Alle Beiträge von Julius Reinsberg

Tagung: Großbritanniens Moderne

London_Eye (Bild: mattbuck, CC-By-SA 2.0)
Architecture for leisure time: das London Eye (Bild: mattbuck, CC BY SA 2.0)

Im 20. Jahrhundert projizierten Politiker, Architekten, Stadtplaner und andere Experten auf den technischen Fortschritt lange Zeit die Hoffnung, er würde das Leben der Menschen im positiven Sinn grundsätzlich verändern. Die weitgehende Automatisierung sollte demnach die Arbeitszeit allgemein verkürzen, Freiraum für kulturelle und sportliche Aktivitäten schaffen und somit auch neue Bau- und Planungsaufgaben mit sich bringen.

Auch in Großbritannien bestimmten entsprechende Überlegungen bis weit in die Nachkriegszeit hinein die politischen und gesellschaftlichen Diskurse. Im Juni widmet sich eine Konferenz in Oxford diesem Themenkomplex. Unter dem Titel „Architecture, Citizenship, Space“ nimmt die Tagung den Zeitraum von 1920 bis 1970 in den Blick und fragt nach der spezifischen Moderne, die sich im Vereinigten Königreich im Zusammenspiel von Architektur, Demokratie, Zivilgesellschaft und Automatisierung herausbildete. Sie findet am 15. und 16. Juni 2017 im John Henry Brookes Building des Headington Campus der Oxford Brookes University statt. Die Tagungsgebühr beträgt 30 £, anmelden kann man sich bei Elizabeth Darling (edarlin@brookes.ac.uk). (jr, 23.3.17)

Funktionsbauten des Neuen Frankfurt

Adolf Meyer, Elektrizitätswerk (Bild: Epizentrum,CC-BY-SA 3.0)
In Frankfurt plante Adolf Meyer unter anderem das städtische Elektrizitätswerk (Bild: Epizentrum, CC BY SA 3.0)

Das Neue Frankfurt ist heute im Wesentlichen für seinen umfangreichen sozialen Wohnungsbau bekannt. In den Jahren 1925 bis 1930 entstanden unter der Ägide des legendären Stadtbaurats Ernst May ca. 15 000 neue Wohneinheiten in der Stadt am Main. Fast vergessen sind dagegen die Funktionsbauten, die in diesem Jahrfünft in Frankfurt entstanden; zu Unrecht, handelte es sich doch oftmals um sehr qualitätsvolle und ästhetisch ansprechende Architektur. Eine Ausstellung im ernst-may-haus widmet sich diesem Themenkomplex ab dem 1. April.

Die Frankfurter Funktionsbauten werden besonders mit dem Namen eines Architekten verknüpft: Adolf Meyer. Der ehemalige Mitarbeiter Walter Gropius‘ kam 1925 nach Frankfurt und drückte der Stadt unter anderem mit dem städtischen Elektrizitätswerk und dem Gaswerk Ost seinen Stempel auf. Zu seinem Frankfurter Mitarbeiterstab gehörte der  aufstrebende Architekt Heinrich Helbing. Die Ausstellung verknüpft Leben und Werk der beiden Architekten und greift dabei auf noch nie gezeigte Objekte und Archivalien aus dem Nachlass Helbings zurück. Eine kleine Preview der Kuratorin Elisa Lecointe findet sich im aktuellen mR-Themenheft, wo die Kunsthistorikerin in einem Fachbeitrag einen Blick auf Meyers Frankfurter Schaffen wirft. (jr, 22.3.17)

Bonn-Center wird gesprengt

Bonn-Center (Bild: Eckhard Henkel, CC-BY-SA 3.0)
Das Bonn-Center zu besseren Tagen (Bild: Eckhard Henkel, CC BY SA 3.0)

Katastrophentouristen aufgepasst: Wer 2013 die Sprengung des Frankfurter AfE-Turms verfolgt hat, sollte am 19. März einen Ausflug nach Bonn planen! In der ehemaligen Bundeshauptstadt geht es dem Bonn-Center an den Kragen. Der 60 Meter hohe Gebäudekomplex aus den späten 1960ern soll um 11 Uhr in sich zusammenfallen. Es wird mit rund 10 000 Schaulustigen gerechnet, die die Sprengung aus sicherer Distanz beobachten wollen. Mit dem Bonn-Center fällt das fünftgrößte Bauwerk der Stadt und ein Stück Bonner Republik.

