Alle Beiträge von Julius Reinsberg

Merchandising der Moderne

Frankfurter Küche Handtuch (Bild: idüll)
Das Frankfurter Küche Handtuch (Bild: idüll)

Die Frankfurter Küche gilt als Mutter aller Einbauküchen. In den 1920er Jahren konzipierte die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky im Auftrag des von Ernst May geleiteten Hochbauamts den Prototyp, der in den folgenden Jahren in über 10 000 Wohnungen verbaut wurde. Der Entwurf zielte auf eine größtmögliche Zeitersparnis bei Haus- und Küchenarbeit ab und fußte auf der Analyse von Bewegungsmustern und Arbeitswegen. Das Frankfurter Designbüro Idüll hat der Küche nun ein Denkmal gesetzt: Das „Frankfurter Küche Handtuch“.

Das Küchenutensil wird im Stil einer Blaupause von einer Abbildung der inzwischen ikonischen Metallschütte geziert, die Schütte-Lihotzky zur Aufbewahrung von Gries, Linsen etc. vorsah. Um den Behälter windet sich schwungvoll eine weiße Linie, die an die von der Architektin erarbeiteten Bewegungsschemen erinnert. Entgegen der nüchternen, bisweilen kalt anmutenden klassischen Moderne verspricht das Handtuch „fein gewebte Streicheleinheiten fürs Geschirr“. Das Textil beschränkt sich jedoch nicht in postmoderner Manier auf das historische Zitat, sondern wird im Karton mit weiterführenden Informationen zur Geschichte der Frankfurter Küche geliefert. Ein Handtuch mit didaktischem Anspruch – dieses Alleinstellungsmerkmal wird dem Stoffobjekt so schnell nicht zu nehmen sein. (jr, 24.2.17)

Practicing Utopia

Practicing Utopia (Bild University of Chicago Press)
Practicing Utopia (Bild; University of Chicago Press)

In den 1950er Jahren schossen abseits der Metropolen neue Planstädte wie Pilze aus dem Boden. Dies galt nicht nur für das kriegszerstörte Europa, sondern auch für Asien, Amerika und das postkoloniale Afrika. In Großbritannien machte man in den New Towns die Lösung der Wohnraumproblematik aus, im gerade unabhängig gewordenen Indien entwarf man mit Candigarh am Reißbrett eine neue Provinzhauptstadt, in Kanada errichtete eine Minengesellschaft mit Kitimat ihre Idealstadt. Eine jüngst erschienen Monographie von Rosemary Wakeman untersucht die neuen Städte der Nachkriegsjahrzehnte erstmals als weltweites Phänomen.

Die Studie begreift die Globalgeschichte der New Towns als „Intellectual History“. Einem transnationalen Ansatz folgend untersucht sie gesellschaftspolitische und städtebauliche Konzepte und Debatten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Dekolonialisierung. Der Untersuchungszeitraum reicht von den Gartenstädten der 1920er bis zur Modernekritik in den 1970er Jahren, die mit der Fortschrittsgläubigkeit der Experten und Politiker hart ins Gericht ging. Die prinzipielle Faszination der Neuanlage von Städten auf der grünen Wiese blieb von dieser Kritik jedoch unberührt, wie auch das Fazit richtig feststellt. (jr, 22.2.17)

Wakeman, Rosemary, Practicing Utopia. An Intellectual History of the NewTown Movement, University of Chicago Press, Chicago 2016, ISBN9780226346038.

Rheinaue Bonn: Denkmal oder nicht?

Bonn, Bundesgartenschau (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F056332-0018 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)
Die Bundesgartenschau 1979 fand in der damaligen Hauptstadt Bonn statt (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F056332-0018 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)

In Bonn soll die Rheinaue unter Denkmalschutz gestellt werden. Die raumgreifende, zur Bundesgartenschau 1979 angelegte Parkanlage am Ufer des Flusses ist laut der Denkmalbehörde des LVR ein historisches Zeugnis der Geschichte der Bundesrepublik und der Entwicklung von Garten- und Landschaftsarchitektur. Während die Bezirksregierung in Köln die Unterschutzstellung befürwortet, stellt sich die Stadt Bonn jedoch quer. Eine denkmalgeschützte Rheinaue könnte den Gebrauchswert des Naherholungsgebiets beeinträchtigen, so die Argumentation des Stadtbaurats.

