Baugeschehen

Merchandising der Moderne

Frankfurter Küche Handtuch (Bild: idüll)
Das Frankfurter Küche Handtuch (Bild: idüll)

Die Frankfurter Küche gilt als Mutter aller Einbauküchen. In den 1920er Jahren konzipierte die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky im Auftrag des von Ernst May geleiteten Hochbauamts den Prototyp, der in den folgenden Jahren in über 10 000 Wohnungen verbaut wurde. Der Entwurf zielte auf eine größtmögliche Zeitersparnis bei Haus- und Küchenarbeit ab und fußte auf der Analyse von Bewegungsmustern und Arbeitswegen. Das Frankfurter Designbüro Idüll hat der Küche nun ein Denkmal gesetzt: Das „Frankfurter Küche Handtuch“.

Das Küchenutensil wird im Stil einer Blaupause von einer Abbildung der inzwischen ikonischen Metallschütte geziert, die Schütte-Lihotzky zur Aufbewahrung von Gries, Linsen etc. vorsah. Um den Behälter windet sich schwungvoll eine weiße Linie, die an die von der Architektin erarbeiteten Bewegungsschemen erinnert. Entgegen der nüchternen, bisweilen kalt anmutenden klassischen Moderne verspricht das Handtuch „fein gewebte Streicheleinheiten fürs Geschirr“. Das Textil beschränkt sich jedoch nicht in postmoderner Manier auf das historische Zitat, sondern wird im Karton mit weiterführenden Informationen zur Geschichte der Frankfurter Küche geliefert. Ein Handtuch mit didaktischem Anspruch – dieses Alleinstellungsmerkmal wird dem Stoffobjekt so schnell nicht zu nehmen sein. (jr, 24.2.17)

Cuckoo Blocks

Cuckoo Block (Bild: Copyright guidozimmermann-art.com)
Cuckoo Block (Bild: Copyright guidozimmermann-art.com)

Ungezählte Japaner können nicht irren: Die Kuckucksuhr ist so typisch deutsch wie Sauerkraut und Schmuddelwetter. Zu diesem Archetyp der Schwarzwalduhr hat der Frankfurter „Graffitist und Maler“ Guido Zimmermann (AtelierFrankfurt, Schwedlerstraße 1–5, 60314 Frankfurt am Main, info@guidozimmermann-art.com“, 0177/6456168) eine weitere, wohl nicht minder deutsche Variante hinzugefügt, die „Cuckoo Blocks“. Für ihn bilden sie „eine zeitgemäße Sicht auf das urbane Wohnen“. Er montiert das traditionelle Uhrwerk mit Kuckuck in Hüllen, die dem gerade historisch werdenden Plattenbau nachempfunden sind.

Damit möchte Zimmermann zwei spannungsreiche Symbole in Beziehung setzen: die Kuckucksuhr als Zeichen des Mittelschicht-Wohlstands und den Plattenbau, der allzu gerne mit sozialen Brennpunkten gleichgesetzt wird. Damit kehrt Zimmermann zurück zu den Wurzeln des modernen Betonbaus: So entstand z. B. das Londoner Glenkerry House (1979, Ernö Goldfinger) einst für den Durchschnittsbürger, heute bietet es hippes, kaum bezahlbares Wohnen. Seine Serie der Kuckucksuhren hat Zimmermann um Nistkästen für heimische Singvögel erweitert. Der Prototyp, das Modell eines Sozialbaus aus Catania/Sizilien, wurde bereits zügig von einem Meisenpaar besiedelt. Vielleicht waren es die kleinen Satelliten-Schüsseln, welche die neuen Mieter überzeugt haben … (kb, 21.2.17)

Rheinaue Bonn: Denkmal oder nicht?

Bonn, Bundesgartenschau (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F056332-0018 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)
Die Bundesgartenschau 1979 fand in der damaligen Hauptstadt Bonn statt (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F056332-0018 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)

In Bonn soll die Rheinaue unter Denkmalschutz gestellt werden. Die raumgreifende, zur Bundesgartenschau 1979 angelegte Parkanlage am Ufer des Flusses ist laut der Denkmalbehörde des LVR ein historisches Zeugnis der Geschichte der Bundesrepublik und der Entwicklung von Garten- und Landschaftsarchitektur. Während die Bezirksregierung in Köln die Unterschutzstellung befürwortet, stellt sich die Stadt Bonn jedoch quer. Eine denkmalgeschützte Rheinaue könnte den Gebrauchswert des Naherholungsgebiets beeinträchtigen, so die Argumentation des Stadtbaurats.

