Alle Beiträge von Karin Berkemann

Bonn, St. Franziskus (Bild: Hagman, CC BY SA 3.0, 2011)

Jetzt sind die Bonner Kirchen dran

Eine Reihe besteht bekanntlich aus mehr als zwei, sonst wäre es ein Pärchen. Die Werkstatt Baukultur ist mit ihrer Veröffentlichungsreihe inzwischen über jeden Verdacht erhaben, denn nun ist frisch Teil acht der Architekturführer herausgekommen. Die kleinen Hefte erscheinen im DIN A6 Format – praktisch für Hosen- und Handtasche und immer bereit für ihren nächsten Einsatz. Sie bieten Informationen zu den Bauten in Bonn, welche umstritten, vernachlässigt, unbekannt oder auch schon (fast) vergessen sind. Dieses Mal geht es um die Kirchen der Nordstadt.

Im Mittelpunkt stehen damit drei beispielhafte Kirchenbauten aus der Zeit um 1960: St. Helena (1960, Emil Steffann/Nikolaus Rosiny), St. Franziskus (1962, Karl Band/Werner Fritzen) und die Lukaskirche (1958, Heinrich Otto Vogel). Die Architekturführer erscheinen in unregelmäßigen Abständen und können unter der ISSN 2196-5757 mit Angabe des jeweiligen Titels im Buchhandel bestellt werden oder direkt per E-Mail bei: bestellung@dreiviertelhaus.de. Als nächstes sind geplant: Der Band „Kunstverein“ erscheint voraussichtlich im Dezember 2017, „Didinkirica“ im Frühjahr 2018. Am 27. November 2017 wird um 19 Uhr in der Bonner Kirche St. Franziskus der neue Kirchen-Architekturführer im fünften „Bonner Baukultur-Salon“ vorgestellt. (kb, 25.11.17)

Bonn, St. Franziskus (Bild: Andreasdziewior, CC BY SA 3.0, 2011)

Berlin, Checkpoint Charly, 1961 (Bild: Central Intelligence Agency, PD)

Exporting Socialism?

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Architektur ge- und missbraucht, um ideologische Marken im Kampf der Systeme zu setzen und neue nationale Identitäten zu stiften. Dabei kam es durchaus zum Austausch – auch zwischen den Blöcken. Verschiedene Versuche der damaligen Zeit, die politische wie wirtschaftliche Trennung in den Schwellen- und Entwicklungsländern des sog. Globalen Südens zu überwinden, scheiterten oft am Vorwurf der Feindschaft und des „Neo-Kolonialismus“. Doch heute steigt das Forschungsinteresse am dortigen Wechselspiel zwischen sozialistischen und kapitalistischen Staaten.

Die Tagung „Exporting Socialism, Making Business? Intercultural Transfer, Circulation and Appropriations of Architecture in the Cold War Period“, die vom 21. bis 22. Juni 2018 in Erkner (Leibniz Institute for Research on Society and Space (IRS)) stattfinden soll, will diesen Austausch in der Architektur und im Aufbau der Industrie analysieren. Gesucht werden fächerübergreifend (Architektur, Geschichte von Stadt und der Wirtschaft, postkoloniale Studien, Denkmalpflege) noch Themenvorschläge zu diesen Aspekten: Designing (Akteure und Sprachen), Circulating (Gebiete und Ideen), Appropriating (äußere Einflüsse und Pflege des Kulturerbes), Feed-back mechanisms (Fachdiskurs und Medien) und Framing (Einfluss von Politik und Wirtschaft). Vorschläge (Abstract von max. 450 Worten, kurzer CV) können bis zum 10. Dezember 2017 eingereicht werden an: Dr. Andreas Butter, Andreas.Butter@leibniz-irs.de, Dr. Monika Motylinska, Monika.Motylinska@leibniz-irs.de. (kb, 23.11.17)

Berlin, Checkpoint Charlie, 1961 (Bild: Central Intelligence Agency, PD)

Kissen mit brutalistischen Motiven (Bild: redbubble.com)

Kuschelbrutalismus

Aktuell üben die Medien ja fleißig das „(Beton-)Monsterstreicheln“ (marlowes, C. Holl). Zu Recht, finden wir. Nur, wer seine Finger in der Öffentlichkeit versonnen über den grauen Kunststein gleiten lässt, wird immer noch schräg angesehen. (Baumumarmer haben es da traditionell leichter.) Wenn Sie Ihrem Hobby aber weiter frönen wollen, haben wir eine sichere Alternative: Verlegen Sie das Brutalismuskuscheln doch in die eigenen vier Wände. Über das Online-Portal „redbubble.com“ können Sie sich dafür die passenden Kissen mit brutalistischen Motiven nach Hause bestellen.

