Bücher

Spätkoloniale Moderne

Spätkoloniale Moderne (Bild: Birkhäuser Verlag)

Le Corbusier, Ernst May und Frank Lloyd Wright – sie alle verbindet der Weltruhm in der klassischen Moderne. Ihre Bauprojekte in Europa und Nordamerika begeisterten Zeitgenossen wie Spätgeborene. Für die jüngst erschienene Monographie von Regina Göckede ist dies jedoch eher zweitrangig. Sie nimmt stattdessen die oft kaum bekannte Tätigkeit der Architekten in den ehemaligen Kolonien Europas in den Blick.

So plante die französische Regierung in den 1930er Jahren, Algier zu einer modernen Metropole nach europäischen Maßgaben zu transformieren, einer „Hauptstadt des französischen Afrikas“. Le Corbusier befasste sich hierfür fast zehn Jahre mit städtebaulichen Entwürfen. Auch Ernst May, seit 1934 Emigrant in Ostafrika, suchte die koloniale Idealstadt. Mitte der 1940er Jahre plante er für die britische Kolonialverwaltung eine Erweiterung für Ugandas Hauptstadt Kampala. Frank Lloyd Wright schließlich entdeckte Bagdad als Schaffensfeld. Der Band stellt die Arbeit dreier Modernisten in Afrika bzw. dem Nahen Osten vor. Dabei dekonstruiert er jedoch den Mythos einer per se moralisch integren Moderne. Neben Bauten und Planungen werden auch die Entstehungsbedingungen beleuchtet, die Verflechtungen mit den imperialen Bestrebungen der europäischen Kolonialmächte offenbaren. Lesenswert! (jr, 8.1.17)

Göckede, Regina, Spätkoloniale Moderne. Le Corbusier, Ernst May, Frank Lloyd Wright. The Architects Collaborative und die Globalisierung der Architekturmoderne, Birkhäuser Verlag, Basel 2016, ISBN 978-3-03821-123-5.

mR macht Weihnachtspause

Bonn im Dezember 1972: VW-Käfer mit Weihnachtsbaum im Gepäck (Foto: Sonal Mehmet, Bild: Bundesarchiv Bild F038543-0006A, CC BY SA 3.0)
Wir sind dann mal weg: VW-Käferfahrer transportiert bei Bonn im Dezember 1972 seinen Weihnachtsbaum (Foto: Sonal Mehmet, Bild: Bundesarchiv Bild F038543-0006A, CC BY SA 3.0)

Wir gehen fest davon aus, dass Sie ab heute für einige Tage Besseres zu tun haben, als sich durch Meldungen zur Nachkriegsmoderne zu klicken. Wir jedenfalls haben es – und machen daher die inzwischen traditionelle mR-Weihnachts-Neujahr-Pause bis einschließlich zum 6. Januar 2017.

Wir wünschen unseren Lesern und Sympathisanten, Autoren, Fotografen und Unterstützern erholsame Feiertage und einen rauschenden Start ins Neue Jahr! Uns finden Sie hier wieder ab dem 7. Januar 2017 in gewohnter Frische …

Wer wohnt in weißen Würfeln?

Jetzt bereitet sich das Bauhaus schon auf seinen 100. Geburtstag vor und in vielen Kinderbüchern sehen die Häuser immer noch so aus, als hätte es die stilistische Revolution von Dessau nie gegeben. Gegen den Terror des Satteldachs gibt es jetzt neuen Lesestoff für Kinder: Ingolf Kern, Jutta Stein und Kitty Kahane (Illustrationen) haben sich im Auftrag der Stiftung Bauhaus Dessau zusammengetan, um dem Nachwuchs die Architekturmoderne näherzubringen.

In ihrem neuen Bilderbuch „Wer wohnt in weißen Würfeln?“ – Nachfolger der eher als Sachbuch aufgebauten Publikation „Was ist das Bauhaus?“ – sind die Kinder Lotte und Max mit ihrem Vater zu Besuch im Bauhaus Dessau. Dort lernen sie Titus kennen, der sie auf eine Zeitreise mitnimmt ins Jahr 1927. Dort begegnen sie Kandinsky, Paul Klee und Walter Gropius, die in den besagten „Würfelhäusern“ wohnen Häusern wohnen. Lotte und Max experimentieren in der Dunkelkammer mit den Feininger-Brüdern, feiern mit den Bauhäuslern ein Kostümfest und spielen Zirkus. Und auch Klees Katze wird noch eine entscheidende Rolle spielen … (kb, 23.12.16)

Stein, Jutta/Kern, Ingolf/Kahane, Kitty (Bearb.) Wer wohnt in weißen Würfeln. So lebten die Bauhaus-Meister in Dessau, hg von der Stiftung Bauhaus Dessau, gebunden, 56 Seiten, komplett illustriert, ISBN 978-3-86502-385-8.

