Alle Beiträge von Karin Berkemann

Marburg, Hauptpost, 2010 (Bild: Hydro, CC BY SA 4.0)

Johannes Möhrle ist tot

Sein bekanntester Bau dürfte die betonplastische, heute denkmalgeschützte Hauptpost (1976) in Marburg sei. Doch natürlich hat das Werk des hessischen, 1931 in Frankfurt geborenen Architekten Johannes Möhrle mehr zu bieten. Nach seinem Studium an der TH Darmstadt arbeitete Möhrle zunächst bei Theo Pabst, um 1957 als Regierungsbaureferendar bei der Oberpostdirektion in Frankfurt anzufangen. 1959 machte er sich als Architekt selbständig, bevor er ab 1961 seine Laufbahn in der (Post-)Bauverwaltung fortsetzte, wo er im Ministerium für Post- und Fernmeldewesen bis zum Ministerialrat aufstieg.

Seit den 1960er Jahre lehrte Möhrle (später als Honorarprofessor) in Darmstadt. Aus seinen Postbauten seien, neben der Marburger Hauptpost, beispielhaft genannt: die Postämter Mücke-Merlau (1966) und Wetzlar (1972) oder als Spätwerk das Neue Post-Center am Bonner Münsterplatz (1999). Auch der Frankfurter Fernmeldeturm (1979) wurde nach Möhrles Entwurf gestaltet. Zudem veröffentlichte er u. a. einen Band über die Architekturgattung „Postbauten“. Johannes Möhrle verstarb vor wenigen Tagen im Alter von 86 Jahren und wurde am 24. April an seinem Wohnort Bad Homburg beigesetzt. (kb, 28.4.17)

Marburg, Hauptpost (Bild: Hydro, CC BY SA 4.0)

Marcel Breuer: Chaise longe 313 (1932) im Museum Boijmans van Breuningen (Bild: Sandra Fauconnier, CC BY SA 3.0)

Bauhaus in Sachsen

Was passiert, wenn „Bauhaus“ auf Alltag trifft. Die Veranstaltung „Bauhaus in Sachsen. Experimentelle Gestaltung gestern und heute“ will dieser und anderen Fragen am 15. Mai 2017 in Leipzig (Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, Karl-Tauchnitz-Straße 9-11) nachgehen. Das Kolloquium – ein Gemeinschaftsvorhaben der Sächsischen Akademie der Künste und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen – verspricht hierfür eine ausgewogene Mischung aus Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Mediencollage.

Die Veranstalter haben sich insgesamt drei Themenschwerpunkte vorgenommen. Unter dem Titel „Bauhaus in der Fabrik“ wird betrachtet, die Künste in die serielle Fertigung von Leuchten, Glas oder Möbeln hinein wirkten und wie sich deren Gestaltung dadurch veränderte. Das Schlagwort „Bauhaus im Museum“ will zeigen, wie die Ergebnisse des oft experimentellen Bauhaus-Bewegung heute in den Museen inszeniert und von den Besuchern wahrgenommen werden. Nicht zuletzt fragt der Themenschwerpunkt „Bauhaus in der Stadt“, wo Bauhaus heute zu finden ist, wie sich die Künstler heute mit den Experimentierräumen Architektur und Stadt auseinandersetzen. Zum Abschluss des Kolloquiums zeigt Lutz Dammbeck per Film eine Installation im Bauhaus Dessau aus der Mitte der 1980er Jahre. (kb, 28.4.17)

M. Breuer: Chaise longe 313, 1932, Museum Boijmans (Bild: Sandra Fauconnier, CC BY SA 3.0)

Welche Denkmale? Jetzt auch als Buch

„Erfassen, Bewerten und Kommunizieren des baulichen Erbes der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts“, so seit 2014 das Ziel einer Internet-Plattform und eines dazugehörigen Projekts der Bauhaus-Universität Weimar und der Technischen Universität Dortmund – unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen seiner Förderinitiative „Die Sprache der Objekte – Materielle Kultur im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen“. Architekten, Denkmalpfleger, Kunsthistoriker und Stadtforscher fragten hier: Wie, warum und von wem wird die Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wahrgenommen, wertgeschätzt und weiterverwendet?

