Saarbrücken, Mensa, 1965 (Bild: Thilo Mechau, Karlsruhe, SAAI des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT))

Hajeks Mensa in Saarbrücken

von Chris Gerbing (17/3)

Die Mensa der „Universität des Saarlandes“ in Saarbrücken ist nicht denkbar ohne die Vorarbeiten Otto Herbert Hajeks im künstlerischen Kontext: Auf der documenta III in Kassel 1964 stellte Hajek mit dem „Frankfurter Frühling“ erstmals seine Idee der begehbaren Plastik vor, aus der seine dezidiert auf Kommunikation ausgelegten Platzraumgestaltungen – allen voran die Mensa in Saarbrücken – entstanden. Innen- und Außenraum, Umraum und aufgehende Plastik verklammerte er mit sog. „Farbwegen“: Farbstreifen, die über die Plastik hinwegliefen und ein artifizielles Bezugssystem über Plastik und Umraum legten. Die Plastik sollte zum „Wetzstein“ des eigenen Bewusstseins werden, der dialogauslösenden Charakter habe. Hajek ging es dabei um den Anspruch auf Teilhabe am öffentlichen Raum – ein zutiefst demokratischer Anspruch, den er noch vor der Idee einer „sozialen Plastik“, 1967 von Joseph Beuys formuliert, zur greifbaren Wirklichkeit werden ließ. Exemplarisch lässt sich an der Mensa der „Universität des Saarlandes“ der kommunikative Aspekt nachvollziehen. Die „Raumauslöser“ betitelten, hängenden Plastiken im Innenraum verweisen zusammen mit der Farbgestaltung auf diese Einladung zum Dialog.

 

„Kunst als Bau“

Der Bildhauer Otto Herbert Hajek, geboren 1927 im böhmischen Kaltenbach (Nové Hutê) und gestorben 2005 in Stuttgart, nimmt in der bundesdeutschen Nachkriegskunst eine Sonderstellung ein. Seine Kunstwerke im öffentlichen Raum sind mehr als Plastiken, nach denen seine Auftraggeber ursprünglich zumeist gefragt hatten. Sein Ansatz war vielmehr die künstlerische Durchstrukturierung des ihm vorgegebenen Raums (und gelegentlich auch mehr), um damit zum Dialog anzuregen.

Seine „Stadtikonographien“ verbinden abstrakte, zumeist farbig gefasste, gern auf einen Blick erfassbare, dreidimensionale Formen mit den sie umgebenden Plätzen und Gebäuden. Dafür arbeitete Hajek oft bereits in der Planungsphase mit den jeweiligen Architekten zusammen. Sein Werk als „Kunst am Bau“ zu bezeichnen, würde daher wesentlich zu kurz greifen. Vielmehr ist es, um ein Wort Hajeks zu verwenden, „Kunst als Bau“ – so auch der Saarbrücker Mensa-Bau, den Hajek 1965 gemeinsam mit dem Architekten Walter Schrempf und auf Einladung von J. A. Schmoll (genannt Eisenwerth) vollendete.

 

Die Mensa als „Fragehaus“

Das von innen nach außen durchgestaltete, künstlerisch verklammerte Raumgefüge der Mensa wurde von Hajek mit „Farbwegen“, mit konstruktiv-geometrischen Formen, mit den für ihn typischen Lokalfarben Rot, Gelb und Blau durchmodelliert: „Mit Kunst leben, heißt dem Leben täglich begegnen, bedeutet, die Umgebung des Menschen schauen, die Umgebung des Menschen fühlen, in die Umgebung denken, die Sinne benützen, sie schärfen, damit wir ein Teil der Umgebung werden.“ An anderer Stelle äußerte Hajek: „In unserer Umgebung ist der Raum. Wir befinden uns in ihm, er wird durch bildnerisches Arbeiten erlebbar gemacht, als endlicher Raum, der den Menschen umgibt, greifbar für die Begegnung. […] Die Sinne müssen geschärft werden für die Wahrnehmung in allen Bereichen. Begreifen im wirklichen Sinne des Wortes als Denkraum und als Aufenthaltsraum.“

Was könnte sich dafür besser eignen als eine Mensa wie eben jene in Saarbrücken. Wo sonst würden dem Denken ergebene, gemeinsam pausierende Menschen so gezielt zusammengeführt, wie im Speisesaal einer Universität. Dies schien auch die Baukommission so empfunden zu haben, denn im Memorandum des Universitäts-Neubaureferats hieß es: „Der Bauausschuss […] hat der künstlerischen Gestaltung [durch Otto Herbert Hajek] nach reiflicher Prüfung zugestimmt, weil […] der Ausschuss die bildende Kunst als Faktor zum geistigen Ausgleich des angestrengten und rationalbetonten Studiums erkennt.“ Der kommunikative Charakter wurde erneut betont, als man die Mensa 1969 mit dem „BDA-Preis Saarland“ auszeichnete. Rückblickend führte Hajek 1972 aus: „Das Studentenhaus sollte ein Fragehaus werden […] Fragen nach dem Sinn des Aufenthaltes in der Universität, ausgedrückt durch Formen, durch Farbe, durch den Raum.“

 