1979 richtete die damalige Hauptstadt die Bundesgartenschau aus und beauftragte die Landschaftsarchitekten Gottfried Hansjakob und Heinrich Raderschall mit dem Entwurf des Ensembles aus Grünanlagen, Spielplätzen, Radwegen und Seen. Das Areal liegt am Rheinufer und in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Regierungsviertels und steht damit exemplarisch für den Charme des „Bundesdorfes Bonn“. Die Stadt argumentiert dagegen, dass die Auflagen des Denkmalschutzes Open Air-Veranstaltungen wie Rhein in Flammen oder den „Kunst!Rasen“ beeinträchtigen könnten. Dieser Standpunkt ist nach Informationen des Bonner Generalanzeigers aber auch im Stadtrat umstritten; eine Sondersitzung am 2. März soll die Frage nochmals diskutieren. (jr, 20.2.17)

Das Haltbarkeitsdatum der Moderne

Bremen-Neue_Vahr (Bild: Pilot71, CC-BY-SA 3.0)
Die Siedlung Neue Vahr in Bremen galt Ende der 1950er Jahre als hochmodernes Bauprojekt (Bild: Pilot71, CC BY SA 3.0)

In der Nachkriegszeit galten Trabantenstädte und New Towns als der Stadtplanung letzter Schluss. Die Großsiedlungen sollten nicht nur die Wohnraumproblematik im kriegszerstörten Europa lösen, sondern auch den Anforderungen der gegliederten und aufgelockerten Stadt Rechnung tragen. Die neuen Quartiere wurden zu symbolisch aufgeladenen Orten der Moderne – doch wie lange konnte sich ihr Anspruch, als Planung zeitgenössisch bis zukunftsweisend zu sein, halten? Dieser Frage geht ein Workshop des Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam unter dem Titel „How Long are New Towns New?“ nach.

Während sich Kunstgeschichte und Architekturhistorie schon vermehrt mit den Großsiedlungen der Nachkriegszeit befasst hat, ist der Themenkomplex in der historische Forschung noch unterrepräsentiert. Die Veranstaltung will eine historische Perspektive auf die New Towns entwickeln und bezieht west- und osteuropäische Fallbeispiele sowie die globale Entwicklung in ihre Betrachtungen ein. Der Workshop findet am 23. und 24. Februar im großen Seminarraum des ZZF (Am Neuen Markt 9d, 14467 Potsdam) statt. Eine Tagungsgebühr ist nicht zu entrichten, um Anmeldung an kladnik@zzf-potsdam wird bis zum 17. Februar gebeten. (jr, 14.2.17)

Das neue Heft ist da: Vernetzt

Werner Durth nennt sie im mR-Interview die „unterirdische Stadt“, die oft den eigentlichen Reichtum der Moderne darstellt: hier die Berliner Luftschutzanlage im U-Bahnhof Gesundbrunnen (Bild: Frieder Salm)

Es sind die Stiefkinder der Architektur: Straßen, Tunnel und Versorgungsbauten. Dabei ginge ohne die Orte der Infrastruktur (nicht nur) in der modernen Stadt gar nichts. Denn viele dieser Zeugnisse der Moderne sind uns erst aufgefallen, als sie ausgefallen sind. Und nun stellt sich die Frage nach ihrer Erhaltung. Grund genug, diesem verborgenen Nervensystem ein eigenes mR-Themenheft (Redaktion: Julius Reinsberg) zu widmen.

