Die Kunststofftreppe – im fg 2000

von Pamela Voigt (Heft 14/3)

GFK-Treppe ins Obergeschoss (Bild: FOMEKK Bauhaus-Universität Weimar, 2001)
Im fg 2000 führt eine Kunststofftreppe vom gemauerten Erd- ins Obergeschoss aus Fertigelementen (Bild: FOMEKK, Bauhaus-Universität Weimar, 2001)

Wer braucht da noch eine Treppe? Das utopische Kunststoff-Fertighaus „fg 2000“ wirkt eher wie ein Raumschiff, das auch die Teleportation beherrscht. Zwei dieser futuristischen Kunststoffgebilde – der Prototyp von 1968 und das letzte realisierte Wohnhaus von 1979 – stehen im hessischen Altenstadt und unter Schutz. Beide wurden vom gelernten Modell- und Formenbaumeister Wolfgang Feierbach (1937-2014) entwickelt, realisiert und genutzt. Der Prototyp diente zunächst als Demonstrationsobjekt, bis 1979 als Büro- und Wohnhaus der Familie Feierbach, schließlich als reines Bürohaus für die Firma „fg design“. Das 1979 errichtete fg 2000 war und ist Wohnhaus der Feierbachs. Beide werden durch eine luftige Kunststofftreppe erschlossen, denn das Wohnen der Zukunft fand im lichten farbigen Obergeschoss statt.

 

Kunststoff hat Tradition

Kunststoffe sind älter als gedacht. Bereits im 19. Jahrhundert arbeiteten Chemiker daran, stark nachgefragte Materialien wie Elfenbein oder Naturkautschuk industriell zu ersetzen. Schließlich entwickelte die amerikanische Flugzeugindustrie 1942 die leistungsstarken glasfaserverstärkten Kunststoffe (GFK). Und ab 1950 wurden GFK in den USA bereits für Radome, die Schutzhüllen für Radaranlagen, eingesetzt.

Chemiker, Verarbeiter, Ingenieure, Architekten und Künstler nutzten das neue Material für Sportartikel, im Boots-, Fahrzeug- und Flugzeugbau, aber auch als (selbst)tragenden Baustoff. Denn im GFK übertragen die Glasfasern und die Polyesterharze die auftretenden Kräfte und binden sie durch das umschließende Duroplast. Die chemische Zusammensetzung und die Herstellung machten GFK von Anfang an zu einem industriellen Baustoff.

 

Das ideale Zweithaus

House of the Future, 1957-67 im californischen Disneyland  (Bild: Archiv Institut für Bauen mit Kunststoffen)
Das House of the Future (1957-67) in Disneyland (Bild: Archiv Institut für Bauen mit Kunststoffen)

Glaubt man der Architekturhistorikerin Beatriz Colomina, so spielt das Wohnhaus im 20. Jahrhundert die Hauptrolle: Von Frank Lloyd Wright bis zu Frank Gehry – nahezu alle Architekten haben ihre besten Ideen an Wohnhäusern vervollkommnet. Für sie war das ideale Wohnhaus ein Fertighaus. Und das ideale Fertighaus war in den 1960er Jahren ein Kunststoffhaus. Darauf beruhte das international große Interesse an Kunststoff-Versuchsbauten wie dem 1957 errichteten House of the Future.

Das Kunststoffhaus war wie geschaffen für den damaligen Trend zum Zweithaus: Es blieb kleiner als ein Einfamilienhaus und seine Bewohner zeigten sich offen für neue Wohnformen. Einige GFK-Häuser – die von 8 bis zu 120 Quadratmeter Nutzfläche haben konnten – verfügten nur über einen Raum, andere über mehrere Zellen. Es gab höhlenähnliche Kunststoffhäuser für den Naturliebhaber, mobile Bauten, die schwimmen konnten, extravagante Typen, die keinen Käufer fanden, stylishe Raumschiffe und zutiefst pragmatische Entwürfe, denen man den futuristischen Baustoff nicht ansah.

