PORTRÄT: Das Gloria in Weißenfels

von Sarah Huke (Heft 14/1)

Weißenfels, Gloria (BIld: Francesca Richter, Weißenfels)
Ein Hauch von Großstadt (Bild: Francesca Richter, Weißenfels)

Durch Weißenfels weht ein Hauch von Großstadt: „Gloria“ steht in großen Lettern auf der erloschenen Lichtreklame eines großen kantigen Gebäudes. Erbaut wurde der Gloria-Palast 1928 als modernes Lichtspielhaus, doch seit 1998 steht er leer und verfällt. Zu lange waren die Besitzverhältnisse unklar. Und auch das Land Sachsen-Anhalt konnte nur gerade so viel Geld bereitstellen, um das historische Lichtspielhaus notdürftig baulich zu sichern. Dabei zählt das Gloria nicht allein zu einem fast verlorenen städtischen Bautypus, sondern auch zu den wertvollen Zeugnissen der Klassischen Moderne.

 

Erschwinglich für jedermann

Nach Ende des Ersten Weltkrieges vergrößerte sich Weißenfels schnell, das Geschäftsleben florierte. Der Bau der Leuna-Werke ab Juli 1916 trug zu dieser Entwicklung bei. Man errichtete Volkshochschulen, Stadttheater und Volksbühnen, um der Bevölkerung auch Literatur, Kunst und Musik näher zu bringen. In den folgenden Jahren entstanden immer mehr kleinere Kinos in der Stadt, doch genügten sie nicht immer den baupolizeilichen Auflagen. Daher beschloss der Kinobesitzer Robert Göpffahrt, ein neues Lichtspielhaus zu bauen, das allen Anforderungen und den neusten technischen Möglichkeiten entsprach.

Der Baugrund für das neue Lichtspieltheater (Bild: Kreisarchiv Weißenfels)
Der Baugrund für das neue Kino (Bild: Stadtarchiv Weißenfels)

Für den Baugrund hinter der Bahnüberführung, zwischen Alt- und Neustadt, wurde aus 15 Bewerbern der Erfurter Architekt Carl Fugmann ausgewählt. Am 5. April 1928 begann der Abbruch des angrenzenden Bürohauses, rasch folgten die Erd- und Mauerarbeiten. Bereits am 12. Mai, so berichtete das „Weißenfelser Tageblatt“, „wurde ein verlötbarer kupferner Behälter mit einer Urkunde, einem Bild des Baues, Inflationsgeld und Stücken der heutigen Währung in den Grundstein eingelassen. […] Hoffnungsreiche Wünsche begleiteten die drei Hammerschläge, die auf einem laufenden Filmstreifen festgehalten wurden.“

 

Täglich kamen Hunderte

Die Baustelle lockte täglich Hunderte an: Zunächst wurden Eisen-Binder verankert und mit Flaschenzügen aufgerichtet, schließlich ohne Leitern in der Luft verbunden und die Eisenkonstruktion zuletzt ausgemauert. Schon nach fünf Monaten weihte man den Gloria-Palast am 18. Oktober 1928 ein. Für jedermann erschwinglich, verfügte das neue Lichtspieltheater über 1.200 Sitzplätze zum Eintritt von 0,60 bis 2,50 Mark. Die Loge im Saal und der Rang boten gepolsterte rote Plüschsessel. Eine geschmackvolle Beleuchtung, edle Hölzer, Wandkacheln und Spiegel stimmten die Besucher auf den Kunstgenuss ein.

Das Gloria in Weißenfels zur Zeit seiner Eröffnung (Bild: historische Postkarte)
Das Lichtspieltheater zur Zeit seiner Eröffnung (Bild: historische Postkarte)

Zur Eröffnung begrüßte das „Weißenfelser Tageblatt“ den Neubau mit der fortschrittlichen Geste: „Gestaute Menschenmassen vor den Eingängen waren gestern das äußere Kennzeichen der Eröffnung des Gloria-Palastes und zwei ausverkaufte Vorstellungen das innere. […] Wer abends von der Merseburger Straße hereinkommt, empfängt einen richtigen großstädtischen Eindruck von dem modernen in Linien gehaltenen und wirkungsvoller Lichtreklame erhellten Gebäude.“

 

