FACHBEITRAG: Palästina fast-modern

von Karin Berkemann (Heft 15/1)

Syrische Frauen in Beirut im städtischen Gewand (Foto: Bonfils, zwichen 1885 und 1895, Photochrom: um 1895, Copyright: Gustaf-Dalman-Institut Greifswald)
Muslimische syrische Frauen, Stadtkleidung (Foto: Studio Bonfils, wohl 1885-95, Photochrom: ca. 1895, Copyright: G.-Dalman-Institut)

Der Stoff, aus dem unsere Orientbilder gewebt wurden, ist märchenfarben. In diesem Fall ist es die gemusterte Seide syrischer Frauengewänder. Und die bemalte Leinwand, die in Beirut um 1890 als Fotokulisse diente. Wer in den kostbaren Kostümen steckte, können wir nur ahnen. Trugen muslimische Frauen ihre eigene Tracht oder präsentierten Studiomodelle etwas aus dem Fundus? Auf der anderen Seite der Kamera, die ein Mitglied der französischen Fotografenfamilie Bonfils bediente, ging es nicht um den einzelnen Menschen. Es ging um DAS Bild verschleierter Frauen. So, wie es das europäische Auge sehen wollte und wie wir es bis heute in fernwehträchtigen Coffeetablebooks wiederholen. Doch wieviel hat unser abendländisches Kopfkino mit dem Morgenland, mit dem Heiligen Land der Jahrhundertwende gemein?

Anlanden im Orient

Anlanden in Jaffa (Foto: Bonfils, ca. 1885-95), Photochrom: ca. 1895, Copyright: Gustaf-Dalman-Institut)
Jaffa (Foto: Studio Bonfils, um 1890, Photochrom: ca. 1895, Copyright: G.-Dalman-Institut)

Ob Pilger oder Tourist: Das erste, was der Westeuropäer vom Heiligen Land sah, war Jaffa. Mit dessen Hafen eröffneten auch viele Palästina-Alben um 1900 ihren Bilderbogen. Dunkelhäutige Orientalen warten darauf, die Reisenden von ihren Schiffen aufzunehmen und wohlbehalten durch die Klippen ans morgenländische Festland zu rudern. Durch eine neue schweizerische Farbdrucktechnik wurde diese Schwarzweiß-Aufnahme des Studios Bonfils um 1895 nachträglich in märchenhafte Pastelltöne getaucht.

Doch schaut man genauer hin, ist die malerische Kulisse eher mediterran als orientalisch. Die Altstadt von Jaffa wird hier nicht von einem Minarett, sondern von einem Kirchturm überragt. Gerade erst baute man die historische Peterskirche zwischen 1886 und 1894 wieder auf. In neubarocken Formen, wie sie in so vielen südeuropäischen Städten dieser Jahre auftauchten. Auch die Seefahrerromantik war längst nicht mehr das, was sie einmal gewesen zu sein schien. Schon in den 1840er Jahren ankerten die ersten Dampfschiffe aus Marseille oder Triest vor Jaffa.

 

Kamel und Dampfmaschine

Dampfer vor Jaffa (Foto: Valentin Schwöbel, um 1905, Coypright: Gustaf-Dalman_Institut)
Dampfer vor Jaffa (Foto: V. Schwöbel, um 1905, Copyright: G.-Dalman-Institut)

Eine Schwarzweiß-Fotografie von 1905, nur wenige Jahre nach der Aufnahme von Bonfils, zeigt diesen modernen Reisebetrieb. Unterwegs zum deutschen Palästina-Institut in Jerusalem, bannte der preußische Theologe Valentin Schwöbel nicht nur altertümlich-fremdländische Motive auf Platte. Er fotografierte auch das moderne Dampfschiff. Und die Fahnen an den einheimischen Ruderbooten, die auf den westlichen Organisator verweisen: „Hapag Reisebuereau“.

Auch im Landesinneren war der Reisende von Welt damals kaum noch auf das Kamel angewiesen. Zumindest entlang der Baedecker-Attraktionen zog die Moderne ein: 1865 kam der Telegraf, 1892 die Bahnstrecke Jaffa-Jerusalem und 1898 das erste Fahrrad. Dabei half Preußen dem „kranken Mann am Bosporus“ nicht ganz uneigennützig. Wenn es schon mit den Kolonien nicht so recht klappen wollte, sollte zumindest die deutsche Wirtschaft bei den Osmanen punkten. Des Kaisers Lieblingsprojekt, die Bagdadbahn, wurde ab 1899 mit deutschen Geldern vorangetrieben.

 

Der erste Pilger der Nation

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Wilhelm II. auf dem Weg nach Baalbek (Bild: Kaiserin Viktoria Auguste, 1898, Copyright: G.-Dalman-Institut)

Als Wilhelm II. 1898 gen Orient fuhr, zeigte die Propaganda nicht ein Land auf dem Sprung in die Moderne: Der Kaiser bewegte sich (organisiert vom amerikanischen Reiseunternehmen Cook) zu Fuß, wohnte in (vom deutschen Unternehmer hergerichteten) Zelten und besuchte die (von englischen Archäologen ergrabene) Ruinenstadt Baalbek. Für solche Bilder griffen Professionelle wie Bruno Hentschel oder Chalil Raad ebenso zur Kamera wie die kaiserliche Gattin.