1979 richtete die damalige Hauptstadt die Bundesgartenschau aus und beauftragte die Landschaftsarchitekten Gottfried Hansjakob und Heinrich Raderschall mit dem Entwurf des Ensembles aus Grünanlagen, Spielplätzen, Radwegen und Seen. Das Areal liegt am Rheinufer und in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Regierungsviertels und steht damit exemplarisch für den Charme des „Bundesdorfes Bonn“. Die Stadt argumentiert dagegen, dass die Auflagen des Denkmalschutzes Open Air-Veranstaltungen wie Rhein in Flammen oder den „Kunst!Rasen“ beeinträchtigen könnten. Dieser Standpunkt ist nach Informationen des Bonner Generalanzeigers aber auch im Stadtrat umstritten; eine Sondersitzung am 2. März soll die Frage nochmals diskutieren. (jr, 20.2.17)

Pläne fürs Bochumer Opel-Gebäude

Bochum, Opelwerk (Bild: Dr. G.Schmitz, CC BY-SA 3.0)
Der Verwaltungsbau des Bochumer Opel-Werks I hat einen neuen Besitzer (Bild: Dr. G. Schmitz, CC BY SA 3.0)

Das im Oktober 1962 eingeweihte Bochumer Opel-Werk I schloss im Dezember 2014 die Pforten. Seither werden die Gebäude auf dem Areal im Stadtteil Laer abgerissen. Ausgenommen ist hiervon das 2015 unter „vorläufigen Denkmalschutz“ gestellte Verwaltungsgebäude. Die für die Verwertung des Opel-Geländes zuständige Gesellschaft „Bochum Perspektive 2022“ hat den Backsteinbau vor einigen Monaten an die Aachener „Landmarken AG“ verkauft. Diese plant nun, ihn zu einem Innovationscenter umzubauen, Projektname: „O-Werk“. Bis es soweit ist, wird allerdings noch einige Zeit verstreichen. Noch sind die Abrissarbeiten und insbesondere die Bodensanierung in der Umgebung nicht abgeschlossen.

Das Bochumer Opel-Werk war Ende der 1950er das größte industrielle Bauvorhaben Europas. Auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Dannenbaum wurden fürs Werk I rund 678.000 Quadratmeter genutzt, im rund 4 Kilometer entfernten Langendreer auf dem Areal der ehemaligen Zeche Bruchstraße weitere 709.000 Quadratmeter für das Werk II. Beide Industrieanlagen werden nun abgerissen. Errichtet hatte Opel das Werk zur Produktionsaufnahme des Kleinwagens Kadett. Den fanden übrigens auch die „Toten Hosen“ ganz gut … (db, 17.2.17)

Das Concordia-Haus verschwindet

Frankfurt/Main, Concordia-Haus Februar 2016 (Bild: D. Bartetzko)
Nicht originell, aber original: das Frankfurter Concordia-Haus aus den 1960ern (Bild: D. Bartetzko)

Der Brutalismus ist in aller Munde, doch im Schatten seines Revivals verschwinden die Zeugen der zurückhaltenden, internationalen Moderne. Nicht jedes Mal stellen diese Abbrüche allzu große Verluste dar. Ein schales Gefühl bleibt jedoch vor allem dann, wenn es sich um gänzlich unveränderte Gebäude der 1960er oder 1970er Jahre handelt – die allen postmodernen Veränderungsdrang überstanden und bis jetzt auch der Dämmwut nicht zum Opfer fielen. In Frankfurt wird demnächst das in den 1960ern eröffnete Concordia-Haus mit seiner Alu-Glas-Fassade abgerissen. Derzeit ist der Bau noch nicht einmal komplett geräumt, doch schon in den nächsten Monaten sollen die Bagger an der Mainzer Landstraße anrollen.