Das mR-Jahreshoroskop: So wird 2017!

Feuerzangenbowle (Bild: Wikipedia, Tobias Klenze, CC BY SA 4.0)
2017 geht es bei uns – auch – ums Essen und Trinken (Bild: Feuerzangenbowle, Wikipedia, Tobias Klenze, CC BY SA 4.0)

Der Nachkriegsmoderne steht ein weiteres bewegtes Jahr bevor. Bei moderneREGIONAL haben wir uns für 2017 wieder vier Themenhefte vorgenommen: Im Februar steht das Winterheft unter dem Schwerpunkt „Infrastruktur“ (Redaktion: J. Reinsberg), im Frühjahrsheft „Verdämmt und zugenäht“ (Redaktion: D. Bartetzko) widmen sich die Beiträge dem Umgang mit modernen Wandoberflächen. Für den Sommer besuchen unsere Autoren für das Heft „Käseigel“ (Redaktion: K. Berkemann) Orte des Essens und Trinkens, vom Restaurant über die Kantine bis zur Lebensmittelproduktion. Und nicht zuletzt haben wir uns für den Herbst eine/n Externe/n für ein „Kooperationsheft“ dazugebeten – wird gut und noch nicht verraten!

Bei moderneREGIONAL war 2016 von den ersten Schritten aus dem Digitalen ins Analoge geprägt: Im November stellten wir unser Fotospezial „Generation Beton“ auf der Denkmal-Messe in Leipzig vor. Für 2017 gehen die Vorbereitung zur ersten realen mR-Ausstellung weiter mit großen Schritten voran: „Klebhäuser“, zum Modellbau als Spiegel, Freiraum und Inspiration der Nachkriegsmoderne. Und das Moderne-Horoskop 2017? Wir sehen Abrisse und Sanierungen, ein zunehmendes Ergrauen der Betonoberflächen und der digitale Blätterwald orakelt: Der Brutalismus ist der Trend der Zukunft! Oder der Modernismus. Oder der Postmodernismus. (db/kb/jr, 19.12.16)

Große Pläne für Kassel

Große Pläne für Kassel (Bild: Schüren-Verlag)
Folckert Lüken-Isberner, der Autor von „Große Pläne für Kassel“, berichtete für mR schon über die Treppenstraße (Bild: Schüren-Verlag)

Die Stadtplanung Kassels verbindet man meist mit den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dem ambitionierten Wiederaufbau. Doch bereits lange vor den Bombardements existierten Pläne zur grundlegenden Umgestaltung der nordhessischen Großstadt. Der jüngst erschienene Band „Große Pläne für Kassel“ versammelt städtebauliche Utopien und Projekte für Kassel von der Zwischenkriegszeit bis zur Gründung der Bundesrepublik. Auf Grundlage wissenschaftlich bislang noch nicht ausgewerteter Quellen rekonstruiert er am Beispiel Kassel unterschiedliche Spielarten moderner Stadtplanung.

In den 1920er Jahren orientierte sich die Stadt an den Metropolenplanungen Europas. Die Städtebauer träumten von einem überregional bedeutsamen „Groß-Kassel“.  Während der NS-Herrschaft sollte Kassel dagegen zur mustergültigen Gauhauptstadt transformiert werden. Nach den ersten Bombardements entstanden bis 1949 verschiedene Konzepte für den Wiederaufbau. Fast allen Entwürfen gemein ist die Absicht des radikalen Neuaufbaus. Die historische Bebauung und der tradierte Stadtgrundriss fanden darin kaum Berücksichtigung. Die Begründungen für die Radikalität der Planungen variierten mit den politischen Rahmenbedingungen und reichten von der paneuropäischen, über die luftschutzgerechte bis zur modernen Stadt im technisch-funktionalen Sinne. (jr, 18.12.16)

Lüken-Isberner, Folckert, Große Pläne für Kassel. 1919 bis 1949. Projekte zu Stadtentwicklung und Städtebau, Schüren Verlag, Marburg 2016, 272 Seiten, 240 x 290 mm, ISBN 978-3-89472-297-5.

