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Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 2005 (Bild: Johann H. Addicks, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Mehr Licht!

Der geneigte Leser wird sich erinnern. „Mit Licht kann man bauen“, so lautet die zentrale These einer Neuerscheinung. Die beiden Herausgeber, der Theologe Thomas Erne (EKD-Institut für Kirchenbau, Marburg) und der Kunsthistoriker Ralf Liptau (Universität der Künste Berlin), kamen darin zu dem Schluss: Bar jedweder historischer Stilzitate hatte der moderne Kirchenbau gar keine andere Wahl, als mit Hilfe des Lichts einen profanen zu einem sakralen Raum zu formen.

Den Buchtitel ziert ein Detail der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die Egon Eiermann mit dem Glaskünstler Gabriel Loire 1961 in mystisches Blau tauchte. Anknüpfend an einen ersten Studientag im Oktober 2015 ist nun eine Fortsetzung geplant: Der „Studientag II: Licht – Material und Idee im Kirchenbau der Moderne“ findet am 27. April 2017 in Berlin auf der Orgelempore der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Breitscheidplatz) statt. Pfarrer Martin Germer (Berlin) führ ein in das „Licht in den beiden Kirchenräumen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“, Anna Minta (Linz) referiert über „Licht und Schatten. Ideologien und Utopien in der Architektur der Moderne“ und nicht zuletzt spricht Ralf Liptau (Berlin) über „Licht im Kirchenbau der Nachkriegsmoderne“. (kb, 17.4.17)

Titelmotiv: Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (Bild: Johann H. Addicks, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Lichte Kirchenbauten

„Mit Licht kann man bauen“, so die These einer neuen Publikation zum Thema Kirche. Den beiden Herausgebern – dem Theologen Thomas Erne (EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg) und dem Kunsthistoriker Ralf Liptau (Universität der Künste Berlin) – geht es um die vielfältigen Formen, mit denen Kirchenbauer durch Licht eine besondere Atmosphäre schufen.

Dem moderne Kirchenbau, der sich ganz vom histori(sti)schen Schmuck freimachen wollte, blieb damit das Licht als elementares Gestaltungsmittel: Erst die Lenkung des natürlichen (und die Inszenierung des künstlichen) Lichts kennzeichnete demnach einen Raum als einen liturgischen. Licht bilde daher, so die Publikation, „eine wesentliche Idee“ und ein „raumprägendes Material im Kirchenbau des 20. Jahrhunderts“. Der im Jonas Verlag erschienene Band umfasst Beiträge aus der Kunst- und Architekturgeschichte, Designtheorie und Theologie. (kb, 31.3.17)

Liptau, Ralf/Erne, Thomas (Hg.), Licht. Material und Idee im Kirchenbau der Moderne (KBI/Kirchbauinstitut Marburg 11), Jonas Verlag, Marburg 2017, 144 Seiten, Klappbroschur, 20 x 20 cm, ISBN: 978-3-89445-533-0.

Paul Böhm – Bauten und Projekte

Köln, Zentralmoschee (Bild: Raimond Spekking, CC BY-SA)
Köln, Zentralmoschee (Bild: Raimond Spekking, CC BY SA 4.0)

Mit der Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union in Köln-Ehrenfeld entstand eines der meist diskutierten Gebäude der letzten Jahre in Deutschland. Paul Böhm, jüngster Sohn des Pritzker-Preisträgers Gottfried Böhm und Enkel des (nicht nur) Kirchbaumeisters Dominikus Böhm, hat den Typus der osmanischen Moschee in die Moderne überführt. Kuppel und Minarett dienen der türkisch-islamischen Kulturgemeinschaft als Identifikationsmerkmale. Zugleich öffnet sich der in einzelne Segmente aufgebrochene Schalenbau. Tagungssäle, Gemeinschaftsräume, Basar, Bibliothek und Museum bilden einen Komplex, der Rückbindung an das Herkunftsland, Integration in die neue Heimat und Gesprächsangebote an seine Umgebung vermitteln soll.

