Bücher

Fotoband: Berlin. City Ost

Seine fotografischen Spaziergänge führten ihn immer wieder ins Ostberliner Zentrum: Der 2016 verstorbenen Berliner Fotografen und Journalisten Günter Blutke dokumentierte die tiefgreifende Neugestaltung der „Hauptstadt der DDR“ in den 1960er und 1970er Jahren. Blutke, geboren 1934, war ausgebildeter Journalist, Fotograf und promovierter Kulturwissenschaftler. In der DDR hat er zuletzt als Journalist und Bildreporter bei der Neuen Berliner Illustrierten gearbeitet, später war er als Fotograf und Autor im Bereich Natur/Umwelt tätig.

Der 2016 im be.bra-Verlag erschienene Bildband „Berlin. City Ost“ erzählt in inzwischen historischen Fotografien einiges über das Lebensgefühl und den Alltag der Menschen in diesem Teil der Stadt. Darüber hinaus transportieren Blutkes Lichtbilder ein prägendes Stück Architektur- und Städtebaugeschichte der deutschen Moderne. Sollte die „City Ost“ damals doch auch als Vorzeigeprojekt dienen, um der DDR zur langersehnten internationalen Anerkennung zu verhelfen. (kb, 24.3.17)

Blutke, Günter, Berlin. City Ost. Zwischen Strausberger Platz und Brandenburger Tor, be.bra-Verlag, Berlin 2016, gebunden, 124 Seiten, 95 Fotografien, ISBN: 978-3-8148-0221-3.

Kybernetisch regieren

Mit keinem Wort würdigte Bundeskanzler Helmut Schmidt in seiner Ansprache die Architektur des neuen Bundeskanzleramtes, als ihm im Juli 1976 feierlich die Schlüssel zu diesem Neubau überreicht wurden. Nicht nur Schmidt konnte den Neubau nicht leiden, der da neben dem altehrwürdigen Palais Schaumburg errichtet worden war. So erlangte der von ihm geprägte Spottname von der zu groß geratenen „rheinischen Sparkasse“ bald größere Bekanntheit als der Bau selbst.

Die Planer unter Amtsvorgänger Willy Brandt hatten ein ambitioniertes Gebäude neuen Typs entwickeln wollen, das auf funktionaler Ebene die Arbeitsweise des Amtes revolutionieren sollte. Schon die teamorientierten Arbeitsformen, die bei der Planung zum Einsatz kamen, sollten die angestrebte administrative Zukunft abbilden. So wirft die Rekonstruktion der Planungs- und Baugeschichte ein Schlaglicht auf die Bundesrepublik der 1960er Jahre, als sozialwissenschaftlich geprägte Theorieangebote Architektur und Politik gleichermaßen beeinflussten. Die Veranstaltung findet 19:30 Uhr im Saal des Hauses der Geschichte Bonn statt. Buchpräsentation „Kybernetisch regieren“ am 30. März 2017. Vorstellung der Publikation von Merle Ziegler und anschließende Podiumsdiskussion. (kb, 21.3.17)

Ziegler, Merle, Kybernetisch regieren. Architektur des Bonner Bundeskanzleramtes 1969–1976 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien; Band 172, Reihe Parlament und Öffentlichkeit 6), Droste-Verlag, Düsseldorf 2016,
396 Seiten, Klappenbroschur, ISBN 978-3-7700-5331-5.

Die Schönheit des Alltäglichen

Was macht eine Stadt aus? Eine neue Publikation bietet eine vielseitige Antwort, zumindest für eine deutsche Großstadt. Unter dem Titel „Berlin – die Schönheit des Alltäglichen“ ist aktuell im Jovis-Verlag ein Stadtführer der anderen Art: Er führt nicht zu den bekannten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt, sondern lenkt den Blick auf die Alltagsästhetik der Stadtlandschaft.

