FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

von Verena Schädler (15/4)

Honecker als Freund der katholischen Kirche? (Bild: Vernea Schädler)
Erich Honecker als Freund der katholischen Kirche? (Fotomontage von Verena Schädler auf Basis von: Bundesarchiv Bild 183-1987-1023-049, CC BY SA 3.0, Foto: Rainer Mittelstädt (Erich Honecker 1987 im Gespräch mit Kardinal Dr. Joachim Meisner))

Katholischer Kirchenbau traf in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) nicht nur auf eine ausgeprägte Diaspora. Er musste sich vor allem in einem atheistischen Staat mit Mangelwirtschaft behaupten. Trotzdem entstanden dort zwischen 1945 und 1989 etwa 350 neue katholische Kirchen. Als die Ära Honecker (1971-89) einsetzte, wandelte sich auch diese Architektur: Hatte der SED-Staat seine Einstellung zur katholischen Kirche geändert?

 

 West-Geld für den Kirchenbau

Berlin-Friedrichsfelde, Zum Guten Hirten (Deutsche Bauakademie/Rainer Rietsch, Walter Krüger und Bernd Stich, 1985) (Bild: Wolfgang Lukassek, 1980er Jahre)
Seit den 1970er Jahren errichtete man Kirchen in der DDR zumeist als Neubauten- wie „Zum Guten Hirten“ in Berlin-Friedrichsfelde (Bauakademie, 1985) (Bild: Wolfgang Lukassek, 1980er Jahre)

Vor allem aufgrund der rund 2 Millionen Flüchtlinge, die mit dem Zweiten Weltkrieg in die SBZ bzw. DDR kamen, errichtete man katholische Kirchen: nicht nur als Neubau, sondern auch als Behelfsbau (z. B. Baracke), als Umbau einer profanen Anlage (z. B. Scheune) oder als Kirchenraum in einem anderweitig genutzten Bau. Vergleichsweise wenige katholische Kirchen entstanden in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren, doch wurden sie nun zumeist vollständig neu gebaut, gerieten großzügiger und hochwertiger. Dabei hing man stets von der innerkirchlichen, finanziell-materiellen Unterstützung aus dem traditionell katholischen Rhein- und Donauraum ab.

Während diese Förderung in den 1960er Jahren durch die abgeriegelte Grenze erschwert wurde, schuf die DDR-Regierung in den frühen 1970er Jahren durch Sonderbauprogramme einen offiziellen Rahmen. Abgewickelt wurden die staatlich genehmigten Programme über die Ostberliner Außenhandelsunternehmen „Limex“ und „Intrac“: Die DDR erhielt D-Mark (West) aus der Bundesrepublik Deutschland (BRD), finanzierte und organisierte damit (zum lukrativen Wechselkurs von 1:1) Planung und Bau mit eigenen Materialien und Dienstleistungen. Von den 55 (in dieser Zeit in der DDR recherchierbaren) katholischen Kirchen entstanden 34 in solchen Sonderbauprogrammen – jenseits der sonst üblichen Genehmigungsschwierigkeiten.

 

Besondere Umstände, besondere Raumformen

Berlin-Marzahn, Von der Verkärung des Herrrn, 1988 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1988-0802-300, Foto: Peter Zimmermann)
In der späten DDR entstanden neue katholische Kirchen häufig in „Neuen Städten“ – wie „Von der Verklärung des Herrn“ (1988) in der Großwohnsiedlung Berlin Marzahn (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1988-0802-300, Foto: Peter Zimmermann)

Zum einen wählte man in der späten DDR Raumformen wie in Westeuropa (z. B. Zentralbauten), zum anderen findet sich jedoch auch Vieles, das für den katholischen Kirchenbau in Ostdeutschland charakteristisch ist („DDR-spezifische Sonderformen“): z. B. durchaus „profan“ aussehende Neubauten („Typ Haus“) oder in Höhe und Material stark reduzierte Saalkirchen.

Neue Kirchen entstanden in der späten DDR vorwiegend in Städten (32 von 55 in Bezirks- oder Kreisstädten), davon etwa die Hälfte in den „Neuen Städten“, den an Großstädte angelagerten Großwohnsiedlungen. Weit von den historischen Stadtkernen entfernt, sollten diese „auf der grünen Wiese“ meist 50.000 bis 100.000 Menschen (z. B. Halle-Neustadt oder Berlin-Marzahn) aufnehmen und damit den vorherrschenden Wohnungsmangel beheben. Dass hier viele neue Kirchen errichtet wurden, stand im deutlichen Widerspruch zu bisherigen sozialistischen Stadtneuplanungen (wie z. B. in Stalinstadt).

 

Neue Kirchen für „Neue Städte“

Berlin-Hohenschönhausen, Heilig Kreuz (Bild: Verena Schädler)
In Berlin-Hohenschönhausen entstand die Heilig-Kreuz-Kirche zwischen 1983 und 1986 auf einem annähernd regelmäßigen achteckigen Grundriss (Bild: Verena Schädler)

In einem Sonderbauprogramm wurde die Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Hohenschönhausen durch die Berliner Bauakademie der DDR (Friedrich Schüller/Waldemar Schwarz) zwischen 1983 und 1986 geplant und durch den Bildhauer Friedrich Press künstlerisch gestaltet. Von Anfang an arbeiteten hier Planer, Künstler und Theologen beratend zusammen. Für die Architekten der Bauakademie der DDR, die viele Kirchen in den Neubaugebieten entwarfen, war das Thema oft Neuland. Hier konnten sie jedoch eigenständige Ideen verwirklichen – eine willkommene Abwechslung in den auf standardisierten Platten-Wohnungsbau ausgerichteten Projektierungsabteilungen.

