Alle Beiträge von Julius Reinsberg

Kongresshalle Gießen, Bild Ralf Lotys (Sicherlich), CC By SA 3.0

Identitätskrise in Gießen

Gießen entschied sich nach der schweren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg für eine radikale nachkriegsmoderne Umgestaltung – mit Cityring, autogerechter Überbauung („Elefantenklo“) und Behördenhochaus. Dies brachte der Stadt viele Spötter ein, prägte aber auch ihre Identität. In den letzten Jahren bemühte man sich aber zunehmend um ein neues Image und eine Umgestaltung des Zentrums. Das Behördengebäude am Berliner Platz ist längst abgeräumt, das Rathaus aus den 1960ern wurde durch einen Neubau ersetzt. Nun steht auch die gegenüberliegende, 1966 eröffnete Kongresshalle zur Disposition.

Ein Abriss des denkmalgeschützten Baus ist wohl nicht zu befürchten. Die regierende Jamaika-Koalition in der Gießener Stadtverordnetenversammlung teilte jedoch jüngst mit, einen „hochbaulichen Realisierungswettbewerb“ auszuloben. Dabei könnte die Kongresshalle umgebaut oder erweitert werden. Bereits beschlossen ist der Abbruch eines Anbaus aus den 1980er Jahren, der bislang die Tourist-Info beherbergt. Die Kongresshalle wurde nach Plänen des schwedischen Architekten Sven Markelius‘ entworfen. Der multifunktionale Gebäudekomplex setzt sich aus mehreren kubischen Baukörpern zusammen und bildete ein nachkriegsmodernes Gegenstück zum nahen Jugendstiltheater. (jr, 19.10.17)

Kongresshalle Gießen (Bild: Ralf Lotys (Sicherlich), CC BY SA 3.0)

Werner Mantz Café Wien, Köln, 1929 Bromsilberdruck Museum Ludwig, Köln © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln

Werner Mantz in Köln

Werner Mantz ist einer der prominentesten Architekturfotografen der Weimarer Republik. In seinen Fotografien verewigte er ab 1926 das Neue Bauen in seiner Kölner Variante. Architekten wie Wilhelm Riphahn, Peter Franz Nöcker oder Caspar Maria Grod schätzten seine Arbeit. Weitgehend unbekannt, obwohl nicht weniger qualitätsvoll, sind dagegen Mantz Portätfotografien. Die Sonderausstellung „Werner Mantz. Architekturen und Menschen“ im Museum Ludwig schließt diese Lücke und zeigt bis zum 21. Januar 2018 Mantz‘ Werk in seiner vollen Bandbreite.

1932 eröffnete er in Maastricht ein Atelier und widmete sich der Portätfotografie. Bereits in den frühen 1920ern hatte er zahlreiche Vertreter der intellektuellen Szene in Köln porträtiert. 1938 siedelte Mantz, der wegen seiner jüdischen Wurzeln in Deutschland um sein Leben fürchten musste, gänzlich in die Niederlande über. Die Portätaufnahmen aus der Maastrichter Zeit wurden bislang noch nie ausgestellt. Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt des Museums Ludwig mit dem Nederlands Fotomuseum in Rotterdam, das den umfangreichen Bestand von Mantz‘ Fotografien aus den Niederlanden bewahrt. (jr, 18.10.17)

Werner Mantz, Café Wien, Köln, (Bild: © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Rheinisches Bildarchiv Köln)

Oper Bonn (Bild Sir James, CC By SA 3.0)

Bonn: Oper in Gefahr

Ihr 50. Geburtstag ist noch nicht lange vorbei, nun steht der Abriss im Raum: die Bonner Oper sieht sich gerade akut bedroht. Die Fraktionen von CDU, SPD und FDP im Stadtrat schlugen kürzlich vor, Abriss und Neubau prüfen zu lassen. Die Stadt würde damit um die anstehende Sanierung herumkommen. Ein neues Opernhaus könnte die bislang räumlich getrennten Sparten Oper und Schauspiel vereinen – letztere sitzt im Stadtteil Bad Godesberg. Auch hier droht der Nachkriegsmoderne laut Informationen der Bonner Rundschau Ungemach: ein möglicher Standort für den Neubau wird derzeit von der denkmalgeschützten Godesberger Stadthalle besetzt.