Es handelt sich, so der Anbieter, um „beidseitig bedruckte Kissen für ein noch schöneres Zimmer“. Die Textilien werden als „Print on Demand“ auf einem 100%-Polyester-Bezug mit Innenkissen (optional) gedruckt. Der versteckte Reißverschluss soll das Ganze noch angenehmer und pflegeleichter gestalten. Der Anbieter „Brumhaus“ hat verschiedene stilisierte Motive der englischen Moderne im Portfolio. Unser Kissen-Lieblingsmotiv: Trellick Tower. Erhältlich in quadratischer Grundform mit einer Kantenlänge von 40 bis zu 90 cm, je nach Größe geeignet von Bett bis zu Boden. (kb, 21.11.17)

Kissen mit brutalistischen Motiven (Bild: redbubble.com)

Ausstellung "Zeichen des Aufbruchs" (Bild: Grafikbüro Brandner, Foto: Siegfried Wameser)

Zeichen des Aufbruchs

„Christliches Kieswerk“, „Parkhaus Gottes“ oder „Klein-Ägypten“ waren  noch die netteren Spitznamen für Kirchen der Nachkriegsmoderne. Rund 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) präsentiert das Diözesanmuseum St. Afra Augsburg den damaligen Kirchenbau des Bistums vom 22. November 2017 bis zum 11. März 2018. Mit der Sonderausstellung „Zeichen des Aufbruchs. Kirchenbau und Liturgiereform im Bistum Augsburg seit 1960“ werden die theologisch-liturgischen, aber auch architektonisch-künstlerischen Umbrüche dieser Jahre aufgearbeitet. Denn die Innovation und Schöpferkraft dieser ebenso kurzen wie produktiven Zeitspanne, aber auch der derzeitige Veränderungsdruck der Kirchenlandschaft – Umnutzung, Profanierung oder gar Abriss – lassen eine Auseinandersetzung mit diesem kulturellen Erbe umso notwendiger erscheinen.

Anhand ausgewählter und von Siegfried Wameser neu fotografierter Beispiele wird der Besucher auf eine überraschende Entdeckungsreise durch das Gebiet der Diözese Augsburg mitgenommen, die in erster Linie für ihren reichen Bestand an Barock- und Rokokoarchitektur bekannt ist. Alexander von Branca, Hans Schädel, Thomas Wechs und Josef Wiedemann sind nur einige der Namen, die für den hohen baukünstlerischen Anspruch der modernen Kirchen bürgen. Zur Ausstellung erscheint eine umfangreiche Buchpublikation im Kunstverlag Josef Fink. (kb, 20.11.17)

Stadtbergen-Leitershofen, Zum Auferstandenen Herrn, 1970, Adolf Zach (Ausstellung „Zeichen des Aufbruchs“, Grafikbüro Brandner; Foto: Siegfried Wameser)

Frankfurt am Main, St. Ignatius, Filmaufnahmen des hr (Bild: Karin Berkemann)

2 x Presse und 1 Gewinner

Dieser Tage hat es der Brutalismus – im Umfeld der Frankfurter Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt – vielfach in die Medien geschafft, die sonst eher freudig über den Abriss eines der „Betonmonster“ berichten. Auch ein hr-Team ging in Frankfurt auf Beton-Spurensuche: mit Oliver Elser (DAM) und Karin Berkemann (moderneREGIONAL). Und, um die Pressestimmen der letzten Tage voll zu machen, trat Julius Reinsberg mit seinem neuen Themenheft „Nehmen Sie Platz!“ ans Mikro des Deutschlandfunks und berichtete über „Architekturen des Sitzen“ im allgemeinen und das Bonner Loch im besonderen.

Zuletzt noch eine gute Nachricht rund um die entstehende Ausstellung „märklinMODERNE“. Besonders gut ist sie für Martin Dathe-Schäfer, der unser Projekt im Crowdfunding unterstützt hat. In der Verlosung unter allen Teilnehmern hat er den ausgelobten Faller-Adventskalender gewonnen. Dieser geht ihm in den kommenden Tagen per Post zu. Herzlichen Glückwunsch – und viele anregende Modellbahnstunden damit! (db/kb/jr, 19.11.17)

Frankfurt am Main, St. Ignatius, Filmaufnahmen des hr (Bild: Karin Berkemann)

Hannover-Linden, Ihme-Zentrum im Bau, 1973 (Bild: Manfred Kohrs/Rolf Kohrs, CC BY SA 3.0)