Wie in der Großstadt

Architektonisch und konstruktiv ist das Lichtspielhaus für die Kleinstadt besonders. Der flachgedeckte Putzbau in sparsamer Fachwerk-Eisenkonstruktion zitiert das Neue Bauen, wie es u. a. durch das Bauhaus gefördert wurde. Auf einem schiefwinkligen Grundstück bilden ineinander verschobenen Quader zwei Hauptfassaden mit Schlitzfenstern aus. Blickfang ist der Eckabschnitt, den die Gegensätze von niedrig und hoch – Portikus und turmähnlichen Zwischenbau – bestimmen. Letzteren überragt der Leuchtreklamekasten mit dem Schriftzug „Gloria“, einst rundeten noch Lichtschaukästen und -bänder an den Gesimsen das Bild effektvoll ab.

Weißenfels, Gloria (BIld: Francesca Richter, Weißenfels)
Der Kinosaal heute – bei moderneREGIONAL die ersten Innenaufnahmen seit Jahren (Bild: Francesca Richter, April 2014)

Im Jahr 1940 erweiterte man das Kino um einen Luftschutzbunker und baute im Eingangsbereich 1941 eine schützende Überdachung. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Immobilie in der DDR enteignet und in den neugegründeten VEB Lichtspielbetrieb eingegliedert. Mit der Wiedervereinigung übernahm die UFA das Gebäude, 1998 wurde es stillgelegt. Ein neuer Betreiber wollte einige Jahre später einen „Tanzpalast“ einrichten. Doch nachdem das Saalinventar ausgebaut war, scheiterte das Unternehmen. Seitdem steht der bemerkenswerte Bau der Klassischen Moderne leer und verfällt.

 

Eines der Letzten seiner Art

Weißenfels, Gloria (BIld: Franziska Richter, Weißenfels)
Reste der originalen Ausstattung (Bild: F. Richter)

Der Gloria-Palast bleibt eines der letzten Beispiele für den Bautyps „Lichtspieltheater“ aus der Zeit der Klassischen Moderne in Sachsen-Anhalt. Deshalb ist es umso trauriger, dass die Zeit an der Bausubstanz nagt. Es sind nicht nur die historischen Lichtspielhäuser, die aus den Stadtbildern verschwinden und einen Teil der Sozialgeschichte des Landes vergessen machen. Mit jedem Bau der klassischen Moderne geht auch ein Zeichen verloren, wie neu und großstädtisch dieser Stil einmal wirkte. Dass – auf Initiative der Stadt Weißenfels – nun ein Insolvenzverwalter auf das „Gloria“ ansprechbar ist, lässt für die Zukunft hoffen.

 

das wurde draus …

Der Präsident des Landesverwaltungsamt und der Weißenfelser Oberbürgermeister öffneten das stillgelegte Gloria am 24. Mai 2014 im Rahmen der Intititive „In liebevolle Hände abzugeben“, um auf die Chancen denkmalgeschützer Bauten aufmerksam zu machen. Im Dezember 2014 erhielt das moderne Baudenkmal – auf Antrag der Kommune, mit Förderung der Landesdenkmalpflege – ein Notdach. Im Frühjahr 2015 denkt der Weißenfelser Oberbürgermeister laut darüber nach, im Gloria die Stadtbücherei unterzubringen und in dieses Konzept den bestehenden Saal mit Bühne zu integrieren …

 

Ein Rundgang durch das Gloria

Werfen Sie mit den Bildern von Francesca Richter erstmals seit Jahren wieder einen Blick in das stillgelegte Weißenfelser Lichtspieltheater!

 

Literatur und Quellen

Köhler, Myrta, Vier Kinos von Carl Fugmann, in: Baunetzwoche 241

Bach, Gerhard, Der Gloria-Palast, in: Weißenfelser Heimatbote 17, 2008, 4, S. 103-106

Findeisen, Peter, Alte Lichtspielhäuser in Sachsen-Anhalt. Noch kein Nachruf, in: Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 15, 2007, 1, S. 16-37

Kreisaktenarchiv Weißenfels, historische Bauakte, Merseburgerstraße 3

Stadtarchiv Weißenfels, Weißenfelser Kreisblatt, 19. Oktober 1928

Stadtarchiv Weißenfels, Weißenfelser Kreisblatt, 19. Februar 1897