Alle Beiträge von Julius Reinsberg

Bonn aus smarter Perspektive

Look up - Bonn (Bild: Michèle Lichte)
Ungewohnte Perspektive auf eine Bonner Landmarke (Bild: Michèle Lichte)

Nur der architekturhistorische Gourmet wird das Motiv auf dem Foto sofort verorten können: es zeigt ein Detail der Fassade des Bonner Stadthauses. Der raumgreifende Verwaltungsbau wurde in den 1970er Jahren nach Plänen des Büros Heinle, Wischer und Partner erbaut und sollte seinerzeit ein städtisches Gegengewicht zur Architektur der Bundesbehörden darstellen. Diesem und anderen Bauten aus Bonns jüngerer Architekturgeschichte widmet sich die Ausstellung „Look up – Bonn“, die Arbeiten der Hobbyfotografin und Bonn-Bloggerin Michèle Lichte versammelt. Ihr Blick ist stets himmelwärts gerichtet, Bauten wie die Bundeskunsthalle oder der Posttower erscheinen so in einer neuen Perspektive und offenbaren ihre Identität auch dem Bonnkenner erst auf den zweiten Blick.

Außergewöhnlich ist das Arbeitsgerät, mit dem die schönen Schwarz-Weiß-Aufnahmen entstanden sind. Lichte ließ die Spiegel-Reflex-Kamera für ihre fotografischen Streifzüge durch die Bundesstadt bewusst zu Hause und fotografierte ausschließlich mit dem Smartphone. Auch wenn mancher nun die Nase rümpfen wird: das Ergebnis weiß zu überzeugen. Die Ausstellung ist bis zum 27. Januar im Foyer des Stadthauses (Berliner Platz 2, 53111 Bonn) zu sehen. (jr, 21.1.17)

Dresden: Pinguin-Café kämpft weiter

Dresden, Pinguin-Café (Bild: Facebook-Seite "Pinguin-Café Dresden")
Nun ist es offiziell: Das Pinguin-Café trägt keinen Denkmalschutz (Bild: Facebook-Seite „Pinguin-Café Dresden“)

In Dresden regte sich 2016 massiver Widerstand gegen den geplanten Abriss des Pinguin-Cafés im Zoo. Wenn es schon von seinem angestammten Platz verschwinden müsse, sollte es doch wenigstens die Chance auf ein Comeback erhalten. Auf Initiative des Netzwerks Ostmoderne kam der Plan auf, den Systembau in seine Einzelteile zu zerlegen, einzulagern und mit einem Investor andernorts aufzubauen. Die sächsischen Denkmalpfleger hatten den Initiativen zum Erhalt des Baus 2016 noch Recht gegeben, nach einer Ortsbegehung sprachen sie ihm jetzt aber, so die Informationen der Dresdner Neuesten Nachrichten, endgültig seinen Denkmalwert ab.

Ursprünglich 1969 von Erich Lippmann in Berlin errichtet, wurde das Café erst 1973 nach Dresden versetzt, hinzu kam ein Pinguin-Wandfries von Gerhard Papstein. Nun haben die Frankionen der Grünen und der Linken im Stadtrat einen Antrag eingereicht, der einen Umzug des Pavillons noch möglich machen soll. Matthias Hahndorf von ostmodern.org zeigt sich optimistisch: „Inzwischen wurde aber hoffentlich eine Stadtratsmehrheit erreicht, die Ende Januar für den geordneten Rückbau und Einlagerung auf Stadtkosten votiert. Das wäre dann die erhoffte Rettung in letzter Minute. […] Dann braucht es ’nur‘ noch einen Finanzier für die Wiedererrichtung an anderer Stelle… (jr, 17.1.16)

Denkmalschutz für Bonzen-Siedlung

Haus Honecker (Bild: Ranofuchs, CC-BY-SA 3.0)
In diesem Haus lebte bis 1989 das Ehepaar Honecker (Bild: Ranofuchs, CC BY SA 3.0)

In Brandenburg soll die sog. Waldsiedlung unter Denkmalschutz gestellt werden. Sie versammelte bis 1989 die Wohnhäuser aller Mitglieder des SED-Politbüros und wird bis heute fälschlicherweise mit dem nahen Städtchen Wandlitz identifiziert – tatsächlich gehört sie zu Bernau. Heute beherbergen die ehemaligen Wohnhäuser der Parteifunktionäre unter anderem eine Rehaklinik.