Für Paul Böhm, geboren 1959, Lehrer für Entwurf und Konstruktion an der TH Köln, stellt die Moschee die vorläufige Krönung seines Werks dar. Es umfasst eine Fülle anregender Projekte und ausgeführter Bauwerke, darunter Gebäude für Kultur, Hochschule, Verwaltung und Wohnen. Bei einem Architekten, der einer Familie von Kirchenbauern entstammt, nimmt es nicht wunder, dass sich darunter auch ein eindrucksvoller Sakralbau befindet. St. Theodor in Köln-Vingst ist ein Zentralbau von meditativer Geschlossenheit und zugleich weiter Öffnung in einem sozialschwierigen Stadtteil. (db, 15.3.17)

Pehnt, Wolfgang, Paul Böhm – Buildings and Projects/Bauten und Projekte, Edition Axel Menges, Stuttgart 2017, 144 Seiten, 191 Abbildungen, 24,2 x 29,8 cm, Hardcover, deutsch/englisch, ISBN 978-3-936681-85-7.

Moderne Moscheen

Nidda/Hessen, Bait-ul-Aman-Moschee (Bild: Ceddyfresse, CC0)
Nidda/Hessen, Bait-ul-Aman-Moschee (Bild: Ceddyfresse, CC0)

Das Spektrum reicht von der kaum als solchen erkennbaren Hinterhofmoschee über charmante Vorstadtmoschee mit Baumarkt-Minarett bis zu zeichenhaften Großprojekten wie der Kölner DITIB-Zentralmoschee. Dieser aufregenden Baugattung widmet sich der Berliner Kunsthistoriker und Journalist Christian Welzbacher in seinem neuen Buch „Europas Moscheen. Islamische Architektur im Aufbruch“.

Darin stellt er Fragen wie: Sind Kuppel und Minarett, die in die europäischen Vorstädte entrückt werden, Symbole der Desintegration? Oder hat sich in den letzten Jahrzehnten ein eigenständiger, zeitgemäß-europäischer Moscheenbau etabliert? Kann etwa das Islamische Forum in der oberbayerischen Kleinstadt Penzberg als allgemeingültiges Zeichen der Emanzipation gedeutet werden? Mit seinem Essayband verknüpft Welzbach so breitgefächerte Themen wie Baukunst und Gesellschaft, Politik und Form, Repräsentation und Symbolik. Es stellt Projekte und Protagonisten, Diskurse und Zusammenhänge vor und fordert auch Beteiligung ein. Denn die neuen europäischen Moscheen zeigen auf unmissverständliche Weise, dass sich nicht nur die Architektur, sondern auch die Gesellschaft im Aufbruch befindet. (kb, 11.3.17)

Welzbacher, Christian, Europas Moscheen. Islamische Architektur im Aufbruch, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2017, ca. 128 Seiten, 50 Abbildungen, 15 x 20 cm, Klappenbroschur, ISBN: 978-3-422-07391-3.

Potsdam rekonstruiert sich wieder

Potsdam, Gewölbebogen der Heilig-Kreuz-Kapelle, rekonstruiert im Frühjahr 2005 (Bild: Florian S., CC BY SA 3.0, 2006)
2005 errichteten die Potsdamer Wiederaufbau-Befürworter symbolisch einen Bogen der Heilig-Kreuz-Kapelle (Bild: Florian S., CC BY SA 3.0)

Der Fortsetzungsroman „Potsdam rekonstruiert sich“ hat das nächste Kapitel aufgeschlagen. Wie immer geht es um die Grundsatzfrage, wem die Stadt gehört, welche Geschichte man da wiederauferstehen lassen will und wer das Ganze bezahlen soll. Ein Bürgerbegehren gegen den geplanten Abriss der ostmodernen Bauten Staudenhof, Fachhochschule (FH) und Mercure-Hotel (Inter-Hotel) hatte 2016 zwar die notwendige Stimmenzahl übererfüllt. Die Stadt jedoch konterte formaljuristisch (man habe zu unklar formuliert), so dass der Fall am Donnerstag vor dem Verwaltungsgericht entschieden wurde – zugunsten der Stadt.

Der langdiskutiere Wiederaufbau der barocken Garnisonskirche (der Turm wurde 1968 von DDR-Seite gesprengt) wird zeitgleich konkreter: Der Bund bestätigte nun offiziell, 12 Millionen Euro für diesen Zweck bereitzustellen. Zuvor hatten EKD und Landeskirche zinslose Darlehen für das (liberalisierte) Projekt zugesagt. Im Herbst sollen die Bauarbeiten beginnen, voraussichtlich mit einem abgespeckten Turm ohne Glockenspiel. Dort, wo die Rekonstruktivisten das Kirchenschiff sehen, steht (noch?) das ostmoderne Rechenzentrum. Dessen kreativ-künstlerische Nutzung könnte sich verlängern – vielleicht (übergangsweise?) neben dem Turm. Am 12. März gründet sich auf dem Alten Markt ab 11 Uhr das neue Bündnis „Stadtmitte für alle“ mit vertrauten Forderungen: Rechenzentrum, Staudenhof und FH erhalten, keine weiteren Rekonstruktionen. (kb, 6.3.17)

