Veranstaltungen

München, Haus der Kunst, 2014 (Bild: M(e)ister Eiskalt, CC BBY SA 4.0)

Schweres Erbe?

Manches Erbe wird als Last empfunden, hält es doch die Erinnerung an Geschichte(n) wach, die man eigentlich lieber vergessen würde. Besonders gilt das für die Hinterlassenschaften des Dritten Reiches – gleich, ob es um Repräsentationsbauten des Regimes geht oder um verschwindende Spuren ihres Terrors. Wie aufwühlend die Fragen nach einem angemessenen Umgang sind, zeigen aktuelle Debatten: die um die Sanierung des Hauses der Kunst in München durch David Chipperfield Architects zum Beispiel. In Mainz wurde gerade der Wettbewerb zur Gestaltung eines Gedenkortes „Deportationsrampe“ entschieden.

Die Hambacher Architekturgespräche bieten jedes Jahr eine Podiumsdiskussion an der Nahtstelle zwischen Architektur und baukulturellem Erbe. In diesem Jahr sprechen die Experten am 1. Juni ab 18 Uhr darüber, ob die Steine oder die Menschen die Verantwortung und wie das Erinnern tragen. Eingeladen wurden der Partner von Chipperfield Architects, der Architekt Martin Reichert, sowie der Architekt Peter Weber, der mit seinem Atelier den Wettbewerb Deportationsrampe Mainz für sich entschieden hat. Mit Ihnen diskutieren Dr. Julia Binder, Stadt- und Regionalsoziologin an der TU Cottbus, Thomas Metz, Generaldirektor der GDKE und Kammerpräsident Gerold Reker. (kb, 24.5.17)

München, Haus der Kunst, 2014 (Bild: M(e)ister Eiskalt, CC BBY SA 4.0)

Adria modern

In den 1960er und 1970er Jahren war die östliche Adria (nicht nur) für die Österreicher ein beliebtes Urlaubsziel. Doch haben sich im Breitentourismus längst andere „Destinationen“ in den Vordergrund geschoben. Was bleibt, sind die baulichen Hinterlassenschaften dieser Wirtschaftswunder-Reisewelle. Am 28. Mai erzählt Iris Meder in ihrem Vortrag „Adria modern“ um 19 Uhr im Wiener Ateliertheater von der Moderne an der Küste Ex-Jugoslawiens. Es geht ihr um die Spuren einer mittlerweile verbluteten, aber einmal höchst lebendigen Architekturlandschaft, die sich selbst aus der proletarische Ideologie heraus begründete.

Die moderne Architektur der Ostadria geriet daher unverwechselbar: Bis heute sind grundsächlich alle Küstenabschnitte öffentlich zugänglich. Bauten entlang der Küste und außerhalb größerer Städte sollten die umgebenden Pinienwälder nicht überragen. Zudem gab es, teils in Kooperation mit internationalen Experten und UN-Projekten, übergreifende raumplanerische Leitkonzepte. All dies trug zum Ausbau der Adriaküste entlang der Nord-Süd-„Magistrale“ in Tito-Jugoslawien bei. Der Vortrag bietet eine virtuelle Reise entlang der Küste und über die Inseln: zu touristischen Objekten ebenso wie Infrastruktur-, Service- und Wohnbauten, zu Schulen, Post- und Gemeindeämtern, Kaufhäusern, Sanatorien, Kinder- und Arbeiterferienheimen, Gesundheitszentren, Wohnsiedlungen, Sporthallen, Kulturheimen und antifaschistischen Mahnmalen. Tickets für die Veranstaltung (12/8 Euro) können reserviert werden unter: office@ateliertheater.net. (kb, 22.5.17)

Titelmotiv der Veranstaltung (Bild: via Facebook)

Berlin, ehemalige Stasi-Zentrale (Bild: Julius Reinsberg)

Die Architektur der Stasi

In den 1950er Jahren bezog das DDR-Ministerium für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg Quartier. In den folgenden Jahren erweitere die SED die Stasizentrale sukzessive, bis sie 1990 eine hermetisch abgeriegelte Stadt in der Stadt darstellte. Am Dienstag, 30. Mai 2017, beleuchtet um 19 Uhr ein Vortrag von Beate Marvan in der ehemaligen Stasizentrale („Haus 22“, Ruschestraße 103, 10365 Berlin) die Planungs- und Baugeschichte des weitläufigen Areals.