Der Bau wurde 1968/69 nahe des damaligen Regierungsviertels errichtet und sollte der kleinstädtischen Kapitale zu einem urbanen Charakter verhelfen. Er bot unter anderem einem Hotel, zahlreichen Geschäften, Restaurants, Büros und kulturellen Einrichtungen Platz, darunter das Pantheon. Wichtigste Kunden waren Politiker aus dem nahen Bundesviertel. Mit dem weithin sichtbaren, rotierenden Mercedes-Stern auf dem Dach wurde das Bonn-Center schnell zur Landmarke und zum Symbol des Wirtschaftswunders. Zuletzt stand jedoch ein Großteil des Gebäudes leer. Nach der Sprengung soll an gleicher Stelle ein neues Bonn-Center entstehen, das sich voraussichtlich aus drei flachen Baukörpern und einem Turm zusammensetzen wird. Die Bauarbeiten beginnen Anfang 2018. (jr, 14.3.17)

Erichs Lampenladen reloaded?

Berlin_palast_der_republik (Bild: elya, CC-BY-SA 3.0)
Könnte bald wieder aktuell sein: Innenansicht des entkernten Palast der Republik (Bild: elya, CC-BY-SA 3.0)

In Leipzig bahnt sich das ostmoderne Comeback des Jahrzehnts an: der Palast der Republik soll wieder aufgebaut werden! Der Leipziger Architekt Daniel Theiler möchte den monumentalen Bau, der in Berlin dem neuen Stadtschloss weichen musste, in seiner Heimatstadt am Wilhelm-Leuschner-Platz neu aufbauen. Der Zeitplan ist ehrgeizig: bereits 2018 sollen die Bauarbeiten beginnen, 2019 der Palast seine Pforten öffnen – zeitgleich mit der Berliner Stadtschloss.

Leipzig ist das neue Berlin – was Hipster schon lange wissen, soll mit dieser Aktion untermauert werden. Vorbild für die Planung ist nicht der Zustand des Baus zu DDR-Zeiten, sondern das kurze Intermezzo von 2004 bis 2006. In dieser Zeit stand der entkernte Palast verschiedenen Kunst- und Ausstellungsprojekten zur Verfügung und entfachte bundesweit Begeisterung. Der Abriss konnte dennoch nicht verhindert werden, 2008 war der Palast der Republik Geschichte. Die Finanzierung des Leipziger Projekts ist noch offen, wer möchte, kann die Idee aber bereits durch den Kauf von Merchandising-Artikeln unterstützen. (jr, 12.3.17)

Scharouns Erstling unter Schutz

Scharoun: Bunte Reihe (Bild: Dimitri Suchin)
Endlich unter Schutz: Scharouns „Bunte Reihe“ (Bild: Dimitri Suchin)

2014 berichteten wir über das akut bedrohte Erstlingswerk des Architekten Hans Scharoun. Die sogenannte „Bunte Reihe“ in Kamswyken bei Insterburg stand seinerzeit auf der Liste der sieben meistgefährdeten Denkmäler Europas. Nun scheint sich das Blatt zum Guten zu wenden: Im Februar erklärte das russische Kulturministerium das Bauensemble per Dekret zum Denkmal auf Föderationsebene – die höchste Denkmalklassierung des Landes.

