FACHBEITRAG: Denkmalpflege im All

von Karin Berkemann (16/3)

Der Weltraum ist ein Fall für die Denkmalpflege, zumindest in der tunesischen Wüste: Mark Dermul hatte schon länger Filmfans zu Drehorten des mehrteiligen SciFi-Epos „Star Wars“ geführt, als er 2010 die Aktion „Save Lars“ ins Leben rief. Gemeint war „Lars Homestead“, die igluhafte Farm, auf der Luke Skywalker bei seiner (wie er später von seinem schwer röchelnden Erzeuger erfahren sollte) Ziehfamilie aufwuchs. Vor eben jenem Anwesen sinnierte der künftige Retter des Universums (gespielt von Mark Hamill) schon in den 1970ern bei Episode IV über seine Bestimmung, während die zwei Sonnen des Wüstenplaneten Tatooine malerisch hinter dem Horizont verschwanden.

Tunesien, Lars Homestead (Bild: Save Lars)
Die Filmikone „Lars Homestead“ wird gerettet (Bild: Save Lars)

Das filmische Innenleben der Farm inszenierte George Lucas in tunesischen Berbersiedlungen, für die Außenaufnahmen ließ er einige Kilometer entfernt eben jenes „Iglu“ aus Zement und Maschendraht errichten. Um 2000 reaktivierte man die Kulisse für Episode II (ja, im Weltraum wird auch anders gezählt), doch schon 2010 fand besagter Mark Dermul „Lars Homestead“ verfallen, fast zerstört vor. Also sammelte er online Unterstützer, überzeugte die tunesische Regierung und rekonstruierte 2012 mit ehrenamtlichen Helfern den nachkriegsmodernen Betonbau, der sich inzwischen zur SciFi-Ikone gemausert hatte.

 

Städte im Himmel

Sky City, Flash Gordon (Kapitel VII), 1936 (Bild: Screenshot, via wikimedia commons)
Utopia ist atomgetrieben: die schwebende „Sky City“ in der TV-Weltraumserie „Flash Gordon“ aus dem Jahr 1936 (Bild: Screenshot, via wikimedia commons)

Nicht immer sind die modernen „Welträume“ so greifbar wie in der tunesischen Wüste. Im Urknallmoment der verfilmten Space-Opera, in der TV-Serie „Flash Gordon“, entrückte man eine Stadt völlig in die Wolken. Von Radium angetrieben, wurde die „Sky City“ der Schwerkraft entzogen (das muss im SciFi keinen Sinn machen, es muss nur gut klingen). Doch während die Urmutter aller Zunftsmärchen, die christliche Apokalypse, mit dem himmlischen Jerusalem eine friedlichere Gegenwelt in die Wolken zeichnete, waren die Zustände in „Sky City“ durchaus irdischer Natur: Die utopische Stadt diente dem lokalen Despotenkönig Vultan als fliegendes Gefängnis, aus dem einige zu Unrecht Inhaftierten von der Erlöserfigur Flash Gordon befreit wurden.

Angefangen hatte der unfreiwillige Weltraumheld als liebevoll gezeichnete Comicfigur aus der Feder von Alex Raymond, der damit ab 1934 das etablierte Massenprodukt „Buck Rogers“ herausforderte. Der Plot von „Flash Gordon“ ist schnell erzählt: Weltbekannter Polospieler wird von verrücktem Wissenschaftler per Rakete entführt, notlandet auf einem Kometen mit allerlei Tier-Mensch-Mischwesen, rettet diese, das Universum und die gute alte Erde – und das alles im enganliegenden Trikot mit Umhang und Blitzaufnäher. Damit war Flash Gordon weit entfernt von späteren, mystisch sinnierenden Sternenfahrern à la Star Wars. Er stand vielmehr für all das, was damals die amerikanischen Tugenden ausmachen sollte: Aktion statt Analyse!

Polnischer Soldat liest 1944 "Blysk Gordon" (Flash Gordon) (Bild: Tadeusz Bukowski)
Polnischer Soldat liest 1944 „Blysk Gordon“ (Bild: Tadeusz Bukowski)

Zwischen 1936 und 1940 wurde der beliebte Comicstrip verfilmt und (in verschiedenen Folgen und wechselnden Zusammenschnitten) im Fernsehen gezeigt. Damit bot er in den schweren Jahren, als der Zweite Weltkrieg auch am amerikanischen Horizont aufzog, eine klare Orientierung. Wie sonst vielleicht nur noch die Kunstfigur Superman, verkörperte Flash Gordon die Hoffnung der westlichen Weltmacht: Mit zupackendem Willen (und der passenden Uniform) wird sich der europäische Schlamassel schon richten lassen! Was heute bleibt, ist der große Charme einer Schwarz-Weiß-Ästhetik, die in typisch amerikanischer Unbeschwertheit alles Verwertbare vom kostümlastigen Sandalenfilm bis zur futuristischen Technikbegeisterung in den cineastischen Topf warf. Damit entstand eine bestechend klare Bilderwelt, an der sich die folgenden SciFi-Serien messen lassen müssen – und die vielfach in liebevoll-ironischen Eigenzitaten dieses Genres weiterlebt.

