Saarbrücken: „Blütenbote im Museum“

„Der Saarbrücker Unicampus war neben der Architektur Ferdinand Kramers wohl eine meiner frühesten Begegnungen mit der Nachkriegsmoderne. Als Kind einer Archäologin boten sich diverse Gelegenheiten, das weiträumige Gelände der Hochschule, die sich Ende der 1940er Jahren in einer ehemaligen Kaserne eingerichtet hatte, zu erkunden. Zwar faszinierte mich seinerzeit die burgenhaft anmutende Architektur der Toreinfahrt mehr als die französischen Neubauten aus den 1950ern, dennoch gewann ich die elegante Treppe und die streng gerasterte Fassade des Gebäudes Nr. 10 bald lieb. Lebhaft in Erinnerung sind mir die Tage der offenen Tür, die das archäologische Institut in historischer Kostümierung zelebrierte. Der Auftritt als Blütenbote in Toga und Sandalen war nicht der einzige seiner Art. Am Fuß der Treppe und zu Füßen des römischen Imperators Morchulus – verkörpert durch den Institutsfotografen – genoss ich die Darbietungen antiker Sagen durch kostümierte Studentinnen und Professoren. Die Nachkriegsmoderne zeigte Haltung – und bot dem Schauspiel mit ihrer nüchternen Eleganz einen würdigen Rahmen.“ (Julius Reinsberg, * 1987, heute seriöser Historiker mit Hang zum textilen Architekturmimikri)