Die Bonner Oper wurde 1962-1965 nach Entwürfen von Wilfried Beck-Erlang und Klaus Gessler errichtet. Mit ihrer skulpturalen Form und der prominenten Lage am Rhein prägt sie seit Jahrzehnten die Stadtsilhouette. Ihre kunstvolle Fassadenverkleidung aus Aluminiumkassetten erinnert an die Schuppen eines Fisches, das weit auskragende Rauchfoyer mit Panoramafenster versinnbildlicht die Bonner Republik. Hoffnung macht das Beispiel der in direkter Nachbarschaft gelegenen Beethovenhalle. Auch hier stand lange der Abriss im Raum – seit 2016 wird der Bau grundlegend saniert. (jr, 14.10.17)

Den passenden Architekturführer dazu gibt es von der Werkstatt Baukultur hier.

Bonn, Oper (Bild Sir James, CC BY SA 3.0)

"Frauen Bauen" (Bild: Antaeus Verlag)

Frau Architekt für Kinder

Im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt beleuchtet die Ausstellung „Frau Architekt“ seit einigen Tagen das Werk ausgewählter Architektinnen. Wenngleich viele Namen den  Besuchern unbekannt sein dürften, versammelt die Schau eine Vielzahl qualitätvoller Bauten. Neben dem umfassenden Katalog erscheint begleitend zur Ausstellung das Buch „Frauen Bauen“, das besonders Kindern Leben und Werk bedeutender Architektinnen näher bringen soll.

Der reich bebilderte Band stellt 12 Architektinnen sowie ihr jeweils bekanntestes Bauwerk vor.  Neben Zaha Hadid und dem Wissenschaftszentrum phaeneo in Wolfsburg, Gae Aulenti und dem Musée d‘ Orsay sowie Margarete Schütte-Lihotzky und ihrer Frankfurter Küche kommen auch so exotische Architektinnnen wie Galina Balaschowa zu ihrem Recht – die russische Baumeisterin zeichnete für die Innengestaltung sowjetischer Raumschiffe verantwortlich. Neben Fotografien erfüllen liebevolle Illustrationen die Architektenporträts mit Leben. So steht etwa ein gezeichnetes Alter Ego von Schütte-Lihotzky in ihrer Frankfurter Küche und verkündet stolz per Sprechblase die Größe des Raumwunders: „Nur 6,6 Quadratmeter!“ (jr, 8.10.17)

Winkelmann, Arne / Kahane, Kitty, Frauen Bauen. Kinder entdecken Architektinnen, antaeus Verlag, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-9810809-9-5 .

Aschaffenburg, Rathaus (Bild: Tilmann, CC BY SA 3.0)

Aschaffenburg und die 1950er

Die Stadt Aschaffenburg erlitt in den Jahren 1944/45 ungekannte Zerstörungen. In den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges wurde sie von der Naziführung zur „Festung“ erklärt und somit prädestiniertes Ziel alliierter Bombardements. Zahlreiche bedeutende Kulturdenkmäler der Stadt wurden zerstört oder schwer beschädigt. Der Wiederaufbau orientierte sich zwar an der historischen Bebauung, bescherte der Stadt jedoch auch bauliche Vertreter einer anspruchsvollen, modernen Architektur. Ihnen gilt die Fotoausstellung „Architektur einer neuen Zeit“, die ab 7.10.2017 in der Treppenhalle im Schloss Johannisburg (Schloßpl. 4, 63739 Aschaffenburg) gezeigt wird.

Die Schau versammelt Arbeiten des Fotografen Walter Vorjohann. Im Mittelpunkt stehen das Justizgebäude an der Friedrichstraße und das Aschaffenburger Rathaus. Letzteres wurde wurde 1956-58 nach Plänen Diez Brandis errichtet und stiftete der Stadt symbolisch ein neues Zentrum. Vorjohann porträtiert die Bauten nicht nur in Außenaufnahmen, sondern widmet sich auch der komplexen Innengestaltung der Gebäude. Die Ausstellung ist bis zum 5.11.2017 zu sehen. (jr, 2.10.17)

Aschaffenburg, Rathaus (Bild: Tilman2007, CC BY SA 3.0)

