Baugeschehen

Chemnitz, Haus der Körperkultur (Bild: Youtube-Still)

Neue Nutzung im Haus für Körperkultur

15 Jahre Leerstand und zunehmender Vandalismus setzten dem einstigen „Haus für Körperkultur“ im Chemnitzer Stadtteil Rabenstein arg zu. Nun werden im denkmalgeschützten Bau Eigentumswohnungen errichtet. Entsprechende Pläne gibt es schon länger, doch langsam scheint Schwung in das Projekt zu kommen: Auf Immobilienseiten sind mittlerweile detaillierte Anzeigen geschaltet, die Straße vorm Portal des Gebäudes ist aufgrund der Baustelle bereits bis voraussichtlich 2018 gesperrt.

Die Neoklassizistische Erholungsanlage am Pelzmühlenteich, bestehend aus dem Kulturpalast und dem Haus der Köperkultur als Gegenstück, wurde 1949 bis 51 auf Initiative der Sowjets und der Wismut AG errichtet. Ausführende Architekten waren Kurt Ritter, Adam Burger und Joachim Rackwitz. Der Kulturpalast in Chemnitz war im Übrigen der erste seiner Art in der DDR. Das Haus für Körperkultur wurde 1967 der Stadt übergeben, die es als „Sport- und Freizeitcenter Siegmar“ bis 2002 nutzte. Sinkende Besucherzahlen und schon damals hoher Sanierungsbedarf waren Anlass für die Schließung. (db, 29.5.17)

Chemnitz, Haus der Körperkultur (Bild: Youtube-Still)

Bremen-Neue_Vahr, Bild Pilot71, CC-BY-SA 3.0

60 Jahre Neue Vahr

Sie war eines der Vorzeigeprojekte des bundesdeutschen Wohnungsbaus: die Großsiedlung Neue Vahr bei Bremen. 1957 wurde nahe der Hansestadt auf der grünen Wiese der Grundstein für die Trabantenstadt gelegt, die rund 30 000 Menschen Wohnraum bieten sollte. Für die Planung zeichneten die Architekten Ernst May, Max Säume, Günther Hafemann und Hans Bernhard Reichow verantwortlich. 2004 fungierte die Siedlung als Namenspatron für den Roman „Neue Vahr Süd“ von Sven Regener und konnte sich erneut bundesweiter Prominenz erfreuen. Nun begeht sie ihren 60. Geburtstag – wir gratulieren!

Die Siedlung vereint die Grundsätze des organischen Städtebaus, der Gartenstadt und der autogerechten Planungen der 1960er. Sie wird von einer kreuzungsfreien Schnellstraße geteilt, die sie mit Bremen verbindet und ist in fünf Nachbarschaften untergliedert.  Diese setzen sich aus unterschiedlichen Typen flachgedeckter, durchgrünter Wohnzeilen zusammen. Mit dem künstlich angelegten Vahrer See und einem Grünflächenband verfügt die Neue Vahr über ein eigenes Naherholungsgebiet. Das Zentrum der Siedlung wird durch ein 22-stöckiges Hochhaus von Alvar Aalto markiert. (jr, 25.5.17)

Bremen, Neue Vahr (Bild: Pilot71, CC BY SA 3.0)

woga-komplex-bild-uli-borgert

WOGA-Gate

Seit Monaten erhitzt der WOGA-Komplex in Berlin die Gemüter. Das 1925 bis 1931 von Erich Mendelsohn erbaute Wohnviertel soll nach den Plänen eines Investors verdichtet werden. Die denkmalgeschützten Tennisplätze und Grünanlagen müssten dabei einem Wohnhaus weichen. Nun meldet die Berliner Morgenpost, dass die Bezirksverordnetenversammlung in Charlottenburg-Wilmersdorf einen Untersuchungsausschuss zur Sache einrichtet. Möglicherweise suggerierte das Berliner Stadtentwicklungsamt dem Investor wider besseres Wissen, dass eine Verdichtung des Areals unproblematisch und durchführbar sei. Die Bezirksverordnetenversammlung hatte sich dagegen für den Erhalt des Ensembles ausgesprochen, befürchtet jedoch nun für den Fall weiteren Widerstands eine millionenschwere Klage des Investors.

