Generation Beton (16/4)

ESSAY: Heimat Beton

von Martin Bredenbeck (Foto-Spezial 16)

Martin Bredenbeck nebst Schwester 1984/85: "Der Bungalow steht in Oostkapelle, Halbinsel Walcheren, südliche Niederlande. Da waren wir regelmäßig im Urlaub. Es war eine ganze Siedlung aus solchen Bungalows, super für uns Kinder mit all den Hecken und Gärten dazwischen. Im Haus stand eine afrikanische Trommel, die wir zur Freude der Eltern und Nachbarn eifrig betätigt haben. Der Bungalow heißt bei uns bis heute 'Trommelhaus'." (Bild: privat)
Martin Bredenbeck nebst Schwester 1984/85 in Oostkapelle: „Es war eine ganze Feriensiedlung aus solchen Bungalows. Im Haus stand eine afrikanische Trommel, die wir zur Freude der Eltern eifrig betätigt haben. Der Bungalow heißt bei uns bis heute ‚Trommelhaus‘.“

„Suchst Du mir bitte ein paar Kinderfotos vor der Johanniskirche raus?“ So die Anfrage an meine Mutter, um diesen Beitrag bebildern zu können. Aus den Kinderjahren in der evangelischen Johanniskirchengemeinde in Mülheim an der Ruhr musste es solche Aufnahmen geben, da war ich ganz sicher. Wie viele (Kinder-)Gottesdienste, Gemeindefeste, Frauenhilfsnachmittage und Bastelstunden hatten wir dort nicht als Pfarrfamilie erlebt! Aber leider fand sich in den Alben daheim kein einziges Foto, das mich und die Kirche gemeinsam zeigte. Es fand sich kaum eines, das überhaupt die Kirche zeigte. Hatten meine Eltern das Zentrum eines ganzen Lebensabschnittes so zurückhaltend fotografiert? Um nun nicht collagieren zu müssen, eingedenk früherer Bastelstunden, änderten wir die Suchstrategie: „irgendwas mit mir und moderner Architektur“. So lassen sich daran nun doch schöne Geschichten erzählen über meine Kindheit in und mit der Nachkriegsmoderne.

 

Bungalowbild nebst Mutter

Martin Bredenbeck nebst Mutter 1978/79 und 2016: „Unser Mülheimer Pfarrbungalow ist wegen der Hanglage zur Rückseite – was man hier auf den Fotos zur Straßenseite nicht sieht – zweigeschossig: ein ferner Nachhall der Villa Tugendhat.“

Das „Original“ zeigt Mutter und Sohn Bredenbeck (Jahrgang 1977) 1978/79 auf den Stufen zum Pfarrhaus. Anfang Oktober 1976 zogen die Eltern dort ein, denn für Horst Bredenbeck begann damals seine Verpflichtung als Pfarrer in Mülheim an der Ruhr. Johanniskirche und Pfarrhaus waren damals ziemlich junge Bauten. Umso mehr Beton die 1965 eingeweihte Kirche enthält, umso weniger das Pfarrhaus: Es handelt sich um einen wenige Jahre nach der Kirche errichteten Metallfertigteilbau mit Gipskartonplatten. Die Gemeinde kaufte damals übrigens direkt zwei Exemplare, aber nicht „auf Vorrat“, sondern beide wurden gleichzeitig für zwei Gemeindeteile aufgebaut und sind bis heute vorhanden.

Aus Beton besteht die Unterkonstruktion (insbesondere habe ich die große Sicherheitswanne für den Heizölbehälter in Erinnerung), aber dieses Material tritt ansonsten nicht in Erscheinung. Die Ästhetik wird geprägt durch Metall, Glas und Backstein sowie durch klare und nüchterne Formen. Wohl das aufwendigste Gestaltungselement ist der Eingang, durch das Vordach mit seinen recht feingliedrigen Metallprofilen, die passende Tür und die offenen Treppenstufen. Die Backsteinhülle des Bungalows war übrigens ein Extra, das sich die Gemeinde damals geleistet hat.

