Beförderung im Büro: LVA Stuttgart

 von Martin Pozsgai (Heft 14/3)

Der kompakte polygonale Verwaltungsneubau der LVA Württemberg lag am Rand der Großsiedlung auf dem Stuttgarter Freiberg (Bild: Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg, 1981)
Der Verwaltungsbau der LVA Württemberg am Rand der Großsiedlung auf dem Freiberg (Bild: DRV Baden-Württemberg, 1981)

Seit Beginn der 1960er Jahre musste die – in der Stuttgarter Rotebühlstraße ansässige – Landesversicherungsanstalt Württemberg (LVA) viele Abteilungen auslagern. Schon 1966 erwog der Vorstand daher einen Neubau. Nach einem Vorentwurf der Architekten Otto Jäger und Werner Müller beauftragten die LVA-Selbstverwaltungsorgane diese 1969 mit dem Verwaltungsgebäude. Zuvor hatte man bereits die Beratungsfirma Interorg Deutschland GmbH für ein Raum-, Betriebs- und Funktionsprogramm hinzugezogen. 1972 war Grundsteinlegung, im September 1975 wurde der Bau in der Großsiedlung Freiberg eröffnet.

 

„Für Stuttgart groß“ (OB Rommel)

Grundriss des 1. Obergeschosses von 1970 (Ebene 10) (Bild: Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg)
Grundriss, 1. Obergeschoss (Ebene 10), 1970 (Bild: DRV Baden-Württemberg)

Der neue Verwaltungsbau am Stuttgarter Stadtrand entstand auf einem annähernd sechseckigen Grundriss, ebenerdig an einer Seite ausgeweitet. Für (geplante) 1.938 Mitarbeiter gab es drei Untergeschosse, ein Erdgeschoss (Ebene 00) mit Eingangshalle, Rechenzentrum und Poststelle, sechs klimatisierte Großraumbüro-Geschosse (Ebenen 10-60) sowie ein volles und ein verjüngtes Technikgeschoss. Der Zentralkern mit den „mechanischen Verkehrsmitteln“ Rolltreppe und Aufzug sowie die drei Außenkerne mit den Nebentreppen erschlossen die Anlage. An der Südostseite fügte sich der „Sozialbereich“ an, u. a. mit Kantine und Betriebsarzt.

Die LVA Württemberg war Trägerin der Arbeiterrentenversicherung in den Regierungsbezirken Stuttgart und Tübingen, betreute 1974 rund 1,25 Millionen aktiv Versicherte und mehr als 600.000 Rentner. Als „Großverwaltung“ berechnete und zahlte sie die Renten, sammelte und dokumentierte die Versicherungszeiten – letzteres bedurfte einer enormen Datenspeicherung. Für diese Arbeitsabläufe wurde die elektronische Datenverarbeitung immer wichtiger: Das LVA-Rechenzentrum zählte zu den größten Baden-Württembergs.

1975 bezogen ca. 1.800 Mitarbeiter in acht Fachabteilungen das Haus. Jedes Bürogeschoss verfügte über 4.200 qm für je durchschnittlich 300 Personen. Die Großraumbesiedlung wurde durch ein modulares hölzernes Anbau-System der Firma Domus begrenzt. Bedarfsgerecht bot es Regaleinheiten, Garderoben-/Wertfachschränke sowie Sitzgelegenheiten. Die Arbeitsbereiche umgaben lindgrüne Stellwände und Pflanzentröge mit Hydrokultur.

 

Fördersysteme

Zweibahnige gegenläufige Rolltreppen im Haupttreppenhaus ermöglichten eine zügige Erschließung der Ebenen 10 bis 60 (Bild: Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg, W. Trepl, um 1980)
Zweibahnige gegenläufige Rolltreppen im Haupttreppenhaus erschlossen die Bürogeschosse (Ebene 10-60) (Bild: DRV Baden-Württemberg, W. Trepl, um 1980)

Die Verwaltungswege waren kurz und übersichtlich: vertikale Fördersysteme für die Mitarbeiter, welche die Rolltreppen und Aufzüge direkt vom Haupteingang aus erreichten, und für den Aktentransport. Dem Zentralkern kam dabei als Verkehrsknotenpunkt die tragende Rolle des gesamten Baus und des Verwaltungsorganismus zu.