Im Leitartikel zeichnet Dirk van Laak das unsichtbare Nervensystem der Moderne nach, das aus Schienensträngen, Autobahnen, Stromtrassen und Abwassernetzen gebildet wird. Julius Reinsberg braust über die Stadtautobahnen der Republik, die lange Zeit als prestigeträchtige Fortschrittssymbole gehandelt wurden. Benjamin Brendel erklimmt mit dem Staudamm einen trotz seiner Ausmaße selten beachteten Großbau. Elisa Lecointe zeigt auf, wie Adolf Meyer der Stadt Frankfurt mit Funktionsbauten seinen Stempel aufdrückte. Paul Zalewski lädt zum Rundgang ins Hannover der Nachkriegszeit, die wohl autogerechteste Stadt Deutschlands. Im Interview spricht Julius Reinsberg mit dem Architekturhistoriker Werner Durth über die Infrastruktur der unterirdischen Stadt, die nach 1945 oft maßgeblich für den Wiederaufbau war. Im Porträt besucht Daniel Bartetzko den Berliner Rundlokschuppen. Und in der Fotostrecke präsentiert der Verein Berliner Unterwelten e.V. schließlich exklusive Einblicke in den Bauch der Hauptstadt. Hier gehts zum neuen Heft… (db/kb/jr, 13.2.17)

Bruno Flierl zum Neunzigsten

Flierl: Architekturtheorie (Bild: DOM publishers)
Ein Sammelband zum 90. (Bild: DOM publishers)

Bruno Flierl ist nicht nur Freunden der Ostmoderne ein Begriff. Der Architekt, Bauhistoriker, Architekturkritiker und -theoretiker prägte nach der Wiedervereinigung die Debatte um die bauliche Gestaltung Berlins wie kein Zweiter. Öffentlichkeitswirksam zeigte er den Wert von DDR-Architektur auf, die besonders in den 1990ern einen schweren Stand hatte. Zu seinem 90. Geburtstag erscheint bei DOM publishers nun ein Sammelband mit Aufsätzen Flierls aus sechs Jahrzehnten.

Bruno Flierl wurde 1927 geboren und studierte nach dem Krieg Architektur. In den 1950er Jahren begann er eine wissenschaftliche Tätigkeit an der neu gegründeten Bauakademie der DDR in Ost-Berlin. In den folgenden Jahren prägte er den Diskurs über Architektur und Städtebau des Landes unter anderem als Chefredakteur der Zeitschrift Architektur der DDR, Dozent an der Humboldt-Uni und aktives Mitglied des ostdeutschen BdA. Nach der Wiedervereinigung arbeitete er in der internationalen Expertenkommission Historische Mitte Berlins. Der Band versammelt historische Texte aus allen Lebensabschnitten Flierls und stellt ihnen jeweils ein aktuelles Vorwort des Jubilars voran. (jr, 9.2.17)

Flierl, Bruno, Architekturtheorie und Architekturkritik. Texte aus sechs Jahrzehnten, DOM publishers, Berlin 2017, 224 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-86922-585-2.

Bremen: Elefant wieder gesund

Fritz Behn: Elefant (Bild: Godewind, CC-By-SA 3.0)
Da harrte er noch der Sanierung: der Elefant im Bremer Nelson-Mandela-Park (Bild: Godewind, CC BY SA 3.0)

Der älteste Elefant der Welt lebte dem Vernehmen nach in einem Zoo in Taipeh und starb im gesegneten Alter von 86 Jahren. In Bremen schickt sich nun ein steinerner Verwandter an, diesen Rekord zu brechen – mit besten Aussichten. Die denkmalgeschützte  Elefantenskulptur im Nelson-Mandela-Park in der Hansestadt wurde in den letzten Monaten umfassend saniert und kann seiner Zukunft nun gelassen entgegen blicken.

Das Elefantengedächtnis des steinernen Riesen kann auf eine wechselhafte Geschichte zurückblicken. Vom Bildhauer Fritz Behn und dem Architekten Otto Blendermann entworfen, sollte das 1932 eingeweihte Denkmal ursprünglich in revanchistischer Absicht an die ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika erinnern. 1990 wurde der Elefant zum Antikolonialdenkmal umgewidmet, 2009 um ein Hererodenkmal in Sichtweite ergänzt. In den letzten Jahren plagte den Dickhäuter das Zipperlein: die zunehmende Durchfeuchtung des Denkmals drohte, es bei Frost förmlich zu sprengen. Diese Gefahr ist nun gebannt, so dass der rüstige Rentner seinen anstehenden 85. Geburtstag in alter Frische begehen kann. (jr, 6.2.17)