Zwischendurch ließ sich „Wilhelm Zwo“ in seinem modern ausgestatteten Salonwagen nicht nur von Georg Siemens für die Bagdadbahn begeistern. Auch Theodor Herzl durfte seinen Traum vorstellen: ein jüdischer Staat in dem Land, das ihm ebenso heilig war wie den Christen und Muslimen. Mit der Geste des royalen Pilgers hielt der Kaiser in Jerusalem aber die christliche Fahne hoch. Am Reformationstag weihte er die Erlöserkirche ein – und auch dieser staatstragend protestantische Neubau erhielt altehrwürdige Formen.

 

Momente der Nähe

Valentin Schwöbel und Emil Zickermann begegnen einer Frau mit Wiege in Samaria, 9. April 1905 (© Gustaf-Dalman- Institut, Greifswald)
Stipendiaten begegnen einer Frau mit Wiege in Samaria (Schwarzweiß-Fotografie, 9. April 1905, F. Fenner, Copyright: G.-Dalman-Institut)

Mehr am Rande unterzeichnete der Reisekaiser in Jerusalem auch die Gründungsurkunde des „Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes“. Als erster Direktor wurde 1902 der Theologe und Orientologe Gustaf Dalman berufen. Weil die ruhmreichen archäologischen Aufgaben schon unter den anderen „Weltnationen“ aufgeteilt waren, blieb Dalman nur das oberirdische Treiben. Mit der ihm eigenen preußischen Liebe zum Detail begleitete und erfasste er das damalige Alltagsleben. Zumindest dort, wo es ihm noch nicht westlich überformt erschien.

Mit einer handverlesenen Gruppe deutscher Theologen unternahm Dalman bis 1914 jährlich eine Rundreise. Wo es nötig war – und auf der Suche nach dem unverfälschten Palästina war es das weiterhin – ritt man auf Pferden und wohnte in Zelten. Doch nicht ohne ein Mindestmaß an westlichem Komfort, den ein kleiner Tross einheimischer Reisediener sicherstellte. Mindestens die Hälfte der Stipendiaten nutzte unterwegs die Kamera. Wissenschaftliche Aufnahmen von Ruinen wechselten sich ab mit „Schnappschüssen“ der Gruppe. Und in guten Momenten gelang auch ein Blick auf die menschliche Seite – wenn der preußische Anzugträger auf die orientalisch gewandete Frau traf.

 

Heimat in der Fremde

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Deutsche Kolonie in Jaffa (Glasplattendia, nach 1904, Verlag B. Hentschel, Copyright: G.-Dalman-Institut)

Glaubt man den professionellen Fotografen dieser Jahre, war die biblische Zeit im Heiligen Land stehengeblieben: Wenige fremdländisch gewandete Gestalten – mal Barbaren, mal edle Wilde – hausten zwischen antiken Ruinen. Was von der Moderne abgelichtet wurde, hing vom Blickwinkel ab. Jüdische Fotografen zeigten, wie ihre gleichförmigen Siedlungen das Land erschlossen. Ihre christlichen Kollegen bevorzugten die eigenen Kirchen und Krankenhäuser. In den kolorierten Glasplattendias des Verlags Bruno Hentschel findet sich so die deutsche Kolonie von Jaffa.

Mitte des 19. Jahrhunderts sahen schwäbische Templer das Jüngste Gericht nahe heranrücken – und das wollten sie im Heiligen Land erleben. Nach Palästina brachten sie nicht nur moderne Medizin und Landmaschinen mit, sondern auch das Satteldach und den Spitzhelm. Doch fand sich in ihren Siedlungen durchaus ein Hauch moderner Völkergemeinschaft. Einige Häuser kaufte man von gescheiterten amerikanischen Einwanderern: der schwäbische Fensterladen neben der Südstaaten-Veranda, und davor der tropische Kaktus. Mit den Jahren ertrotzten sich die deutschen Siedler nicht nur ein Stückchen Heimat, sondern auch ein gerüttelt Maß an Wohlstand – nur die Endzeit ließ auf sich warten.

 

Das neue Land

"Typische jüdische Kolonie in Palästina" (Glasplattendia, wohl frühes 20. Jahrhundert, Bild: Photoverlag Bruno Hentschel, Copyright: G.-Dalman-Sammlung)
„Typische jüdische Kolonie in Palästina“ (Glasplattendia, frühes 20. Jahrhundert, Bild: Verlag B. Hentschel, Copyright: G.-Dalman-Institut)

Das Ende kam anders als erwartet. Als sich die Osmanen mit den Deutschen in den Krieg warfen, geriet Palästina endgültig in den europäischen Sog. Das neue Land zeigte mit den (deutschen) jüdischen Einwanderern bald seine Bauhaus-Seite. Und als Dalman 1914 nicht nach Palästina zurück konnte, richtete er sich und seine Sammlung im pommerschen Greifswald ein. Je moderner er das Morgenland später vorfand, desto kostbarer wurden ihm seine Fotografien. Ein Bilderschatz, der heute mit jedem Siedlungsschub und Bombardement im Nahen Osten wissenschaftlich unersetzlicher wird. In dem Wissen darum, dass er nur einen Teil einer verlorenen Welt abbildet – aber der schillert sepia- und pastellfarben.

 

Rundgang

Folgen Sie Karin Berkemann – mit Bildern der Greifswalder Gustaf-Dalman-Sammlung – durch ein Land, das es nicht mehr gibt …

 

Literatur und Quellen

Gustaf-Dalman-Sammlung, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Haller, Douglas M. u. a. (Bearb.), In Arab Lands. The Bonfils Collection of the University of Pennsylvania Museum, Kairo 2000

Dudman, Helga/Kark, Ruth, The American Colony. Scenes from a Jerusalem Saga, Jerusalem 1998

Nir, Jesajahu, The Bible and the Image. The History of Photography in The Holy Land 1839-1899, Philadelphia 1985