Berlin: Trauerspiel im Untergrund

von Verena Pfeiffer-Kloss und Ralf Liptau

Berlin, U-Bahnhof "Schloßstraße" (Bild: Kerberos Berlin)
Berlin, U-Bahnhof „Schloßstraße“ (U9): Ende der 1960er Jahre von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte entworfen (Bild: Kerberos Berlin)

Wenn Uwe Kutscher in einen der zahlreichen Berliner U-Bahnhöfe der 1960er oder 1970er Jahre geht, sieht er im besten Fall „Architektur in Anführungsstrichen“. Einen Gestaltungswillen, so erklärte der Bauchef der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) einer Radiojournalistin im Frühsommer, könne man in diesen Bahnhöfen schließlich nicht erkennen. Grund genug für seinen Planungsstab, die anstehenden Sanierungsarbeiten in mindestens 15 Bahnhöfen der Nachkriegszeit für deren grundlegende Umgestaltung zu nutzen. Die „Gestaltung“ kommt jetzt eben nachträglich. Die bis heute weitgehend erhaltende Originalsubstanz wird aus den betreffenden Stationen komplett entfernt, potentielle Baudenkmale werden dabei unwiederbringlich zerstört. Die Aufträge für die Neugestaltungen vergibt die BVG nach eigenen Angaben ohne Ausschreibung, also direkt und unter der Hand.

 

Unterirdisch: der Moderne-Hass der 1980er Jahre

Berlin, U-Bahnhof "Eisenacher Straße" (Bild: Kerberos Berlin)
Berlin, U-Bahnhof „Eisenacher Straße“ (U7): Ende der 1960er-Jahre von Rainer Rümmler gestaltet (Bild: Kerberos Berlin)

Über der Erde ist Berlin im Umgang mit seinem architektonischen Erbe der Nachkriegszeit inzwischen schon um einiges weiter. Unter der Erde herrscht noch der Moderne-Hass der 1980er Jahre. Gegen den unsensiblen bis ignoranten Umgang der BVG mit Berlins Baugeschichte regt sich seit Anfang dieses Jahres erheblicher Widerstand. Architekturwissenschaftler der vier Berliner Universitäten – darunter ein Verfasser dieses Texts – haben sich schon vor Monaten in einem offenen Brief gegen die Planungen ausgesprochen. Die Architektenkammer Berlin hat danach einen sofortigen Baustopp für alle Arbeiten und eine Revision der Planungen gefordert.

Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und ihr beratendes Baukollegium haben die Pläne scharf kritisiert und die Einrichtung eines wissenschaftlichen Beirats eingefordert, der die BVG-Bauabteilung mit Fachwissen unterstützt. Das Landesdenkmalamt beginnt jetzt mit der Erfassung der Bahnhöfe. Medien wie der Schweizer Rundfunk, das neue deutschland, rbb Radio, die Berliner Lokalpresse haben im Sinne der Initiative berichtet. Die BVG allerdings hat sowohl auf den Brief als auch auf die Reaktionen darauf bisher nicht merklich und öffentlich nur abwehrend reagiert. Vier Bahnhöfe sind allein im August und September 2016 entkernt worden.

 

Betroffen: mindestens 15 U-Bahnhöfe

Berlin, U-Bahnhof "Rathaus Steglitz" (Bild: Kerberos Berlin)
Berlin, U-Bahnhof „Rathaus Steglitz“ (U9): 1974 von Rainer Rümmler gestaltet (Bild: Kerberos Berlin)

Insgesamt geht es um mindestens der 15 Bahnhöfe, die von den frühen 1960er Jahren bis zur Mitte der 1980er Jahre vor allem in Westberlin gebaut worden sind. Die BVG hat 2015 eine Übersicht von elf U-Bahnhöfen veröffentlicht, die von den Arbeiten betroffen sind. Inzwischen sind mindestens vier weitere Bahnhöfe entkernt, von denen öffentlich keine Rede war. Welche und wie viele Stationen die BVG derzeit mit welchem Kostenaufwand beplant, ist öffentlich nicht in Erfahrung zu bringen.

