Bücher

Practicing Utopia

Practicing Utopia (Bild University of Chicago Press)
Practicing Utopia (Bild; University of Chicago Press)

In den 1950er Jahren schossen abseits der Metropolen neue Planstädte wie Pilze aus dem Boden. Dies galt nicht nur für das kriegszerstörte Europa, sondern auch für Asien, Amerika und das postkoloniale Afrika. In Großbritannien machte man in den New Towns die Lösung der Wohnraumproblematik aus, im gerade unabhängig gewordenen Indien entwarf man mit Candigarh am Reißbrett eine neue Provinzhauptstadt, in Kanada errichtete eine Minengesellschaft mit Kitimat ihre Idealstadt. Eine jüngst erschienen Monographie von Rosemary Wakeman untersucht die neuen Städte der Nachkriegsjahrzehnte erstmals als weltweites Phänomen.

Die Studie begreift die Globalgeschichte der New Towns als „Intellectual History“. Einem transnationalen Ansatz folgend untersucht sie gesellschaftspolitische und städtebauliche Konzepte und Debatten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Dekolonialisierung. Der Untersuchungszeitraum reicht von den Gartenstädten der 1920er bis zur Modernekritik in den 1970er Jahren, die mit der Fortschrittsgläubigkeit der Experten und Politiker hart ins Gericht ging. Die prinzipielle Faszination der Neuanlage von Städten auf der grünen Wiese blieb von dieser Kritik jedoch unberührt, wie auch das Fazit richtig feststellt. (jr, 22.2.17)

Wakeman, Rosemary, Practicing Utopia. An Intellectual History of the NewTown Movement, University of Chicago Press, Chicago 2016, ISBN9780226346038.

Urban Memory Berlin

Allen Orten, die einem ständigen Wandel unterliegen, wohnt das Vergessen inne. Und trotzdem, oder gerade deshalb, werden in solchen städtischen Räume mit besonderer Leidenschaft Musen und Archive unterhalten, die „Schlüsselstücke“ des vergangenen Kultur-, Politik- und Wirtschaftslebens zu bewahren suchen. Diesem Phänomen folgt das 2016 erschienene Buch „Urban Memory and Visual Culture in Berlin“ von Simon Ward am Beispiel von Berlin in den Jahren 1957 bis 2012.

Die Leitfrage der Publikation ist es, wie Berlin die Herausforderungen angenommen hat, in Zeiten eines rasch wandelnden politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt gebauten Umfelds weiter eine lebendige Erinnerungskultur zu pflegen. Damit folgt das Buch der These, dass gerade die Wiederentdeckung, die neue Erfahrung der Zeit zentral ist für die Formen des Erinnerns im heutigen Berlin. Der Verfasser, Dr. Simon Ward, lehrt deutsche Literatur und visuelle Kultur an der School of Modern Languages an der Universität von Durham – und bietet mit seiner in Englisch verfassten Publikation den „fremden Blick“ auf eine uns (fast) noch vertraute städtische Kulturlandschaft. (kb, 19.2.17)

Ward, Simon, Urban Memory and Visual Culture in Berlin. Framing the Asynchronous City. 1957-2012, Amsterdam University Press, Amsterdam 2016, 212 Seiten, ISBN: 9789089648532.

Das neue Heft ist da: Vernetzt

Werner Durth nennt sie im mR-Interview die „unterirdische Stadt“, die oft den eigentlichen Reichtum der Moderne darstellt: hier die Berliner Luftschutzanlage im U-Bahnhof Gesundbrunnen (Bild: Frieder Salm)

Es sind die Stiefkinder der Architektur: Straßen, Tunnel und Versorgungsbauten. Dabei ginge ohne die Orte der Infrastruktur (nicht nur) in der modernen Stadt gar nichts. Denn viele dieser Zeugnisse der Moderne sind uns erst aufgefallen, als sie ausgefallen sind. Und nun stellt sich die Frage nach ihrer Erhaltung. Grund genug, diesem verborgenen Nervensystem ein eigenes mR-Themenheft (Redaktion: Julius Reinsberg) zu widmen.