 

Wohnzimmer nebst Keramikananassen

Martin Bredenbeck 1984/85 vor einem hölzernen Kunstding: "Das müsste der Skulpturenpark in Willebadessen sein. In der Gegend waren wir oft im Urlaub." (Bild: privat)
Martin Bredenbeck nebst Kletterarchitektur 1984/85: „Das müsste der Skulpturenpark in Willebadessen sein. In der Gegend waren wir oft im Urlaub.“

Was kann ich über das Innere sagen, was ausstattungsgeschichtlich (klingt wie im Dehio!) relevant wäre … In der Diele gab es eine grüne Textiltapete und Wandlampen mit verspiegelten Glühbirnen. Zwischen Küche und Essbereich bestand die Wand aus beidseitig zu öffnenden Schränken (Resopalplatten?) und einer eingebauten Durchreiche. Die hintere Diele – Verteiler zu den Schlafzimmern – hatte eine Kunststoff-Lichtkuppel und das Elternbad moosgrüne Wandfliesen. Das Beste war das Wohnzimmer mit Grastapete und dunkelbraunen Cordsofas. Die gibt’s leider nicht mehr, aber die Kirschholzmöbel sind geblieben.

Die Einrichtung enthielt auch einige ältere Stücke aus dem 19. Jahrhundert, darunter ein raumhoher Wandspiegel im Flur, kleine Beistelltische mit goldgeprägter Lederoberfläche im Wohnzimmer, irgendwo eine Blumensäule und eine ehrfurchtgebietende Wanduhr (ein Geschenk von einem Männergesangsverein). Das alles war, wie ich mir das heute erschließe, eine um 1975 durchaus typische Mischung: einerseits Modernität (gemäßigt, gar nicht futuristisch oder schrill), andererseits das Wiederentdecken des Historismus durch Flohmärkte und Erbstücke. Besonders kurios waren die Lampen, die meine Eltern Anfang der 1970er für besagte Beistelltische erworben hatten: Für teures Geld und daher im Abstand von zwei Jahren kamen aus Italien zwei niegelnagelneue Keramikananasse (Welch seltene Gelegenheit für diesen Plural!), die aber irgendwie so schon 1875 hätten gemacht worden sein können.

 

Kirchturm nebst Kegelbahn

Mülheim, Johanniskirche im Jahr 2016 (Bild: Horst Bredenbeck)
Turm nebst Deutungsebene 2016: „Der Campanile der Johanniskirche zitiert den 1966 fertiggestellten, denkmalgeschützten Stadtwerketurm im nahen Duisburg – allgemein wollte die nachkriegsmodernen Sakralarchitektur gleichsam Erinnerung an die Alltagswelt sein, aber in künstlerisch überhöhter Form.“

Umso moderner war die zugehörige Kirche: Die Evangelische Johanniskirchengemeinde war ein Kind der Expansion des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, ausgepfarrt aus der Altstadtgemeinde mit ihrem historischen Kirchenbau. An der bergauf nach Essen führenden Aktienstraße hatte die Gemeinde 1913 eine neuromanische Kirche mit Werksteinfassade errichtet. Als der Zweite Weltkrieg endete, war dieser Bau kaum 30 Jahre alt und doch stilistisch veraltet. Zudem hatte ein Bombenangriff 1943 starke Schäden verursacht. Für einen zeitgemäßen Neubau war zunächst kein Geld da, aber bald nach 1960 wurde das Projekt in Angriff genommen. Vom ruinösen Altbau hat man sich wohl leichten Herzens getrennt, den stattlichen Neubau aus Glas, Stahl und Beton am 19. September 1965 eingeweiht. Der Entwurf des Architekten H. Stumpf beruht auf Dreiecksformen, vom straßenbildprägenden hohen Zeltdach bis zum weithin sichtbaren Campanile.