Ohne übergreifendes architektonisches Konzept werden gestalterisch hochwertige, weitestgehend in Originalsubstanz erhaltende U-Bahnhöfe zerstört und das Berliner U-Bahnnetz wird zum kunterbunten Flickenteppich. Der übergroße Teil der zerstörten und bedrohten Bahnhöfe geht auf Planungen des Architekten und ehemaligen Senatsmitarbeiters Rainer G. Rümmler zurück, der von der Mitte der 1960er bis in die Mitte der 1990er Jahre beinahe alle neu zu errichtenden U-Bahnhöfe für die BVG entworfen hat. In Westberlin sind seit den 1950er Jahren mehr als 70 U-Bahnhöfe neu entstanden – nach Alfred Grenander in den 1920er und 1930er Jahren ist Rümmler der „zweite Große“ im Berliner U-Bahnbau. Nach seinen Entwürfen ist ein architektur- und stadthistorisch kohärentes Netz entstanden, das trotz seiner enormen gestalterischen Vielfalt eine durchgehende Handschrift zeigt. Der jeweilige Liniencharakter, der etwa auf der U7 Bahnhöfe von den 1920ern bis in die 1980er Jahre wie an einer Perlenkette aufreiht, ermöglicht es, unterirdische Zeitreisen zu unternehmen, die die Entwicklung und Geschichte nur Berlins, sondern auch der BVG nachvollziehen lässt.

 

Yorckstraße: Bald entkernt?

Berlin, U-Bahnhof "Yorckstraße" (Bild: Kerberos Berlin)
Berlin, U-Bahnhof „Yorckstraße“ (U7): eröffnet 1971, gestaltet von Rainer G. Rümmler; Ansicht des Bahnsteigs 2015. Der Bahnhof soll vollständig entkernt und ohne Bezug zur Originalgestaltung neu aufgebaut werden (Bild: Kerberos Berlin)

Zumindest bisher. Denn diese „kohärente Vielfalt“, die das Berliner U-Bahnnetz international so einzigartig macht, wird jetzt ohne Not gesprengt. Etwa wenn der hell leuchtende, klar gegliederte U-Bahnhof Yorckstraße (Rümmler, 1964-67) vom Architekturbüro „architektensocietät“ gemäß den aktuellen Planungen wirklich völlig umgestaltet werden sollte. Entstehen soll hier eine Gestaltung, die die eigentliche Bauzeit verunklärt und – entgegengesetzt zum propagierten Leitbild der BVG – einen dunklen Bahnhof in den Farben Rostbraun und Anthrazit mit abstrakt verspielter Ornamentik vorsieht und so ein kaum greifbares, diffuses Bild der architektonischen Gegenwart zeichnet. Das ist bitter, denn kaum ein anderer Bahnhof spricht so klar und deutlich vom Aufbruch der 1960er Jahren wie Yorckstraße. Bei seiner Eröffnung galt er als ausgesprochen elegant, da Rümmler hier die damals gerade in Mode kommende Farbe Orange mit einem horizontalen Band in strahlendem Weiß kombinierte. Hell und leuchtend weist diese Gestaltung in die Zukunft des West-Berliner U-Bahnbaus. Die weiße Linie gibt den Takt: schneller, nach vorn, in eine farbenfrohe Zukunft, in Richtung Westen. Und das, während zur Eröffnung im Winter 1971 genau über der Erde in der Yorckstraße rostende Eisenbrücken aus dem 19. Jahrhundert die Sicht in einen grauen Himmel versperrten, den alte Dampflokomotiven der DDR-Reichsbahn zusätzlich schwärzten.

 

Eisenacher Straße: Die Farbe soll weg!

Berlin, U-Bahnhof "Eisenacher Straße" (Bild: Kerberos Berlin)
Berlin, U-Bahnhof „Eisenacher Straße“ (U7): einer der letzten erhaltenen „Farbräume“ aus Zementfaserplatten, wie sie Rainer Rümmler vor allem für die U7 gestaltete (Bild: Kerberos Berlin)

Zwei Stationen weiter: Der tannengrün gehaltene U-Bahnhof Eisenacher Straße – ein noch weitestgehend originales Stück einer gestalterisch und in ihrer Materialwahl innovativen Serie von Bahnhöfen, deren herausstechendes Merkmal eine Hintergleiswand aus wandhohen Zementfaserplatten ist, die eine riesige glatte Farbfläche entstehen lässt. Die einheitliche, volle und reine Farbe der Tunnelwand bestimmt die Atmosphäre und den Raumeindruck der Station gleich bei der Einfahrt in den Bahnhof, es entsteht der Eindruck, in einen Farbraum einzutauchen. Willkommen in der modularen Welt. Zur Serie gehören auch die U-Bahnhöfe Rudow und Walther-Schreiber-Platz, die aktuell entkernt werden und auch kaum mehr zu retten sein werden. Dazu gehört auch der Bahnsteig der U7 am Bayerischen Platz, dessen charakteristisches Blau in absehbarer Zeit offenbar auch verschwinden soll. Argument ist das Material der Wandplatten – Zementfaserplatten – das man aufgrund neuer Auflagen nicht mehr verwenden möchte. Über gestalterisch gleichwertige, aber aktuellen Standards entsprechende Alternativen wird bislang nicht nachgedacht.

