„Die Frage ist nicht wo, sondern wann“

Eine Waschbetonschule, ein Atomkraftwerk, eine Stabkirche und viel viel architekturloser Wald – in der ersten deutschen Netflix-Serie „Dark“, Anfang Dezember frisch gestartet, markiert der Ort die Zeit. Und beides wechselt in immer verwirrenderer Folge zwischen 2019, 1986, 1953 und irgendwo in einer apokalyptisch anmutenden Zukunft. Es geht um düstere, die Generationen verbindende Familiengeheimnisse in einer deutschen Kleinstadt. Was im Film „Winden“ (wovon es bundesweit mehrere gäbe) heißt, wurde – so viel verraten die Produzenten – in Berlin und Umgebung gedreht. Und wie die Zeitreisenden zwischen den filmischen Polen „Stranger Things“ und „Twin Peaks“ räumlich in Szene gesetzt werden, macht auch Architekturliebhabern Laune.

 

Waschbeton mit Signalfarben

Die Grundfarbe der Serie ist, ihrem Namen gerecht werdend, dunkel. Und als ob „grau“ nicht schon urdeutsch genug wäre, kommt als Archetypus auch noch der finstere (Märchen-)Wald hinzu, in dem Kinder verschwinden und unverhofft und nicht immer unversehrt wieder auftauchen. Untermauert durch ein parawissenschaftliches Erklärungskonstrukt, das SciFi-Fans nicht wirklich befriedigen kann, reisen einige der Mitwirkenden zwischen den Zeiten. Allein dem Jahr 1986 gönnen die Filmemacher bedrohliche Farbakzente: Eine Waschbetonschule (erbaut wohl im West-Berlin der 1970er Jahre), der man spontan den Denkmalschutz an den stilvollen Hals wünscht, trägt signalgelbe Fensterrahmen und Türen. Das Kerkerzimmer der Entführten bedrängt mit grellbunten Videoclips.

 

Nach dem AKW ist vor dem AKW

Im Jahr 1953 hingegen bleibt die Szenerie derart braun-pastelltonig, dass man sich manchmal fast weitere 20 Jahre zurückversetzt fühlt. Die grauen Herren planen im beschaulichen Winden ein AKW, das an (das halbe) Biblis erinnert. Eine technische Neuerung, die in der außerfilmischen bundesdeutschen Realität bis 1961 dauern sollte. In „Dark“ jedenfalls bringt die Kernspaltung vielfaches Unheil und – im Verbund mit Gott, Teufel und einem philosophierenden Uhrmacher – die Zeitströme durcheinander. Die Naturszenen entstanden bei Potsdam, in der Idylle der Mittelmark zwischen Tremsdorf und Saarmund. Diese wird getrübt durch den gebogenen Beton der frühen Nachkriegsmoderne, hier schon durch die nostalgische Brille dargestellt als Baustoff einer inzwischen überwundenen Energiepolitik.

 

Tote Schafe und ein dubioser Priester

Wie zu erwarten, bleibt der Eingriff in die Naturmächte 1986, im Jahr der Tschernobyl-Reaktor-Katastrophe, nicht ohne Folgen. Vögel fallen vom Himmel und Schafe ins Gras. Als wären es damit nicht genug der apokalyptischen Zeichen, manipuliert ein undurchschaubarer Priester die Menschen und Zeitläufe. Die Kulisse seiner Welterklärungsversuche (viel Einstein, wenig Bibel) bildet eine Stabkirche: die 1911 von Gustav Werner gestaltete „Holzkapelle“ auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf. Was die Serienmacher Baran bo Odar und Jantje Friese hier in 150 Drehtagen mit Schauspielern wie Louis Hofmann, Mark Waschke, Sebastian Rudolph, Oliver Masucci, Karoline Eichhorn und Michael Mendl geschaffen haben, will sichtbar international mithalten. Entsprechend sind die gezeigten Orte zu außerdeutschen Projektionsflächen verallgemeinert: Sie sind schwer an einem konkreten Ort festzumachen, denn nur so können sie als letzter ikonischer Anker der sich immer stärker verflechtenden Handlungs- und Zeitstränge dienen. (kb, 9.12.17)

Protestbeseitigung in einer Szene der Serie „Dark“ (Bild: Screenshot, Netflix)

Nachtrag (Danke an Christian Heinrich für den Tipp): Bei der Waschbetonschönheit könnte es sich um die Reinfelder-Schule in Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf handeln.