Zur Schlussphase des Forschungsprojekts erscheinen einige der Diskussionen und Ergebnisse im Jovis-Verlag. Herausgeber und Autoren widmen sich darin dem umstrittenen baulichen Erbe der Zeit zwischen 1960 und 1980. Der häufig geäußerte Vorwurf: zu groß, schwer zu nutzen und in zu schlechtem Zustand. So droht die Architektur einer ganzen Generation zu verschwinden, bevor sich die Gesellschaft ihrer potenziellen historischen oder künstlerischen Bedeutung bewusst werden konnte. Mit dem Band „Welche Denkmale welcher Moderne“ soll dieser Baubestand erstmals im europäischen Vergleich und in interdisziplinärer Perspektive beleuchtet werden. Eine Sammlung von Fallbeispielen ergänzt den Einblick in die Denkmaldebatten um die Spätmoderne. (kb, 27.4.17)

Eckhardt, Frank u. a. (Hg.), Welche Denkmale welcher Moderne? Zum Umgang mit Bauten der 1960er und 70er Jahre, Jovis-Verlag, Berlin 2017, Hardcover, 19,5 x 24 cm, 324 Seiten, ca. 16 Farb- und Schwarzweißabbildungen, ISBN 978-3-86859-443-0.

London, Wohnhaus Goldfinger, 2005 (Bild: Timffl, commonswiki, PD)

Architektur und Migration

Inmitten der künstlerischen Kontroversen um die Moderne entstanden viele Wohnhäuser, die für das Selbstverständnis ihrer Gestalter stehen. Besondere Bedeutung kam dem „Bauen für sich selbst“ in Migration und Exil zu. Richard Neutra in Los Angeles, Bruno Taut in Istanbul oder Max Cetto in Mexiko-Stadt errichteten sich ihr eigenes Haus in fremder Umgebung. Gerade die aktuellen Fluchtbewegungen haben unseren Blick für Heim, Heimat und Fremde neu geschärft. Daher lohnt es, auch für die frühe Moderne zu fragen: Wie bauten Architekten für sich selbst, wenn sie einen – freiwilligen oder erzwungenen – Ortswechsel unterzogen?

Schufen sich diese Architekten einen Ort „nur für sich“, wie es das von Virginia Woolf entliehene und abgewandelte Zitat des „House of One’s Own“ unterstreichen soll? Oder passten sie sich an die Baukultur im Aufnahmeland an? Diesen Fragen widmet sich vom 5. bis zum 6. Mai in München (BDA Bayern, Türkenstraße 34, 80333 München) die Tagung „Architektur und Emigration 1920-1950“ – eine Kooperation des Instituts für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem Bund Deutscher Architekten BDA Landesverband Bayern. Die Teilnahme ist kostenlos, um Anmeldung wird gebeten unter: susann.kuehn@gmx.de. Die begleitende Ausstellung „A House of One’s Own. Architektur und Emigration 1920–1950“ ist im Anschluss noch bis zum 31. Mai zu sehen. (kb, 26.4.17)

London, Wohnhaus Goldfinger (Bild: Timffl, commonswiki, PD)

Köln, Rheinpark, Tanzbrunnen, 2008 (Bild: Willy Horsch, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Köln: 60 Jahre Rheinpark

Wer mit der Seilbahn über den Rhein einschwebt, kann schon vorab in das Gefühl der Entstehungszeit eintauchen: 1957, zur Bundesgartenschau, wurde der Kölner Rheinpark eingeweiht. Die zeittypisch geschwungene Anlage entstand wortwörtlich auf den Trümmer(steine)n von Deutz. Für die Neugestaltung des Parks zeichneten verantwortlich die Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher, die Gartenarchitekten Günther Schulze und Joachim Winkler sowie der Kölner Gartendirektor Kurt Schönbohm. Heute bietet der Rheinpark nicht nur ein abwechslungsreiches Bild auf vielfältigen Pflanzen- und Brunnenanlagen, auch die Kleinarchitekturen lohnen einen Besuch – darunter z. B. der in den vergangenen Monaten mit viel Engagement vor der Entstellung bewahrte Rheinparkpavillon. Nicht zu vergessen natürlich die Parkbahn!