Das gespenstische Plattenbauensemble gruppiert sich um einen großen Innenhof und richtete sich in seiner Planung nach den Arbeitsabläufen des Geheimdienstes. Die Referentin bezog das Gelände 2010 mit ihren Kollegen selbst, um die Sanierungsarbeiten des Stasi-Museums als Architektin zu betreuen. Derzeit widmet sich ihr Büro dem Umbau von „Haus 7“, in dem früher die für weite Teile der innerstaatlichen Repression verantwortliche Hauptabteilung XX ihre Arbeitsräume hatte. Im Anschluss an den Vortrag beleuchtet ein Rundgang das Innenleben einiger Bauten des Komplexes, die teilweise seit 1990 nahezu unberührt sind. (jr, 21.5.17)

Berlin, ehemalige Stasi-Zentrale (Bild: Julius Reinsberg)

Ramot Polin, 2007 (Bild: Nehemia G., CC BY SA 2.5)

100 Jahre Moderne in und mit Palästina/Israel

Vor 100 Jahren suchten viele Architekten in Palästina das „Gelobtes Land“ – eine Experimentierfläche für moderne Ideen. Diesen konsequenten, mutigen, in jedem Fall sehenswerten Bauten widmet das Innsbrucker Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege eine Vortragsreihe. Jeweils um 18 Uhr sprechen im Seminarraum: 17. Mai 2017, Ulrich Knufinke (Braunschweig/Hamburg/Innsbruck): „Wilhelm Ze’ev Haller (1884-1956)“, 21. Juni 2017, UIta Heinze-Greenberg (Zürich): „Bezalel und Bauhaus“, 26. Juni, Anna Minta (Linz): „Israel baut“, 29. Juni, Regina Stephan (Mainz): „Erich Mendelsohns Architektur in Palästina“.

Wie sich diese Reformgedanken auch in der deutschen jüdischen Kultur niederschlugen, beleuchtet bis zum 24. Mai eine Ausstellung im Architekturpavillon der TU Braunschweig (Pockelsstraße 4, 38106 Braunschweig). Das Israel Jacobson Netzwerk, die Museen des Landkreises Gifhorn, die Tessenow-Runde Steinhorst und die TU Braunschweig/Bet Tfila stellen hier den Reformarchitekten Heinrich Tessenow (1876-1950) vor. Von ihm stammt z. B. das Braunschweiger „Haus der Gemeinde“, das er 1912 für das jüdische Land- und Lehrgut der Simon’schen Stiftung gestaltete. Begleitend gibt es jeweils um 18.30 Uhr Vorträge im Architektursalon: 18. Mai 2017, Olaf Gisbertz (Braunschweig): „Architekturen des Gebrauchs von Heinrich Tessenow“, 23. Mai 2017, Dr. des. Christoph Schmidt (Gifhorn): „Die Lebensreformbewegung“, 30. Mai, Prof. Dr. Carol Herselle Krinsky (New York): „Synagogen in den USA“ (letzterer im Hörsaal SN 19.3). (kb, 16.5.17)

Ramot Polin, Wohnbau von Zvi Hecker (Bild: Nehemia G., CC BY SA 2.5)

Leipzig, Interpelz Blick aus der Katharinenstraße über die Ruinen zum Brühl, nach 1966 (Copyright: Klaus Liebich)

2 x Leipzig

In Leipzig setzte sich in den frühen 1960er Jahre der Traum von einer Stadtlandschaft mit großen Freiräumen durch. Typisiertes und industrielles Bauen waren die Instrumente dieser Stadterneuerung von innen. Die Ausstellung „Plan! Leipzig, Architektur Städtebau 1945-1976“ zeigt zum ersten Mal die wechselvolle Baugeschichte der Messestadt in den drei Jahrzehnten nach Kriegsende bis zur Grundsteinlegung des Wohngebietes Leipzig-Grünau im Sommer 1976. Die Vernissage wird am 16. Mai um 18 Uhr begangen. In Anschluss ist die Ausstellung „Plan! Leipzig Architektur und Städtebau 1945-1976“ bis zum 27. August zu sehen im Haus Böttchergäßchen (Böttchergäßchen 3, 04109 Leipzig).