Das alte Gemeindehaus wurde in den 1980er Jahren abgerissen für einen zeittypischen Neubau, dessen polygonal gebrochener Grundriss und der in Einzelkompartimente zerlegte Baukörper überaus zeittypisch sind. Wenn ich an die vielen Extras denke, die man sich damals leistete: Kaminzimmer, Kellerbar, bewegliche Sonnensegel und Kegelbahn! All das ist mittlerweile längst „ad acta“ gelegt, außer Funktion und teilweise ausgebaut. In der Euphorie eines echten Gemeinde-Zentrums geplant, konnte das Haus nicht dauerhaft mit genug Leben gefüllt werden. Oder anders: In Bars geht man immer noch, man kegelt und feiert Familienfeste, aber eben nicht in Gemeindezentren. So ist das ja auch mit den Kirchen. Die Menschen sind 2016 wahrscheinlich nicht „spiritueller“ als 1965, 1975 oder 1985, aber sie haben dafür andere Wege gefunden. Und wenn wir in „spiritueller Stimmung“ sind, wollen wir das Andere, das Besondere erleben.

 

Umzug nebst Zeitsprung

Mülheim/Ruhr, Vorgängerbau der Johanniskirche (historische Aufnahme)
Vorgängerbau nebst Stilmix um 1913: „Die erste Mülheimer Johanneskirche entstand in einer ganz späten Neuromanik, mit einem Einschlag von Jugendstil und Reformarchitektur.“

Während die Johanniskirche im wesentlichen so dasteht wie 1965 und in meiner Erinnerung und mittlerweile vorsorglich vom Amt für Denkmalpflege im Rheinland begutachtet wurde, hat sich der Pfarrbungalow verändert. Viele Möbel wurden schon zu meiner Zeit, in der zweiten Hälfte der 1980er Jahren, gegen neue ausgetauscht. Die braunen Cordsofas, die heute wahrscheinlich ein Vermögen wert wären, wanderten von dannen, fröhlich pastellfarbene Veloursofas traten an ihre Stelle. Neue Wandverkleidungen wurden gespannt und ins Elternbadezimmer zog – natürlich – eine Hewi-Ausstattung ein.

Wir selber zogen 1989 in einen anderen Stadtteil um, wo fortan ein Wohnhaus aus der Zeit um 1910 und eine neugotische Kirche von 1883 unsere Ankerpunkte wurden. Es wäre spannend, darüber nachzudenken, in welche Richtung die Sozialisation unkomplizierter war: Es war für uns wohl leichter, von 1970 zu 1880 zu wechseln als umgekehrt. Von Anfang an im Altbau aufgewachsen und gebetet, da hätte ich mich wohl schwerer getan mit einem modernen Pfarrhaus und einer modernen Kirche. Das liegt auch daran, dass es die Moderne irgendwann seit den späten 1970er Jahren allgemein zunehmend schwerer hatte. Schon das neue Gemeindehaus der 1980er Jahre war ja ein Kind eben jener Veränderung: kein bewusst querstehender Solitär, sondern geprägt durch Einfügung, Maßstäblichkeit und angepasste Materialität (Backstein …).

 

Erinnerung nebst Realitätsabgleich

Mülheim/Ruhr, ehemaliger Pfarrerbungalow Bredenbeck im Jahr 2016 (Foto: Horst Bredenbeck)
Pfarrbungalow nebst Wärmedämmverbundsystem: „Neu ist z. B. das Türblatt – von modern zu postmodern – und die Außendämmung mit hellcremigem Farbanstrich sowie einer verschieferten Traufkante.“

Nach unserem Weggang aus der Gemeinde 1989 verloren wir den Bungalow jahrelang aus den Augen. Beim Wiedersehen 2016 ist die äußere Grundstruktur gleich geblieben, ja, der ganze Treppenvorbau ist nahezu unverändert. Verändert haben sich indes viele Details. Wenn ich die Bilder vergleiche, kommt mir der alte Zustand gestalterisch konsequenter vor, irgendwie stimmiger. Der neue Zustand hat auch sein Recht, einmal wärmetechnisch, einmal ästhetisch. Der alte jedoch war es, mit dem ich aufwuchs und der mich geprägt hat.