Die Unterschutzstellung soll das geschichtsträchtige Gelände bewahren, das in der DDR eine sagenumwobene verbotene Stadt umschloss. Errichtet wurde die Siedlung in den Jahren 1958 bis 1960 auf Geheiß der ostdeutschen Staatsführung, welche das Leben ihrer Funktionäre in Berliner Privathäusern als zu riskant erachtete. Wer in der Folgezeit in den Kreis des Politbüros berufen wurde, war zum Umzug in die Waldsiedlung verpflichtet, die auf offiziellen Karten nicht existierte. 1989 verschafften sich Akteure der friedlichen Revolution um ein Fernsehteam Zutritt zur Siedlung – und waren überrascht. Einerseits stand den Parteigranden ein unverhältnismäßiger Luxus wie ein Supermarkt mit Waren aus Westeuropa zur Verfügung. Andererseits nahmen sich die Wohnhäuser und ihre Einrichtung kleinbürgerlich bis spießig aus – prunkvolle  Paläste suchte man in der Waldsiedlung vergeblich. (jr, 11.1.17)

Spätkoloniale Moderne

Spätkoloniale Moderne (Bild: Birkhäuser Verlag)

Le Corbusier, Ernst May und Frank Lloyd Wright – sie alle verbindet der Weltruhm in der klassischen Moderne. Ihre Bauprojekte in Europa und Nordamerika begeisterten Zeitgenossen wie Spätgeborene. Für die jüngst erschienene Monographie von Regina Göckede ist dies jedoch eher zweitrangig. Sie nimmt stattdessen die oft kaum bekannte Tätigkeit der Architekten in den ehemaligen Kolonien Europas in den Blick.

So plante die französische Regierung in den 1930er Jahren, Algier zu einer modernen Metropole nach europäischen Maßgaben zu transformieren, einer „Hauptstadt des französischen Afrikas“. Le Corbusier befasste sich hierfür fast zehn Jahre mit städtebaulichen Entwürfen. Auch Ernst May, seit 1934 Emigrant in Ostafrika, suchte die koloniale Idealstadt. Mitte der 1940er Jahre plante er für die britische Kolonialverwaltung eine Erweiterung für Ugandas Hauptstadt Kampala. Frank Lloyd Wright schließlich entdeckte Bagdad als Schaffensfeld. Der Band stellt die Arbeit dreier Modernisten in Afrika bzw. dem Nahen Osten vor. Dabei dekonstruiert er jedoch den Mythos einer per se moralisch integren Moderne. Neben Bauten und Planungen werden auch die Entstehungsbedingungen beleuchtet, die Verflechtungen mit den imperialen Bestrebungen der europäischen Kolonialmächte offenbaren. Lesenswert! (jr, 8.1.17)

Göckede, Regina, Spätkoloniale Moderne. Le Corbusier, Ernst May, Frank Lloyd Wright. The Architects Collaborative und die Globalisierung der Architekturmoderne, Birkhäuser Verlag, Basel 2016, ISBN 978-3-03821-123-5.

Große Pläne für Kassel

Große Pläne für Kassel (Bild: Schüren-Verlag)
Folckert Lüken-Isberner, der Autor von „Große Pläne für Kassel“, berichtete für mR schon über die Treppenstraße (Bild: Schüren-Verlag)

Die Stadtplanung Kassels verbindet man meist mit den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dem ambitionierten Wiederaufbau. Doch bereits lange vor den Bombardements existierten Pläne zur grundlegenden Umgestaltung der nordhessischen Großstadt. Der jüngst erschienene Band „Große Pläne für Kassel“ versammelt städtebauliche Utopien und Projekte für Kassel von der Zwischenkriegszeit bis zur Gründung der Bundesrepublik. Auf Grundlage wissenschaftlich bislang noch nicht ausgewerteter Quellen rekonstruiert er am Beispiel Kassel unterschiedliche Spielarten moderner Stadtplanung.

In den 1920er Jahren orientierte sich die Stadt an den Metropolenplanungen Europas. Die Städtebauer träumten von einem überregional bedeutsamen „Groß-Kassel“.  Während der NS-Herrschaft sollte Kassel dagegen zur mustergültigen Gauhauptstadt transformiert werden. Nach den ersten Bombardements entstanden bis 1949 verschiedene Konzepte für den Wiederaufbau. Fast allen Entwürfen gemein ist die Absicht des radikalen Neuaufbaus. Die historische Bebauung und der tradierte Stadtgrundriss fanden darin kaum Berücksichtigung. Die Begründungen für die Radikalität der Planungen variierten mit den politischen Rahmenbedingungen und reichten von der paneuropäischen, über die luftschutzgerechte bis zur modernen Stadt im technisch-funktionalen Sinne. (jr, 18.12.16)

Lüken-Isberner, Folckert, Große Pläne für Kassel. 1919 bis 1949. Projekte zu Stadtentwicklung und Städtebau, Schüren Verlag, Marburg 2016, 272 Seiten, 240 x 290 mm, ISBN 978-3-89472-297-5.

