FACHBEITRAG: May in Magnitogorsk

von Elke Pistorius (16/2)

Arbeiten von Mart Stam bis 1930: unten rechts: Bauten der Frankfurter Hellerhofsiedlung als Vorbild für die Wohnbauten in Magnitogorsk (Bild: Fotomontage Ilse Bing, aus: Das neue Frankfurt 9, 1930)
Arbeiten von M. Stam bis 1930: unten rechts: die Frankfurter Hellerhofsiedlung als Vorbild für Magnitogorsk (Bild: Fotomontage I. Bing, aus: Das neue Frankfurt 9, 1930)

Ernst May war in die Sowjetunion eingeladen worden, um die neuesten Erkenntnisse des Westens in die Stadtgründungen des Ostens einzubringen. Ende 1930 siedelte er mit einer Gruppe westeuropäischer MitarbeiterInnen nach Moskau über. Die ausländischen ArchitektInnen gehörten zu den ersten, die nach den Richtungskämpfen in der sowjetischen Planungstheorie die Idee der sozialistischen Stadt „Sozgorod“ verwirklichen sollten. Weder in der westlichen noch in der sowjetischen Welt gab es Musterbeispiele für standardisierte Städteneugründungen für mehr als 100.000 Menschen. Konservativen Kreisen galt Mays Arbeit, galt das Neue Bauen als Sinnbild des Bolschewismus. Doch auch manche BefürworterInnen der Moderne übten Kritik am eintönigen strengen Zeilenbau in Nord-Süd-Ausrichtung, wie er Ende der 1920er Jahre verstärkt angewendet wurde. Bald sollte sich zeigen, dass dieser Typus auch in der Sowjetunion umstritten war.

 

1930-32 – Generalpläne

Ausführungsplanung für das Erste Quartal von Magnitogorsk mit funktionalistischer Grünplanung von Ulrich Wolf. Frühjahr 1932. Geplante Gemeinbedarfseinrichtungen: 1 Kinderkrippe; 2 Kindergarten/Kinderhaus (Entwurf Grete Schütte-Lihotzky); 3 Schule (Entwurf Wilhelm Schütte); 4 Speisehaus/Kantine; 5 Universalladen; 6 Lebensmittelgeschäft; 7 Wäscherei. Die rot gekennzeichneten Gebäude wurden nicht realisiert (Bild: V. I. Kazarinova/V. I. Pavličenkov, Magnitogorsk. Moskva 1961, S. 82, Plan bearb. v. Elke Pistorius)
Magnitogorsk, Erstes Quartal, Ausführungsplan (Grünplanung: U. Wolf), 1932. Gemeinbedarfseinrichtungen: 1: Kinderkrippe, 2: Kindergarten/-haus (G. Schütte-Lihotzky), 3: Schule (W. Schütte), 4. Speisehaus/Kantine, 5. Universalladen, 6: Lebensmittelgeschäft, 7: Wäscherei, rot: nicht umgesetzt (Bild: V. I. Kazarinova/V. I. Pavličenkov, Magnitogorsk, Moskva 1961, S. 82, bearb. v. E. Pistorius)

Die Industriestadt Magnitogorsk beim strategisch wichtigen Eisenhüttenwerk war das erste und drängendste Großprojekt für May und seine MitarbeiterInnen. Ende 1930 legten sie einen ersten Generalplan vor, den die zuständige Regierungskommission sogleich als hart, trocken, eintönig und kasernenartig brandmarkte. 1931 folgte in der deutschen Fachzeitschrift „Wasmuths Monatshefte“ eine frühe öffentliche sowjetische Kritik an May: Der russische Autor schrieb, Mays Wohnkasernen und Pläne für Russland würden die Menschen nivellieren. Auch die Jugend-Arbeiter-Presse und Architektenvereinigungen lehnten Mays Entwürfe entschieden ab.

In Magnitogorsk entbrannte zudem ein Streit, ob man am asiatischen oder am europäischen Ufer des Ural-Flusses bauen solle. Mays Kollektiv legte bis 1933 sechs Generalpläne für das asiatische Ufer vor. Diese blieben – bis auf das Erste und Teile des Zweiten Quartals sowie eine Satelliten-Siedlung – weitgehend Papier, doch sie spiegeln wider, welch bedeutenden Entwicklungsschub die moderne Städtebautheorie damals erhielt.