Der junge Scharoun gestaltete die „Bunte Reihe“ Anfang der 1920er Jahre. Insterburg lag im damaligen Ostpreußen, heute trägt die Ortschaft den Namen Černjachovsk und ist Teil der russischen Exklave Kaliningrad. Seinen Namen erhielt das Bauensemble wegen der vielseitigen Farbmuster, die Scharoun der Gestaltung die einzelnen Häuser zu Grunde legte. Er befand sich damit in bester Gesellschaft der Architekten des Neuen Bauens, die Farbigkeit in Zeiten selbst auferlegter Ornamentlosigkeit als wesentliches architektonisches Gestaltungselement erkannten, allen voran Bruno Taut. (jr, 9.3.17)

Jüdisches Bauen nach 1945

Juedisches Bauen (Bild: Neofelis Verlag)
Jüdisches Bauen (Bild: Neofelis Verlag)

Der Wiederaufbau kriegszerstörter deutscher Städte ist in den letzten Jahren von der Forschung ebenso ausführlich in den Blick genommen worden wie die spezifischen Bauaufgaben der Nachkriegsmoderne und ihre prominenten Vertreter. Eine Ausnahme bildet das jüdische Bauen. Wie konnte jüdisches Lebens in Deutschland nach der Shoah baulich repräsentiert werden? Welche Architekten widmeten sich diesem Aufgabenfeld und wie groß war ihr planerischer Spielraum? Alexandra Klei geht diesen Fragen in ihrer jüngst erschienenen Untersuchung am Beispiel des Architekten Hermann Zvi Guttmann nach.

Guttmann wurde 1917 in Bielitz (heute Bielsko-Biala, Polen) geboren und war ein entscheidender Akteur bei der Etablierung jüdischen Lebens in Nachkriegsdeutschland. Nach seinem Studium in München lebte er ab Anfang der 1950er Jahre in Frankfurt am Main. Sein Werk umfasst unter anderem Synagogen, Gemeindezentren, Altenheime und Jugendräume, zum Beispiel in Düsseldorf, Offenbach am Main, Osnabrück oder Hannover. Die Studie bettet das jüdische Bauen in den Kontext des deutschen Wiederaufbaus ein und liefert damit Einblicke in ein bislang kaum erforschtes Gebiet der Nachkriegsmoderne. (jr, 8.3.17)

Klei, Alexandra, Jüdisches Bauen in Nachkriegsdeutschland. Der Architekt Hermann Zvi Guttmann, Neofelis Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-95808-116-1.

Das rote Bauhaus

Das rote Bauhaus (Bild Berenberg Verlag)
Das rote Bauhaus (Bild: Berenberg Verlag)

Das Jahr 1929 bedeutete für viele Architekten Westeuropas und der USA eine existentielle Bedrohung. Der Börsencrash ließ großangelegte Bauprojekte zerplatzen und zwang städtische Baubehörden zu drastischen Sparmaßahmen. Ganz anders sah die Situation in der UdSSR aus: im Zuge der forcierten Industrialisierung wurde allenorts geplant und gebaut. Viele westliche Planer – und nicht nur politisch links orientierte – unterschrieben in der Hoffnung auf entsprechende Bauaufträge Arbeitsvertäge in der Sowjetunion. Eine neue Mongrafie von Ursula Muscheler folgt ihnen auf ihrer Reise in den Osten.

Unter den Spezialisten fanden sich bekannte Architekten und Städtebauer wie Ernst May und Bruno Taut. Auch die politisch Mitglieder der Bauhaus-Brigade Rot Front unter der Leitung des ehemaligen Bauhausdirektor Hannes ­Meyer brannten für diearchitektonischen Aaufgaben, die sie sich vom Aufbau des Sozialismus versprachen. Vor Ort sahen sie sich mit einer unbekanten Planungskultur und Bauwirtschaft sowie den aufkeimenden Säuberungen Stalins konfrontiert. Das Buch wirft einen Blick auf diese oftmals noch unbekannte Geschichte des Neuen Bauens in der Sowjetunion der 1930er. (jr, 23.2.17)

Muscheler, Ursula, Das rote Bauhaus. Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern, Berenberg Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-946334-10-1.