Das Erdgeschoss und alle Büro-Ebenen wurden durch zweibahnige gegenläufige Rolltreppen erschlossen – wie in einem Kaufhaus. Ihre Kapazität verhinderten in der „Hauptverkehrszeit“ drohende Wartezeiten. Die gesamte Belegschaft von knapp 2.000 Mitarbeitern hätte so theoretisch in nur zehn Minuten aufgenommen und an ihre Schreibtische befördert werden können.

 

Der „Aktenpaternoster“

Der Stockwerksdienst – hier der Ebene 30 – bediente die Aktentransportanlage und verteilte Akten und Post in die Regalfächer der Verteilstation (Bild: Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg, W. Trepl, um 1980)
Der Stockwerksdienst – hier der Ebene 30 – bediente die Aktentransportanlage und sortierte Akten und Post in die Regalfächer der Verteilstation (Bild: DRV Baden-Württemberg, W. Trepl, um 1980)

Ein „Aktenpaternoster“, wie die Lauf- und Verteilanlage der Firma Ralfs auch genannt wurde, verband die Bürogeschosse mit der Zentralregistratur (Ebene 30), in der die gesamte „aktive“ Registratur gelagert werden sollte, und mit dem Altarchiv im Untergeschoss, bestehend aus sog. toten Akten. Mit ihr gelangte neben den Akten die ein- und ausgehende Post auf die jeweilige Abteilung. Die Zentralregistratur lag genau „zwischen“ den Etagen, welche die Leistungsabteilungen beherbergten, und gestaltete damit die Wege zur „aktiven“ Registratur für alle möglichst gleich weit und effizient.

Die Aktentransportanlage unterstand dem Stockwerksdienst am Zentralkern. Er war gleichsam „für den Kreislauf des Schriftgutes“ (Fichtner/Trepl) zuständig: Er sammelte, sortierte, verteilte und transportierte Unterlagen. Bei ihm befanden sich Verteilstation, Formulartheke oder Kopiergeräte. Der Paternoster half auch der Beratungsstelle in der Eingangshalle, rasch Auskunft geben zu können. Wenn sich ein Versicherter am Empfangstresen beim Pförtner meldete, bestellte dieser Akten und Sachbearbeiter. Aus unterschiedlichen Etagen des Hauses kamen der Mitarbeiter – auf der Rolltreppe – und die Unterlagen – über die Transportanlage – zur Dienstleistung im Erdgeschoss zusammen.

 

Sternförmige Großraumerschließung

Schreibdienst im Großraumbüro mit Stellwänden (Bild: Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg, W. Trepl, um 1980)
Vergleichsweise niedrige Stellwände – hier rund um den Schreibdienst – begünstigten in den Großraumbüros die Orientierung (Bild: DRV Baden-Württemberg, W. Trepl, um 1980)

In den Großraumbüros blieb das Gesamtgefüge vom Zentralkern aus überschaubar: Die umlaufende Begrenzungswand öffnete sich zu strahlenförmigen Erschließungsgängen auf der Bürofläche. Die niedrigen Stellwände unterstützten ebenso wie der vieleckige Grundriss die optisch und psychologisch günstige Besiedlungsstruktur.

Durch die konzentrische Anlage des Hauptverkehrswegs – rund um den Zentralkern – waren alle Teile des Großraums (und zurück) nahezu gleich weit entfernt. Im Außenbereich stand zudem die vertikale Verbindung der Nebentreppen bereit. So sollte sich eine bessere Kommunikation zwischen den Fachabteilungen ergeben.