Mendelsohn errichtete mit dem WOGA-Komplex Ende der 1920er Jahre eine Wohnsiedlung, die ihren Bewohnern mit den Grünflächen und Tennisplätzen ein eigenes Naherholungsgebiet bot. Unter anderem schwangen hier Erich Kästner, Vladimir Nabokov und Willy Brandt die Schläger. Derzeit liegen die Sportstätten brach. Die geplante Bebauung der Fläche mit einem Appartementhaus würde den Charakter des Bauensembles jedoch nachhaltig verändern. (jr, 23.5.17)

Berlin, die überwucherten Tennisplätze im WOGA-Komplex (Bild: Uli Borgert)

Berlin, St. Judas Thaddäus, 2012 (Bild: BruderGerwin, CC BY SA 3.0)

Berlin: Vorsicht, frisch saniert!

Nach 16 Monaten und 1,5 Millionen (von der Wüstenrot Stiftung getragenen) Euro kann die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nun stolz vermelden: Die Kapelle (1963, Egon Eiermann) ist frisch betonsaniert und wieder geöffnet – wenn auch noch nicht für den freien Besucherverkehr, dafür fehlen momentan die Ehrenamtlichen. Behoben wurden Umwelt- und Witterungsschäden vor allem an den Betonwaben. Ein Forschungsprojekt hatte vorlaufend die Wirkung der Restaurierungsarbeiten für diese denkmalgeschützte Inkunabel der Nachkriegsmoderne (mit jährlich immerhin 1,3 Millionen Besuchern) ausgelotet. In Kürze stehen die Sanierung das Podium und des modernen Glockenträgers an.

Auch die Kirche St. Judas Thaddäus (1959, Reinhard Hofbauer) in Berlin-Tempelhof kann einen entsprechenden Erfolg vorweisen: Der 40 Meter hohe Turm mit dem markanten betonplastischen Kreuz wurde „grundsaniert“. In einem neuartigen, in Abstimmung mit der Landesdenkmalpflege vom Ingenieur Marco Götze entwickelten Verfahren erhielt die Stahlbetonkonstruktion eine neue Deckschicht: Der Spritzbeton (das allein wäre für Betonsanierer eher schon traditionelles Handwerk) wurde auf ein Carbongewebe aufgetragen. Gegenüber der Berliner Woche verwies Götze auf die Vorteile des ungewöhnlich leichten und zugfesten Materials: „Damit spart man immens an Rohstoffressourcen und Gewicht.“

Berlin, St. Judas Thaddäus, der Turmstumpf im Jahr 2012 – noch mit Muster-/Probeflächen für die inzwischen vollzogene Sanierung – Bilder vom Ergebnis finden Sie online hier (Bild: BruderGerwin, CC BY SA 3.0)

Frankfurt/Main, Zeil 88 (Bild: D. Bartetzko)

Umbau auf der Zeil

Es mag keine reine Schönheit gewesen sein, doch es hat unzweifelhaft Abwechslung und Charakter in die architektonisch stets im Umbruch befindliche Frankfurter Zeil gebracht. Das Eckhaus Schäfergasse 2/Zeil 88 ist ein Konglomerat verschiedenster Zeiten und Stile: Im Erdgeschoss stecken die Reste eines Gründerzeit-Baus, darüber thronen stilvolle 1950er – Ende der 1970er verkleidet in rotbraunen Terrazzo-Platten und durch goldeloxierte Alufenster veredelt. Einer der Reize des hinreißend geschmacksunsicheren Hauses war es bisher, dass man stets rätseln konnte, wann es gebaut wurde – lustigerweise lag man mit seinen Vermutungen nie wirklich daneben …

Bald dürfte es damit vorbei sein. Die Modekette Pimkie, seit Jahren Betreiber des Ladengeschäfts, baut in großem Stil um. Seit einigen Wochen ist das Haus eingerüstet und gibt dort, wo es bereits entkernt ist, seine Zeitschichten für einen kurzen Moment frei: gelbe Sandsteinornamente, bunte Mosaikfliesen, dazu offenbar aus Trümmerschutt wiederverwendete, rußgeschwärzte Ziegelsteine – bald verschwindet all dies unter einer 20-Zentimeter-Dämmung. Ob die Terrazzofassade bleibt, lässt sich noch nicht sagen. Das Bauschild, das eine Umgestaltung des Dachgeschosses und den Rückbau der Vordächer verkündet, verheißt nichts Gutes. Wir nehmen Wetten an, ob die zu erwartende Travertinfassade hellbeige, mittelbraun, umbra, dunkelbeige oder eierschalenfarben wird. Wie der Bau bis vor wenigen Monaten aussah, finden Sie hier. (db, 19.5.17)