 

1933 – das Erste Quartal

Magnitogorsk, Wohnzeile von Ernst May aus den 1930er Jahren (Bild: unbekanne historische Vorlage)
Magnitogorsk, Wohnzeile von Ernst May aus den 1930er Jahren (Bild: unbekannte historische Vorlage)

Die Planung für das Erste Quartal wurde 1932 abgeschlossen und sofort umgesetzt. Es ist das einzig nahezu vollständig verwirklichte und noch vorhandene Element der geplanten Musterstadt für 200.000 Menschen. Von den vorgesehenen 58 Gebäuden (39 Wohnblöcke und 19 Gemeinschaftsbauten) wurden etwa 80 % umgesetzt. Das Erste Quartal vertritt den frühen sowjetischen Städtebau der Moderne. Darin bildeten die Zeilenbauten in Nord-Süd-Ausrichtung die kleinste Einheit. Zudem kommt hier die damalige sozialistische Idee zum Ausdruck, die Familie aufzulösen, die Frau von Hausarbeit und Kindererziehung zu entlasten. Folgerichtig waren zahlreiche Kindereinrichtungen und Kantinen neben den Wohnzeilen vorgesehen.

May trug dem Gemeinschaftsgedanken Rechnung, indem er Individualwohnungen (Inko) plante, die später zu Kollektivwohnungen umgebaut werden konnten. Der Idee, die Trennung von Stadt und Land aufzugeben, entsprechen die geringe Bebauungsdichte und die großen Freiflächen. Die Kennziffern und das Bauprogramm gab zwar der staatliche Auftraggeber vor, dennoch belegt das Erste Quartal als Beispiel, wie die westeuropäische Moderne in den Osten übertragen wurde: 20 Wohnhäuser entstanden nach Entwürfen von Ernst May, fünf Wohnzeilen nach den Entwürfen von Mart Stam – Vorbild war ein Typ seiner Frankfurter Hellerhofsiedlung.

Magnitogorsk, Scule (Bild: Elke Pistorius)
Magnitogorsk, Schulbau von Wilhelm Schütte (Bild: Elke Pistorius)

Die Schule für 640 Kinder und Jugendliche von Wilhelm Schütte zeigte durch die Anordnung der Klassenräume, wie offen der junge Staat für die westliche Reformpädagogik war. Anstelle der traditionellen Gänge erschloss ein Treppenhaus je vier Klassenzimmer, so dass sie beidseitig belichtet und belüftet werden konnten. Über die Treppenhäuser gelangte man zu den „Freiluftklassen“ auf den Grünflächen. Die Kindereinrichtungen wurden von Grete Schütte-Lihotzky entworfen.

Beim Ersten Quartal handelte es sich – nicht nur wegen sowjetischer AuftraggeberInnen und MitarbeiterInnen – um ein ost-westeuropäisches Produkt. Es waren 12 Wohnhäuser nach Plänen des Architekten Sergej Černyšev einzubeziehen. Am Ersten Quartal zeigten sich daneben Ansätze der Rationalisierung durch Typenbauten. Noch wurde die Blockbauweise nicht verwirklicht, aber immerhin nutzte man bei Mays Wohnhäusern Schlackebetonsteine. Mays MitarbeiterInnen beklagten 1932, dass die Bauten schlecht ausgeführt, zu früh freigegeben (unverputzte Häuser, unfertige Straßen, fehlendes Grün) und überbelegt wurden.

 

Die 1930er bis 1950er Jahre – das „hässliche Erbe“

1933 entschied sich der sowjetische Auftraggeber endgültig gegen Mays Generalpläne und dafür, die Wohnstadt am europäischen Ural-Ufer fortzusetzen. Bereits Mitte 1931 wurde es von der sowjetischen Politik zum obersten Ziel erklärt, nicht mehr neue Städte zu errichten, sondern den Bestand umzubauen. Der historisch gewachsenen Stadt und den Traditionen der Gartenkultur wurde nun größeres Gewicht beigemessen. Der Bruch mit der Moderne vollzog sich in Deutschland und in der UdSSR fast zeitgleich. In der Sowjetunion galt sie nun als kapitalistischer, kosmopolitischer und antisozialistischer Stil. Die Fragmente sozialistischer Städte wurden als „hässliches Erbe des Architekten May“ bezeichnet, die Leistungen westeuropäischer Spezialisten geschmälert oder verschwiegen.

