FACHBEITRAG: Kuscheln im Bunker

von Pamela Voigt (16/3)

Superstudio, Sofa Bazaar, 1968, Giovanetti, Italien (Quelle: aditoscana.it)
Was braucht es mehr als rosa Kunstfell und eine Querflöte? Cocooning der stylishen Form auf dem Sofa BAZAR (Superstudio, 1968, Italien) (Quelle: aditoscana.it)

Entspannt räkelt sie sich auf dem flauschigen rosa Kunstfell, beschützt durch die überwölbende Rückenlehne, umfangen vom Rund des Raummöbels BAZAR (Superstudio, Italien, 1968): eine Höhle, eine Raumkapsel, die sie gegen die hektische Welt da draußen schützt. Ein wenig erinnert die Szene an Kinofilme wie „Barbarella“ (Roger Vadim, Frankreich, 1968) und „2001 – A Space Odyssey“ (Stanley Kubrik, USA, 1968). Das Sofa BAZAR aus faserverstärktem Kunststoff ist damit ein Paradebeispiel für das allumfassende Design von Space Age, Pop Art oder The Look, welches die frühen 1960er Jahre prägten.

 

„Spaß war eine Waffe der Revolution“

Es war eine Zeit des Optimismus und der Jugend, die nach Gleichberechtigung strebte, die dem Konsum ebenso zugetan war wie der Satire. Oder, wie es Ken und Kate Baynes in ihrem Artikel „Behind the Scene“ in der Zeitschrift „Design“ vom August 1966 beschrieben: „Spaß war eine Waffe der Revolution.“ Immer mehr Menschen wurden für ihre Arbeit gut bezahlt und hatten zugleich Freizeit für die Erholung. Viele Erwachsene konnten sich ein Auto, viele Jugendliche einen Motoroller leisten. Der Fernseher holte die Welt in die eigenen vier Wände und die Bauwirtschaft florierte – von Wohnungen und öffentlichen Anlagen bis hin zu Büro- und Gewerberäumen für das spürbare Wirtschaftswachstum.

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Quietschbunte Aufbruchsstimmung im „Summer of Love“: Auftritt von „The Doors“ beim „Fantasy Fair and Magic Mountain Music Festival“ auf Mount Tampalpais/Kalifornien im Juni 1967 (Bild: Radley Hirsch, via Wikimedia Commons)

Nachdem der Zweite Weltkrieg auch alte Netzwerke und Gepflogenheiten zerstört hatte, drängte eine neue – in den 1930er Jahren geborene und in den 1950er Jahren ausgebildete – Generation nach vorne. Ihr Selbstbewusstsein machte Europa zum leitgebenden Design- und Architekturmarkt und prägte einen Stil, den die Londoner Modedesignerin Mary Quant 1965 „The Look“ nannte: Geometrische Formen, vor allem Kreise, verhießen eine geordnete berechenbare Umwelt. Rückblickend spricht der Buchautor Lesley Jackson von der „WIR-Generation“, die selbstverständlich davon ausging, „dass das Wohlergehen des Individuums vom Wohlergehen der Gesellschaft abhängig ist.“

Mit dem „Summer of Love“ feierte sich diese Jugend noch 1967 selbst, um gleich darauf im Revolutionsjahr 1968 gegen das Establishment zu protestieren. Den bis dahin vorherrschenden Optimismus kann man als Gegenbewegung zu den traumatischen Kriegserfahrungen verstehen. Er gründete aber ebenso auf einem scheinbar unaufhaltsamen Wirtschaftswachstum und technischen Fortschritt, der von der Raumfahrt bis zur Zeitschriften-, Fernseh- und Kinowerbung reichte. Seit den 1950er Jahren malten viele Staaten und Organisationen damit eine glänzende Zukunft an die medialen Wände. Gleichzeitig kämpften die USA und UdSSR ihren Kalten Krieg mit Militär-, Spionage- und Raumfahrttechnik. Die Bevölkerung wurde auf die positiven Seiten eingeschworen, sollte die Abhör- und Nukleartechnik doch den Frieden sichern: der Schutzbunker als gemütlicher Ort.