Frankfurt, Zeil 88 im Umbau (Bild: D. Bartetzko)

Köln-Rodenkirchen, Bezirksrathaus (Bild: Willy Horsch, CC BY 2.5)

Aus fürs Rathaus Rodenkirchen

Eigentlich war der Abbruch des Bezirksrathauses Köln-Rodenkirchen schon seit Langem geplant, doch mit jedem Jahr, das der nach wie vor genutzte Bau unberührt überstand, stieg vermeintlich die Hoffnung auf Erhalt: Die Architektur des Brutalismus erfreut sich längst wieder wachsender Beliebtheit, und das achtgeschossige Gebäude ist ein nahezu unberührter Vertreter jener Ära. Der damalige Stadtkonservator Krings hatte zwar bereits 2005 den Denkmalschutz abgelehnt, doch ist seither einiges Wasser den Rhein herabgeflossen. Was damals galt, könnte man ja heute noch einmal prüfen … Nun aber ist es wohl endgültig aus, denn das Rathaus Rodenkirchen ist nach Aussage der Städtischen Gebäudewirtschaft Köln mit PCB und Asbest belastet. Bis 2020 soll es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden.

Das Rathaus im bis 1975 noch eigenständigen Rodenkirchen wurde 1966/67 nach Plänen des Architekten Walther Ruoff (1914-1991) errichtet und kurz nach Fertigstellung mit dem Architekturpreis der Stadt Köln ausgezeichnet worden. Insbesondere die Bürgervereinigung Rodenkirchen setzt sich seit Jahren für den Erhalt ein – nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus bauhistorischen Gründen. Der Antrag auf Denkmalschutz kam seinerzeit ebenfalls von der Bürgervereinigung. (db, 17.5.17)

Köln, Rathaus Rodenkirchen, 2007 (Bild: Willy Horsch, CC BY SA 2.5)

Wupertal-Vohwinkel, Gemeinde Bekennender Christen, 2007 (Bild: Pitichinaccio, gemeinfrei)

Luftballons zum Abschied

Wuppertal hatte schon immer ein großes Herz für allerlei bunte christliche Gruppierungen. Die Palette ihrer Gottesdiensträume reicht von überaus kunstvoll bis zu überaus charmant. Es wundert bei der allgemeinen Finanz- und Kirchenkrise nicht, dass auch und gerade hier der Baubestand kräftig ausgelichtet wird: In diesen Monaten schließt die Kirche Bremkamp (1959), wurde der Kirchsaal Ackerstraße (1894) verkauft, sucht die Christuskirche (1973) einen neuen Eigentümer, wird der Gemeindesaal Hesselnberg (1963) für Wohnzwecke umfunktioniert, fielen die Michaelskirche (1968) und die Kirche an der Goerdelerstraße (1966).

Da sind natürlich ebenso bewährte Um-/Neunutzungen wie der Klavierhändler in der Trinitatiskirche (1878), Kultur in der Immanuels- (1869) und Wichlinghauser Kirche (1894), Diakonie in der Kreuzkirche (1850), das Fotostudio in der Matthäuskirche (1962) oder Events im Gemeindehaus Ostersbaum (1912). Jüngst verkauften die Hatzfelder Protestanten ihre kubische Kirche (1965, Friedrich Goedeking/Traugott Blasberg) und laden vom 23. bis zum 25. Mai 2017 zum Abschiedsfest. Schon 2014 hatte man den Sonntagsgottesdienst eingestellt, doch stand noch Jugendarbeit auf dem Programm. Zum Ende dieser Restnutzung gibt es Rudelsingen, Schrubberhockey und Luftballonsteigenlassen. Es dürfte für Wuppertal nicht der letzte Kirchenabschied sein. (kb, 15.5.17)

Titelmotiv: Wupertal-Vohwinkel, „Gemeinde Bekennender Christen“ im Jahr 2007, der Raum dient seit 2014 als Auto-Schausalon (Bild: Pitichinaccio, gemeinfrei)