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Basel, Paulskirche (Bild: Mike Lehmann, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2006)

Basel: Kirche zu verschenken?

Vor dem Geld – genauer gesagt, vor dem fehlenden Geld – sind alle Konfessionen gleich. Auch in der Schweiz sehen sich die christlichen Gemeinschaften gezwungen, ihren Baubestand kritisch zu prüfen, teils zu schließen, abzugeben und abzureißen. In Basel kocht dieses Problem gerade rund um eine Inkunabel hoch: um die reformierte Pauluskirche in Basel, die keine Geringeren als Karl Moser und Robert Curjel 1901 gestalteten. Was außen als neuromanischer Zentralbau daherkommt, entpuppt sich im Inneren als jener strenge geometrische Jugendstil, der an der Schwelle zur Moderne steht. Da scharen sich die Bänke um die mittige Kanzel, über der „Jesus als Kinderfreund“ auf die Gemeinde blickt.

Für Kunstfreunde wie für Theologen ist hier das gemeinschaftsorientierte „Wiesbadener Programms“ besonders eindrücklich umgesetzt – in Deutschland vielleicht mit der Wiesbadener Ringkirche vergleichbar. Doch die Gemeinde will die Pauluskirche bis 2021 schließen, beliefen sich doch die Unterhaltskosten auf jährlich 200.000 Franken. Und genau hier fordert man das Entgegenkommen der Denkmalpflege ein. Man müsse, so die Kritik von kirchlicher Seite, über Eingriffe im Inneren, z. B. über die Entfernung der Bänke, nachdenken dürfen. Nur dann sei der Raum für neue Nutzer attraktiv. Andernfalls müsse man die Pauluskirche für einen symbolischen Preis „verschenken“. (kb, 11.5.18)

Basel, Paulskirche (Bild: Mike Lehmann, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2006)

Oberhausen, Hl. Familie (Bild: jjm, via mapio.de)

Oberhausen: Kein Geld für die Heilige Familie?

Wenn es so etwas wie eine glückliche Weiternutzung eines Kirchenraums gibt, dann wohl eine wie diese: In die von Rudolf Schwarz und Josef Bernard 1958 gestaltete Heiligen Familie in Oberhausen zog 2007 die örtliche Tafel ein. Nur wenige, reversible Änderungen ließen dem Kulturdenkmal seine Wirkung – und (nicht nur) die Theologen liebten die neue karitative Seite des ehemaligen Gottesdienstraums. Doch im Bistum Essen sind die Gemeinden dazu aufgefordert, ein Konzept für die Jahre bis 2030 zu erstellen. Eines der Ziele ist die Halbierung der Kosten – und damit auch ein kritischer Blick auf den Gebäudebestand.

Die Katholische Pfarrei St. Marien in Oberhausen will von ihren sieben Kirchen mittelfristig zwei behalten: St. Marien und St. Katharina. Die fünf übrigen – Zu unsrer Lieben Frau (1957), St. Johannes Evangelist (1952), Hl. Geist (1958), St. Michael (1929) und die Heilige Familie – sollen in den kommenden Jahren abgegeben oder umgenutzt werden. Die Heilige Familie soll künftig keine Mittel für den Bauunterhalt bekommen. „Wir wollen uns von dem Gebäude trennen, wenn’s geht“, erklärte Pfarrer Thomas Eisenmenger der NRZ. Die Tafel könne beispielsweise in die Kirche St. Michael umziehen. Nun werden die Pläne der Gemeinde beim Bistum eingereicht und geprüft, bevor es dann an die Umsetzung gehen kann. (kb, 3.5.18)

Oberhausen, Hl. Familie (Bild: jjm, via mapio.de)

Demitz-Thumitz, Maris Frieden (Bild: Lydia, CC BY SA 3.0, 2011)

Wohnen mit Turm

Die Presse titelt frech, hier ginge es um „Sachsens größtes Einfamilienhaus“. Möglich. In jedem Fall handelt es sich um ein Wohnhaus mit viel Flair und Turm. Gemeint ist die katholische Kirche Maria Frieden in Demitz-Thumitz. Der 1954 geweihte Bau zeigt nach außen ganz traditionell Turm, Satteldach und Naturstein. 2011 wurde die Kirche geschlossen. In der Folge richtete man einen Teil des Schiffs für die neue Wohnnutzung her: mit einer Trennwand, einer Zwischendecke und einer Versetzung der Orgel.