Elsaesser-Kirche frisch renoviert

Frankfurt am Main, Gustav-Adolf-Kirche (Bild: D. Bartetzko)
Noch ist das „Denkmal-Schild“ nicht ausgepackt in der Frankfurter Gustav-Adolf-Kirche (Bild: D. Bartetzko)

Die Kirchenzeitung „Evangelisches Frankfurt“ titelte treffend: „Alles wieder wie früher“. Früher meint das Jahr 1928, als die Gustav-Adolf-Kirche im Frankfurter Stadtteil Niederursel eingeweiht wurde. Eigentlich hätte es nur eine Erweiterung der mittelalterlichen Georgskapelle werden sollen, doch Stadtbaudirektor Martin Elsaesser attestierte in seinem Gutachten die Baufälligkeit des alten Turms – und wurde passenderweise gleich mit dem Neubau beauftragt.

Mit mutiger Geste setzte Elsaesser einen klaren Zentralbau im Stil des Neuen Bauens mitten unter die Fachwerkhäuser. Dieses Bild blieb bis heute nahezu unverändert erhalten, doch hatten die 1950er und 1970er Jahre zu einer eigenen Deutung des Innenraums gefunden: Das Fensterband erhielt von der Künstlerin Marianne Scherer-Neufarth eine abstrakt-farbige Bleiglasgestaltung, die Wände wurden vorwiegend in Weiß gehalten. Nach langen fachlichen Beratungen hat der Evangelische Regionalverband nun mit dreysse.architekten zurückgefunden zur ursprünglichen farbenfrohen Innenraumfassung. Dafür wanderte die Glasgestaltung der Nachkriegszeit ins Magazin. Das Ergebnis konnte man bei der Wieder-Einweihung am 5. März 2017 in Frankfurt-Niederursel bestaunen. (db, 3./5.3.17)

Frankfurt am Main, Gustav-Adolf-Kirche (Bild: D. Bartetzko)
Frankfurt am Main, Gustav-Adolf-Kirche, der frisch renovierten Innenraum (Bild: D. Bartetzko)

ausführliches Porträt zur Baugeschichte und mehr Bilder der frisch renovierten Kirche auf der „Straße der Moderne“

Kirchbauverein der Moderne

Es ist kein Geheimnis mehr, dass die moderne Kirchenlandschaft von Nordrheinwestfalen internationale Maßstäbe setzt. Nicht nur in ihrer Anzahl, sondern vor allem in ihrer Qualität. Doch leider hat sich auch schon herumgesprochen, dass dieser liturgische wie baukulturelle Wert „im Umbruch“ steht. Die Mitglieder- und Finanzstärke der beiden großen christlichen Konfessionen schwindet, die Bevölkerungsstruktur ganzer Viertel bricht um, Sanierungsmaßnahmen drängen, nicht immer gehen die Interessen von Kirche und Denkmalpflege in eine Richtung … Für immer mehr dieser traditionsreichen Räume müssen daher zusätzliche oder ganz andere Nutzungen gefunden werden.

Für diese große Aufgabe hat sich nun eine neue Initiative zusammengefunden, um auf Landesebene einen Kirchbauverein eigens für die Architekturmoderne zu gründen. Zu diesem Anlass wird zum 20. Februar 2017 zu einem Symposion eingeladen in den „Dialograum Kreuzung an Sankt Helena“ (Bornheimer Straße 130, 53119 Bonn), selbst ein in seiner Nutzung geöffneter Kirchenraum (1960, E. Steffann/N. Rosiny). Es grüßen und diskutieren Fachleute rund um den (rheinischen) Kirchenbau). Um 20 Uhr erfolgt die Gründung des „Kirchbauvereins der Moderne an Rhein und Ruhr“. Die Mitgliedschaft ist für natürliche und institutionelle Mitglieder möglich, der Satzungsentwurf ist erhältlich unter: info@kirchbauverein-moderne.de, 0179/7092046. Die Veranstaltung, unterstützt von StadtBauKultur NRW, bildet eine Kooperation mit dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, der Initiative „Kreuzung an Sankt Helena“ und moderneREGIONAL. (db, 14.1.17)