FACHBEITRAG: Wie baut man Zukunft?

von Sunna Gailhofer (16/3)

Archigram, Walking City (Project 064), 1964 (© Deutsches Architekturmuseum)
Wie kann Architektur aussehen in Zeiten, in denen Raumfahrt und Kalter Krieg aufeinander treffen? Archigram, Walking City (Project 064), 1964 (© Deutsches Architekturmuseum)

Das Leben im Europa der 1960er Jahre war voll widersprüchlicher Themen, die auf oft unbehagliche Weise zusammentrafen: Raumfahrt und Kalter Krieg, wachsender Wohlstand, Fortschrittsglaube und Zukunftsangst. Wenige Künstler haben diese Gefühle, diese offensichtlichen und unbewussten Strömungen so direkt umgesetzt wie die sechs Architekten der Gruppe Archigram. Warren Chalk, Peter Cook, Dennis Crompton, David Green, Ron Herron und Mike Webb lernten sich 1960 bei der Baufirma Taylor Woodrow kennen. Dieses Unternehmen leistete sich ein Ideenlabor, dessen Mitarbeiter in bemerkenswerter Freiheit visionäre Projekte, manche davon ganz ohne unmittelbaren Nutzen, entwickeln konnten. 1961 gründeten die sechs ihre Zeitschrift „Archigram“ (aus „architecture“ und „telegram“), in der sie ihre Entwürfe, aber auch rein künstlerische Beiträge veröffentlichten. So Monty-Python-esk phantastisch die Projekte auch scheinen, waren sie doch niemals aus der Luft gegriffen …

 

Luftige Röhrenknoten für den Verkehr

Archigram (Warren Chalk, Ron Herron), City Interchange, 1963 (© Deutsches Architekturmuseum)
Kann man den großstädtischen Verkehr entzerren, indem man ihn in Röhren trennt und führt? Archigram (Warren Chalk, Ron Herron), City Interchange, 1963 (© Deutsches Architekturmuseum)

Ron Herrons Entwurf „City Interchange“ von 1963, die Vision eines gigantischen Verkehrsknotenpunkts, entstand z. B. vor dem Hintergrund konkreter Neuplanungen der Londoner Plätze Piccadilly Circus und Oxford Circus. Diese waren vom rapide angestiegenen Straßenverkehr der frühen 1960er Jahre überlastet und für Fußgänger nachgerade gefährlich geworden. In Ron Herrons Vision wird der Verkehr nach Fortbewegungsart in separate Ebenen kanalisiert. Die Abläufe sind maximal durchrationalisiert und ermöglichen schnelles und reibungsloses Umsteigen. Die Gestalt des Knotens, der vor allem aus Röhren und Verbindungsstücken besteht, ergibt sich aus der Funktion seiner Bestandteile.

Auch für „Under Water City“, ein Projekt von Warren Chalk von 1964, findet sich ein Anknüpfungspunkt in der Wirklichkeit: „Shivering Sands“, ein schwimmendes Fort vor der Südküste Englands, das aus sieben durch Laufstege miteinander verbundenen Pontonplattformen besteht. Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Fort verlassen. Die außerirdisch wirkende, malerisch verfallende Anlage hat die kollektive Vorstellungswelt der Engländer in den 1960er Jahren stark beschäftigt.

 

Mobile Einheiten aus dem Raketenbau

Archigram, Walking City (Project 064), 1964 (© Deutsches Architekturmuseum)
Kann sich eine Stadt wie ein Insekt unabhängig zu jedem notwendigen Ort bewegen? Archigram, Walking City (Project 064), 1964 (© Deutsches Architekturmuseum)

