FACHBEITRAG: Erfurts Neue Synagoge

von Julius Reinsberg (Heft 15/1)

Erfurt, Neue Synagoge, Eingang (Bild: U. Knufinke)
In Erfurt entstand 1952 die erste deutsche Nachkriegssynagoge (Bild: U. Knufinke)

Vor 62 Jahren errichte man nach dem Zweiten Weltkrieg die erste Synagoge auf deutschem Boden. Der Standort vermag zu überraschen: Erfurt, Thüringen. An der Stelle, an der bis zur Pogromnacht 1938 das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde gestanden hatte, wurde 1952 ein Neubau fertiggestellt. Neben dem Oberbürgermeister und Kirchenvertretern nahm an der feierlichen Einweihung auch Otto Nuschke teil – der stellvertretende Ministerpräsident der DDR.

Nuschke, Vorsitzender der CDU-Ost und stets um religiöse Freiheit im Staatsozialismus bemüht, betonte in seiner Rede: Die „Wiedergutmachung an den Juden“ sei für die DDR-Regierung „oberstes Gebot“. Damit inszenierte sich der junge Staat öffentlichkeitswirksam als das bessere, weil antifaschistische Deutschland. Die neue Synagoge sollte jedoch ein Einzelfall bleiben. In den folgenden Jahren wandte sich der ostdeutsche Antifaschismus immer weiter von den jüdischen Opfern der Naziherrschaft ab.

 

Neubau mit Hindernissen

Erfurt, Große  Synagoge, um 1900 (Bild: Stadtarchiv Erfurt)
Die „Große Synagoge“ wurde in der Pogromnacht 1938 zerstört – an ihrem Standort errichtete man in Erfurt 1952 die „Neue Synagoge“ (Bild: Stadtarchiv Erfurt, um 1900)

Durch den Naziterror war die traditionsreiche jüdische Gemeinde in Erfurt fast gänzlich vernichtet worden. Gerade einmal 15 Erfurter Juden kehrten nach Kriegsende in die Stadt zurück. Daneben kamen jedoch auch zahlreiche jüdische Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Gebieten in Polen. Die Stadt Erfurt und das Land Thüringen standen der Gemeinde vergleichsweise offen gegenüber.

Dennoch verlief der Synagogenneubau nicht reibungslos. Zwar übergab die Stadt der jüdischen Gemeinde – auf Drängen Otto Nuschkes – das Grundstück, auf dem die alte Synagoge bis 1938 gestanden hatte. Die Baugenehmigung verschleppten die Behörden jedoch, angeblich aus städtebaulichen Gründen. Immer wieder musste die für 1950 angepeilte Grundsteinlegung aufgeschoben werden. Zu repräsentativ schien der erste Entwurf des Architekten Willy Nöckel. Er sah über dem Betsaal eine große Kuppel vor, und griff damit die Gestaltung des Vorgängerbaus auf.

 

Verschämte Wiedergutmachung

Der letztlich verwirklichte Bau ist sehr viel schlichter. Statt von einer Kuppel bekrönt, ist er mit einem Satteldach versehen. Von weitem kann man ihn mit einem Wohnhaus verwechseln. Einzig die Davidsterne im Rundfenster am Giebel und über dem Eingang zeichnen das Gebäude als jüdisches Gotteshaus aus. Der repräsentativste Teil des unscheinbaren Bauwerks ist das von vier Pfeilern gestützte Eingangsportal.

In Dresden diente eine ehemalige Trauerhalle jahrzehntelang als Synagoge (Foto: U. Häßler, Bild: Bundesarchiv Bild 183-1988-1105-012, Copyright: CC-BY-SA 3.0)
In Dresden diente eine ehem. Trauerhalle als Synagoge (Foto: U. Häßler, 1988, Bild: Bundesarchiv Bild 183-1988-1105-012, CC-BY-SA 3.0)

Dennoch konnte sich die Erfurter Gemeinde vergleichsweise glücklich schätzen: Die Juden in Halle mussten ihre Trauerhalle umbauen, um eine neue Synagoge zu bekommen – ebenso die traditionsreiche jüdische Gemeinde in Dresden. Hier erinnerte einzig der Davidstern auf dem Dach an die prunkvolle „Kathedrale“, die 1840 von Gottfried Semper gestaltet und 1938 den Brandstiftern der Pogromnacht zum Opfer gefallen war. Der Stern schmückte ursprünglich den Semperbau und wurde heimlich von einem Feuerwehrmann gerettet.