Diese Erinnerung ist die Heimat, weniger das heute ja immer noch stehende Gebäude. Bei der Kirche gibt es diese Diskrepanz nicht – aber der persönliche Bezug zum Pfarrbungalow und zum Gemeindezentrum war insgesamt stärker als zur Kirche, einem Sonderbau. Auch wenn wir Pfarrerkinder die Kirche natürlich in- und auswendig kannten: Vielleicht wird man eines Tages dort die Orgel ausbauen (wenn, dann hoffentlich wegen Renovierung, nicht wegen Schließung). Dann wird man in ihrem Innenleben einen Flummi wiederfinden, den meine Schwester und ich in Kindertagen im spielerischen Ungestüm hineinmanövriert haben. Falls der Kunststoff die Jahrzehnte überstanden haben sollte, muss ich mir diesen Flummi zurückholen – er ist auch ein Baustein aus der Heimat.

Wir danken dem Vater, Pfarrer i. R. Horst Bredenbeck, und der Mutter, Christa Bredenbeck, für die aktuellen Aufnahmen.

Gundernhausen: „Auf dem Balkon“

„Mein Heimatort Gundernhausen bei Darmstadt, Wohngebiet Stetteritz, atmet noch heute die Vorstellungen der 1960er bis 1980er Jahre. Hier standen nicht nur Ikonen der Nachkriegsarchitektur, sondern eher die typischen Wohnhäuser des Mittelstands. Unser Haus wurde 1979 fertiggestellt, ein Hanghaus mit den Wohnräumen im Obergeschoss und den Schlafzimmern unten zur Straße hin. Hier wohnte ich seit ich ein Baby war bis nach dem Abitur. Seither war ich sehr selten dort, zuletzt vor rund zehn Jahren. Mein Kinderbild entstand im Sommer 1981 auf unserem Balkon. Von dort hatte man einen weiten Blick in die Ebene. In der Nachbarschaft lebten Klassenkameraden. Ein Vierteljahrhundert später sind nur wenige alte Nachbarn geblieben und die Häuser nach Verkauf mehr oder weniger stark verändert – für mich die typische Geschichte eines alten Neubaugebiets. Berührt haben  mich das Wiedersehen mit dem Ort, Einblicke in unser altes Haus und das Gespräch mit der früheren Nachbarin Frau Volk.“ (Tobias M. Wolf, * 1979, Kunsthistoriker und Bezirkskonservator mit Blick für die Schönheiten der Nachkriegsmoderne)

Gera-Lusan: „Die Birkenstraße blieb“

„Als in Gera-Lusan 1972 die ersten Straßen entstanden, wurden sie provisorisch als ‚Baustraßen‘ bezeichnet. Für die offiziellen Straßennamen orientierte man sich später oft an der geplanten Bepflanzung. Meine Großeltern waren 1975 Erstbezieher in der Birkenstraße. Hier wuchsen meine Mutter und meine Tante auf. Auch ich sollte hier die Kombinierte Kindereinrichtung besuchen. Ich ging in die nahegelegene Schule, die meine Mutter und Tante zuvor besuchten und in die meine jüngere Schwester heute geht. Dies alles klingt recht dörflich, würde es sich nicht um den ersten Abschnitt des Neubauviertels handeln. Sechs weitere Abschnitte folgten, am 30. Juni 1985 sollte Lusan 44.086 Einwohner zählen, bevor Mitte der 90er Jahre der Rückbau begann. Viele Straßen wurden umbenannt. Die Birkenstraße blieb. Sie veränderte sich trotzdem. Der Plattenbau meiner Eltern und die Kindereinrichtung verschwanden. Die Wohnung meiner Großeltern wurde saniert. Für mein Buch ‚Stadtbilderklärer Gera-Lusan‘ begab ich mich auf Spurensuche: bei Zeitzeugen, in Archiven und mit der eigenen Kamera. Ich wohne heute nicht mehr in Gera. Die Birkenstraße passiere ich aber bei jedem Besuch immer wieder gerne.“ (Christoph Liepach, * 1990, heute Grafiker, Kunstpädagoge und interessiert an der Ästhetik der Platte)

Sein aktuell im mdv (Mitteldeutscher Verlag) erschienenes Buch „Stadtbilderklärer Gera-Lusan“ versteht Christoph Liepach als Erinnerungsbuch und zugleich beispielhafte Dokumentation einer Neubausiedlung der DDR. Layout, Bild und Grafik gestaltete er als Reminiszenz an das Design der 1970er Jahre.