Es handelt sich beim ehemaligen Versicherungssitz sicher um kein Meisterwerk, doch immerhin um einen wohl proportionierten Vertreter des International Style. Und sein originaler Zustand ist im veränderungsstarken Frankfurt eine Rarität. Ein – wenn auch schmaler – Trost ist, dass der Nachfolgerbau von kundiger Hand verantwortet wird. Das entstehende Appartementhaus mit 105 Mikrowohnungen (das den klangvollen Namen „Mona Lisa“ erhält) wird vom Frankfurter Büro Stefan Forster geplant. Dessen an der Klassischen Moderne orientierten Backsteinbauten ragen derzeit aus dem Frankfurter Investoreneinerlei weit heraus. (db, 17.2.17)

Das neue Heft ist da: Vernetzt

Werner Durth nennt sie im mR-Interview die „unterirdische Stadt“, die oft den eigentlichen Reichtum der Moderne darstellt: hier die Berliner Luftschutzanlage im U-Bahnhof Gesundbrunnen (Bild: Frieder Salm)

Es sind die Stiefkinder der Architektur: Straßen, Tunnel und Versorgungsbauten. Dabei ginge ohne die Orte der Infrastruktur (nicht nur) in der modernen Stadt gar nichts. Denn viele dieser Zeugnisse der Moderne sind uns erst aufgefallen, als sie ausgefallen sind. Und nun stellt sich die Frage nach ihrer Erhaltung. Grund genug, diesem verborgenen Nervensystem ein eigenes mR-Themenheft (Redaktion: Julius Reinsberg) zu widmen.

Im Leitartikel zeichnet Dirk van Laak das unsichtbare Nervensystem der Moderne nach, das aus Schienensträngen, Autobahnen, Stromtrassen und Abwassernetzen gebildet wird. Julius Reinsberg braust über die Stadtautobahnen der Republik, die lange Zeit als prestigeträchtige Fortschrittssymbole gehandelt wurden. Benjamin Brendel erklimmt mit dem Staudamm einen trotz seiner Ausmaße selten beachteten Großbau. Elisa Lecointe zeigt auf, wie Adolf Meyer der Stadt Frankfurt mit Funktionsbauten seinen Stempel aufdrückte. Paul Zalewski lädt zum Rundgang ins Hannover der Nachkriegszeit, die wohl autogerechteste Stadt Deutschlands. Im Interview spricht Julius Reinsberg mit dem Architekturhistoriker Werner Durth über die Infrastruktur der unterirdischen Stadt, die nach 1945 oft maßgeblich für den Wiederaufbau war. Im Porträt besucht Daniel Bartetzko den Berliner Rundlokschuppen. Und in der Fotostrecke präsentiert der Verein Berliner Unterwelten e.V. schließlich exklusive Einblicke in den Bauch der Hauptstadt. Hier gehts zum neuen Heft… (db/kb/jr, 13.2.17)

Der Anfang vom Ende eines Dilemmas

AKW Isar (Bild: atomteller.de)
Schon vor dem Abbruch Gegenstand einer post-post-modernen Nostalgie: das AKW Isar auf einem „Atomteller“. Ob es irgendwann auch eine Serie mit Windrädern und Solarzellen gibt? (Bild: atomteller.de)

Um wenige moderne Bauwerke dürfte so viel gestritten, geschrieben und demonstriert worden sein wie um eines wie dieses: das Atomkraftwerk Isar bei Landshut, das 1977/79 ans Netz ging und 1988 um den Block Isar II ergänzt wurde. Als die militärische Nutzung der Atomspaltung schon längst seinen hoffnungsvollen Glanz verloren hatte, kämpften viele für deren „friedliche Nutzung“: Sie sollte günstigen und (*hust*) umweltfreundlichen Strom für alle bringen.

Mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl (1986) setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass diese Energiegewinnung nicht nur gefährlich, sondern auch in ihren Altlasten langlebig sein würde. Also wurde, ebenso leidenschaftlich wie zuvor dafür, gegen die „zivile“ Nutzung der Atomspaltung demonstriert. Nach Fukushima hatte Isar I bereits 2011 seinen Betrieb eingestellt. Nun erhielt der Betreiber Preussen Elektra die Genehmigung zu Stilllegung und Abbau von Isar I. Dieser konkrete Schritt hin zum bundesweiten Atomausstieg dürfte (Langzeitfolgen nicht mitgerechnet) 15 Jahre, 1 Milliarde Euro und (hoffentlich) strenge Sicherheitsvorkehrungen kosten. An die Stelle der Anlage soll eine „grüne Wiese“ treten, Isar II folgt voraussichtlich 2022 als eines der letzten deutschen AKWs. (kb, 10.2.17)