Ein berühmtes Betonmonster

Mattersburg, Kulturzentrum (Bild: Johann Gallis, 2015)
Betonplastisch bis ins Detail: das brutalistische Kulturzentrum im österreichischen Mattersburg aus dem Jahr 1976 (Bild: Johann Gallis, 2015)

Es gibt zwei Wege, um berühmt zu werden: Man ist entweder zeitlos schön/gut/originell, oder man stirbt früh. Für die erste Alternative bringt das brutalistische Kulturzentrum im österreichischen Mattersburg alle Voraussetzungen mit. Doch leider droht die zweite Option: die zerstörende „Neugestaltung“. Um letztere abzuwenden, trug man die Betonschönheit als eine der ersten in das virtuelle Portal „SOSBrutalism“ ein. Versehen mit dem roten Punkt für „endangered“, wanderte Mattersburg dann gemeinsam mit dem Online-Projekt mit dem treffenden Slogan „Rettet die Betonmonster“ durch die Presse.

 

Das erste seiner Art

Vor rund 50 Jahren war das Ensemble von Mattersburg unbestreitbar ein Kind der Kulturbegeisterung. Ins Burgenland am damaligen Rand des Eisernen Vorhangs sollte endlich auch Bildung und Vergnügung für alle einziehen. Nach einem Vorprojekt des Architekten Matthias Szauer wurde 1973 ein Wettbewerb für dieses erste Kulturzentrum im Burgenland ausgelobt. Es gewann der Architekt Herwig Udo Graf (* 1940), der sich seit den späten 1960er Jahren in Mattersburg vorwiegend mit öffentlichen Projekten wie z. B. der Sparkasse „Sauerbrunner“ (1968) oder dem Kindergarten (1972) einen Namen gemacht hatte. Für das Kulturzentrum wählte er eben jenen plastischen schalungsrauen Sichtbeton, den wir heute unter Brutalismus fassen.

Die 1976 eingeweihte, flachgedeckte Anlage umfasste ursprünglich eine Sporthalle, eine Zentralhauptschule und ein Kulturzentrum mit Foyer, Restaurant, Volkshochschule, Seminarräumen, Literaturhaus, Verwaltungsräumen, Zentrum für politische Bildung (mit einigen Übernachtungsgelegenheiten), Jugendclub, Freibühne und Sauna mit Liegebecken. In den 1990er Jahren wurde einiges verändert: 1994 kamen das Literaturhaus und 1998 die Galerie „Artbox“ hinzu, 1999 gestaltete man den großen Saal neu. Dennoch hat das betonplastische Ensemble bis heute seinen wunderbar herben Charme bewahrt.

 

Es sieht nicht gut aus

Mattersburg, Kulturzentrum, Lageplan Abriss (Bild: Initiative "Rettet das Kulturzentrum Mattersburg)
So soll die Zukunft für das Kulturzentrum Mattersburg aussehen: Grau bleibt und wird umgenutzt bzw. umgebaut, rot wird niedergelegt (Bild: Initiative „Rettet das Kulturzentrum Mattersburg“)

Zum 50-jährigen Jubiläum sah es dann überraschend nach Abriss aus. Der Bau sei einfach nicht energieeffizient, ein Neubau wirtschaftlicher. Doch dann regte sich ein Widerstand, der in kurzer Zeit – in einer Kleinstadt mit 7.000 Einwohnern – 2.000 Unterschriften für den Erhalt sammelte. Die Kommune lenkte scheinbar ein und schrieb einen Architektenwettbewerb zur „Neugestaltung“ aus. Daraus ging Anfang Mai 2016 der Entwurf des Büros HOLODECK architects siegreich hervor. Demnach sollen nur 20% des Bestands erhalten bleiben: Der jetzige Veranstaltungssaal würde zu Büro- und Seminarräumen umgebaut. Doch weiterhin wehrte sich die Initiative lautstark, hofft auf einen der behutsameren Nicht-Sieger-Entwürfe und ruft per Facebook dazu auf, beim zuständigen Landeshauptmann per Mail zu protestieren. Sollte das berühmt gewordene Mattersburger „Betonmonster“ einen eigenen Kopf haben, dann dürfte ihm so viel gruppenorientierte gebildete politische Aktivität sehr gefallen! (kb, 18.5.16)

 

Literatur und Links

Luif, Georg (Bearb), Architektur in Mattersburg. geplant – errichtet – verändert – vernichtet, Mattersburg 2013

Widder, Roland (Hg.), Burgenland. Vom Grenzland im Osten am Tor in den Westen (Geschichte der österreichischen Bundesländer seit 1945 6), Wien u. a. 2000

Göhring, Walter (Hg.), Bildung in Freiheit. Die Erwachsenenbildung in Österreich nach 1945, Wien u. a. 1983

Herwig Graf: Kulturzentrum Mattersburg, 1972-1976, auf: SOSBrutalism

Kulturzentren Burgenland. Mattersburg

Initiative „Rettet das Kulturzentrum Mattersburg“

Präsentation. Kulturzentrum KUZ Mattersburg: Präsentation und Pläne im Detail, 17. Mai 2016, auf: BVZ.at [Burgenländische Volkszeitung]