Der Herausgeber Frank Peter Jäger beschreibt gemeinsam mit Co-Autoren wie Verena Pfeiffer-Kloss oder Carsten Horn (um nur einige wenige zu nennen) die Details der von Zeit und Geschichte geprägten Bauten und Materialien: die Gestaltungsphasen der U-Bahn-Interieurs, die strenge Klarheit der Berliner Straßen und das Mietshaus als kleinste Einheit des Urbanen, dessen scheinbar uniformer Typus sich aus der Nähe als erstaunlich vielseitig erweist. Die Beiträge des Buches widmen sich diesen Alltagsarchitekturen, die letztlich die Identität und das Gesicht der Stadt prägen und die es zu bewahren gilt. Zahlreiche Fotografien entführen in die Bilderwelt Berlins und ermuntern dazu, das Phänomen des städtischen Raums und seiner Zeitschichten auf eigene Faust zu erkunden. (kb, 19.3.17)

Jäger, Frank Peter (Hg.). Berlin – Die Schönheit des Alltäglichen. Urbane Textur einer Großstadt, Jovis-Verlag, Berlin 2017, Hardcover, 17 x 24 cm, 192 Seiten, ISBN 978-3-86859-380-8.

Paul Böhm – Bauten und Projekte

Köln, Zentralmoschee (Bild: Raimond Spekking, CC BY-SA)
Köln, Zentralmoschee (Bild: Raimond Spekking, CC BY SA 4.0)

Mit der Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union in Köln-Ehrenfeld entstand eines der meist diskutierten Gebäude der letzten Jahre in Deutschland. Paul Böhm, jüngster Sohn des Pritzker-Preisträgers Gottfried Böhm und Enkel des (nicht nur) Kirchbaumeisters Dominikus Böhm, hat den Typus der osmanischen Moschee in die Moderne überführt. Kuppel und Minarett dienen der türkisch-islamischen Kulturgemeinschaft als Identifikationsmerkmale. Zugleich öffnet sich der in einzelne Segmente aufgebrochene Schalenbau. Tagungssäle, Gemeinschaftsräume, Basar, Bibliothek und Museum bilden einen Komplex, der Rückbindung an das Herkunftsland, Integration in die neue Heimat und Gesprächsangebote an seine Umgebung vermitteln soll.

Für Paul Böhm, geboren 1959, Lehrer für Entwurf und Konstruktion an der TH Köln, stellt die Moschee die vorläufige Krönung seines Werks dar. Es umfasst eine Fülle anregender Projekte und ausgeführter Bauwerke, darunter Gebäude für Kultur, Hochschule, Verwaltung und Wohnen. Bei einem Architekten, der einer Familie von Kirchenbauern entstammt, nimmt es nicht wunder, dass sich darunter auch ein eindrucksvoller Sakralbau befindet. St. Theodor in Köln-Vingst ist ein Zentralbau von meditativer Geschlossenheit und zugleich weiter Öffnung in einem sozialschwierigen Stadtteil. (db, 15.3.17)

Pehnt, Wolfgang, Paul Böhm – Buildings and Projects/Bauten und Projekte, Edition Axel Menges, Stuttgart 2017, 144 Seiten, 191 Abbildungen, 24,2 x 29,8 cm, Hardcover, deutsch/englisch, ISBN 978-3-936681-85-7.

Moderne Moscheen

Nidda/Hessen, Bait-ul-Aman-Moschee (Bild: Ceddyfresse, CC0)
Nidda/Hessen, Bait-ul-Aman-Moschee (Bild: Ceddyfresse, CC0)

Das Spektrum reicht von der kaum als solchen erkennbaren Hinterhofmoschee über charmante Vorstadtmoschee mit Baumarkt-Minarett bis zu zeichenhaften Großprojekten wie der Kölner DITIB-Zentralmoschee. Dieser aufregenden Baugattung widmet sich der Berliner Kunsthistoriker und Journalist Christian Welzbacher in seinem neuen Buch „Europas Moscheen. Islamische Architektur im Aufbruch“.