 

Kunststoff für den Kalten Krieg

Der anhaltende technische Fortschritt förderte auch die Entwicklung eines noch jungen Materials: Kunststoff. Ihn verwendete man seit den 1920er und 1930er Jahren weltweit als Gehäuse der neuentwickelten Elektrogeräte (Bakelit, seit 1907/09) und für die vielfarbigen leichten Alltagsgegenstände (Polystyrol, seit 1930). Während des Kriegs wurde das Plexiglas (PMMA, seit 1933) für Flugzeugkanzeln eingesetzt. Die duroplastischen Harze (ungesättigtes Polyester, seit 1937) entstanden als Matrix für Verbundkonstruktionen mit Glasfasern für Flugzeugrümpfe (GFK, seit 1942) und wurden sogleich auch im Boots- und Karosseriebau eingesetzt.

Grönland, Distant Early Warning radar (Bild: United States Air Force (scanned from own archive), via Wikimedia Commons)
Militärtechnik oder Landart? Eine der Radaranlagen der DEW-Line (Bild: United States Air Force (scanned from own archive), Grönland, vor 1972, via Wikimedia Commons)

Der Architekt Buckminster Fuller (1895-1983) erkannte das Potential der glasfaserverstärkten Duroplasten für seine patentierte geodätische Struktur. Also offerierte er sie dem amerikanischen Militär als Schutzhülle für die sensiblen Radaranlagen (erste Radomkuppel 1954 auf Mount Washington, USA). Die Distant-Early-Warning-Line (1955-90) Nord-Amerikas diente als Abhör- und Frühwarnsystem im Kalten Krieg und faszinierte durch seine mathematische „Idealform“ zugleich als Landart. Vor allem die „Golfbälle“ des RAF Fylingdales im North Yorkshire Moor (1963) werden bis heute dem „Look“ zugerechnet. Diese Faser-Kunststoff-Radome, aber auch verwandte Membran- und Folienbauten für Militär und Forschung brachten es in nur zehn Jahren zu weltweiter Bekanntheit. Im Werk vorgefertigt, förderten solche Leichtbauten in den 1950er Jahren die Entwicklung moderner mobiler Fertigbauten. Als Schutzhüllen und Raumkapseln sollte sie gegen den nuklearen Schlag schützen und die Besiedlung lebensfeindlicher Gebiete – von der Wüste bis zum fernen Planeten – ermöglichen.

 

GFK im friedlichen Einsatz

Krim, Amerikanischer Pavillon, 1959 (Bild: Matti Suuronen)
Schirme für den Fortschritt: Der Amerikanische Pavillon der Nationalen Ausstellung auf der Krim im Jahr 1959 (Bild: Matti Suuronen)

Wirklichkeit wurden diese Träume als Forschungsstationen. Gleichzeitig bewarben Kunststoffhersteller eifrig den zivilen Einsatz der glasfaserverstärkten Kunststoffe (GFK), Folien und Membrane und gründeten bzw. unterstützten Forschungsgruppen, die Kunststoffbauten entwickelten. Die amerikanischen, aus GFK gefertigten Ausstellungspavillons der Expo’58 in Brüssel und der Amerikanischen Nationalen Ausstellung in Moskau, Sokolniki 1959, sollten die Leistungsfähigkeit der westlichen Wirtschaft und deren technologischem Fortschritt repräsentieren.

Das Gefühl der „WIR-Gesellschaft“ förderte die Zusammenarbeit von bis dato nebeneinander schaffenden Berufsgruppen: Architekten, Bauingenieure, Materialtechniker und Hersteller schufen gemeinsam Raumzellen, Kleinstbauten und Lagerhallen, Überdachungen, Fassaden, aber auch das (Kunststoff-)Haus der Zukunft in Fertigbauweise. Zu den bekanntesten Beispielen zählen das „House of the Future“ (1954-57, Massachusetts Institut of Technology/Monsanto Chemical Company) und das Französische Schneckenhaus (1956, Ionel Schein, René-André Coulon und Yves Magnant). Mindestens ebenso vorbildgebend waren etwa die Klimakammern der Schweizer Armee von Heinz Isler (Schweiz, 1956), das Bakelit Antarctic House von Arthur Quarmby für British Railways (Großbritannien, 1961) oder die Markthallenüberdachungen von Stephane DuChateau (Frankreich, ab 1967).

