodernisten gegen den drohenden Abriss. „Mit seiner bildhaften Architektur steht der Pavillon in der Tradition der ikonischen Solitärbauten der späten 1960er Jahre“, unterstreicht Escherich den künstlerischen Wert. Immer mehr Bürger ließen sich für die Erhaltung des Rundbaus begeistern. Es war hilfreich, so Escherich, dass viele Erfurter mit dem Bau positive Erinnerungen verbinden. „Und als der Oberbürgermeister öffentlich erzählte, wie gerne er hier als Kind ein Eis gegessen hat, da hatten wir es geschafft.“

 

„In der Mokka-Milch-Eisbar“

Mitte der 1970er Jahre beherbergte der Rundbau im Untergeschoss ein Kindertheater, im Obergeschoss eine Milcheisbar. Eine was? Mark Escherich kontert musikalisch: „In der Mokka-Milch-Eisbar“, damit hätten doch die Ost-Beatniks „Thomas Natschinski und Gruppe“ schon 1970 diese besondere Form von Treffpunkt besungen. Natschinski meinte streng genommen das 1963 eingeweihte Café in der Berliner Karl-Marx-Allee, gleich neben dem nicht minder legendären Kino International. Gut zehn Jahre später bildete die Milcheisbar in Erfurt den Mittelpunkt einer umfassenden Spiel- und Freizeitfläche. Selbst eine Rollschubahn fehlte nicht. Die gibt es heute auch noch, nur steht darauf inzwischen ein Wasserbassin für den Nachwuchs. Escherich sieht es positiv: „Da freut sich doch der Denkmalschützer. Es ist alles noch da, das Becken ist nur draufgesetzt.“

 

Ein Bild von einem Pavillon

Das Kindertheater zog bald aus, das Café blieb im Rundbau. Bis 2009, als man hier den gastronomische Betrieb einstellte. „Um zu beweisen, wie baufällig der Pavillon sei, hatte man sogar Teile der Deckenverkleidungen abgenommen.“ Als man sich dann doch für eine Sanierung (Architekturbüro Spangenberg + Braun) entschied, musste viel rekonstruiert werden: Das Untergeschoss und das stählerne Tragwerk sind noch original. Ersetzt wurden (größtenteils in der alten Farbigkeit) die Fensterwände, die Dachkonstruktion und der Innenausbau. Manches konnte aber auch verbessert werden – zumindest im Sinn des Entwurfsverfassers, meint Escherich: „In seinem ersten Modell hatte der Architekt Klaus Thiele in den frühen 1970er Jahren einen rundum gläsernen Zylinder geplant.“ 1974 kamen dann doch Einbauten und schwere Vorhänge hinzu. Bei der Sanierung wurde das Cafégeschoss freigeräumt, zugunsten eines Raumeindrucks in der ursprünglichen Planungsabsicht.

 

Was die Erinnerung prägt

Ja, Escherich weiß noch, dass er als Kind im Erfurter Park war. Da gab es diese neuartigen Klettergerüste mit Seilverspannungen. Aber der Pavillon sei ihm damals nicht hängengeblieben. Seine Wochenenden gehörten in jenen Jahren noch dem Sport: Als Stabhochspringer saß er – sobald der mitzubringende Stab durch das Bahnfenster ins Abteil eingefädelt war – einige Male auch im Zug in die Bezirksstadt Erfurt. Kulinarisch war man damals pragmatisch: „ein Plastebeutel mit Knackwurst, Brötchen und einem Apfel“. Doch als Denkmalschützer weiß er heute, wie sich die Erinnerung ans Essen mit der Erinnerung an besondere Orte verbinden kann. Am Nordende des Parkgeländes z. B. stand bis in die frühen 1990er Jahre die „Zentralgaststätte“ mit der „Rendezvous-Brücke“, einer Art Freiterrasse. Pünktlich zur Bundesgartenschau 2021 soll hier wieder eine große Halle entstehen, dieses Mal mit einer Wüsten- und Dschungellandschaft – und einer neuen Rendezvous-Brücke. Manche Erinnerungen halten sich eben hartnäckig.

 

Ein Park entdeckt seine Vergangenheit

Heute werben die Betreiber des ega-Geländes, das 1992 als Gartenbaudenkmal ausgezeichnet wurde, auch mit der Vergangenheit. Schon 1950 hatte man hier, in der Nähe der ehemaligen Cyriaksburg, eine Gartenschau präsentiert. Bis 1961 wurde das Areal (Reinhold Lingner) für die Internationale Gartenbauausstellung hergerichtet, auf der die Sozialistischen Länder regelmäßig ihre Leistungen vorzeigten. 1974, als der Rundbau eröffnet wurde, fanden auf dem Gelände zudem die 15. Arbeiterfestspiele statt. Nach der Wiedervereinigung landete der Park schließlich im Besitz der Stadtwerke, einer hundertprozentigen Tochter der Kommune. In den letzten Jahren wurde der Festplatz rekonstruiert, das Logo der 1960er Jahre wieder auf die Wegweiser gesetzt – und 2021, 60 Jahre nach der Eröffnung, wird die Bundesgartenschau in Erfurt zu Gast sein. Escherich nutzt seine Jahreskarte schon jetzt mit Begeisterung: „Mein vierjähriger Sohn liebt hier besonders die Wasserspiele und den Kinderbauernhof. Und zwischendurch gibt es ein Eis im Rundbau.“ Mit kulinarisch gestützter Denkmalpädagogik kann man gar nicht früh genug anfangen.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (17/3).

Dr.-Ing. Mark Escherich, Tischlerlehre, Studium des Bauingenieurwesens und der Architektur, zuletzt an der Bauhaus-Universität Weimar, Mitarbeiter der Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt Erfurt sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Denkmalpflege und Baugeschichte der Bauhaus-Universität Weimar, Konzeption und Organisation der Weimarer Tagungen „Denkmal Ost-Moderne“ 2011 und 2014.

 

Titelmotiv: Mark Escherich am Rundbau im Erfurter egapark (Bild: K. Berkemann)

 

Zum Weiterkochen


Lifehack für Milcheis ohne Eismaschine in sechs Minuten: Sie brauchen: 1 Tasse Milch, 1 Esslöffel Kaba, 1 Esslöffel Zucker, 6 Esslöffel Salz, 2 Ziploc-Beutel, einige Eiswürfel.