Vor Ort träumte man einige Zeit von einer kulturellen Teilnutzung der Kirche. Doch als zeitgleich von staatlicher Seite das Erlebnismuseums „Alte Steinsäge“ aus der Taufe gehoben wurde, reduzierte sich die künftige Funktion von Maria Frieden auf reines Wohnen. Einige Räume wurden auch als Ferienwohnung angeboten. Nun ziehen die jetzigen Bewohner um – und suchen einen neuen Käufer für die ehemalige Kirche. Der Preis soll sich auf 259.000 Euro für das Gebäude und das 2.630 Quadratmeter große Grundstück belaufen. Die neuen Eigentümer könnten auch die Orgel übernehmen. (kb, 30.4.18)

Demitz-Thumitz, Maria Frieden (Bild: Lydia, CC BY SA 3.0, 2011)

Berlin-Mariendorf, Martin-Luther-Gedächtniskirche (Bild: Harald Rossa, CC BY SA 2.5, 2006)

Die Kirchen und die Kunst und die NS-Zeit

Als ob es die Protestanten nicht schon schwer genug hätten mit der Kunst an sich (bunt, könnte Spaß machen, geht gar nicht …). Wenn dann das Thema NS-Zeit dazu kommt, wird es noch einmal komplizierter. Höchste Zeit also, sich der Sache mit einer Tagung kritisch anzunähern, wie es die Evangelische Akademie Loccum vom 15. bis 17. Juni unter dem Titel „Kunst und protestantische Kirche während des Nationalsozialismus“ tun wird. Man will damit Suchstrategien, einschlägige Fragestellungen und Deutungshilfen für eine bundesweite Aufarbeitung kirchlicher Kunst während des Nationalsozialismus sammeln.

Wie lässt sich die Aufarbeitung von Kunstgut dieser Jahre in protestantischen Kirchen systematisch angehen? Unter welchen Bedingungen wurde Kunst damals produziert? Was kann man aus der Analyse „schwieriger Fälle“ für die Deutungsarbeit gewinnen? Welches sind die nächsten Schritte hin zu einer sachgerechten Aufarbeitung von Kunstgut im Raum der protestantischen Kirche während der NS-Zeit? Angesprochen werden die Verantwortungsträger von den Kunstreferaten über die Kirchenleitungen bis zu den Kirchenvorständen. Eingeladen sind ebenso Experten aus Kunst und Denkmalpflege und interessierte Bürger. Anmeldungen sind möglich bis zum 14. Juni unter: Evangelische Akademie Loccum, Münchehäger Straße 6, 31547 Rehburg-Loccum, 05766 81-0, www.loccum.de oder bei der Tagungsleitung: Stephan.Schaede@evlka.de. (kb, 20.4.18)

Berlin-Mariendorf, Martin-Luther-Gedächtniskirche, 1935, Triumphbogen u. a. mit NS-Motiven (teil-entfernt vermutlich während der NS-Zeit) (Bild: Harald Rossa, CC BY SA 2.5, 2006)

Döllgast, Alte Pinakothek, Bild (c) Klaus Kinold

Kinold trifft Döllgast trifft Schwarz

Wiederaufbau im Sinne von Rekonstruktion oder aber Neuplanung nach den Maßgaben der Charta von Athen – das waren die Pole der architektonischen Debatten in der jungen Bundesrepublik. Für einen Mittelweg plädierten die Architekten Hans Döllgast und Rudolf Schwarz, die in den 1950er Jahren für diverse Bauprojekte im kriegszerstörten Land verantwortlich zeichneten. Eine Ausstellung in Innsbruck beleuchtet das Werk der beiden Architekten in Aufnahmen Klaus Kinolds. Der Fotograf, der in den 1960er Jahren bei Egon Eiermann Architektur studierte, vereint in seinen Arbeiten die Expertise beider Berufsfelder.

Hans Döllgast plante unter anderem den Wiederaufbau der Alten Pinakothek in München. Seine Fassadenrekonstruktion verzichtete bewusst darauf, die Kriegsschäden zu übertünchen und sorgte dafür, dass sie auch nach Abschluss des Wiederaufbaus sichtbar blieben. Rudolf Schwarz entwickelte sich zu einem gefragten Kirchenbaumeister der Nachkriegszeit, er betreute auch den Wiederaufbau der Paulskirche in Frankfurt. Trotz der durchaus modernen Formensprache seiner Architektur sprach Schwarz sich gegen die von Gropius propagierte Bauhaus-Moderne aus, der er Formalismus und Technizismus vorwarf. 1953 löste er die Bauhaus-Debatte aus, die die Fachwelt monatelang beschäftigte. Die Ausstellung ist bis zum 9. Juni 2018 im aut (architektur und tirol, im Adambräu, Lois Welzenbacher Platz 1, 6020 Innsbruck) zu sehen. (jr, 18.4.18)

Döllgast, Wiederaufbau Alte Pinakothek (Bild: © Klaus Kinold)