Alfred Breslauer: Landhaus Selchow (Bild: Lienhard Schulz, CC-BY-SA 3.0))

Alfred Breslauer und die traditionelle Moderne

Die Moderne – das ist die weiße Pracht des Bauhaus, eine streng sachliche Formensprache und das zum Verbrechen erklärte Ornament. Dieser einseitigen Wahrnehmung, die in den letzten Jahren von der Forschung vermehrt aufgebrochen wird, tritt am 9. und 10. März 2018 ein Colloquium des Architekturmuseums der TU Berlin entgegen. Mit Alfred Breslauer widmet es sich einem heute fast vergessenen Architekten, dessen traditionell orientierten Entwürfe in der Weimarer Republik großen Zuspruch erfuhren. Themenvorschläge für Vorträge können bis zum 15. Oktober 2017 eingereicht werden (Architekturmuseum der TU Berlin, Dr. Robert Habel, Sekr. A 7, Straße des 17. Juni 152, 10623 Berlin).

Nach einer Ausbildung an der Technischen Hochschule Berlin arbeitete Breslauer ab 1896 für zwei Jahre im Büro Alfred Messels und war dort u. a. als Bauleiter für den Neubau des Warenhauses Wertheim an der Leipziger Straße tätig. Als Inspirationsquelle dienten ihm barocke Bauformen und der preußische Klassizismus. Seiner traditionell orientierten Formensprache aus der Vorkriegszeit blieb Breslauer auch in den 1920er Jahren treu. Breslauers Spezialität waren Villen und Landhäuser, zahlreiche seiner Bauten haben sich bis heute erhalten und stehen inzwischen unter Denkmalschutz. (jr, 26.9.17)

Alfred Breslauer: Landhaus Selchow (Bild: Lienhard Schulz, CC BY SA 3.0)

Das historische Bauhausgebäude in Dessau (Bild: Mewes)

bauhaus REGIONAL

„Das Bauhaus in der Provinz“ – unter diesem Titel widmet sich am 2. und 3. November 2017 ein Symposium in Oldenburg dem Bauhaus außerhalb von Weimar, Dessau und Berlin. Die Tagung fragt nach der Wirkung der legendären Kunstschule auf die Region Oldenburg, verfolgt die Biografien einzelner Bauhäusler im Exil und diskutiert die Rezeption der Avantgardeschule nach 1945. Anmelden kann man sich unter: 0441/2207344 oder info@landesmuseum-ol.de.

Die Tagung ist Teil des Forschungsprojekts „Das Bauhaus in Oldenburg. Avantgarde in der Provinz“. Es untersucht Kooperations- und Berührungspunkte des Landesmuseums Oldenburg und des Bauhaus sowie das Wirken von vier Bauhäuslern aus Oldenburg und Ostfriesland. Mit Walter Müller-Wulckow, dem Gründungsdirektor des Museums, verfügte das Bauhaus über einen Fürsprecher, der nicht nur seine Ideen in der niedersächsischen Provinz bekannt machte, sondern auch junge Talente aus der Region zu einem Studium an der Kunstschule motivierte. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts werden der Öffentlichkeit zum Bauhausjubiläum 2019 in einer Ausstellung und einer begleitenden Publikation präsentiert. (jr, 24.9.17)

Bauhaus, Oldenburg … ähm, natürlich: Dessau (Bild: PD)

Leipzig, Augustusplatz (Bild: Sven Scharr, CC BY SA 3.0)

Stadt-Kultur

Second Cities – das sind laut der neuen Monografie von Thomas Höpel die Städte, die zwar nicht den Status einer Kapitale für sich beanspruchen können, aber als bedeutende Metropolen einen besonderen nationalen Rang inne haben – direkt hinter der Hauptstadt. Im 20. Jahrhundert versuchten entsprechende Städte vermehrt, ihre Bedeutung durch eine spezifische städtische Kulturpolitik zu untermauern. Höpel untersucht fünf solcher Metropolen in vergleichender Perspektive.