 

Warum Gott (k)ein Raumschiff braucht

Während Flash Gordon merkwürdig geschlechtslos zwischen seiner blonden Dauerverehrerin Dale Arden und diversen brünetten Widersacherinnen pendelte, kam Captain James Tiberius Kirk (für seinen zweiten Vornamen hat er sich selbst am meisten geschämt) vom Raumschiff Enterprise durchaus regelmäßig zum extraterrestrischen Stich. Insgesamt war die 1966 gestartete SciFi-Serie „Star Trek“ nicht nur farbiger, sondern auch leidenschaftlicher geraten als ihr Schwarzweiß-Vorgänger. Die bewegten Bilder der Soap-Opera konnten sich nach dem Krieg zum eigenständigen Filmgenre entwickeln. Und der Vorzeigeraumfahrer hatte sich vom Polospieler auf Abwegen zum Cowboy der Lüfte gemausert, der lieber seinem Gefühl im Bauch (oder tiefer) folgte, als sich in die militärische Rangfolge der theoretisch durchaus straff organisierten Sternenflotte einzugliedern.

Diese buntvergnügte Space Opera, die zunächst schlecht angenommen und rasch eingestellt wurde, avancierte in der Endlos-Wiederholungsschleife kleinerer Sender zur Legende. Vielleicht auch deshalb, weil die Filmkulisse (unterstellen wir einmal Eigenironie) den Zuschauer im Unklaren lässt, ob nicht doch gleich Little Joe um die Ecke reitet oder das Sandmännchen (Ost!) in einem seiner futuristischen Gefährte zur Landung ansetzt. Die Botschaft, die Gene Roddenberry als Vater dieser Weltraumsaga unbeirrt über Jahrzehnte weitertrug, war jedoch mehr als ernst gemeint: Der Mensch erobert die Sterne – und stürzt damit alle falschen Götter. In der Folge „Who mourns for Adonais“ wurde Kirk mit Gefolge auf einem Planeten festgehalten, auf dem die letzten, einst von den Griechen als Götter verehrten Überwesen in antikisierender Kulisse ihr zynisches Spiel trieben. Am Ende wurden auch sie von der spitzohrigen Enterprise-Besatzung besiegt, die blonde Schönheit (im vollumfänglichen Wortsinn) gerettet und damit jeglicher mythische Zauber zum finalen Platzen gebracht.

Starship Enterprise, 1964 in Burbank (Bild: Volmer, Jensen, provides by Steven Keys)
Das Modell von „Starship Enterprise“ (für die Spezial-Effekte) 1964 im US-amerikanischen Burbank, stilecht vor einem Ford Galaxie – heute im Smithsonian National Air und Space Museum Washington in der Restaurierung (Bild: Volmer, Jensen, provides by Steven Keys)

Noch in Star Trek IV, im Kino-Nachleben der TV-Serie, als die Enterprise (in einer Mischung aus Moses- und Stonehenge-Geschichte) von einem allmächtig daherkommenden Wesen gekapert werden sollte, warf Kirk trotzig die Frage in den Weltraum: „Warum braucht Gott ein Rauschiff?“. Für die TV-Serie mit aufklärerischen Auftrag hatten die Filmemacher 1964 nur ein KFZ-großes Modell gebraucht, um ihre fremden Welten zu simulieren. In den special-effekt-lastigeren Nachfolgeserien des wachsenden „Star-Trek-Imperiums“ wurde mit Roddenberry auch seine Philosophie weicher, vielleicht sogar spiritueller: Durch die 1980er sinnierte sich Captain Jean Luc Picard, dem fast jeder extraterrestrische Beischlaf aus dem Drehbuch gestrichen wurde, durch alle erdenklichen Fragen vom Ursprung bis zum Ende des Univesums. Und mit der Weltraumstation „Deep Space Nine“ gehörten um 2000 Propheten, Geister und anderes mystisches Personal endgültig zum guten außeridrischen Ton – inklusive der dazu passenden Räume vom Tempel bis zur Kulthöhle.

 

Wo der Glaube Bügeleisen versetzt

Während Star Trek mit den Jahren immer spiritueller und zugleich auch militärischer wurde, war die Mutter aller bundesdeutschen Sci-Fi-Serien von Anfang an straff organisiert. „Raumpatrouille. Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“ wurde vor 50 Jahren, am 17. September 1966, zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Zwar lief das amerikanische Gegenstück Star Trek (OS) schon sechs Tage früher in den USA, aber flimmerte noch nicht einmal über die britischen Fernseher. Das bundesdeutsche Feuilleton reagierte auf die Orion-Abenteuer irritiert bis abgestoßen: Dem einen waren sie zu militärisch was der genrebedingten Logik entsprechend durchaus zutraf, der anderen zu faschistoid, wozu in der Nach-Adenauer-Republik, am Vorabend von 1968 nicht viel brauchte.