Um 1960 war den Kunststoffbauern wohl noch bewusst, wie tief sie im Space Age und im Kalten Krieg wurzelten – jedoch ohne es auszusprechen. Längst waren die schier unbegrenzten Gestaltungsmöglichkeiten des neuen Materials selbstverständlich geworden. Ionel Schein, der Entwickler des „Französischen Schneckenhauses“, brachte diesen kreative Optimismus 1957 auf den Punkt: „Die neue Freiheit der Form wird eine Gefahr für die Schwachen, aber auch eine ungeheure Bereicherung der Gestaltungsmöglichkeiten bringen. […] Ein neues Material ruft nach neuen Formen, neuen Einsatztechniken; es schafft neue Bedürfnisse.“

 

Reine Mathematik …

Hotel Jested (Bild: Pamela Voigt)
Die Kunststoffpioniere waren fasziniert von geometrischen Grundformen: hier das tschechische Hotel Jested (Karel Hubácek, 1969) (Bild: Pamela Voigt)

Gleichwohl wurde die junge Architekten- und Ingenieurgeneration der 1960er Jahre vom Space Age und auch von The Look geprägt: Sie waren ebenso fasziniert von geometrischen Grundformen. Kunststoffbauten galten als Vorzeigeprojekte des industriellen und des mobilen Bauens, so z. B. das Hotel Jested von Karel Hubácek (CSSR, 1968), das Bausystem fg 2000 von Wolfgang Feierbach (BRD, 1968) oder das Rondo von Casoni & Casoni (Schweiz, 1969). Gerne wählte man den Kreis als Grundrissform und den Ellipsoid – aufgrund seiner geringeren Raumhöhe – als Baukörper.

Matti Suuronen gab als Idee für sein Futuro (Finnland, 1968) an: „The key factor is pi. It is pure mathematics.“ Trotzdem geriet das Futuro aufgrund der elliptischen Fenster und der Klapptreppe zum UFO-Kunststoffhaus par excellence. Die dreidimensionalen Kunststofffassaden der Nakasuk Elementary School in Iqaluit (1971) bzw. des Research Centre in Igloolik (1975) des Kanadiers Papineau Gérin-Lajoie LeBlanc hingegen beruhen auf kristallinen Strukturen.

Die Faszination für mathematische addierbare Grundformen und Faltwerke ist vor allem in Großbritannien durch Arthur Quarmby und Z. S. Makowski, Universität Surrey spürbar. Seine Experimentalbauten wurden als Schwimmbadüberdachungen genutzt. Die französische Schwimmhalle Tournesol von Bernard Schoeller (Serienfertigung von 183 Bauten, 1972-84) wiederum schließt den Kreis zwischen The Look, Space Age und Kaltem Krieg: Olympiaden sollten ebenso wie Messen politische Ideale und Erfolge international darstellen. Frankreich hatte zur Olympiade 1968 in Mexiko schlechte Medaillenergebnisse erzielt und lancierte daher das Programm „1000 piscines“, mit dem landesweit etwa 700 Sportschwimmhallen errichtet wurden.

 

… und viel viel Technologie

Die dünnwandigen wärmegedämmten Sandwich-Bauteile aus faserverstärkten Kunststoffen waren leicht und stabil zugleich. Mit neuen Bausystemen gestalteten die Architekten daraus in kostengünstiger Serienfertigung mobile oder schnell zu errichtende Wohn- und Arbeitsräume. Trotzdem sollte der Käufer sich seinen gewünschten Grundriss individuell aus mehreren Komponenten oder Raumzellen zusammensetzen bzw. umbauen können. Anwendung fanden diese Kleinstbauten als Zweithäuser oder als Siedlungen für Freizeit und Urlaub – mit Bungalows wie Charm el Sheik (Israel/Ägypten, 1967), Bulle Six Coque (Frankreich, 1967), Ponza (Italien, 1971) oder Banga (Italien, 1971).