Im Einzelnen handelt es sich um Frankfurt am Main, Leipzig, Birmingham, Lyon und Krakau. Die Städte verbindet eine Ausweitung und Differenzierung der kommunalen Kulturpolitik, die stets in enger Wechselwirkung zu (kultur)politischen Entwicklungen auf der nationalen Ebene stand. Das Buch identifiziert die historischen Prozesse, städtischen Protagonisten und staatlichen Akteure, die zur Herausbildung der jeweils spezifischen urbanen Kultur maßgeblich waren. Dabei zeichnen sich neben stadthistorischen Charakteristika auch Gemeinsamkeiten ab, welche die fünf Second Cities über längere Zeiträume und politische Systemgrenzen hinweg verbinden. (jr, 19.9.17)

Höpel, Thomas, Kulturpolitik in Europa im 20. Jahrhundert. Metropolen als Akteure und Orte der Innovation, Wallstein Verlag, Göttingen 2017, ISBN: 978-3-8353-3046-7.

Leipzig, Augustusplatz (Bild: Sven Scharr, CC BY SA 3.0)

Kitakyushu_Municipal_Museum_of_Art_(Bild: Wiki591801, CC_By_SA 3.0)

Tokio in Lothringen

Das Centre Pompidou in Metz legt derzeit einen inhaltlichen Schwerpunkt auf Kunst und Kultur Japans. Die Ausstellung Japan-ness. Architecture et urbanisme au Japon depuis 1945 fokussiert die architektonische Nachkriegsmoderne des Landes und zeichnet die japanische Zeitgeschichte in Architektur und Städtebau bis in die Gegenwart nach. Sie  wird ab dem 20. Oktober durch die Sonderausstellung Japanorama flankiert, die sich der japanischen Gegenwartskunst widmet.

Ausgang der Ausstellung Japan-ness ist die unvorstellbare Zerstörung, mit der sich Japans Architekten und Städtebauer 1945 konfrontiert sahen, insbesondere nach der atomaren Zerstörung der Städte Hiroshima und Nagasaki. In der Nachkriegszeit orientierte sich die japanische Architektur eng am Internationalen Stil, skulpturale Betonbauten hielten Einzug und die Ideen Le Corbusiers erfreuten sich hoher Popularität. Spätestens seit der Weltausstellung 1970 in Osaka setzten  japanische Architekten auch international eigene Akzente, so etwa die Metabolisten. Die Ausstellung schließt mit den Werken weltweit gefeierter zeitgenössischer Architekten wie Shigeru Ban, Kengo Kuma und Sou Fujimoto. Sie ist bis zum 8. Januar 2018 zu sehen. (jr, 17.9.17)

Kitakyushu Municipal Museum of Art (Bild: Wiki591801, CC BY SA 3.0)

Dresden, Kulturpalast, nach 1970 (Foto: Richard Peter, Bild: Deutsche Fotothek df ld 0003137 001, CC BY SA 3.0)

Bruno Flierl in Dresden

In Dresden beleuchtet derzeit die Ausstellung „Der Dresdner Kulturpalast. Architektur als Auftrag“ im Stadtmuseum die Baugeschichte des jüngst sanierten Juwels der Ostmoderne. Nun wurde sie bis zum 3.10. verlängert. Spontanen Dresdnern und kurzentschlossen Reisefreudigen empfehlen wir aber bereits heute Abend den Besuch des Museums. Um 19 Uhr spricht der Architekturhistoriker Bruno Flierl zum Thema „Kultur – nicht Staat – in der Mitte der Stadt“.

Der in den 1960er Jahren erbaute Kulturpalast steht für ein alternatives Konzept von Stadtzentrum, das weit über die Grenzen Dresdens hinaus Gültigkeit beanspruchte. Kein Symbolbau der Politik, sondern ein Brennpunkt des kulturellen Lebens sollte die Stadtkrone bilden. Mit der Sanierung wurde das Nutzungskonzept des Kulturpalasts zwar verändert, seine symbolische und reale Aufgabe in Dresden blieb jedoch erhalten. Der Vortrag von Bruno Flierl verortet das historische Geschehen rund um den Kulturpalast  in der Baupolitik der DDR. Der Architekturhistoriker spricht dabei nicht nur als profilierter Kenner der Ostmoderne, sondern auch als Zeitzeuge. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. (jr, 12.9.17)

Dresden, Kulturpalast, nach 1970 (Foto: Richard Peter, Bild: Deutsche Fotothek df ld 0003137 001, CC BY SA 3.0)