Was dem filmischen Treiben der Orion-Crew 1968 sein frühes Ende bereitete, war wohl nicht das zu viel an Militär, sondern das – verglichen mit der amerikanischen Konkurrenz – zu wenig an Farbe. In der Grundhandlung (Raumschiff rettet Erde! Gegen alle Widerstände!) stehen sich Enterpreise und Orion sehr nah, doch geht die – von Dietmar Schönherr über Eva Pflug bis zu Wolfang Völz hochkarätigst besetzte – deutsche Besatzung mit einem ungleich höheren Ernst an ihren interplanetarischen Dienst. Schönherr durfte als Commander zwar im Rahmen preußischer Toleranzen, zum höheren Wohle, gelegentlich gegen die Anweisung der Sternenoberen regbellieren. Doch blieb die Erotik zwischen ihm und Eva Pflug als Sicherheitsoffizierin lange jugendfrei unterschwellig, um erst in der letzten Folge in verhaltenes Geknutsche mit Beziehungsperspektive zu münden.

Minenspitzer Dahle322 (Bild: RvM, CC BY SA 2.0.de)
Klassiker des Alltagsdesigns und Teil des Steuerpults des legendären Orion-Raumschiffs: der Minenspitzer Dahle 322 (Bild: RvM, CC BY SA 2.0.de)

Die wirkliche Größe des schauspielerischen Talents der bundesdeutschen Sternenfahrer wird spätestens sichtbar, wenn man beobachtet, mit welch heiligem Ernst Dietmar Schönherr das Stuerpult der Raumschiffatrappe bedient. Es wurde rasch zum Freizeitsport in bundesdeutschen Wohnzimmern, die eigenen Haushaltsgegenstände als Teil des Steuerpults wiederzuentdecken: vom legendären Rowenta-Bügeleisen bis zu den Dahle-Minenspitzern. Es gab aber auch die zu Inkunabeln avancierten Designklassiker der Moderne wie die Mies van der Rohe-Liege oder den Eames-Stuhl. Die exotischen Spielstätten lagen bei der Orion weniger auf fernen Planeten (gedreht etwa auf der Pechkohle-Berhalde in Peißenberg, da Island zu teuer gekommen wäre), sondern mehr in den neuen terrestrischen Siedlungsgebieten: Der Berliner Zoo lieferte die Unterwasserbilder, der Münchener Königsplatz die Tiefseestation.

 

Eine Telefonzelle tut es notfalls auch

Dr-_Who-Party (Bild: Kalamazoo Public Library, gemeinfrei)
Wenn eine blaue Telefonzelle zum Kult wird: ein Nachwuchsfan auf einer Doctor-Who-Party (Bild: Kalamazoo Public Library, gemeinfrei)

Raumpatrouille Orion hat ihren Status als Legende auch dadurch bewahrt, dass die Serie nach sieben Folgen eingestellt wurde – so hartnäckig sich auch Gerüchte um geheime Farbfolgen in den BR-Tresoren halten. Die dreifache Star Wars-Trilogie wird im Kino munter vollendet und Star Trek hat sich nach mehreren TV-Sequells wieder im Kino etabliert – mit immer aufwändigeren computergetriebenen Special-Effects. Doch manchmal braucht es gar nicht die aufwendigen Trickfilmaufnahme oder heute die Computeranimation. In Good Old Britian gelangt man seit 1963 per Telefonzelle in den Weltraum. Damit „der Doktor“ oder „Doctor Who“, mit einer kleinen Unterbrechung in den 1980er und 1990er Jahren, bis heute in wechselnder Besetzung per Telefonzelle als Zeitreisender unterwegs.

Offensichtlich funktionieren die verfilmten Zukunftsmärchen auch im 21. Jahrhundert – und aus dem pappmachéhaltigen Bemühen um möglichst echte Effekte ist vielfach die retrogesteuerte Lust an der Unvollkommenheit geworden. Das Genre hat so weit Laufen gelernt, dass es sich selbst zitieren kann. Und das tut es gerne und ausgiebig. Denn manchmal werden auch die Zukunftswelten von der Gegenwart eingeholt: 1972 errichtete man am Balaton-See die Orion-Bar, deren Form an das legendäre Raumschiff erinnern soll. Und in den USA ist es schon eine gern gepflegte Tradition, sich nach dem klingonischen Ritus trauen zu lassen (was im guten alten Europa dann noch vor dem Standesamt legalsiert werden muss). Das klingonische Trennungsritual ist dem der Humanoiden übrigens gar nicht so unähnlich: Der oder die Scheidungswilige spuckt dem oder der Angetrauten ins Gesicht und ruft aus: „Unsere Ehe ist beendet!“