Magnitigorsk, Karte des Baualters: dunkelgrau: Moderne/Anfang der 1930er Jahre, lila: „Sozrealismus/Mitte der 1930er bis Mitte der 1950er Jahre, grün: historisierende Freiflächengestaltung/Mitte der 1930er bis Mitte der 1950er Jahre, rot: Neubauten/seit den 1970er Jahren, gelb: beseitigte Gebäude/Ruinen, hellgrau: Baualter unbekannt (Karte von Magnitogorsk, bearbeitet von Elke Pistorius)
Magnitogorsk, Karte des Baualters. Dunkelgrau: Moderne/Anfang der 1930er Jahre, lila: „Sozrealismus“/Mitte der 1930er bis Mitte der 1950er Jahre, grün: historisierende Freiflächengestaltung/Mitte der 1930er bis Mitte der 1950er Jahre, rot: Neubauten/seit den 1970er Jahren, gelb: beseitigte Gebäude/Ruinen, hellgrau: Baualter unbekannt (Karte von Magnitogorsk, bearb. v. E. Pistorius)

Zum gänzlichen Bruch kam es jedoch nicht: Die in Magnitogorsk geschaffenen Wohnbauten waren schlicht zu wertvoll, um sie abzureißen. 1937 lebte erst jeder Fünfte in einem festen Haus. Das Erste Quartal war überbelegt und voll in Betrieb. Aus der Zeit des „Sozrealismus“ stammen (nur) drei Hochbauten: Im Westteil ein Kindergarten und ein heute als Schule genutztes Gebäude, im Ostteil eine weitere Schule. Die beiden westlichen Bauten fügen sich als freistehende Zeilen gut in den Komplex ein. Weniger gelungen ist die neue Schule, da sie Wege- und Sichtbeziehungen zur Schule Schüttes verstellt.

Als das Quartal am Ostrand verkleinert wurde, blieb kein Platz für Schüttes geplante Freiluftklassen: Das Schulgebäude wurde mit einer klassischen Gangerschließung ausgeführt. Schon am Bauprogramm für das Zweite Quartal zeigte sich die Tendenz zur Familienwohnung. Nachdem 1936 die Familie (als Symbol der Heimat und Gegenstand der Verteidigung) durch die Gesetzgebung gestärkt worden war, kam der Umbau von Mays Inko-Typ zu Kollektivwohnungen nicht mehr in Frage.

Ulrich Wolf, der Grünplaner der Gruppe May, hob damals die große Bedeutung der Naturnähe für den modernen Städtebau hervor: Erst die Grünfläche gebe dem eher ungestalten Zeilenbau Sinn und Zusammenhang. Ähnlich äußerten sich auch sowjetische GrünplanerInnen. In einem Aufsatz von 1936 kritisierten sie die architektonische Qualität der Entwürfe von 1930/33, so dass die Begrünung allein den Städtebau attraktiv gestalten müsse. Dieser Auffassung folgt das Erste Quartal, dessen Grünplanung nach dem Vorbild eines aristokratischen Parks mit Achsen, Alleen, repräsentativen Boulevards, Springbrunnen, Vasen, Skulpturen und Blumenbeeten aufwändig Achsen betonte. Damit steht sie merkwürdig fremd neben dem Hochbau dieser Zeit.

 

Die 1960er und 70er Jahre – May auf Besuch

Magnitogorsk, May-Wohnzeile, ul. Čajkovskogo (Bild: Elke Pistorius)
In Magnitogorsk wurde das Erste Quartal auch nach dem Krieg ungebrochen intensiv genutzt: eine May-Wohnzeile in der ul. Čajkovskogo (Bild: Elke Pistorius)