Hannover brutal

Rohe Betonwände, gigantische Gebäudekomplexe, schlechter Ruf – die Architektur des Brutalismus wurde lange Jahre stigmatisiert und in ihrer Originalität und ihrer Bedeutung in Bezug auf das historische Erbe verkannt. Doch seit einigen Jahren erfreut sich der Baustil bei Architektur-, Design- und Kunstfans wieder größerer Aufmerksamkeit. Manch einer sagt dem Brutalismus sogar eine große Zukunft voraus, wie den Altbauten früher. Auch in der Landeshauptstadt Hannover fasziniert heute deswegen immer mehr Menschen. Die Veranstaltung „Brutalismus – Wiederentdeckung einer verkannten Architektur“ findet am 7. Januar 2018 von 16 bis 18 Uhr im Ihme-Zentrum Hannover (Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Am Ihmeplatz 7e 2. Etage, 30449 Hannover) statt. Der Veranstalter, die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, wird hierfür unterstützt durch den Bund Deutscher Architekten BDA, Bezirksgruppe Hannover.

Der Vortragende Professor Ekkehard Bollmann, Architekt und Zeitzeuge, erklärt in einem Vortrag, wie der Brutalismus in den wilden und ereignisreichen 1960er-Jahren entwickelt wurde, einer Zeit der gesellschaftlichen Utopien und Experimente, warum er für eine fortschrittliche Gesellschaft steht und wie es gelingt, aus geschmähten Betonklötzen die Leuchttürme zu machen, die sie sein könnten. Etwas Geld vom Bund steht für die Leuchtturmförderung jedenfalls schon bereit. (kb, 19.11.17)

Hannover-Linden, Ihme-Zentrum im Bau, 1973 (Bild: Manfred Kohrs/Rolf Kohrs, CC BY SA 3.0)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)

Wenn Sozialisten erben …

Dass das Kulturerbe kein westeuropäisches Monopol darstellt, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Doch an der Erforschung dieser Wahrheit mangelt es noch immer. So galt das „Erbe“ nach dem Zweiten Weltkrieg auch und gerade in den sozialistischen Staaten – von China über die Sowjetunion und den Ostblock bis hin nach Asien, Lateinamerika und Afrika – als nicht zu unterschätzende Ressource im Kampf der Systeme. Man reagierte damit auf die Zerstörung der Tradition sowohl durch den Zweiten Weltkrieg als auch durch die sich ausbreitende industrielle Entwicklung. Darüber hinaus war der „Sieg des Sozialismus“ lange geknüpft an die Verabschiedung von lokalen und nationalen Kulturen. Dem suchten bewahrende Kräfte in den sozialistischen Staaten entgegenzuwirken.

Dieser bislang noch nicht wirklich gewürdigte Beitrag der sozialistischen Welt zum Erhalt des Kulturerbes soll nun in England ausgelotet werden. Die Tagung „State Socialism, Heritage Experts and Internationalism in Heritage Protection after 1945“ findet vom 21. bis zum 22. November in Exeter (Reed Hall, University of Exeter) statt. Hierbei soll der Erbebegriff von einer einseitig westlichen Definition befreit und auf weitere Deutungsebenen hin befragt werden. In den Blick kommen dabei beispielsweise das chinesische, kroatische, sowjetrussische, kubanische, vietnamesische, äthiopische, polnische und jugoslawische Kulturerbe. (kb, 18.11.17)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)

Ausstellung "Zentrifugale Tendenzen" (Bild: Tchouban Foundation, Berlin)

Tallinn – Moskau – Nowosibirsk

Die Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen. Tallinn – Moskau – Nowosibirsk“ ist die Fortsetzung der Reihe visionärer und gesellschaftskritischer Architektur im Berliner Museum für Architekturzeichnung (Tchoban Foundation). Nach den Ausstellungen der Werke von Lebbeus Woods, Peter Cook und der Sammlung von Alvin Boyarsky wird die sogenannte Papierarchitektur aus der ehemaligen Sowjetunion vorgestellt. Der Begriff Papierarchitektur wurde in den 1980ern durch den Architekten, Kurator und einen der Protagonisten dieser Bewegung, Juri Awwakumow, geprägt. Er wird für nicht realisierte, lediglich für die Schublade geplante, Bauvorhaben benutzt.