Baukunst und Nationalsozialismus

baukunst_und_nationalsozialismus_bild_dom_publishersDer Band „Baukunst und Nationalsozialismus“ thematisiert ein unbequemes Kapitel deutscher Geschichte. Während Deutschland Krieg führte, wurde die Ausstellung „Neue Deutsche Baukunst zwischen 1940 und 1943“ in mehreren europäischen Großstädten mit großem Erfolg gezeigt. Die aufwendige Schau demonstrierte einen selbstbewussten Machtanspruch: Das nationalsozialistische Deutschland reklamierte damit im Rahmen einer Kulturkampagne seine Führung in Europa. Es unterstrich, erst der Nationalsozialismus habe einen Neuanfang in Architektur und Stadt möglich gemacht.

Diese erste umfassende Leistungsbilanz sollte zugleich Vorbildliches für das zukünftige Bauen zeigen. Die Ausstellung war für die vorliegende Studie der Auslöser. Anhand umfangreicher, bislang unveröffentlichter Materialien zeichnen die Autoren Jörn Düwel und Niels Gutschow die unmittelbare Entstehungs- und Wirkungsgeschichte nach. Sie beschreiben die Akteure und geben dem Thema selbst Raum: Was verstand man unter neuer deutscher Baukunst? Auf welche Vorbilder berief man sich, was waren die Ziele? Inwieweit waren Texte und das gesprochene Wort mit den architektonischen Entwürfen vereinbar? (kb, 16.12.16)

Düwel, Jörn/Gutschow, Niels, Baukunst und Nationalsozialismus. Demonstration von Macht in Europa 1940-1943. Die Ausstellung Neue Deutsche Baukunst von Rudolf Wolters, Dom Publishers, Berlin 2015, Softcover, 21 × 23 cm, 480 Seiten, 270 Abbildungen, ISBN 978-3-86922-026-0.

Szenarien der Moderne

Vorbei die Zeiten, als Architektur im Osten in Kollektiven organisiert wurde. Vorbei? Nicht ganz, in Weimar hat sich eine tapfere Gruppe aufstrebender (Bau-)Kunstwissenschaftler zusammengefunden, um als Herausgeberkollektiv die E-Publikation „Szenarien der Modern“ als Festgabe für den Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Prof. Hans-Rudolf Meier zu gestalten. Mit von der kollektiven Partie sind Kirsten Angermann, Simone Bogner, Eva von Engelberg-Dockal, Iris Engelmann, Mark Escherich, Katja Hasche, Torben Kiepke, Daniela Spiegel, Kerstin Vogel und Johannes Warda.

Den Titel wollen sie so verstanden wissen: „Allein die Frage, was modern sei, oder wann die Moderne begann, lässt sich nicht eindeutig beantworten.“ Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts habe man die Moderne hauptsächlich ästhetisch verstanden. Spätestens die Postmoderne ließ lange „als antimoderne Rückfälle“ (G. Weckerlin) beschriebene Strömungen, von der Heimatschutzarchitektur bis zur Monumentalbaukunst im Nationalsozialismus, in einer erweiterten Sichtweise gelten. Für die zweite Jahrhunderthälfte spricht man von Nachkriegsmoderne, Spätmoderne und Postmoderne, in manchen osteuropäischen von Ostmoderne oder Sozmoderne. Das vorliegende Heft begibt sich daher auf Spurensuche nach verschiedenen Szenarien der Moderne ab, die ganz bewusst abseits der breiten Pfade verläuft. Und, man wagt es kaum zu sagen, das Ganze ist gratis online abrufbar! (kb, 14.12.16)

„Haltung zeigen“

Köln, Zentralbibliothek (© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))
Eines von vielen Beispielen für das Bauen im nachkriegsmodernen Bestand: die Kölner Zentralbibliothek (© Raimond Spekking/CC BY SA 4.0 (via Wikimedia Commons))

Der BDA Nordrhein-Westfalen (NRW) hat sich der Nachkriegsmoderne angenommen und nach einem Symposium mit anschließender inhaltlicher Auseinandersetzung auf Landesebene nun ein Positionspapier veröffentlicht: „Bestand braucht Haltung“. Erklärtes Ziel ist für den BDA NRW, „vor dem Hintergrund des Klimawandels und des Gebots der Ressourcenschonung einerseits und des Ziels, die Identität und (städte)bauliche Qualität unserer Städte zu stärken“.