Darin stellt er Fragen wie: Sind Kuppel und Minarett, die in die europäischen Vorstädte entrückt werden, Symbole der Desintegration? Oder hat sich in den letzten Jahrzehnten ein eigenständiger, zeitgemäß-europäischer Moscheenbau etabliert? Kann etwa das Islamische Forum in der oberbayerischen Kleinstadt Penzberg als allgemeingültiges Zeichen der Emanzipation gedeutet werden? Mit seinem Essayband verknüpft Welzbach so breitgefächerte Themen wie Baukunst und Gesellschaft, Politik und Form, Repräsentation und Symbolik. Es stellt Projekte und Protagonisten, Diskurse und Zusammenhänge vor und fordert auch Beteiligung ein. Denn die neuen europäischen Moscheen zeigen auf unmissverständliche Weise, dass sich nicht nur die Architektur, sondern auch die Gesellschaft im Aufbruch befindet. (kb, 11.3.17)

Welzbacher, Christian, Europas Moscheen. Islamische Architektur im Aufbruch, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2017, ca. 128 Seiten, 50 Abbildungen, 15 x 20 cm, Klappenbroschur, ISBN: 978-3-422-07391-3.

Jüdisches Bauen nach 1945

Juedisches Bauen (Bild: Neofelis Verlag)
Jüdisches Bauen (Bild: Neofelis Verlag)

Der Wiederaufbau kriegszerstörter deutscher Städte ist in den letzten Jahren von der Forschung ebenso ausführlich in den Blick genommen worden wie die spezifischen Bauaufgaben der Nachkriegsmoderne und ihre prominenten Vertreter. Eine Ausnahme bildet das jüdische Bauen. Wie konnte jüdisches Lebens in Deutschland nach der Shoah baulich repräsentiert werden? Welche Architekten widmeten sich diesem Aufgabenfeld und wie groß war ihr planerischer Spielraum? Alexandra Klei geht diesen Fragen in ihrer jüngst erschienenen Untersuchung am Beispiel des Architekten Hermann Zvi Guttmann nach.

Guttmann wurde 1917 in Bielitz (heute Bielsko-Biala, Polen) geboren und war ein entscheidender Akteur bei der Etablierung jüdischen Lebens in Nachkriegsdeutschland. Nach seinem Studium in München lebte er ab Anfang der 1950er Jahre in Frankfurt am Main. Sein Werk umfasst unter anderem Synagogen, Gemeindezentren, Altenheime und Jugendräume, zum Beispiel in Düsseldorf, Offenbach am Main, Osnabrück oder Hannover. Die Studie bettet das jüdische Bauen in den Kontext des deutschen Wiederaufbaus ein und liefert damit Einblicke in ein bislang kaum erforschtes Gebiet der Nachkriegsmoderne. (jr, 8.3.17)

Klei, Alexandra, Jüdisches Bauen in Nachkriegsdeutschland. Der Architekt Hermann Zvi Guttmann, Neofelis Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-95808-116-1.

Stadtplanung für die Welt?

Im vergangenen Jahrhundert entwickelten grenzübergreifende Expertennetzwerke „wissenschaftsbasierte Ordnungskonzepte“, die gesellschaftliche Probleme planerisch lösen sollten. Dabei besaßen solche Zusammenschlüsse keine Sanktionsmittel, um ihre großen Ideen im Kleinen durchzusetzen. Zudem waren diese Netzwerke anfällig für fachliche und politische Konflikte. Doch wie konnten sie trotzdem funktionieren? Welchen Beitrag lieferten sie für die Verbreitung ihrer Konzepte?

In seiner 2016 beim Vandenhoeck-Ruprecht-Verlag veröffentlichen Publikation „Stadtplanung für die Welt“ untersucht der Berliner Historiker Philipp Wagner diese Fragen am Beispiel der International Federation for Housing and Town Planning (IFHTP). War dieser stadtplanerische Zusammenschluss doch das größte moderne Netzwerk seiner Art. Entlang der Aktivitäten des IFHTP legt Wagner dar, dass die Vertreter derartiger Expertenverbände unterschiedliche Internationalisierungspraktiken entwickelten und damit ihre Forderungen zum Allgemeingut machen wollten. Für seine mit diesem Buch vorgelegte Promotion wurde Wagner 2016 mit dem Nachwuchspreis der Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung ausgezeichnet. (kb, 5.3.17)

Wagner, Philipp, Stadtplanung für die Welt? Internationales Expertenwissen 1900–1960 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 220), Vandenhoeck-Ruprecht-Verlag, Kornwestheim 2016, gebunden, 400 Seiten, 22 Abbildungen, ISBN: 978-3-525-37044-5.