In den Großwohnsiedlungen brauchte es neue Kirchen und Gemeindezentren, da sich mit den Menschen auch die Gemeindearbeit dorthin verlagerte. Es ist bezeichnend, dass sich „Heilig Kreuz“ am Rand des neuen Siedlungsgebiets findet: Weiterhin waren Regierung und örtliche Entscheider sehr darum bemüht, die neuen Kirchen dezentral zu verorten. Im Gegensatz dazu ist „Heilig Kreuz“ durch den Turm mit einem großen Klinkerkreuz im Stadtraum als christlicher Sakralbau unübersehbar.

 

„Typ Haus“ auf dem Land

Hersmdorf/Thüringen, Katholische Kirche (Bild: Verena Schädler)
Im ländlichen Hersmdorf/Thüringen ist die katholische „Kirche“ – streng genommen ein Pfarrhaus mit einem kleinen Anbau für Kapelle und Gemeinderaum – nach außen kaum als „Sakralbau“ erkennbar (Bild: Verena Schädler)

Durch staatliche Programme konnten nun auch die Dörfer und Kleinstädte Kirchen und Kapellen erhalten, für die bis dahin kein Geld oder keine Genehmigung verfügbar war. Sie entstanden häufig als „Typ Haus“: So bemühte sich die katholische Gemeinde im thüringischen Hermsdorf ab 1970 verstärkt um ein eigenes Baugrundstück. Allerdings wurden alle Anträge abgelehnt, bis das Vorhaben 1976 in ein Sonderbauprogramm kam und endlich ein neues Pfarrhaus genehmigt wurde. Danach ergänzte man die Pläne rasch um einen Kapellenanbau mit Gemeinderaum im Kellergeschoss. Das Gebäude in Ortsrandlage wirkt nach außen wie ein gewöhnliches Wohnhaus und ist kaum als christlicher Sakralbau zu erkennen.

 

Außerhalb der Sonderbauprogramme

Durch die Sonderbauprogramme konnte nicht der gesamte Bedarf gedeckt werden, so dass auch weiterhin neue schlichte Kirchen mit viel gemeindlicher Eigenleistung entstanden: z. B. „Zu den heiligen Schutzengeln“ in Hennigsdorf nördlich von Berlin. Als der Ort im frühen 20. Jahrhundert zum Industriestandort aufstieg, zogen auch viele katholische Arbeitskräfte in die Region. Der erste, in den 1920er Jahren in einer Häuserreihe errichtete Sakralbau wurde immer als Notkirche verstanden. Allerdings verzögerten finanzielle und politische Schwierigkeiten wiederholt einen Neustart.

Hennigsdorf, Zu den heiligen Schutzengeln (Bild: Verena Schädler)
Die Breite von „Zu den heiligen Schutzengeln“ in Hennigsdorf richtete sich nach der Länge der verfügbaren Dachbinder (Bild: Verena Schädler)

Als die Hennigsdorfer Kirche in den 1970er Jahren stark baufällig wurde (durchhängende Deckenbalken mussten abgestützt werden), erhielt man endlich die Genehmigung. Der Architekt Lothar Feitel, der häufig ehrenamtlich für Kirche plante, entwarf einen Neubau an gleicher Stelle. Dessen Ausmaße orientierten sich an den Dachbindern, die nur in einer Länge von 17 m erhältlich waren. Dadurch geriet der Neubau deutlich breiter, jedoch niedriger als sein Vorgänger: 85 m² zusätzliche Nutzfläche ermöglichten einen größeren Altarraum.

 

Neue Kirchen, alte Einstellungen

In den 1970er und 1980er Jahren beherrschten neue Projekte den katholischen Kirchenbau der DDR. Die staatlich genehmigten, west-finanzierten Sonderbauprogramme ermöglichten sogar relativ hochwertige Gebäude in sozialistischen Großwohnsiedlungen. Jedoch blieb es dabei: Die Kirchen lagen abseits der Zentren. Der „Typ Haus“ und die reduzierte Saalkirche ließen sich unauffällig ins sozialistische Ortsbild einbringen. Außerhalb der Sonderbauprogramme drohten weiterhin die üblichen Genehmigungsschwierigkeiten.

Zunächst scheint es paradox, dass sich der atheistische SED-Staat überhaupt so intensiv mit dem Kirchenneubau beschäftigte: Er hoffte auf eine positive Außenwirkung und schätzte vor allem die begehrten Devisen aus den Sonderbauprogrammen. Es gab durchaus Rechtfertigungsprobleme, wenn es in den „Neuen Städten“ z. B. weder Kiosk noch Kino gab, aber eine neue katholische Kirche. Doch konnte sich der SED-Staat inzwischen die „Kirche neben der Großwohnsiedlung“ leisten, da dort die Säkularisierung schneller voranschritt. Insgesamt hatte sich zwar der Umgang der DDR-Regierung mit dem Kirchenneubau gewandelt, jedoch nicht ihre grundsätzliche Einstellung zur katholischen Kirche.

 

Rundgang

Hilfreiche Statistik und eine kleine, nicht repräsentative Auswahl von katholischen Kirchen der DDR-Zeit der 1970er und 1980er Jahre …

 

Literatur

Schädler, Verena, Katholischer Sakralbau in der SBZ und DDR, Regensburg 2013.

Lukassek, Wolfgang, Katholischer Kirchenbau in Ostdeutschland 1945 bis 1992, in: das münster 49, 1996, S. 186-193.