Im Leitartikel zeichnet Dirk van Laak das unsichtbare Nervensystem der Moderne nach, das aus Schienensträngen, Autobahnen, Stromtrassen und Abwassernetzen gebildet wird. Julius Reinsberg braust über die Stadtautobahnen der Republik, die lange Zeit als prestigeträchtige Fortschrittssymbole gehandelt wurden. Benjamin Brendel erklimmt mit dem Staudamm einen trotz seiner Ausmaße selten beachteten Großbau. Elisa Lecointe zeigt auf, wie Adolf Meyer der Stadt Frankfurt mit Funktionsbauten seinen Stempel aufdrückte. Paul Zalewski lädt zum Rundgang ins Hannover der Nachkriegszeit, die wohl autogerechteste Stadt Deutschlands. Im Interview spricht Julius Reinsberg mit dem Architekturhistoriker Werner Durth über die Infrastruktur der unterirdischen Stadt, die nach 1945 oft maßgeblich für den Wiederaufbau war. Im Porträt besucht Daniel Bartetzko den Berliner Rundlokschuppen. Und in der Fotostrecke präsentiert der Verein Berliner Unterwelten e.V. schließlich exklusive Einblicke in den Bauch der Hauptstadt. Hier gehts zum neuen Heft… (db/kb/jr, 13.2.17)

Bruno Flierl zum Neunzigsten

Flierl: Architekturtheorie (Bild: DOM publishers)
Ein Sammelband zum 90. (Bild: DOM publishers)

Bruno Flierl ist nicht nur Freunden der Ostmoderne ein Begriff. Der Architekt, Bauhistoriker, Architekturkritiker und -theoretiker prägte nach der Wiedervereinigung die Debatte um die bauliche Gestaltung Berlins wie kein Zweiter. Öffentlichkeitswirksam zeigte er den Wert von DDR-Architektur auf, die besonders in den 1990ern einen schweren Stand hatte. Zu seinem 90. Geburtstag erscheint bei DOM publishers nun ein Sammelband mit Aufsätzen Flierls aus sechs Jahrzehnten.

Bruno Flierl wurde 1927 geboren und studierte nach dem Krieg Architektur. In den 1950er Jahren begann er eine wissenschaftliche Tätigkeit an der neu gegründeten Bauakademie der DDR in Ost-Berlin. In den folgenden Jahren prägte er den Diskurs über Architektur und Städtebau des Landes unter anderem als Chefredakteur der Zeitschrift Architektur der DDR, Dozent an der Humboldt-Uni und aktives Mitglied des ostdeutschen BdA. Nach der Wiedervereinigung arbeitete er in der internationalen Expertenkommission Historische Mitte Berlins. Der Band versammelt historische Texte aus allen Lebensabschnitten Flierls und stellt ihnen jeweils ein aktuelles Vorwort des Jubilars voran. (jr, 9.2.17)

Flierl, Bruno, Architekturtheorie und Architekturkritik. Texte aus sechs Jahrzehnten, DOM publishers, Berlin 2017, 224 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-86922-585-2.

Die späte Moderne

Die Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird gegenwärtig von unterschiedlichen Fachbereichen auf den Kopf gestellt. Doch um den Ertrag dieses wissenschaftlichen Feuerwerks sichtbar machen zu können, müssen die unterschiedlichen Zugänge und Quellen miteinander in Beziehung gebracht werden. Diesem Ziel sah sich im Juni 2016 der Berliner Workshop „BetonSalon“ verpflichtet. Mit seiner vor wenigen Tagen erschienenen Publikation werden diese Ergebnisse nun einem breiteren Publikum vorgestellt.