Parallel bietet das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig (Böttchergäßchen 3, 04109 Leipzig) einen fotografischen Blick in die Stadtgeschichte: Klaus Liebich, von 1963 bis 1992 Dozent für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, widmete sich in den 1960er Jahren der Dokumentation der noch immer vom Krieg gezeichneten Stadt. Das Besondere an seinen Farbfotografien sind die bewusst gewählten Kontraste zwischen den auch nach fast 20 Jahren immer noch sichtbaren Spuren des Kriegs und dem langsam beginnenden Aufbau. Die Ausstellung „Kontraste. Leipziger Stadtansichten“ wird  noch bis zum 30. Juli 2017 gezeigt. (kb, 14.5.17)

Leipzig, Interpelz, Blick aus der Katharinenstraße über die Ruinen zum Brühl, nach 1966 (Copyright: Klaus Liebich)

Hamburg, Postpyramide (Bild: Postpyramide)

Hamburg: Instawalk zur Postpyramide

Schon länger steht fest, dass es der als Postpyramide bekannt gewordenen Oberpostdirektion in Hamburgs City Nord 2017 an den Kragen geht. 2016 kaufte ein Investoren-Joint-Venture das Gebäude und plant an seiner Stelle nun einen neuen Wohn- und Büroturm. Das umgebende Viertel wird damit von der ursprünglichen Konzeption als reine Bürostadt weggeführt. Die City Nord entstand seit den 1960er Jahren als Reaktion auf die steigende Nachfrage nach Büroflächen in der Hansestadt. Oberbaudirektor Werner Hebebrand hatte sich von Projekten in den USA inspirieren lassen, wo solche „Commercial Parks“ keine Seltenheit waren. In den Folgejahren entstanden auf dem Areal repräsentative Firmensitze, darunter architektonische Highlights wie die von Arne Jacobsen entworfene HEW-Zentrale (heute Vatenfall). Auch die Postpyramide galt damals als Vorzeigeprojekt.

Wenn der Bau selbst schon nicht mehr zu retten sein wird, soll er am 15. Mai doch zumindest noch einmal im Bild festgehalten werden. Bei einem Instawalk (gemeinsam Fotos machen, auf die Plattform Instagram hochladen) trifft man sich am 15. Mai 2017 um 13 Uhr am Ausgang der U 1 (Sengelmannstraße). Der Fotorundgang soll auch an der Vatenfall-Zentrale vorbeiführen. Also auf nach Hamburg, Handy gezückt und zumindest virtuell dem Bagger ein Schnippchen schlagen! (kb, 13.5.17)

Titelmotiv: Hamburg, Postpyramide (Bild: instagram, via Anika Meier)

Gießen, Alte UB (Bild: Landesamt für Denkmalpflege Hessen, via Deutsche Digitale Bibliothek, © Rechte vorbehalten - freier Zugang)

Gießen genießen!

Zugegeben, der Kalauer hat einen Bart. Seit Jahrzehnten dient er Studenten, die es in die mittelhessische Universitätsstadt verschlagen hat, als selbstironische Durchhalteparole angesichts der scheinbar ästhetisch reizlosen städtischen Umgebung. Tatsächlich sucht man hier Fachwerkgiebel und Barockkirche vergebens. Dass auch die Gießener Nachkriegsmoderne mit anspruchsvoller Architektur und zu ihrer Zeit hochmoderner Planung verbunden war, verdeutlicht am 13. Mai um 18 Uhr ein Vortrag des Architekten Paul-Martin Lied im ZIBB (Hannah- Arendt-Straße 8-10, 35394 Gießen).

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Gießener Innenstadt zu 90 % zerstört. Dies war die Grundlage einer städtebaulichen Anlage, die den letzten Erkenntnissen des Städtebaus entsprach und Gießen durch weiträumige Fußgängerzone, autogerechtes Verkehrssystem und Behördenhochhaus zur archetypischen 50er-Stadt transferierte. Teile dieser Bebauung wurden inzwischen wieder abgerissen, andere, wie die elegante und denkmalgeschützte Universitätsbibliothek von 1959, harren der Sanierung. Der Vortrag lädt Neu-Gießener und Alteingesessene zu einem differenzierten Blick auf die jüngste Baugeschichte der Stadt ein. Das Sahnehäubchen: Der Gießen-Genuss hat auch eine kulinarische Dimension, es gibt zeittypische 50er-Snacks! (jr, 9.5.17)

Gießen, Alte UB (Bild: Landesamt für Denkmalpflege Hessen, via Deutsche Digitale Bibliothek, © Rechte vorbehalten – freier Zugang)