Forschung

Prora: Das doppelte Mahnmal

Markus Georg Reintgen, HOTEL_HITLER, 2016, zweiteilig (Bild: © Markus Georg Reintgen)

In Prora auf der Insel Rügen planten die Nazis ein gigantisches Erholungsheim für 20.000 Menschen. Bis 1939 entstand an der Küste ein 4,5 Kilometer langes Gebäudeband, das nur durch die rechtwinklig anschließenden Gebäuderiegel rhythmisiert wird. Im Zweiten Weltkrieg kamen die Arbeiten zum Erliegen, ein Teil der Anlage wurde zerstört. Die verbliebenen 2,5 Kilometer beheimateten jahrzehntelang Soldaten der DDR.

Nach der Wiedervereinigung wurde ein Großteil des „Koloss von Prora“ von Investoren zu Wohn- und Hotelbauten umfunktioniert. Nun steht mit Block V ein Gebäude-Teil vor der Privatisierung, der in seinem Inneren beredtes Zeugnis von der Kasernenvergangenheit Proras ablegt. Die Initiative „Denk-MAL-Prora“ will mit einer Unterschriftensammlung, die bereits 15.600 Unterzeichner fand, auf eine neue Erinnerungskultur hinwirken. Man fürchtet, dass durch Konzentration auf den Außenbau allein die NS-Zeit erinnert wird, während die wesentlich längere Nutzung durch das DDR-Militär in Vergessenheit gerät – obwohl Prora als „doppeltes Mahnmal“ dienen könnte. Wer sich der Frage aus künstlerischer Perspektive nähern möchte, hat dazu bis zum 25. Juni im arp museum (Bahnhof Rolandseck, Remagen) Gelegenheit: Die Ausstellung „Was sich abzeichnet“ zeigt – unter Werken von Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral und des Landes Rheinland-Pfalz – auch Schwarzweiß-Aufnahmen aus Prora von Markus Georg Reintgen. (jr, 30.3.17)

Faschismus und Moderne

Obersalzberg, Berghof, 1936 (Bild: Bundesarchiv Bild 146-1991-077-31, CC BY SA 3.0)
Am Obersalzberg ließ sich Hitler den Berghof 1933 zur Sommerresidenz ausbauen (Bild: Bundesarchiv Bild 146-1991-077-31, CC BY SA 3.0, 1936)

In den kommenden Monaten dreht sich gleich eine Handvoll von Veranstaltungen um die Frage, wie die Kultur und das NS-Regime miteinander zusammenhingen. In der Kunsthalle Rostock wird vom 29. April bis 18. Juni 2017 die Ausstellung „Artige Kunst. Kunst und Politik im Nationalsozialismus“ zu sehen sein. Werke der offiziell geduldeten und geförderten Kunst der NS-Zeit werden Werken von verfolgten oder verfemten Künstlern gegenübergestellt. Zum Auftakt findet am 29. April in Rostock ein gleichnamiges Symposion statt. Auch in Freiburg nimmt man sich des Themas mit der Ausstellung „Kunstpolitik im Nationalsozialismus“ im örtlichen Augustinermuseum und einer begleitenden Vortragsreihe an.

Noch wenige Tage (bis zum 30. März 2017) können Interessierte ihre Themenvorschläge für die Tagung „Modernism, Fascism and the Pursuit of Culture“ einreichen, die vom 15. bis 16. September 2017 in Dublin stattfinden soll. Es sollen Wechselbezüge zwischen dem Faschismus und der künstlerischen Avantgarde Europas aus dem Blickwinkel des Kulturschaffens analysiert werden. Über den nachkriegsmodernen Umgang mit den Hinterlassenschaften des NS-Regimes widmet sich der „Arbeitskreis für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen“ unter dem Titel „Lager nach 1945“ am 1. April 2017 in Hannover (Gedenkstätte Ahlem, Heisterbergallee 8, 30453 Hannover-Ahlem). (kb, 27.3.17)

Berlin: neue U-Bahnhöfe unter Schutz

Berlin, U-Bahnhof Altstadt Spandau (Bild: Ingolf, CC BY SA 2.0)
Frisch unter Denkmalschutz: der Berliner U-Bahnhof Altstadt Spandau – gemeinsam mit Rathaus Spandau, Zitadelle, Haselhorst, Paulsternstraße, Rohrdamm und Siemensdamm (Bild: Ingolf, CC BY SA 2.0)

„Schloßstraße“ (U 9) und „Fehrbelliner Platz“ (U 7) sind es schon, jetzt sind auch die Bahnhöfe der U 7 von Siemensdamm bis Rathaus Spandau hinzugekommen: Sie stehen unter Denkmalschutz. Auf der betreffenden U 7-Teilstrecke gestaltete der Architekt Gerhard Rümmler (1929-2004), der zwischen 1964 und 1994 die Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen leitete, bis 1984 kunterbunte Stationen.