Ihren Höhepunkt erreicht die Idee, eine feindliche oder bislang unbewohnbaren Umwelt zu besiedeln, in Ron Herrons Projekt „Walking City“ von 1964. Die Stadt für den – hellsichtig erkannten – globalen Arbeitsnomaden bewegt sich als autonomer Organismus wie ein riesiges Insekt fort. Damit soll es möglich werden, unwirtliche irdische Gegenden zu erreichen und zu kolonisieren. Umgekehrt kann auch ein unbewohnbar gewordener Ort wieder verlassen werden – in Zeiten des Kalten Krieges durchaus interessant. Somit ist auch diese verspielte Stadtfantasie, eins der bekanntesten Archigram-Projekte und Inspiration für zahlreiche Nachfolger, fest in der Geschichte ihrer Zeit verankert. Peter Blake bezeichnete „Walking City“ 1968 in „Architectural Forum“ als gedankliche Weiterentwicklung der beweglichen Ingenieurskonstruktionen der Raketenbauer von Cape Canaveral.

Eine Vorstellung überstrahlt das gesamte Schaffen von Archigram in den 1960er Jahren: die Stadt als Megastruktur mit beweglichen austauschbaren Wohnelementen. Gebündelt werden die Ideen in Peter Cooks Projekt „Plug-In City“, das zwischen 1962 und 1965 entstand. Mehrere grundlegende Motive von Archigram werden hier gebündelt: funktionale Trennung von Konstruktion, Erschließung und Wohnen, modulare Bauweise, Austauschbarkeit und Standardisierung, Variabilität von Gestalt, Größe und Dichte einer Stadt sowie ihre Ausdehnung in die Höhe. Die „Plug-in City“ setzt sich zusammen aus einer regelmäßigen großmaßstäblichen Tragstruktur, die Erschließungswege und Versorgungstechnik aufnimmt, sowie austauschbare Einheiten oder „Wohn- und Arbeitskapseln“.

 

Wohnen wie in der Raumkapsel

Archigram (Peter Cook), Plug-in City, 1963 (© Deutsches Architekturmuseum)
Kann man Zellen zum Wohnen und Arbeiten wie Maisköner um einen Mast anordnen? Archigram (Peter Cook), Plug-in City, 1963 (© Deutsches Architekturmuseum)

Zu „Plug-In City“ gehört auch der Wohnturm „Capsule Tower“ von Warren Chalk und Ron Herron, 1964. Auch dieser entstand nach einer Studie des Taylor-Woodrow Designbüros, der Arbeitsstelle der Archigram-Mitglieder, zu vorfabrizierten stapelbaren Zellen. Fertige Metall- oder Kunststoffkapseln – ideale Kleinst-Einheiten der Plug-in City – gruppieren sich wie Maiskörner um einen zentralen Mast, der zugleich als Tragstruktur und Versorgungsleitung dient. Wie bei einer Raumkapsel ist der enge Innenraum der Zellen ergonomisch durchgeplant. Da die Kapseln unbeschränkt ausgewechselt werden können, lässt sich beständig der neueste Stand der Technik nachrüsten.

„Montreal Tower“, ein Projekt von Peter Cook in den Jahren 1963 bis 1967 im Auftrag von Taylor Woodrow, sollte mit Kultur- und Freizeitaktivitäten das Herzstück der Expo 1967 in Montreal bilden. Als „erste Erprobung unserer Ideen aus Plug-in City“ (Peter Cook) lassen sich alle konstruktiven Bestandteile auswechseln. Einzelne Elemente, etwa für temporäre Ausstellungen, sollten variabel anzufügen, zu ersetzen und zu entfernen sein. Die letzte Entwurfsversion besteht aus einer Tragstruktur aus (Aufzugs-)Röhren, in die unterschiedlich geformte Räume für vorübergehende Nutzungen eingehängt werden können.