 

Es geht aufwärts

Die GFK-Bauten stehen für den Optimismus der Nachkriegszeit: das neue Material, die dynamische Form und die leichte Konstruktion, viel Licht und noch mehr Farbe, ein flexibler Grundriss und eine futuristische Inneneinrichtung. Typennamen wie House of the Future, fg 2000 oder Futura unterstrichen diesen Anspruch schon in den 1950er bis 1970er Jahren. Und die mit GFK Bauenden waren sich dessen sehr wohl bewusst.

Durch ihre leistungsstarke chemische Industrie war die Bundesrepublik führend in der Kunststoffproduktion. Die Fach-, Wirtschafts-und Berufsverbände informierten über die Möglichkeiten der über hundert verschiedenen Kunststoffarten. Und – obwohl GFK 1970 nur 5 % der Gesamtproduktion im Bauwesen ausmachte – vor allem die tragenden Anwendungen erhielten durch Presse, Ausstellungen und Messen große Aufmerksamkeit.

 

An nur einem Tag

Aufbau des Prototypen Mai 1968, 7 bis 17 Uhr für den Rohbau aus 13 Dach- und 26 Wandelementen aus GFK (Bild: W. Feierbach)
Der Prototyp des fg 2000 wurde im Mai 1968 zwischen 7 und 17 Uhr zusammengesetzt (Bild: W. Feierbach)

Wolfgang Feierbach gründete 1962 zunächst eine Werkstatt in seiner Heimatstadt Sulzbach am Taunus und vergrößerte sich 1965 zu einer kunststoffverarbeitenden Firma im hessischen Altenstadt. Zu seinen ersten Produktionen gehörten Elemente des „seater 620“ für den Designer Dieter Rams. Als die Sesselherstellung plötzlich abbrach, investierte Feierbach in die eigene GFK-Möbelserie fg design (fg = fibre glass).

Auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse stellte Feierbach 1963 schließlich ein Modell seines Kunststoffhauses im vor: das fg 2000. Bis 1968 entwickelte er – mit praktischen Tragversuchen und einer überschlägigen statischen Berechnung von G. Dietrich – sein Bausystem, das über 10 Meter stützenfrei trägt. An nur einem Tag wurden im Mai 1968 die 13 Dach- und 26 Wandelemente auf einem Mauerwerkssockel mit Betondecke zusammengesetzt.

 

1979 standen 35 Häuser

Axonometrie des Prototypen, ursprüngliche Einrichtung (Bild: Mustermappe Kunststoffhaus fg 2000)
Blick in die ursprüngliche Erschließung des Prototypen (1968) (Bild: Mustermappe Kunststoffhaus fg 2000)

Das fg 2000 wurde sogar im Fernsehen vorgestellt. 1968/69 kamen täglich rund 200 Besucher. 1969 vergab das Bundesministerium für Städtebau und Wohnungswesen einen Forschungsauftrag, um das fg 2000 noch flexibler zu nutzen. Es wurden positive und negative Eckelemente entwickelt, damit nun auch Objekte in L- und H-Form oder als Atriumhaus gebaut werden konnten. Damit beraubte man das fg 2000 zugleich seiner geschwungenen Seitenflächen, die dem Prototypen seine Eleganz verliehen hatten.

Mit wenigen Elementen konnte man nun Wohnhäuser, Bürobauten oder Ferienhäuser fertigen und vieles mehr. Bis 1979 wurden 35 Häuser hergestellt: Einige von ihnen stehen unter Denkmalschutz, andere sind fachgerecht eingelagert, wenige davon wurden wiederaufgebaut. Ende der 1970er Jahre ging mit den Presseberichten auch das Käuferinteresse zurück. Gleichzeitig ließen hohe Transportkosten die Preise steigen.

 

Einläufig ins Obergeschoss

Ausstattung des Wohnhauses: Treppenhaus (Bild: FOMEKK Bauhaus-Universität Weimar, 2002)
Im Wohnhaus (1979) herrschten – auch am Treppengeländer – die Brauntöne vor (Bild: FOMEKK Bauhaus-Universität Weimar, 2002)

Bei beiden fg 2000-Häusern kragt der leicht gewölbte, sanft gerundete GFK-Korpus im Obergeschoss vor. Der Prototyp setzte sich aus nur zwei Modulen zusammen: Wand- und Dachelement. Beim Wohnhaus kam noch die Positiv- bzw. Negativecke hinzu. Der Innenausbau erfolgte über textilbespannte gedämmte Holztafeln. Im stützenlosen Wohnraum konnten die nichttragenden Innenwände dann nach Belieben verortet werden.