Für den Erhalt solch unterirdischer Schönheiten engagieren sich Initiativen wie „Kerberos“. Doch in den letzten Monaten machte Berlin eher durch die zerstörende „Sanierung“ seiner Metrostationen Schlagzeilen. Als vor zwei Monaten der Bierpinsel und zwei postmoderne U-Bahnhöfe (Schloßstraße, Fehrbelliner Platz) unter Schutz gestellt wurden, keimte Hoffnung auf. Mit der Auszeichnung einer „ganzen“ Teilstrecke nimmt die Denkmalpflege nun U-Bahnstationen nicht allein als solitäre Kunstwerke, sondern als Teil einer unterirdischen Kulturlandschaft in den Blick. Und die ist nicht nur äußerst sehenswert, sondern auch äußerst verkehrsgünstig gelegen. (kb, 25.3.17)

Tagung: Großbritanniens Moderne

London_Eye (Bild: mattbuck, CC-By-SA 2.0)
Architecture for leisure time: das London Eye (Bild: mattbuck, CC BY SA 2.0)

Im 20. Jahrhundert projizierten Politiker, Architekten, Stadtplaner und andere Experten auf den technischen Fortschritt lange Zeit die Hoffnung, er würde das Leben der Menschen im positiven Sinn grundsätzlich verändern. Die weitgehende Automatisierung sollte demnach die Arbeitszeit allgemein verkürzen, Freiraum für kulturelle und sportliche Aktivitäten schaffen und somit auch neue Bau- und Planungsaufgaben mit sich bringen.

Auch in Großbritannien bestimmten entsprechende Überlegungen bis weit in die Nachkriegszeit hinein die politischen und gesellschaftlichen Diskurse. Im Juni widmet sich eine Konferenz in Oxford diesem Themenkomplex. Unter dem Titel „Architecture, Citizenship, Space“ nimmt die Tagung den Zeitraum von 1920 bis 1970 in den Blick und fragt nach der spezifischen Moderne, die sich im Vereinigten Königreich im Zusammenspiel von Architektur, Demokratie, Zivilgesellschaft und Automatisierung herausbildete. Sie findet am 15. und 16. Juni 2017 im John Henry Brookes Building des Headington Campus der Oxford Brookes University statt. Die Tagungsgebühr beträgt 30 £, anmelden kann man sich bei Elizabeth Darling (edarlin@brookes.ac.uk). (jr, 23.3.17)

10 Thesen zur Bauakademie

"I was a Monument", Bildmontage zur Wiederaufbaudebatte zur Neuen Bauakademie Berlin von Felis Torkar
„I was a Monument“ (Bildmontage: Felix Torkar)

Zugegeben, in der Regel kümmern wir uns ums 20. Jahrhundert, aber bei diesem Knäuel aus Moderne, Klassizismus und dessen Wiederbelebungsversuchen machen wir eine begründete Ausnahme: die Berliner Bauakademie. Deren Eckdaten sind bekannt: 1836 errichtet Karl Friedrich Schinkel die Bauakademie, bis 1967 ersetzt die DDR die Kriegsruine durch ihr Außenministerium (Josef Kaiser u. a.), dieses wird 1995/96 zugunsten einer Rekonstruktion des Schinkel-Platzes „beräumt“, 2016/17 stellt der Bund 62 Millionen Euro für einen Schinkel-Wiederaufbau bereit.

In der heutigen FAZ argumentieren Oliver Elser (Kurator, Deutsches Architekturmuseum), Florian Heilmeyer (Architekturkritiker) und Ulrich Müller (Gründer der Architektur Galerie Berlin), „warum es dieses Jahr noch keinen Wettbewerb geben darf und wie der Weg zu einer ‚Neuen Bauakademie‘ aussehen kann“: 1. Nie wieder Schloss, 2. Keine Eile, 3. Unabhängigkeit („‚Stiftung Neue Bauakademie‘ ist die richtige Form dafür.“), 4. Programme durch Personen („Notwendig ist eine starke Intendanz, die ihre Arbeit bereits im Vorfeld eines Architekturwettbewerbs aufnimmt.“) 5. Bauakademie für alle, 6. Internationales Profil („Die Neue Bauakademie kann wie ein Brennglas alle Energien bündeln, die in Berlin zu den Architekturfragen unserer Zeit vorhanden sind.“), 7. Intellektuelles Fundament, 8. Ergebnisoffener Wettbewerb, 9. Kein Ausgabenzwang („Es muss auch möglich sein wenig oder vorerst nichts zu bauen.“), 10. Universell wie Schinkel („Schinkels Bauakademie war ein nutzungsoffener Bau.“). (kb, 20.3.17)