 

Schloßstraße: Eine Teil-Erhaltung wäre noch möglich!

Berlin, U-Bahnhof "Schloßstraße" (Bild: Kerberos Berlin)
Berlin, U-Bahnhof „Schloßstraße“ (U9): Trotz bereits angelaufener Proteste und gegen den erklärten Willen der Architektin Ursulina Schüler-Witte hat die BVG die Bahnsteigebenen im Sommer 2016 entkernt (Bild: Kerberos Berlin)

Einen ähnlich unkreativen Umgang mit der Originalsubstanz zeigte die BVG zuletzt auch am Bahnhof Schloßstraße. Hier haben die freien Architekten Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler 1967/68 einen einzigartigen U-Bahnhof entworfen, dessen Facettenreichtum in Optik und Haptik aus drei entscheidenden Punkten hervorgeht. Erstens gelang es den Architekten, der West-Berliner Verwaltung Änderungen an den starren Rohbauvorgaben abzuringen, womit lange Treppen, Wandöffnungen und überraschende Blickbeziehungen möglich wurden. Die Zusammenstellung der Farben – auch hier wie bei Rümmler reines Rot, Dunkelgrün und Dunkelblau, kontrastiert mit Gelb – unterstreichen zweitens die Lage im Untergrund. Und drittens sind es die Materialien Sichtbeton und glänzende Kunststoffe, die Röhren für die Elektronik formen, den Bahnsteig mit Bändern rhythmisch gliedern, den handspiegelartigen Leuchten auf den Rolltreppen runde Rahmen geben. Für die Verteilerräume und Treppen wäre, trotz der laufenden Umbaumaßnahmen, heute eine Erhaltung noch möglich, ebenso bei der Beleuchtungsanlage auf dem Bahnsteig.

 

Bismarckstraße: Es wurden Fakten geschaffen!

Berlin, U-Bahnhof "Bismarckstraße" (Bild: Kerberos Berlin)
Berlin, U-Bahnhof „Bismarckstraße“ (U2/U7): eröffnet 1978, Gestaltung Rainer G. Rümmler, Blick in den Bahnsteig der Linie U7, 2014. Inzwischen ist der Bahnhof komplett entkernt und soll im Stil des frühen 20. Jahrhunderts neu gestaltet werden (Bild: Kerberos Berlin)

Ganz anders sieht es ein paar Stationen weiter aus. Am U-Bahnhof Bismarckstraße wurden bereits Fakten geschaffen: Die 1978 eröffnete, ebenfalls von Rümmler entworfene Station wurde bisher wesentlich durch ihre helle Aluminiumverkleidung auf beiden Bahnsteigen dominiert in Kombination mit roten und hellgrünen Farbflächen. Alles raus, alles entkernt. Momentan noch betonsichtig, soll die Station nach einem Entwurf der Architekten Petra und Paul Kahlfeldt mit dunkelgrünen Kachelofenfliesen aus Keramik verkleidet werden. Der Bahnhof aus den späten 1970ern wird zum Bahnhof aus den 1910ern.

 

Berlins U-Bahnhöfe: konkurrenzlos gut – noch …

Berlin, U-Bahnhof "Schloßstraße" (Bild: Kerberos Berlin)
Berlin, U-Bahnhof „Schloßstraße“ (U9): Für die hier gezeigten Verteilerräume und Treppen wäre, ebenso wie für die Beleuchtungsanlage auf dem Bahnsteig, heute eine Erhaltung noch möglich (Bild: Kerberos Berlin)

Unabhängig von der gestalterischen Qualität der Ursprungsbahnhöfe und derjenigen der Neugestaltung verliert Berlin durch diese Arbeiten ein wesentliches Zeugnis seiner Geschichte. Denn der Mauerbau und der dadurch von Willy Brandt ausgerufene S-Bahn-Boykott führten zum politisch forcierten Ausbau des U-Bahnnetzes in West-Berlin. Damit entstanden nicht nur die frühesten U-Bahnhöfe der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Es entstand auch ein Ensemble von Bauten, die in ihrer Aufwendigkeit, ihrem gestalterischen Anspruch und in ihrer absoluten Gültigkeit für die jeweils aktuelle Architektursprache zumindest in Deutschland konkurrenzlos ist.

Deshalb bleibt weiter aktuell: „Kerberos Berlin“ fordert den sofortigen Stopp der Arbeiten und eine Revision der Planungen!

 

Mehr?

Im Beitrag von Ralf Liptau bei „frei 04 Publizistik“.

Im Beitrag von Verena Pfeiffer-Kloss zu Rainer Rümmler auf moderneREGIONAL.

Auf der Homepage der Initiative „Kerberos“.