Saarbrücken: „Blütenbote im Museum“

„Der Saarbrücker Unicampus war neben der Architektur Ferdinand Kramers wohl eine meiner frühesten Begegnungen mit der Nachkriegsmoderne. Als Kind einer Archäologin boten sich diverse Gelegenheiten, das weiträumige Gelände der Hochschule, die sich Ende der 1940er Jahren in einer ehemaligen Kaserne eingerichtet hatte, zu erkunden. Zwar faszinierte mich seinerzeit die burgenhaft anmutende Architektur der Toreinfahrt mehr als die französischen Neubauten aus den 1950ern, dennoch gewann ich die elegante Treppe und die streng gerasterte Fassade des Gebäudes Nr. 10 bald lieb. Lebhaft in Erinnerung sind mir die Tage der offenen Tür, die das archäologische Institut in historischer Kostümierung zelebrierte. Der Auftritt als Blütenbote in Toga und Sandalen war nicht der einzige seiner Art. Am Fuß der Treppe und zu Füßen des römischen Imperators Morchulus – verkörpert durch den Institutsfotografen – genoss ich die Darbietungen antiker Sagen durch kostümierte Studentinnen und Professoren. Die Nachkriegsmoderne zeigte Haltung – und bot dem Schauspiel mit ihrer nüchternen Eleganz einen würdigen Rahmen.“ (Julius Reinsberg, * 1987, heute seriöser Historiker mit Hang zum textilen Architekturmimikri)

Berlin: „Der kleine Stadtbummler“

„Als ich zehn Jahre alt war, bekam ich von meinem Vater das Buch ‚Die kleinen Stadtbummler‘ geschenkt. In ihrer ‚Architekturgeschichte für Kinder‘ stellte die Malerin und Kunsthistorikerin Christa Murken-Altrogge am Beispiel von Münster 1978 verschiedene Baustile vor. Ein Motiv galt dem Wiederaufbau nach dem Krieg. Und eine Doppelseite war eben dem Brutalismus gewidmet. Diese hat sich mit der faszinierenden Erklärung, dass Brutalismus auf alles Schmückende verzichte, meinem kindlichen Gemüt tief eingeprägt. Sie war letztlich einer der Anlässe für mein Fotoprojekt ‚Brutalist Berlin‘. Ziel ist, die Anmut dieser Stilepoche, ihre Grandezza zwischen Askese und Monumentalität, wieder erkennbar werden zu lassen. Ein Foto kann und sollte den Betrachter dabei genauso kicken wie ein Musikstück. Besonders wichtig sind mir die Körnigkeit des Materials, das strahlende Licht und der Verzicht auf Farbe.“ (Denis Barthel, * 1970, heute Architekturfotograf und professioneller Stadtbummler)

Die Motive aus dem – heute leider nur noch antiquarisch erhältlichen Bändchen – „Die kleinen Stadtbummler“ wurden wiedergegegeben mit der freundlichen Genehmigung von Christa Murken-Altrogge.