Neue Bewegungsmuster

Hajek gab sich nicht mit dem Vorgefundenen zufrieden, sondern unterbreitete den Verantwortlichen zumeist Vorschläge für eine künstlerische Überformung. Auch für die Mensa der „Universität des Saarlandes“ entstand „in intensiver gemeinsamer erneuter Entwurfstätigkeit“ ein Modell des künftigen Baus. Der architektonische und der plastisch-farbige Raum sollten sich hier auf völlig neue Art und Weise durchdringen. Nach dieser ursprünglichen Planung hätten sich die „Farbwege“ von der Mensa aus in den bewaldeten hügeligen Umraum erstreckt. Außerdem war eine Farbfassung der Fassade vorgesehen. Beides konnte aufgrund der Kostendeckelung nicht umgesetzt werden. Dem waren Entscheidungen geschuldet, die für das Aussehen der Mensa charakteristisch werden sollten: Das tragende Gerüst des Innenraums wurde sichtbar gemacht und anschließend künstlerisch überformt.

Mit dieser „Verbindung von Kunst im Raum der Architektur im Innen- und Außenraum“ entstand in Saarbrücken eine besondere Raum-Abfolge: „Kunstgärten“, durchmodellierte Wand- und Deckenflächen und die Funktion als Speisesaal bzw. Studentenhaus ließ Hajek gleichberechtigt nebeneinander gelten. Insbesondere die „Kunstgärten“ greifen mit ihren farbigen, gestaffelten, eng gestellten Betonpfeilern deutlich in mögliche Bewegungsmuster ein. Sie stellen sich in den Weg, werden zu „Stolpersteinen“ und fordern zum Richtungswechsel heraus. Zugleich wirkt die Mensa mit den großen farbigen Betonelementen und den farbig akzentuierten Wänden, mit den durchbrochenen herabhängenden und den sie verbindenden reliefartigen Gebilden wie ein dauerhaft festlich geschmückter Saal. Die an Fahnen erinnernden Betonkonstruktionen beziehen sich durch wechselnde Aus- und Durchblicke auf den Außenraum. So greifen sie beispielsweise Formen auf, die Hajek an der Fassade mit Rolladenkästen vorformulierte und über die Attikazone in den Dachbereich hineinzog. Dieser besondere Dachabschluss leitet über zum „Rosengarten“, einem Kunstgarten aus unterschiedlich hohen Betonpfeilern auf einer farbig gefassten Fläche.

 

Der „dritte Weg“

In Zusammenarbeit mit Walter Schrempf erstellte Hajek in Saarbrücken 1965 erstmals eine in den architektonischen Kontext eingebundene „begehbare Plastik“. Sie war damit dem schützenden Galerie- bzw. Museumsraum entwachsen. Architekt und Bildhauer beschritten gemeinsam einen „dritten Weg“ zwischen einer Skelett- bzw. Rasterbauweise in Bauhaustradition und einer räumlichen Durchmodellierung in Le-Corbusier-Nachfolge. Doch obwohl die Mensa seit 1997 unter Denkmalschutz steht, ist sie heute nicht mehr in vollem Ausmaß zu besichtigen. Im Mai 1998 wurden das von Walter Schrempf entworfenen Cafeteria-Inventar beseitigt und die Betonfassade durch einen grauen Anstrich verändert. Dennoch kommt dem Mensa-Bau ein besonderer Stellenwert in Hajeks künstlerischem Werk zu. Steht sie doch am Anfang seiner „Stadtikonographien“, mit denen er Passanten in einer vom Automobil geprägten Urbanität ein kommunikatives Angebot machte.

 

Literatur

O. H. Hajek. 1952 – 1974. Skulpturen – Farbwege – Entwürfe – Farbe – Architektur – Raum, Katalog, Lübeck 1974, hg. vom Senat der Hansestadt Lübeck, Amt für Kultur, Stuttgart 1974.

O. H. Hajek. Die Durchdringung des Lebens mit Kunst, Katalog, Nürnberg 1987, hg. vom Archiv für Bildende Kunst im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Stuttgart/Zürich 1987.

Gomringer, Eugen (Hg.), Kunst stiftet Gemeinschaft. O. H. Hajek – Das Werk und seine Wirkung, Stuttgart 1993.

Enzweiler, Jo (Hg.): Interview 6. Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Saarbrücken 1998.

Gerbing, Chris, Chancen, Möglichkeiten und Grenzen von Kunst im Unternehmen. Eine interdisziplinäre Studie am Beispiel der „Kunstumzingelung“ von Otto Herbert Hajek an der Sparda-Bank in Stuttgart, Tübingen 2010 (zugl. Diss., Berlin, 2008).

Otto Herbert Hajek. Zeichen am Wege, Stuttgart o. J., o. S.

 

Zum Weiterkochen

Ein Tag Praktikantin in der Mensa Saarbrücken: Für den Hausgebrauch empfehlen wir das – wie uns erzählt wurde, in der Mensa allgegenwärtige – Saarbrücker Gericht Dibbelabbes mit diesen Zutaten: 1,5 Kilo geriebene rohe Kartoffeln, 150 Gramm gewürfeltes Dörrfleisch, 2 gewürfelte Zwiebeln, 1 Bund Petersilie (hacken), 2 Eier, Salz, Pfeffer, Öl. Alles vermengen, würzen und wie Rösti in Pfanne braten (wenden!) oder traditionell im gusseisernen Bräter zubereiten.