Bonn: Rundgang durchs Juridicum

Juridicum Bonn (Bild: Werkstatt Baukultur Bonn)
Im Fokus: das Juridicum Bonn (Bild: Werkstatt Baukultur Bonn)

Bonn veränderte seine bauliche Gestalt nach 1949 grundlegend. Nicht nur die vom Bund errichteten Ämter und Ministerien sollten die Modernität der jungen Hauptstadt unterstreichen. Auch die Neubauten der Universität folgten diesem Anspruch. Ein Beispiel ist das 1967 fertiggestellte Juridicum. Der Gebäudekomplex säumt mit der nahen Universitätsbibliothek die zentrale Magistrale auf dem Weg ins Regierungsviertel. Ein neuer Architekturführer der WERKSTATT Baukultur Bonn nimmt das unterschätzte Juwel der Nachkriegsmoderne in den Blick.

Der strenge Bau ist funktional klar untergliedert, Lehre und Forschung sind räumlich und visuell voneinander getrennt. Während die juristischen Vorlesungen im flachen Mitteltrakt stattfanden, waren Bibliotheken und Büros der Wissenschaftler in zwei flankierende Türme ausgelagert. Zentraler Blickfang ist ein von Victor Vasarely gestaltetes Fassadenmosaik. Wie der ganze Baukomplex harrt es der Sanierung – vielleicht ist dieser schöne Architekturführer ja ein Weckruf? Es ist bereits der sechste seiner Art, die Vorgängerbände porträtierten unter anderem die Beethovenhalle, das Stadthaus und das Victoriabad. (jr, 12.12.16)

Werkstatt Baukultur Bonn (Hg.), Juridicum. Architekturführer, Bonn 2016, 48 Seiten, ISSN 2196-5757.

 

Fix und Foxi in Hannover

Fix und Foxi (Bild: © Your Family Entertainment)
Bitte recht freundlich fürs Familienfoto! (Bild: © Your Family Entertainment)

Spätestens seit der Eröffnung des Erika-Fuchs-Hauses im August 2015 und der Ausstellung „Pioniere des Comic“ in der Frankfurter Schirn ist der Comic museumstauglich. Nun zieht das Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover nach. Die Ausstellung „Fix und Foxi. Rolf Kaukas großer Welterfolg“ widmet sich den beliebten Heften um die beiden Rotfüchse, die als deutsche Antwort auf Donald Duck und Micky Maus die Kinderzimmer der Nachkriegszeit eroberten. Während sich die ersten Hefte der 1953 begründeten Serie unter dem Namen „Till Eulenspiegel“ mit Figuren wie Isegrim oder Reineke Fuchs noch im Fundus deutscher Sagen bediente, avancierten mit Fix und Foxi international anschlussfähige Figuren zu Titelhelden.

Grundlage der Ausstellung ist der umfangreiche Nachlass Rolf Kaukas, des Schöpfers der Serie. Die Schau versammelt historische Dokumente, Skizzen und Originalzeichnungen von verschiedenen Künstlern wie Dorul van der Heide, Ludwig Fischer oder Walter Neugebauer. Sie illustrieren die Entwicklung der Figuren und der Reihe, die bald auch populären belgischen Comicserien wie den Schlümpfen oder Lucky Luke ein Forum boten. Die Ausstellung ist bis zum 26.3.2017 zu sehen. (jr, 6.12.16)

Kiel: 50 Jahre Sechseckbau

Uni Kiel Mensa (Bild: Bjoern Obmann, CC-BY-SA 3.0)
Die Mensa I in Kiel mit dem Sechseckbau (Bild: Bjoern Obmann, CC-BY-SA 3.0)

Der Zweite Weltkrieg traf Kiel schwer. Als wichtiger Marinestützpunkt war die Stadt wiederholt Ziel alliierter Bombardements. Auch die Gebäude der Universität wurden fast vollständig zerstört. Dennoch nahm die Hochschule bereits im November 1945 den Lehrbetrieb wieder auf; die Professoren verlegten ihre Vorlesungen auf Schiffe im Kieler Hafen und bemühten sich um die unzerstörten Bauten der ELAC Werke. Das Firmengelände wurde schließlich zur Keimzelle des heutigen Uniforums.