Politiken des Formats seit 1960

New River, Gorge Bridge, 1972, aufgenommen mit einer Polaroid-Kamera, digital kopiert mit Adobe Photoshop (Bild: Teaberryeagle, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Treffen sich ein Analog und ein Digital: die „New River Gorge Bridge“ in West-Virginia, aufgenommen 1972 mit der Polaroid-Kamera, später digital bearbeitet (Bild: Teaberryeagle, GFDL oder CC BY SA 3.0)

„Format“ meint heute zumeist die Form eines (digitalen) Datenträgers oder einer medialen Darstellung. Dabei wurde lateinische „formare“ für „bilden, gestalten“ bereits im 17. Jahrhundert im Buchdruck angewendet. Im 19. Jahrhunderts nutzte die noch junge Kunstgeschichte den Begriff z. B. als Maß für die Wirkung auf den Betrachter. Heute blicken Experten vor allem auf die Netzwerkbildung im digitalen Raum. Daher fragt der Workshop „Bilder trimmen. Politiken des Formats seit 1960“, der vom 13. bis zum 14. Oktober 2017 in Bern (Institut für Kunstgeschichte) stattfindet: Wie veränderte das seit den 1960er Jahren vermehrte Aufeinandertreffen von Künsten und Bildtechnologien die Standards der Bilderzeugung und -verbreitung?

Denn vor allem in den Nachkriegsjahrzehnten beschäftigten sich die Künste mit den neuen Technologien: ob Fernsehen, Video, Telekommunikation oder den Vorformen digitaler Praktiken. Nachwuchswissenschaftler werden eingeladen, Themenvorschläge für den Workshop einzubringen. Schwerpunkte könnten sein: Bildformat als Bedeutungsgröße; Editing und Retusche; Datenbanken, Plattformen und Archive; antiquierte Formate; Materialität der Technologie; Produktivität des Formatbegriffs. Die Vorschläge (max. 500 Wörtern, ein CV) für Vorträge (25-30 Minuten) können bis zum 30. April 2017 eingesendet werden an: yvonne.schweizer@ikg.unibe.ch und magdalena.nieslony@ikg.uni-stuttgart.de. (kb, 16.3.17)

Der „Virus der Moderne“

Collage mit Dokumenten zum Forschungsprojekt "Das Bauhaus in Oldenburg" (Bild: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg)
Collage mit Dokumenten zum Forschungsprojekt „Das Bauhaus in Oldenburg“ (Bild: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg)

Das Forschungsprojekt „Das Bauhaus in Oldenburg – Avantgarde in der Provinz“ untersucht die Zusammenarbeit des dortigen Landesmuseums mit dem Bauhaus. Ebenso wird stellvertretend das Wirken von vier Bauhäuslern aus dem Oldenburger Land und Ostfriesland betrachtet: Hermann Gautel, Hans Martin Fricke, Karl Schwoon und Hin Bredendieck. Das Landesmuseum Oldenburg war bereits seit seiner Gründung mit dem Staatlichen Bauhaus verbunden, erwarb von dort Möbel und Produkte. Künstler des Oldenburger Landes wurden angeregt, ihre Ausbildung am Bauhaus zu absolvieren – und verbreiteten so den Virus der Moderne.

Zu diesem Themenfeld wird im Oldenburger Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte vom 2. bis 3. November 2017 die Tagung „Das Bauhaus in der Provinz“ stattfinden. Zentrale Fragenstellungen werden sein: der Einfluss und die Auswirkungen des Bauhauses in und auf die Region; die Ausstrahlung der Metallwerkstatt am Bauhaus; die gebrochenen Biografien der Bauhäusler in der Zeit des Nationalsozialismus; Bauhaus im Exil; das Nachwirken der Bauhaus-Ideen nach 1945. Interessenten sind eingeladen, ihren Vorschlag (ca. 300 Wörter) für einen Vortrag von ca. 30 Minuten und einen kurzen CV bis zum 30. April 2017 einzureichen unter: Gloria Köpnick, g.koepnick@landesmuseen-ol.de, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Prinzenpalais, Damm 1, 26135 Oldenburg, 0441/2207370. (kb, 10.3.17)