Im Mittelpunkt der Beiträge steht zunächst die Architekturdebatte nach 1945, angestoßen durch den Internationalen Architektenkongress CIAM sowie den französischen Architekten Claude Parent. Anschließend widmen sich die Autoren ausgewählte Architekten und Bauten. Mit Beiträgen zur Denkmalpflege in der DDR wird u. a. die Historizität in der dortigen Architektur der 1980er Jahre hinterfragt. Darüber hinaus geht es um den heutigen Umgang mit deutschen Großwohnsiedlungen, die zwischen 1945 und 1990 in Ost und West entstanden sind. Nicht zuletzt wird die mediale Präsentation von Architektur untersucht – von den „Manifesten“ der Architekten selbst bis zu den Darstellungen in Bauzeitschriften und Tageszeitungen. (kb, 5.2.17)

Tino Mager/Bianka Trötschel-Daniels (Hg.), BetonSalon. Neue Positionen zur späten Moderne, Neoflis-Verlag, Berlin 2017, 320 Seiten, Softcover, 15 x 21 cm, ISBN (Print) 978-3-95808-130-7, ISBN (PDF) 978-3-95808-181-9.

Lost Futures

Als vor einigen Jahren die Welle der Brutalismus-Begeisterung von England nach Deutschland schwappte, hatte dies nicht nur den Grund in der dortigen reichen Moderne-Landschaft. Die Neubewertung ging auch mit der Erfahrung des raschen Verlustes einher. Eine neue Publikation will nun dieser in weiten Teilen verschwindenden oder vom Verlust bedrohten Bauepoche zwischen 1945 und 1975 ein kleines Denkmal setzen.

Der fortschritszugewandter sozialer Ethos dieser Jahre scheint heute so manchem Stadtplaner und Architekten obsolet geworden. Doch haben sich der Architekturhistoriker und Kurator Owen Hopkins und verschiedene Fotografen zusammengetan, um viele dieser Bauten zu dokumentieren, in ihrer architektonischen Gestaltung und Design-Ausstattung nachzuzeichnen und damit ihre einstigen Ideale ebenso nachzuzeichnen wie die Gründe für ihren (möglichen) Verlust. Das Buch „Lost Futures“ umfasst damit viele Bauten vom Wohnungs- bis zum Industriebau, von Einkaufszentren bis zu Energieversorgungsbauten, von heute ikonisch verehrten bis zu Unrecht vergessenen Architekten. (kb, 2.2.17)

Londons U-Bahn-Modernismus

Weber: Modernismus (BIld: Mann-Verlag)
Die U-Bahnhöfe von London repräsentieren eine spezifische englische Moderne (Bild: Gebrüder-Mann-Verlag)

Die Entwicklung der Metros und U-Bahnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war von  transnationalem Austausch der beteiligten Experten geprägt. Erfahrungen mit unterschiedlichen Tunnelkonstruktionen und Baupraktiken wurden länderübergreifend rezipiert. Eine der meistbeachteten U-Bahnen der Welt war und ist die London Underground. Gerade in ihrer sichtbaren Architektur entwickelte sie bis 1933 eine spezifische Ästhetik, wie eine jüngst erschienene Monographie von Ulrike Weber herausstellt.

Die Londoner U-Bahnhöfe zeigen demnach eine bewusste nationale Abgrenzung gegenüber dem Internationalen Stil: In Stahlbeton errichtet und mit Backstein verkleidet, verbanden sie englische Traditionen mit hochmodernen Baukonstruktionen. Bei der Genese dieser Formensprache spielte jedoch auch der Architekturtransfer mit dem Kontinent und besonders dem Deutschen Reich eine Rolle. Die Aktivitäten des Deutschen Werkbundes stießen im Vereinten Königreich auf großes Interesse, mit der DIA (Design and Industries Association) wurde 1915 ein britisches Gegenstück geschaffen. Die Dissertation analysiert diesen Austausch und den spezifisch englischen Modernismus der Londoner Metro erstmals umfassend nach architekturtheoretischen und -historischen Gesichtspunkten. (jr, 28.1.17)

Weber, Ulrike, Modernism in England. Londoner U-Bahnhöfe und der deutsch-englische Architekturtransfer vor 1933, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-7861-2745-1.