Eine Fotoausstellung im Sechseckbau („ICKPunkt“) blickt auf die Anfangszeit der Universität und ihre bauliche Entwicklung zurück (zu sehen Montag bis Donnerstag von 9.00 bis 17.00 Uhr, Freitag von 9.00 bis 15.00 Uhr). Vor 50 Jahren, Im November 1968, wurden mit der Mensa I und dem als Auditorium Maximum fungierenden Sechseckbau zwei konstitutive Bauten des neuen Universitätsforums fertiggestellt. Für die Planungen zeichnete der Architekt Wilhelm Neveling verantwortlich. Im Laufe der Zeit musste nicht nur die Architektur einige Modifikationen hinnehmen: der ursprüngliche Innenhof der Campus-Kantine ist heute mit einem Glasdach versehen und zum Speisesaal umfunktioniert. Ihr Bedienbereich, die sog. „Teppichmensa“ ist nur eine noch anekdotische Erinnerung – wenn auch in der Ausstellung mit Fotos belegt! Letztere ist noch bis zum 20. Januar 2017 zu sehen. (jr, 5.12.16)

Erfurt in Farbe

Erfurt. Die 70er (Bild: Sutton-Verlag)
Erfurt in Farbe (Bild: Sutton-Verlag)

„Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael!“ empörte sich Nina Hagen 1974 in ihrem gleichnamigen Hit. Doch Micha war offenbar nicht der einzige DDR-Bürger, dem das passierte: Historische Farbfotos aus dem Arbeiter- und Bauernstaat sind rar, gerade aus den ersten Jahren. Hier dominieren triste schwarz-weiß Aufnahmen, die ostdeutsche Städte in dauergrau verblassen lassen. Eine Ausstellung in Erfurt wirft nun einen anderen Blick auf die DDR-Vergangenheit der Thüringischen Landeshauptstadt. Erfurt in Farbe – II. Teil. Die 1970er und 1980er Jahre“ versammelt im Stadtmuseum historische Amateurfotos in Farbe. In den letzten Monaten beleuchtete eine Vorgängerausstellung bereits die 1950er und 1960er Jahre.

Beide Ausstellungen beruhen auf einem Zufallsfund im Archiv des Stadtmuseums. Kurator Frank Palmowski stieß hier auf einen ungeordneten Fundus von rund 3.500 Dias, die die Nachkriegszeit in Erfurt farbig illustrieren. Sie bildeten nicht nur die Grundlage der beiden Ausstellungen im Stadtmuseum, sondern auch für zwei begleitende Bildbände. Die Ausstellung ist bis zum 2. April 2017 zu sehen. (jr, 4.12.16)

Crowdfunding im Staatssozialismus

Heilige Jungfrau Maria der Koenigin von Polen Kirche, Widnica (Bild: ©Igor Snopek)
Die Heilige-Jungfrau-Maria-der-Königin-von-Polen-Kirche in Widnica (Bild: © Igor Snopek)

Nach 1945 erlebte der polnische Kirchenbau eine ungeahnte Blüte. Über 3000 sakrale Neubauten entstanden in der jungen Volksrepublik. Wenngleich die Regierung den religiösen Bauabsichten der Bürger skeptisch gegenüberstand, legitimierte sie meist die Grundsteinlegung. Der Bau selbst war jedoch von den vielfältigen Initiativen der Gemeinden und der Gläubigen bestimmt. Die Ausstellung „Architektur des VII. Tages“ beleuchtet den nachkriegsmoderne Kirchenbau in Polen und legt einen Schwerpunkt auf das oft entscheidende private und kirchengemeindliche Engagement.

Neben ihrer sakralen Funktion fungierten die polnischen Kirchen oft auch als Zentren der Zivilgesellschaft. In zahlreichen polnischen Gemeinden erfolgten daher im Laufe der Zeit Aus- und Umbauaktionen der neuen Sakralbauten. Die Initiative und Realisierung kam oftmals von den Bürgern selbst – Crowdfunding geht auch offline und sogar im Sozialismus! Die Modifikationen der Bauten spiegelten die Bedürfnisse der Gemeinden wider, stießen aber oftmals auf den Widerstand der Architekten, die ihre Arbeit verfälscht sahen. Die Ausstellung ist bis zum 28. Februar 2017 im Polnischen Institut Berlin zu sehen. (jr, 30.11.16)