Mitte der 1950er Jahre setzte unter Stalins Nachfolger Nikita Chruščëv ein baupolitischer Kurswechsel ein, der die architektonischen und städtebaulichen Leitbilder änderte, zur Moderne zurückkehrte und den typisierten Massenwohnungsbau vorantrieb. Sowjetische Städtebaukonzeptionen näherten sich dem westlichen Leitbild der internationalen Moderne an. Anfang der 1960er Jahre besuchte May nach 26 Jahren erneut Magnitogorsk. Er wurde als „alter sibirischer Pionier“ herzlich empfangen und stellte fest, dass sein Plan vom Ersten Quartal fast vollständig umgesetzt worden war. Russische KollegInnen und PolitikerInnen versicherten ihm, das Quartal habe eine menschliche Atmosphäre. Wie Mays damalige Fotos zeigen, waren einige seiner Blöcke indes schon 1960 umgebaut: Man hatte z. B. Mays enge steile Holz-Treppenhäuser durch bequemere aus Stein ersetzt. In den 1970er (?) Jahren wurden zwei May-Blöcke durch zwei viergeschossige Zeilen ersetzt, die jedoch die Geschlossenheit des Ensembles bewahrten.

 

Seit den 1980er Jahren – Denkmal oder Abriss

Seit den 1980er Jahren wurden sowohl der mechanisierte Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne als auch die Grundannahmen der Vorkriegsmoderne kritisiert. In Magnitogorsk erfahren heute weder die Bauten der Moderne noch der historisierende Gartenbau eine angemessene Wertschätzung. Der Komplex ist gefährdet, Gebäude werden nicht instandgehalten oder abgerissen und die Grünflächen dem Wildwuchs überlassen. Zugleich gibt es seit einigen Jahren Bemühungen zur Rettung des Komplexes. Am „Runden Denkmal-Tisch“ beim Petersburger Dialog 2010 berichteten KunsthistorikerInnen aus Čeljabinsk und Jekaterinburg sowie Abgeordnete aus Magnitogorsk über den schlechten Zustand des Quartals. Die Magnitogorsker Universität unterstützte die Sanierungsversuche 2010-15 mit zwei internationalen Konferenzen zum Thema „Die sozialistische Stadt und soziokulturelle Aspekte der Urbanisierung“.

Magnitogorsk, Wohnhausruine im Ersten Quartal (Bild: Mark Escherich)
Wohnhausruine im Ersten Quartal von Magnitogorsk (Bild: Mark Escherich)

All diese Aktivitäten brachten die Entscheidungsträger jedoch nicht zum Umdenken: 2011/12 wurden zwei Wohnzeilen Mays (ul. Čajkovskogo 47, ul. Majakovskogo 50) abgerissen und eine Handelseinrichtung im Nordosten des Komplexes errichtet. Im August 2012 kamen Forscher- und StudentInnengruppen der Bauhaus-Universität Weimar und der Architekturakademie Jekaterinburg nach Magnitogorsk: Sie analysierten das Ensemble und zeigten Wege zu seiner Erhaltung auf. Zur gleichen Zeit stellte man den Antrag auf Eintragung als Denkmal föderaler Bedeutung. Doch einen Beschluss des Ministeriums für Kultur zur Unterschutzstellung gibt es bis heute nicht.

Trotz des Denkmalantrags sollte die Schule Schüttes 2013 versteigert und abgerissen werden. Dazu ist es bisher nicht gekommen, doch inzwischen ist ein weiteres Wohnhaus (ul. Majakovskogo 32, M. Stam) vom Abriss bedroht, 2015 sollten alle 82 BewohnerInnen ausziehen. Auch wenn die Demontagepläne bislang noch nicht umgesetzt wurden, besitzen sie weiterhin städtebauliche Gültigkeit: Die Arbeiten sollen offiziell Ende 2017 abgeschlossen sein. Auch für den ehemaligen Kindergarten von Grete Schütte-Lihotzky (ul. Čajkovskogo 52) könnten sich Veränderungen ergeben, da die Eigentümer das – zuletzt als Gemüselager genutzte – Gebäude derzeit als Grundstück zum Kauf anbieten. Trotz der herausragenden Bedeutung des Ersten Quartals bleibt seine Bewahrung somit ein architekturhistorischer Kampf um Anerkennung und ein Wettlauf gegen die Zeit.

 

Rundgang

 

Literatur

Pistorius, Elke/Volpert, Astrid, Vor dem Verschwinden: das Erste Quartal von Magnitogorsk, in: kunsttexte.de, 3, 2013.

Kazarinova, V. I./Pavličenkov, V. I., Magnitogorsk, Moskva 1961.

Wolf, Ulrich, Als Grünflächen-Bearbeiter bei der Planung in Russland, in: Die Gartenkunst (1933) Juli 1933, S. 105-111.