Ins Obergeschoss führt eine einläufigen Treppe aus GFK-Elementen: Sie ist auf der einen Seite an der Untergeschoßwand und auf der anderen Seite durch verschieden lange angeformte GFK-Rohre an der Stahlbetondecke befestigt. Rutschsicher wurden die Laufflächen mit Auslegware beklebt. Die Treppe endet in der Raummitte. Beim Prototypen besteht das Geländer noch aus Acrylglas, um den fließenden Raumeindruck nicht zu stören.

 

Wohnen ohne Grenzen

Wohnzimmer des Prototypen mit dreidimensionalem Deckenteppich (Bild: W. Feierbach)
Das Wohnzimmer des Prototypen (1968) (Bild: W. Feierbach)

Den Prototypen (1968) beherrscht ein siebenfarbiger, dreidimensionaler, 135 Quadratmeter großer Deckenteppich aus Dralonfasern. Frei in den Wohnbereich des Obergeschosses eingebunden, steht der Küchenblock mit Bartheke. Ebenso wurde im Schlafbereich ein „Wohnbad“ eingestellt. Die raumhohen Schiebeschränke können im Raum verschoben werden. Selbstverständlich stammte die Ausstattung aus dem hauseigenen Möbelprogramm.

Für das Wohnhaus (1979) wurden die GFK-Elemente in einem hellen Ockerton eingefärbt und die großen Fensterscheiben getönt. Im Innenraum herrschen die Braun- und Ockertöne der Textilbespannungen und Kunststoffmöbel vor. Da Feierbach eng mit Möbeldesignern und Grafikern zusammenarbeitete, war die Gestaltung offen für die modische Formensprache seiner Zeit. Als Farbberater für fg design und fg 2000 wirkte Bernd Misske.

 

Aufstieg in die moderne Beletage

Das moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen (Bild: W. Feierbach)
„Das moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen“ (Bild: W. Feierbach)

Feierbach hatte eine echte Alternative zu herkömmlichen Fertigteilhäusern oder anderen Kunststoffprodukten entwickelt. Das fg 2000 verfügt über variable Grundrisse und Fassaden für eine anspruchsvolle Käuferschicht: „Die Zielgruppe wird in erster Linie die junge Generation sein, die heute in die Wirtschaft hineinwächst und in einigen Jahren dann den finanziellen Rückhalt hat, sich ein so hochwertiges Haus leisten zu können.“

Für diese aufstrebende Käuferschicht wurden die technischen Möglichkeiten des Materials Kunststoff futuristisch zur Schau gestellt. Mit GFK konnte die Treppe ins Obergeschoss, in die helle farbige Beletage des fg 2000, filigran gestaltet werden. Im Prototypen (1968) machte sich das Acrylglasgeländer sogar fast unsichtbar. Nichts sollte schwerfällig oder altbacken aussehen. Heute finden so unbekümmert utopische Formen wie die elegante fg 2000-Treppe wieder neue Liebhaber. Denn sie stehen für eine Zeit, als selbst das Treppensteigen noch ein zutiefst optimistischer Akt war.

 

Rundgang

Folgen Sie Pamela Voigt zu den Vorgängern und den Umsetzungen des fg 2000 …

 

Literatur

Feierbach, Wolfgang, fg 2000 – Planung, Konstruktion, Herstellung, in: plasticonstruction 5, 1973, S. 212-217

Ludwig, Matthias: … in die Jahre gekommen, ein Wohnhaus aus Kunststoff, in: deutsche bauzeitung 7, 1998, S. 76-80

Stark, Jochen/Wicht, Bernd, Geschichte der Baustoffe, Wiesbaden 1998

Genzel, Elke/Voigt, Pamela, Kunststoffbauten, Bd. 1, Die Pioniere, Weimar 2005

Voigt, Pamela, Die Pionierphase des Bauens mit glasfaserverstärkten Kunststoffen (GFK) 1942 bis 1980, Dissertation, Bauhaus-Universität Weimar, 2007