 

Visionäre Essenz der Großstadt

Archigram (Ron Herron), Instant City – Local parts, 1970 (© Deutsches Architekturmuseum)
Kann man einen ländlichen Ort auf Zeit besetzen und ihn zur Großstadt machen? Archigram (Ron Herron), Instant City – Local parts, 1970 (© Deutsches Architekturmuseum)

In England, wie überall in Europa, bestand in den1960er Jahren zwischen dem großstädtischen und dem ländlichen Leben ein deutliches kulturelles Gefälle (in England scheint sich daran auch wenig geändert zu haben). Durch das Fernsehen wurde dies auch der Landbevölkerung zunehmend vor Augen geführt, deren Verhältnis zur Großstadt zwischen Sehnsucht und Angst schwankte. Abhilfe schaffen sollte hier „Instant City“, basierend auf Ideen von Peter Cook, Dennis Crompton und Ron Herron: Wie ein Wanderzirkus reist eine Essenz der Großstadt in Paketform durch das Land, besetzt parasitengleich für eine begrenzte Zeit ein provinzielles Ortszentrum und bietet mit Bildung, Unterhaltung und Freizeit ein schockartiges, unmittelbares Großstadterlebnis.

„Instant City“ entstand zwischen 1968 und 1970 und wurde von der kunstfördernden Graham Foundation unterstützt. Es umfasst ein Bündel zusammengehöriger Projekte, die in unterschiedliche Richtungen ausgreifen. Zum Einsatz kamen hauptsächlich Collagen, die der amerikanischen Pop Art nahestanden: Sie verbanden Slogans und Zeitschriftenbilder vor nur noch angedeuteter Architektur. Vor allem durch diese Collagen wurde Archigram einem breiteren Publikum zugänglich und wandelte sich damit vom Insider-Phänomen zum festen Bestandteil der 1960er Jahre-Popkultur.

 

Die Zukunft kommt per Luftschiff

Archigram (Peter Cook), Montreal Tower EXPO 67, 1963 (© Deutsches Architekturmuseum)
Kann man jedes Teil einer Großstruktur auswechselbar gestalten? Archigram (Peter Cook), Montreal Tower EXPO 67, 1963 (© Deutsches Architekturmuseum)

Große Popkonzerte wie das legendäre Woodstock Festival von 1969 haben die Archigram-Idee mitgeprägt. So reist auch „Instant City“ zunächst mit großen Lastwagen über das Land, bis diese abgelöst werden von einem später entworfenen spektakulären Luftschiff. „Instant City“ dient auch als Katalysator, indem die Aktivitäten auch nach Ende der „Spielzeit“ weiterwirken und eigene Aktionen der örtlichen Bevölkerung anstoßen. Das Wesen der Großstadt wird als etwas Immaterielles verstanden, das als „Software“ auf eine vorhandene architektonische „Hardware“ aufgespielt werden kann – etwa eine typische englische Vorstadt. Verglichen mit den früheren, Stück für Stück zerlegbaren „Plug in“–Baukastensystemen, schlägt der Puls von „Instant City“ deutlich schneller. So beim „Self Destruct Environ Pole“, entworfen 1969 von Ron Herron: ein multifunktionaler Mast, der verschiedene Elemente des „Instant City“–Programms aufnimmt. Am Ende der Aktion zerstört er sich selbst und ist damit „aufgeräumt“. Temporeiche Lösung einer lästigen Aufgabe oder überspitzter Ausdruck einer bedenkenlos konsumierenden Wegwerfgesellschaft? Archigram hat viele Facetten. Es lohnt in jedem Fall, sich auf die unverändert lebendigen Zeichnungen und Collagen aufs Neue einzulassen.

 

Rundgang

Viel Archigram und weitere architektonische Zukunftsbilder bietet die Ausstellung „Zukunft von gestern. Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram“, die noch bis zum 18. September 2016 im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt, zu sehen ist.

 

Literatur

Sturm, Philipp/Cachola Schmal, Peter (Hg.), Zukunft von gestern. Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram, München 2016.

Archigram – Träume vom gebauten Glück, Ausstellungskatalog Deutsches Architekturmuseum, 2003.

Steiner, H. A., Beyond Archigram, New York 2009.