Dies wird dem Phänomen jedoch nicht gerecht. Denn mit Papierarchitektur ist vor allem eine in den 1980er Jahren in der Sowjetunion geborene Architekturbewegung gemeint, die als Protest gegen die Routine der staatlichen Planungsbüros entstanden ist. Die Ausstellung präsentiert etwa fünfzig Zeichnungen, die sich in drei Gruppen untergliedern lassen: die Tallinner Schule, die Papierarchitektur aus Moskau und die aus Nowosibirsk. Zu sehen sind Werke namhafter Künstler, darunter Leonhard Lapin, Juri Awwakumow, Alexander Brodsky und weitere Architekten. Zu der Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Die Präsentation ist noch bis zum 18. Februar 2018 zu sehen. (kb, 17.11.17)

Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen“ (Bild: Tchoban Foundation, Berlin)

Bottrop, Hl. Kreuz (Bild: Edgar El, CC BY SA 3.0, 2012)

Bottrop: Meistermann-Fassade wird saniert

Gute Karten für Bottrop: Aus dem Denkmalschutzprogramm des Bundes steht eine 80.000-Euro-Förderung für die Sanierung der Fassade mit der berühmten Meistermann-Spirale bereit. Die Architekten- und Künstlerliste der 1957 geweihte Heilig-Kreuz-Kirche liest sich wie ein Who-is-Who des katholischen Kirchenbaus: Georg Meistermann (Glasmaler), Rudolf Schwarz (Architekt) und Ewald Mataré (Bildhauer). Nach dem Schwarz’schen Idealtypus des „Heiligen Wurfs“ entstand auf parabelförmigem Grundriss eine liturgische wie architektonische Inkunabel. Seit 1988 steht das Gesamtkunstwerk bereits unter Denkmalschutz.

Seit 2008 ist die Kirche ohne liturgische Nutzung, aber – eine entscheidende Nuance im katholischen Kirchenrecht – nicht profaniert. Geöffnet wird der Raum als „Kulturkirche“ für Ausstellungen und musikalische Veranstaltungen. Die nunmehr angelaufene Fassaden-Sanierung umfasst die Erneuerung der Schutzverglasung, deren Dichtungsmittel der 1980er Jahre schadhaft geworden war. Anschließend werden kleinere Glasschäden mit Original-Opaque-Gläsern repariert, die damals für das Fenster in der Glashütte Waldsassen produziert worden waren. Zudem muss man Ziegel in der Fassadenverkleidung austauschen. Bis Weihnachten soll dieser erste Bauabschnitt abgeschlossen sein, insgesamt wird die Dauer der Sanierung der Heilig-Kreuz-Kirche auf rund zehn Jahre zu Kosten von rund 1,5 Millionen Euro geschätzt. (kb, 15.11.17)

Bottrop, Hl. Kreuz (Bild: Edgar El, CC BY SA 3.0)

Arnstadt, Bau von Eigenheimen, 1974 (Foto: Peter Heinz Junge, Bild: Bundesarchiv Bild 183-N0920-0302, CC BY SA 3.0)

Das Symposion zum Buch

Über Jahrzehnte hatten die Deutschen, wenn es ums Wohnen ging, vor allem eins im Sinn: Schnell ins eigene Heim. Generation für Generation ist zumindest den Westdeutschen dieses vermeintlich einzig wahre Wohn-Leitbild eingeimpft worden – von Bausparkassen und Vorabendserien, aber auch durch den Staat, indem er diese Wohnform lange steuerlich begünstigte. Das Ergebnis ist eine unübersehbare Vielzahl von Einfamilienhausgebieten aus den 1950er bis 1970er Jahren in großen und kleinen Kommunen. Eine Studie der „Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020“erhältlich als Gratis-pdf-Download oder per Forumlar als Print bestellbar – zeigt bereits anhand von vier Fallstudien Wege auf, wie bürgerschaftliches Engagement zur zukunftsfähigen Weiterentwicklung alternder Einfamilienhausgebiete beitragen kann.

Um das Gelesene noch vertiefen zu können, findet am 27. November in Dorsten (Caritas Bildungszentrum Dorsten, Bismarckstraße 104, 46284 Dorsten) der passende Projekttag statt: „Hausaufgaben – Gemeinsam für die Zukunft von Einfamilienhausgebieten“. StadtBauKultur NRW und die Regionale Zukunftsland 2016 wollen zusammen mit Yasemin Utku (sds_utku, Dortmund) die Perspektiven von kommunalen Verantwortlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammenbringen. Vor allem anhand von Praxiserfahrungen soll deutlich werden, worauf es bei einer erfolgreichen Zusammenarbeit ankommt. (kb, 26.7.17)

Arnstadt, Bau von Eigenheimen, 1974 (Foto: Peter Heinz Junge, Bild: Bundesarchiv Bild 183-N0920-0302, CC BY SA 3.0)