Villa Spiess (Bild: Staffan Berglund, 1969)
Hat viel mit einem Toaster gemeinsam („Technologie, viel Technologie“): der Kunststoffbau Villa Spiess (Bild: Staffan Berglund, 1969)

In den 1960er Jahren begeisterte sich das Publikum nicht nur für die Formenvielfalt und Mobilität von Kunststoffbauten, sondern auch für die sich rasant entwickelnde Elektro- und Haustechnik. Beides wurde daher in Möbelausstellungen wie der Visiona 69 von Joe Colombo oder in Kunststoffbauten wie der Villa Spies von Staffan Berglund (Schweden, 1969) miteinander verbunden. Lesley Jackson sieht die Gemeinsamkeiten: „die Verwendung von Plasten, insbesondere der Glasfiber, die Unterteilung des Innenraumes in schrankartige Zellen, und Technologie, viel Technologie.“

 

Auf dem Höhepunkt des Space Age

Als Höhepunkt des Space Age gilt die Expo’70 im japanischen Osaka: Die bautechnisch-mediale Show der Superlative inszenierte das futuristische urbane Leben. Ingenieure und Architekten entwickeln gemeinsam mit Künstlern und Designern verschiedene Ausstellungsbauten und mediale Exponate, die bis heute zumeist als ironisch überspitzte (Archigram, Superstudio, Coop Himmelb(l)au) oder realistische Entwürfe (Buckminster Fuller, Frei Otto, Kenzo Tange) veröffentlicht wurden. Auf dem Expo-Gelände stehen stählerne Raumtragwerke mit Raumkapseln (Expo-Tower, Takara Pavillon, Habitat-Capsule) neben ellipsoiden Raumhüllen mit auskragenden Stahlstrukturen, Lufttraghallen aus Membranen bzw. Folien (Amerikanischer Pavillon, Fuji-Pavillon) oder Membranen über Stahltragwerken (Pepsi-Pavillon).

Osaka, Expo'70, Kodak- und Ricoh-Pavillon (Bild: takato marui, CC BY SA 2.0, 1970)
Das urbane Leben als Technologiepark: die Expo’70, im japanischen Osaka, hier der Kodak- und Ricoh-Pavillon (Bild: takato marui, CC BY SA 2.0, 1970)

Über die Formen hinaus waren es vor allem die farblichen und medialen Effekte, welche die Expo’70 zur Erlebniswelt machten. Dafür arbeiteten im Pepsi-Pavillon, so die Buchautoren Jeffrey Shaw und Peter Weibel, Künstler und Ingenieure experimentell zusammen: „Die innere Kuppel des Pavillons – bei der die Zuschauer in echte drei-dimensionale Bilder, die durch Spiegelreflexionen erzeugt wurden, sowie in auf den Raum wirkende elektronische Musik eintauchten – lud den Betrachter ein, einzeln und gemeinsam an dem Erlebnis teilzuhaben“.

 

„The End of Utopia“

Nach 1968 wurde die Kritik am Establishment, an der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung langsam unüberhörbar: von den Anti-War-Demonstrationen über die Studentenrevolten bis hin zur amerikanischen Counter Culture. Noch bestärkt durch Megastrukturen, wie sie auf der EXPO’70 greifbar wurden, übertrugen sich solche Zweifel in den frühen 1970er Jahren auch auf die Architekten und Architekturtheoretiker. Menfredi Nicoletti (* 1930) etwa sprach 1971 von „the end of utopia“. Spätestens mit Ölembargo und Wirtschaftskrise blieb diese Kritik auch an den Kunststoffbauten hängen. Doch bis heute nennt man alle futuristischen Architekturen der 1960/70er Jahre, speziell die Kunststoffgebilde, weiterhin gerne UFO.

 

Rundgang

Impressionen von der kunststoffgläubigen Expo’70 im japanischen Osaka …

 

Literatur

Crowley, David/Pavitt, Jane, Cold War Modern – Design 1945-70, London 2008.

Voigt, Pamela, Die Pionierphase des Bauens mit Kunststoffen. 1942 bis 1980, Dissertation, Weimar, Bauhaus-Universität, 2007.

Genzel, Elke/Voigt, Pamela, Kunststoffbauten. Teil 1. Die Pioniere, Weimar 2005.

Shaw, Jeffrey/Weibel, Peter (Hg.), Future Cinema. The Cinematic Imaginary after Film, London 2003, S. 145.

Jackson, Lesley, The Sixties, London 2000.

Weckesser, Annette, Tournesol, in: Architektur Innenarchitektur Technischer Ausbau, 11, S. 130-132.