Wiesbaden: „Schuhkauf mit Rutsche“

„Ein Besuch bei den Großeltern in Wiesbaden bedeutete meist auch einen Einkaufsbummel in der Stadt. Manchmal gab es Profanes wie Kleidung. Ein Abstecher ins Spielzeuggeschäft fand meist im Anschluss statt … Diese Schuhkauf-Fotostrecke muss 1977/78 entstanden sein, als man nahe der Marktkirche noch oberirdisch parken konnte. Die reizenden Damen, die mich begleiteten, waren meine Tante, meine Oma und meine Mutter (v. l. n. r.), mein Opa führte die Kamera. Die Parkplatz-Brache heißt seit 2005 offiziell ‚Dernsches Gelände‘. Das Polizeipräsidium im Hintergrund, ein stilvoller Fünfziger-Jahre-Bau, wurde 2009 abgerissen. An seiner statt sprengen nun die ‚Dernschen Höfe‘ die Dimensionen des Platzes. Lustigerweise existiert die Rutsche bei ‚Fink Schuhe‘ noch immer, es gibt heute sogar zwei! Damals rutschte ich nur auf Bitten meines Opas fürs Foto, heute wollte ich aus eigenem Antrieb heruntersausen. Hat leider nicht geklappt, ich blieb unerklärlicherweise stecken.“ (Daniel Bartetzko, * 1969, heute Journalist, Architekturnerd und potenzielles Fashionvictim)

Blomberg: „Sieben Tage urlaubskrank“

„Meine Erinnerungen an den Familienurlaub im August 1978 im Teutoburger Wald sind blass, was der Eigenart der westfälischen Landschaft wohl ebenso entspricht wie meinem damaligen Alter von sechs Jahren. Im Fotoalbum ist vermerkt: ‚Karin war leider 7 Tage krank‘. Demnach habe ich den halben Urlaub mit Wadenwickeln und Vorleseorgien verbracht. Die Feriensiedlung Blomberg wirkte auf mich als Kind nicht spektakulär. Sie war wohl für uns (nicht nur finanziell) die günstigste Lösung, da wir so immer andere Kinder zu Spielen fanden. Heute erscheinen mir die kleinen, über das Gelände verstreuten Bungalows reizvoll. Und sie dienen wieder als Heimat auf Zeit: Das Deutsche Erholungswerk hat die 1960 errichtete Anlage im Januar 2016 an die Kommune verpachtet, die hier Flüchtlingsfamilien unterbringt.“ (Karin Berkemann, * 1972, heute Theologin, Kunsthistorikerin und passionierte Städteurlauberin)

 

Literatur

Bockwinkel, Patrick, Stadt Blomberg pachtet das Feriendorf für fünf Jahre. In den 30 Häuschen sollen bis zu 180 Flüchtlinge untergebracht werden, in: Lippische Landes-Zeitung 19. Januar 2016.

Schack, Martin, Ein Haus auf Zeit. Bungalow-Feriendörfer der 1960er Jahre im Teutoburger Wald, Eggegebirge und Weserbergland, Detmold 2014, S. 24-25.

Diekmann, Sibylle, Die Ferienhaussiedlungen Schleswig-Holsteins. Eine siedlungs- und sozialgeographische Studie (Schriften des Geographischen Instituts der Universität Kiel XXI, 3), Kiel 1963, S. 160, 176.

Feriendorf Blomberg, in: Die Zeit 1. April 1960.

Garbsen: Ein Stadtteil fotografiert sich!

Ein ganzer Stadtteil ist auch für moderneREGIONAL eine große Nummer. So sind wir sehr stolz, dass sich die Menschen in Garbsen bei Hannover auf Spurensuche machten: Sie nahmen historische Aufnahmen (freundlicherweise ausgewählt vom Stadtarchiv Garbsen) und empfanden das Motiv heute nach. Die Plattenbausiedlung „Auf der Horst“ entstand Mitte der 1960er Jahre für 10.000 Menschen. Damals wohnten hier gutbürgerliche Erstbezieher in Atriumshäusern neben Flüchtlingen, die nach Behelfsunterkünften endlich eigene Räume im Wohnblock erhielten. Heute leben „Auf der Horst“ 7.600 Menschen aus 76 Nationen. Was hier in den letzten 50 Jahren gleich blieb, was sich geändert hat, sehen Sie auf den vier schönsten Bildpaaren, die wir aus der Fotoaktion für Sie ausgewählt haben.

 

Geblieben: die kleinen Läden

Ende der 1960er Jahre eröffnete am Orionhof eines der Nahversorgungszentren: kleine Läden unter modernen Laubengängen. Heute sind die Laubengänge verschwunden, aber kleine Läden gibt es hier immer noch. In einem von ihnen bietet „Nazan Market“ Obst und Gemüse feil.