Mit Blick auf die Nachkriegsmoderne wird ein Dreischritt empfohlen: Zunächst geht es um die Kategorie „Denkmalschutz“. Hier erfordere der „nahezu vollständige Baubestand der Nachkriegsjahrzehnte eine stärkere Selektion der für einen Denkmalschutz in Frage kommenden Objekte gegenüber früheren Bauepochen, bei denen bereits […] eine starke Bestandsreduktion vorgenommen worden war.“ Als zweite, weiter gefasste Kategorie schlägt man „besonders erhaltenswerten Bauten“ vor. Und in einem dritten Schritt geht es um Objekte ohne „besondere gestalterische oder sonstige baukulturelle Qualitäten“. Entsprechend wären dann auch die Spielräume für den architektonischen Umgang bis zu Stufe 3 immer großzügiger zu gestalten. Für alle Bauten müsse die staatliche Förderung z. B. bei der energetischen Sanierung verstärkt auch den baukulturellen Blickwinkel einbeziehen. Denn zumeist sei die Sanierung auch ökonomisch einem Neubau vorzuziehen. (kb, 13.12.16)

Bonn: Rundgang durchs Juridicum

Juridicum Bonn (Bild: Werkstatt Baukultur Bonn)
Im Fokus: das Juridicum Bonn (Bild: Werkstatt Baukultur Bonn)

Bonn veränderte seine bauliche Gestalt nach 1949 grundlegend. Nicht nur die vom Bund errichteten Ämter und Ministerien sollten die Modernität der jungen Hauptstadt unterstreichen. Auch die Neubauten der Universität folgten diesem Anspruch. Ein Beispiel ist das 1967 fertiggestellte Juridicum. Der Gebäudekomplex säumt mit der nahen Universitätsbibliothek die zentrale Magistrale auf dem Weg ins Regierungsviertel. Ein neuer Architekturführer der WERKSTATT Baukultur Bonn nimmt das unterschätzte Juwel der Nachkriegsmoderne in den Blick.

Der strenge Bau ist funktional klar untergliedert, Lehre und Forschung sind räumlich und visuell voneinander getrennt. Während die juristischen Vorlesungen im flachen Mitteltrakt stattfanden, waren Bibliotheken und Büros der Wissenschaftler in zwei flankierende Türme ausgelagert. Zentraler Blickfang ist ein von Victor Vasarely gestaltetes Fassadenmosaik. Wie der ganze Baukomplex harrt es der Sanierung – vielleicht ist dieser schöne Architekturführer ja ein Weckruf? Es ist bereits der sechste seiner Art, die Vorgängerbände porträtierten unter anderem die Beethovenhalle, das Stadthaus und das Victoriabad. (jr, 12.12.16)

Werkstatt Baukultur Bonn (Hg.), Juridicum. Architekturführer, Bonn 2016, 48 Seiten, ISSN 2196-5757.

 

Was man draus macht …

the_brutalist_colouring_bookWenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, träumen wir wohl alle davon, wieder etwas Farbe in unseren Alltag zu bringen. Warum also nicht einmal wieder die Buntstifte auspacken und eine Malvorlage in ein warmes Stein- oder ein sattes Aschgrau zu tauchen?

Wenn Sie zu dieser besonderen Gattung des kreativen Brutalisten gehören, gibt es in der Gattung der „Malbücher für Erwachsene“ nun das Richtige für Sie: „The Brutalist Colouring Book“. In Umrisszeichnungen warten hier berühmte Betonkonstruktionen auf ihre Kreativität. Natürlich ist diese erste Auflage des Brutalisten-Malbuchs limitiert, nummeriert und auf kräftigem Recycling-Papier gedruckt. Jetzt liegt es bei Ihnen, die Vorlage zu bestellen, zu verschenken oder gleich selbst zu kolorieren. Ran an die Graustifte! (kb, 8.12.16)