 

Orientierung durch Farbe

Das Farbleitsystem der Bürogeschosse bot Orientierung: neben den Schildern und den Begrenzungswänden von Domus war die Wandfarbe darauf abgestimmt (Bild: Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg, W. Trepl, um 1980)
Das Farbleitsystem der Bürogeschosse: Neben Schildern und den Begrenzungswänden von Domus war die Wandfarbe darauf abgestimmt (Bild: DRV Baden-Württemberg, W. Trepl, um 1980)

Zusätzliche Orientierung bot das Farbleitsystem, das der Maler Lothar Schall in Absprache mit den Architekten entwickelt hatte. „Der gesamte Farbkosmos wird von der Eingangshalle her über den Zentralkern durch die sechs Obergeschosse geführt“, so Otto Jäger bei der feierlichen Eröffnung. Jede Ebene wurde durch eine Farbe gekennzeichnet, die in der Wandmalerei des Haupttreppenhauses, in der Systemmöblierung der Firma Domus und in der Farbfassung der Türen zu Nebentreppen und Toiletten wiederkehrte.

Darüber hinaus führten Schilder rasch ans Ziel. So waren im Zentralkern über den eleganten gläsernen Schwingtüren zum Großraum deutlich sichtbare Orientierungstafeln aus Plexiglas – in den Leitfarben des Stockwerks, mit Angaben zu Geschoss, Himmelsrichtung und Fachabteilung – angebracht. Auf der Bürofläche fanden sich zusätzlich an die Decke gehängte Ortsschilder, die den Arbeitsbereich anzeigten. Doch man konnte sich selbstverständlich auch an den Stockwerksdienst wenden, auf dessen Kontroll-Leuchtpult der Grundriss und die Aufteilung der Arbeitsbereiche grafisch dargestellt waren.

 

Modellhaftes Konzept

Pausenzone im Großraumbüro (Bild: Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg, W. Trepl, 1976)
Das Stuttgarter Konzept – hier die Pausenzone im Großraumbüro des LVA-Gebäudes – fand sich bundesweit auch in Schwesteranstalten (Bild: DRV Baden-Württemberg, W. Trepl, 1976)

Seit 1990 wurde das Gebäudeinnere stufenweise verändert – nicht zuletzt bedingt durch Strukturreformen in der gesetzlichen Rentenversicherung wie die Fusion mit der LVA Baden oder auch aufgrund der Regionalisierung. Vor allem die Großraumbüros gestaltete man um: Höhere Stellwände verstärkten die (Schall-)Isolierung, der Aktenpaternoster wurde ausgebaut, die Rolltreppen ebenso. Noch vor der Neumöblierung der Erdgeschossräume verlor das Haus seine Leitfarben. Einzig die erhaltenen Domus-Elemente und Reste der Stockwerksschilder zeugen noch vom ehemaligen Gesamtkonzept.

Sobald ein kleineres Bürogebäude bezogen ist, das aktuell auf dem Grundstück errichtet wird, werden die Obergeschosse des Altbaus ab 2016 abgetragen. Während die Stuttgarter LVA in Baden-Württemberg das mit Abstand gewaltigste Großraumgebäude der öffentlichen Verwaltung war, setzten zahlreiche bundesdeutsche Schwesteranstalten in den 1970er Jahren ebenfalls auf dieses Konzept. Deren Großraumbüros werden in Zukunft als Vergleichsobjekte heranzuziehen sein – denn die Geschichte der nachkriegsmodernen Verwaltungsbauten der gesetzlichen Rentenversicherung ist noch zu schreiben.

 

Rundgang

Begleiten Sie Martin Pozsgai – mit Bildern von Helmut Beck und der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg – auf eine Zeitreise in die (Großraum-)Bürowelt der späten 1970er Jahre.

 

Literatur

Historische Dokumente der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg, Bau- und Pressereferat

Fichtner, Lothar/Trepl, Willi, Freiberg-Ausblick. Brevier für eine Bürolandschaft, Kornwestheim o. J. [1975]

Das neue Verwaltungsgebäude der Landesversicherungsanstalt Württemberg in Stuttgart-Freiberg, in: Mitteilungen der Landesversicherungsanstalt Württemberg 67, 1975, S. 133-152