 

Geblieben: ein Platz zum Begegnen

1973 trafen sich die Kinder auf dem von-Woyna-Platz, der heute Hérouville-St.-Clair-Platz heißt. Inzwischen wurde der Pflasterbelag erneuert, im Hintergrund entstanden eine Seniorenwohnanlage und eine Begegnungsstätte. Familie S. kommt aus Neustadt am Rübenberge zum Wochenendeinkauf nach Garbsen, wo Herr S. aufgewachsen ist. Mit seinen Kindern bringt er die nächste Generation auf den zentralen Platz in der Siedlung „Auf der Horst“.

 

Umgezogen: das Ladenzentrum

1967 wurde am Bärenhof ein Nahversorgungszentren eröffnet, das heute u. a. ein „Kaufhaus für Soziales“ aufnimmt. Das aktuelle Foto zeigt das neue Planetencenter, einige Straßen weiter, das viele Geschäfte zentral zusammenbindet. Ein Crêpes-Stand, der eigens aus Lehrte nach Garbsen gekommen ist, bringt Farbe in die Plattenbausiedlung.

 

Geblieben: Raum für Spiele

Egal wo: Aufwachsen war nie etwas für Feiglinge, aber schon Mitte der 1960er Jahre eroberten sich Kinder ihre Freiräume zwischen den maßstäblichen Wohnblocks mit viel Grünfläche. Heute bieten die breiten Plattenwege auch mal Auslauf für das Skateboard.

 

Mehr?

griff-nach-den-sternen-vorderdeckelDie Fotoaktion fand im Rahmen der Buchvorstellung von „Der Griff nach den Sternen“ statt, einer besonderen Form von Chronik des Stadtteils „Auf der Horst“ mit vielen historischen Aufnahmen aus örtlichen dem Stadtarchiv.

Foto-Wettbewerb: Alle Gewinner!

Anfang 2016 rief mR dazu auf: Stöbern Sie in ihren Alben! Finden Sie eine Kinderfoto vor einem Bau der Moderne zeigt! Einzige Bedingung: Foto, Bau und Mensch sollten im 20. Jahrhundert entstanden sein. Die Teilnehmer des Wettbewerbs besuchten dann diesen besonderen Ort erneut und fotografierten sich dort noch einmal. Aus allen Einsendungen hat mR die eindrücklichsten Aufnahmen ausgewählt. Wir gratulieren den Gewinnern des Foto-Wettbewerbs „Generation Beton“: Yannick P. Schwarz, Gregor Schulz und Maya I. S. Gradenwitz – und den Gewinnern des Sonderpreises „Garbsen – ein Stadtteil fotografiert sich“: Familie Markworth! Ihre Preise sind unterwegs!

 

Als ich Teil eines Kunstwerks war …

1972 ließ der Konzept-Künstler und spätere Yello-Musiker Dieter Meier zur documenta 5 am Kasseler Hauptbahnhof eine Metalltafel einbetonieren: ‚Am 23. März 1994 von 15.00 – 16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen.‘ Was er dann auch tat. 1994 war ich unter den zahlreichen Zuschauern, ganz links am Bildrand, mit der formschönen Strickmütze. 2016 ist die Metalltafel nicht mehr da und aus dem 1950er-Jahre-Hauptbahnhof wurde der ‚Kulturbahnhof‘. Aber die berühmte Treppenstraße liegt immer noch direkt um die Ecke.“ (Yannick P. Schwarz, * 1984, Kunsthistoriker und Museumsmitarbeiter)

 

Als die Garage noch die Gute Stube war …

„Unser Wohnhaus mit Doppelgarage, vor der ich 1979 fotografiert wurde, stammt aus dem Jahr 1959. Der Architekt Konrad Möller hat in meinem Heimatort Martinhagen zig Häuser gebaut, die alle ähnlich aussehen. Unverwechselbar war mein grüner Trettraktor, er hieß „Willi“. Auf unserem Dachboden hat er ebenso überlebt wie die rote Metallkugel von einem Fischernetz, die meine Eltern im Urlaub am Strand aufgelesen hatten. Sogar das Nummernschild des längst verschrotteten roten Audi lag noch in unserer Garage. Nur der VW Käfer ist ein anderer. Mein Vater Peter hat seit 1961 fast ununterbrochen einen Käfer, meist als Zweit- oder Hobbyauto.“ (Greogor Schulz, * 1974, studierter Historiker und professioneller Autobeschreiber)