 

Antisemitismus beim großen Bruder

Erfurt, Neue Synagoge (Bild: U. Knufinke)
Die Neue Erfurter Synagoge erregte 1952 Anstoß (Bild: U. Knufinke)

Der Neubau und insbesondere die feierliche Eröffnung der Erfurter Synagoge sind auch von daher bemerkenswert, dass sie mit einer „Eiszeit“ zwischen der DDR und ihren jüdischen Bürger zusammenfielen. So entwickelte der – von der SED-Führung geradezu vergötterte – sowjetische Diktator Stalin eine immer ausgeprägtere Paranoia. 1953 konstruierte er mit seinen Gefolgsleuten die „Ärzteverschwörung“: Eine Gruppe vorwiegend jüdischer Ärzte habe sich zusammengetan, die sowjetische Staatsführung zu vergiften.

Ein großer Schauprozess, der sich bereits in Vorbereitung befand, wurde 1953 nur durch den Tod des Diktators verhindert. Schon in vorherigen Jahren hatte sich der antisemitische Ansatz abgezeichnet – und er wirkte lange nach. Seit dem Ende der 1940er Jahren standen Juden in der UdSSR unter Generalverdacht: „Kosmopolitismus“ und gemeinschaftliche Verschwörung mit dem US-amerikanischen Klassenfeind.

 

Unter Generalverdacht

Der sowjetische Antisemitismus strahlte auch auf die osteuropäischen Satellitenstaaten aus. Ende 1952 wurde in der Tschechoslowakei der jüdischstämmige Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Rudolf Slánskí, des Hochverrats bezichtigt und zum Tode verurteilt. In der DDR bezog man sich in der Folgezeit vermehrt auf das tschechoslowakische Beispiel, wenn man besonders jüdische Mitbürger, die während der NS-Zeit ins westeuropäischen oder US-amerikanischen Exil geflohen waren, der Spionage verdächtigte.

Viele jüdische Gemeinden sahen sich in der DDR staatlichen Durchsuchungsaktionen gegenüber. Auch SED-Genossen mit jüdischem Hintergrund mussten sich Stasi-Verhören stellen. Zahlreiche Juden flohen aus Angst vor Verfolgung in die Bundesrepublik – unter ihnen auch Julius Meyer, Vorsitzender des „Verbands Jüdischer Gemeinden in der DDR“.

 

Selektives Gedenken

Die Figurengruppe in Buchenwald von Fritz Cremer (Bild Rudolf Klein, CC-BY-SA 3.0-de)
In der Gedenkstätte Buchenwald wollte Fritz Cremer mit seiner Figurengruppe 1958 den Befreiungskampf der KZ-Häftlinge verkörpern (Bild: R. Klein, CC-BY-SA 3.0-de)

Diese zunehmende Judenfeindlichkeit wirkte sich auch auf den – von der Staatsführung beanspruchten – Antifaschismus aus. Zwar erkannte man jüdische KZ-Häftlinge weiterhin als Opfer des Faschismus an. Jedoch versuchte man, die Judenverfolgung zu marginalisieren. Stattdessen wurden der kommunistische Widerstand gegen die Nazis und der 1944 ermordete KPD-Führer Ernst Thälmann hervorgehoben. Die SED nutzte den Widerstandskampf prominenter Kommunisten, um jegliche politische Verantwortung für die Naziverbrechen von sich zu weisen. Forderungen nach Wiedergutmachungszahlungen, wie sie die Bundesrepublik leistete, wurden von DDR-Seite stets brüsk zurückgewiesen.

Dieser Ansatz wirkte sich auch auf die offizielle Erinnerungskultur aus. Die 1958 eröffnete „Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald“ war gänzlich auf den hier ermordeten Ernst Thälmann zugeschnitten. Auch der Bildhauer Fritz Cremer musste sich den Direktiven der SED beugen. Seine ersten Entwürfe für ein Buchenwald-Denkmal zeigten die Häftlinge drastisch vom Lageralltag gezeichnet – sie wurden von den Auftraggebern verworfen.

Die letztlich verwirklichte Figurengruppe wird von einem Häftling angeführt, der die Gesichtszüge Ernst Thälmanns trägt und seine Hand heroisch zum Schwur erhebt. Obwohl die Körper durch die Haft geschwächt sind, wirken die Figuren entschlossen und kämpferisch. Einer von ihnen hält eine wehende Fahne in Händen. In der SED wollte man der Gruppe noch einen Rotarmisten hinzufügen, um die Sowjetunion als Befreier zu würdigen. Dieser Vorschlag konnte sich jedoch nicht durchsetzen und war überdies unhistorisch: Das Lager wurde 1945 von der US Army, nicht von sowjetischen Truppen befreit.