Damit hat es sich die denkmalgeschützte Grünanlage mehr als verdient, dass ihm die Stadt Köln zum runden Geburtstag ein Festprogramm spendiert: Die Seilbahn lässt am 24. September zwischen 10 und 18 Uhr den alten Fahrpreis von 1,70 (nur Euro statt Deutscher Mark) wiederaufleben. Zum Jubiläumsfest am 18. Juni sollen zwischen 11 und 17 Uhr nicht nur die Nostalgiker, sondern auch die neuen Parkfans auf ihre Kosten kommen: vom Kinderzirkus im Jugendpark bis zur kostenlosen Nackenmassage in der angrenzenden Claudius Therme. Am 8. September 2017 kann man sich von 18 bis 19.30 Uhr in die Geschichte der Parkbahn einführen lassen.

Köln, Rheinpark, Tanzbrunnen (Bild: Willy Horsch, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Eine Idee für die Glasfabrik?

Die Glasfabrik Leipzig ist ein Ort steter Veränderung: von der gründerzeitlichen Maschinenfabrik über den Volkseigenen Betrieb zum langjährigen Leerstand nach der Wende. In den letzten Jahren rückte das Industriedenkmal im Stadtteil Leutzsch wieder näher an das Zentrum der wachsenden Landeshauptstadt. Angestoßen von einem Bündnis der neuen Eigentümer mit Kulturschaffenden, soll sich hier nun ein gemeinschaftlich genutzter Standort für künstlerische wie wissenschaftliche Aktivitäten entwickeln. Hier sollen Themen wie Urbanismus, nachhaltige Stadtentwicklung, Kunst und Ökologie ihren Raum finden.

Vor diesem Hintergrund sucht das zehntägige Festival „STADT/TT FINDEN“ nun Teams, die ihre Projektidee zum Thema der Wachsenden Stadt entwickeln und vor Ort umsetzen. Objekte, Performances oder Utopien sind mögliche. Beiträge lokaler wie internationaler Referenten, Workshops und kulturelle Events erweitern das Programm. Das Festival bildet so den inhaltlichen Auftakt zur langfristigen Entwicklung der Glasfabrik. All dies soll „interdisziplinär, kooperativ und experimentell“ erfolgen. Ort ist die Glasfabrik, eine Leipziger Institution in Gründung für künstlerische wie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit urbanistischen Themen. Die Spielzeit wird zwischen dem 1. und 9. September 2017 liegen, Bewerbungen (Projektskizze, Material- und Kostenschätzung, Technik- und Materialbedarf, benötigter Unterstützung, Kontaktdaten u. a.) sind bis zum 15. Mai möglich unter: call@glasfabrik.org. (kb, 23.4.17)

Heidelberg, HeidelbergCement-Firmensitz in der Berliner Straße, 2013 (Bild: Rudolf Stricker, via wikimedia.commons)

HeidelbergCement baut neuen Firmensitz

Das Produkt und die damit verbundene Firma hat sich seit 1873/74 einen, wenn auch wechselnden Namen gemacht: Aus dem Portland-Cement-Werk Heidelberg wurde die internationale Marke HeidelbergCement. 1963 ließ sich das gerade zu neuem Wachstum ansetzende Unternehmen am Stadtrand vom Münchener Architekten Josef Wiedemann (1910-2001) einen neuen repräsentativen Firmensitz errichteten. Leicht von der Straße zurückgesetzt, bot der fünfgeschossige Büroriegel viel Raum für das ein oder andere kundenwirksame Betonexperiment – vom künstlerisch eingefassten Betonglas bis zum Pavillon mit Betonfaltdach.

Gut 50 Jahre später plant HeidelbergCement auf diesem Gelände einen Neubau – unter Niederlegung der bisherigen Bauten, darunter der Büroriegel und der Pavillon. Gegenüber der Rhein-Neckar-Zeitung erklärte die Stadtverwaltung: „Der Pavillon auf dem Anwesen Berliner Straße 6 wurde Ende 2009 durch das Landesamt für Denkmalpflege als nur ‚erhaltenswert‘, nicht aber als denkmalwertig eingestuft“. Demnach galt für beide Bauten kein Denkmalschutz, wenn man in dieser Formulierung auch dem Pavillon eine (sprachliche) Wertschätzung angedeihen ließ. Büroriegel und Pavillon wurden vor wenigen Wochen niedergelegt, für die gefällten Bäume ist eine Ersatzpflanzung vorgesehen. Dass der neue Firmensitz vom Büro Albert Speer Junior gestaltet wird, lässt zumindest gestalterisch hoffen. (kb, 20.4.17)

Heidelberg, Firmensitz von HeidelbergCement in der Berliner Straße, vor dem Abriss (Bild: Rudolf Stricker, wikmedia-commons, 2013)