 

Als unsere Familie umziehen wollte …

„1998 überlegten wir, nach Bad Nauheim zu ziehen – und ließen uns dann von dem großartigen Jugendstilensemble des Sprudelhofs überzeugen. Dort machten wir mit der Familie Fotos (Nie wieder habe ich mich einem Mann so an den Hals geworfen wie dieser Statue!). Heute, 18 Jahre später, ist eine Schwester zwar zum Studium nach Österreich gezogen, wir anderen erfreuen uns aber nach wie vor bei gelegentlichen Spaziergängen an den nahezu unverändert erhaltenen Bauten.“ (Maya I. S. Gradenwitz, * 1988, Historikerin und immer noch, immer wieder in Hessen)

 

Als der Gardasee noch um die Ecke lag …

1980 war das „Café Gardasee“ im Plattenbauiertel Garbsen nahe Hannover (nicht  nur) bei der Familie Marworth beliebt, versprach doch schon der Name eine kleine mediterrane Auszeit. 2016 (das „Café Gardasee“ ist längst Geschichte) hat sich Hortst Markworth mit seinen Töchtern für moderneREGIONAL auf eine Erfrischung am nahen Hérouvillle-St.-Clair-Platz getroffen.

Foto-Wettbewerb: Außer Konkurrenz!

Anfang 2016 rief mR dazu auf: Stöbern Sie in ihren Alben! Finden Sie ein Foto, das Sie als Kind oder Jugendliche/n vor einem Bau der Moderne zeigt! (Foto, Bau und Mensch sollten im 20. Jahrhundert entstanden sein.) Ein paar der Bilder entsprachen nicht ganz genau den „Wettbewerbsregeln“, weil sich die Teilnehmer entweder nicht noch einmal heute vor Ort ablichten konnten (oder einfach zu verwandt mit uns sind). Doch sind einige dieser Aufnahmen so charmant, dass sie hier „außer Konkurrenz“ gezeigt werden.

 

Während das Hochhaus vor dem Fenster wuchs …

„Wir lebten in Hamburg-Barmbek in einem der frühen modernen Laubenganghäuser, die von der Neuen Heimat wiederaufgebaut worden waren. Aus unserer Wohnung beobachteten wir, wie am Habichtsplatz ein Hochhaus emporwuchs. Mein Vater hielt alles mit der Kamera fest und stellte einmal meine Mutter und mich davor in Positur. Heute sieht man das Hochhaus vor lauter Bäumen kaum noch.“ (Karin Sobotschinski, fotoscheue Exil-Hanseatin aus dem familiären Umfeld von mR)

 

In peinlichen Strickklamotten …

„Ich habe mit Freude festgestellt, dass der älteste Leipziger Spielplatz und Betonelefant im Rosental erhalten geblieben ist. Er wurde von mir in den Sixties in peinlichen Strickklamotten genutzt – unter Zwang.“ (Ray van Zeschau über ein Kindheitsfoto auf dem gerade – inkl. Rüsselrutsche – frisch sanierten Leipziger Spielplatz)

 

Man erzählte Geschichten und bildete Mythen …

„Sowjetische Familien entwickelten ihre Aufnahmen am Wochenende im Badezimmer. Auf den Nylonschnüren für die Wäsche flatterten nasse Fotopapierchen bei rotem Licht im Ventilatorenwind. Es war ein Ereignis, wurde dieser Aufwand doch nur selten betrieben! Danach gab es ein Festessen, man reichte die Bilder durch, erzählte Geschichten und bildete Mythen.“ (Katharina Sebold zu einer Aufnahme ihres Vaters in Saratov-Shasminnyj in den 1980er Jahren)