 

Wandel durch Annäherung?

Der staatlich betriebene Antisemitismus ebbte mit Stalins Todesjahr 1953 zwar wieder ab, das Verhältnis zu den jüdischen Mitbürgern blieb aber schwierig. Der „Verband der jüdischen Gemeinde in der DDR“ solidarisierte sich gelegentlich mit der Staatsführung, was diese gegenüber dem Westen herausstrich. Dennoch schrumpften die Gemeinden kontinuierlich. Belastend wirkte sich vor allem aus, dass die PLO von der SED massiv unterstützt wurde. Den Staat Israel hingegen attackierte die Parteipresse scharf.

Bronfman-Besuch, Berlin
Erich Honecker verleiht Edgar Miles Bronfman, dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, in Ost-Berlin 1988 den „Großen Stern der Völkerfreundschaft“ (Bild:  Bundesarchiv Bild 183-1988-1017-415, CC-BY-SA 3.0)

Erst als die DDR nach internationaler Anerkennung strebte, interessierte sie sich verstärkt für das Judentum. Dass US-amerikanische Juden von der DDR Wiedergutmachung einforderten, hemmte die Beziehungen zu den USA. 1976 hatte die SED halbherzig eine einmalige Zahlung von 1 Million US-Dollar angeboten – aus „humanitären Gründen“, nicht als Wiedergutmachung. Die jüdische Seite wies das Angebot umgehend zurück. Angesichts der 37 Milliarden US-Dollar, welche die Bundesrepublik gezahlt hatte, wirkte es nicht einmal als ein Zeichen des guten Willens.

1988 erkannte die Staatsführung – anlässlich eines Besuchs des Präsidenten des World Jewish Congres in Ost-Berlin, Edgar Bronfman – schließlich an, moralisch zu Wiedergutmachungszahlungen verpflichtet zu sein. Im Gegenzug erklärte Bronfman gegenüber der Presse, dass nichts mehr gegen einen Empfang Erich Honeckers im Weißen Haus spreche. Dazu kam es nicht mehr: 1990 bekannte sich die erste frei gewählte Volkskammer aber zu einer Verantwortung der DDR für die nationalsozialistischen Verbrechen.

 

Neubau oder Umnutzung?

Die neue Synagoge in Dresden (Bild Maros, CC-BY-SA-3.0)
Die Neue Synagoge wurde in Dresden wurde 2002 als „Europäisches Gebäude des Jahres“ ausgezeichnet (Bild: Maros, CC-BY-SA-3.0)

Als der Ostblock zusammenbrach, wuchsen die jüdischen Gemeinden in der ehemaligen DDR wieder. Ihre neuen Mitglieder stammten größtenteils aus der früheren UdSSR und Osteuropa. Am 9. November 1998, genau 60 Jahre nach der Zerstörung der Semper-Synagoge, legte man in Dresden den Grundstein für ein neues jüdisches Gotteshaus. Der strenge, in sich gedrehte Betonkubus des Architektenbüros Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch wurde 2002 zum „Europäischen Gebäude des Jahres“ gewählt. Der aus den Trümmern gerettete Davidstern erhielt über dem Eingang der Synagoge einen neuen Platz.

2015 soll auch in Cottbus eine Synagoge geweiht werden – Brandenburg war bislang das letzte ost- und gesamtdeutsche Bundesland ohne ein jüdisches Gotteshaus. Statt für einen spektakulären Umbau entschieden sich die Lausitzer pragmatisch für eine Umnutzung bestehender Räumlichkeiten, die in der Sache aber nicht weniger spektakulär ist. Im November wurde die Cottbusser Schlosskirche an die jüdische Gemeinde der Stadt übergeben.

 

Literatur

Offenberg, Ulrike, „Seid vorsichtig mit den Machthabern“. Die jüdischen Gemeinden in der SBZ und der DDR 1945-1990, Berlin 1998

Mertens, Lothar, Davidstern unter Hammer und Zirkel. Die jüdischen Gemeinden in der SBZ/DDR und ihre Behandlung durch Partei und Staat 1945-1990, Hildesheim u. a. 1997

Timm, Angelika, Hammer Zirkel Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel, Bonn 1997

 

Rundgang

Erkunden Sie – mit bauzeitlichen Aufnahmen des Bundesarchivs und aktuellen Fotografien von Ulrich Knufinke – die Neue Synagoge Erfurt …