FACHBEITRAG: Straße der Moderne

von Andreas Poschmann (15/4)

Köln-Riehl, St. Engelbert (Dominikus Böhm, 1932) (© Raimond Spekking, CC BY SA 4.0)
Eine der ausgewählten rund 200 sehenswerten Kirchen: Köln-Riehl, St. Engelbert (Dominikus Böhm, 1932) (© Raimond Spekking, CC BY SA 4.0)

Für jeden zweiten Bundesbürger zählt der Besuch von Kirchen und Klöstern zu den beliebtesten Urlaubsaktivitäten. Dabei werden sie eher als eindrucksvolle Sehenswürdigkeiten betrachtet, weniger als lebendige Orte des Glaubens. Zu diesem Ergebnis kam 2011 eine Studie der Akademie Bruderhilfe-Pax-Familienfürsorge in Zusammenarbeit mit der Universität Paderborn. Oft sind Kirchen die markantesten Gebäude, zentral gelegen, öffentlich zugänglich und kostenfrei. Auch die meisten Stationen der sachsen-anhaltinischen Touristikroute „Straße der Romanik“ sind Kirchenbauten (mit ganz besonderen Qualitäten bei 35 Grad Celsius Außentemperatur wie in diesem Sommer).

Moderne Kirchen hingegen sind schwieriger aufzufinden, nicht nur weil sie meist nicht dem Klischee entsprechen, das am Ortseingang ausgeschildert wird: ein traufständiger Bau mit seitlichem Turm und steilem Helm. Nachkriegskirchen stehen oft außerhalb der Stadtzentren. Nur wenige haben es bislang in einschlägige Reiseführer geschafft. So gestaltet sich die spontane Suche nach einem modernen Kirchenbau mitunter schwierig. Auch solche persönlichen Erlebnisse waren mit ausschlaggebend für die Idee zur „Straße der Moderne“.

 

Eine Idee

Das Projekt ist im Deutschen Liturgischen Institut (DLI) in Trier entstanden und wird dort koordiniert. Bei der Kirchenauswahl wird das Institut von einem ökumenisch besetzten Kuratorium beraten. An der konkreten Umsetzung sind freie Textautoren und Fotografen beteiligt. Insgesamt 200 moderne Kirchen aus ganz Deutschland werden in gut lesbaren, knappen und wissenschaftlich fundierten Portraits vorgestellt. Die Inkunabeln moderner Sakralbaukunst sind ebenso vertreten wie bisher kaum bekannte Räume.

Seit 1947 fördert das DLI wissenschaftlich und praktisch das gottesdienstliche Leben – auch die Feiergestalt und Ästhetik der Liturgie: So koordinierte das DLI etwa die bischöflichen „Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen“ oder die Arbeitshilfe „Liturgie und Bild“. Darüber hinaus wurden unter dem Label „Kirche und Design“ internationale Gestaltungswettbewerbe und Ausstellungen zu liturgischen Geräten und Gefäßen (ab 1997) und gottesdienstlichen Gewändern (ab 2003) durchgeführt. Ebenso beteiligte sich das DLI am Ausstellungsprojekt „Schätze! Kirchen des 20. Jahrhunderts“ (2007-10).

 

Eine Lobby für moderne Kirchen

Berlin-Pankow, St. Augustinus ( Josef Bachem/Heinrich Horvatin, 1928) (Bild: S. Angerhausen)
Das Projekt will die sehenswerten Details entdecken helfen: Berlin-Pankow, St. Augustinus (Josef Bachem/Heinrich Horvatin, 1928), Fenstergestaltung (Bild: S. Angerhausen)

Die „Straße der Moderne“ ist eine Online-Ausstellung, eine Präsentation von Meisterwerken des Kirchenbaus im 20. und 21. Jahrhundert. Noch mehr aber ist die Internetseite eine Einladung, Architektur zu erleben. Durch die exemplarische Auswahl sollen die kunst- und liturgiehistorischen Entwicklungen der vergangenen rund 100 Jahre erfahrbar werden. Zugleich will das Projekt für aktuelle liturgische und architektonische Tendenzen sensibilisieren: Angesichts demographischer und gesellschaftlicher Entwicklungen wird derzeit eine Reihe von Kirchen nicht mehr in der bisherigen Weise benötigt. Auch deshalb soll auf großartige moderne Kirchenbauten hingewiesen werden, damit deren Potenzial erkannt wird und – wenn nötig – kreative Nutzungserweiterungen gefunden werden können.

Zugleich regt die vernetzte Präsentation moderner Kirchbauten dazu an, die Architektur vor Ort besser zu erschließen. Pfarrgemeinden werden motiviert, sich mit ihrem konkreten Kirchenraum zu befassen und ihn neu zu entdecken. Das Projekt „Straße der Moderne“ soll das Verständnis für moderne Kirchenbauten, die Identifikation mit dem Bau und seiner Ausstattung, letztlich mit der Gemeinde selbst fördern – eine pastorale, liturgische, denkmalpflegerische und ästhetische Information und Sensibilisierung zugleich.

 

Eine Auswahl

Emmerich-Leegmeer, Heilig Geist (Dieter-Georg Baumewerd, 1966) (Bild: S. Angerhausen)
Kirchen mit besonderen Qualitäten: Emmerich-Leegmeer, Heilig Geist (Dieter Georg Baumewerd, 1966) (Bild: S. Angerhausen)

Für die Auswahl von insgesamt etwa 200 Kirchen hat das DLI nicht nur Veröffentlichungen und eigene Erfahrungen, sondern vor allem Experten befragt: kirchliche Bauämter, Kunstreferate, Denkmalbehörden. Gesichtet wurden die vorläufigen Ergebnisse von einem wissenschaftlichen Beirat, in dem sowohl architektur- und kunsthistorischer als auch theologisch-liturgiewissenschaftlicher Sachverstand vertreten ist. Entscheidend sind architektonische, liturgische und emotionale Qualitäten: Wie zeitgemäß bzw. innovativ war der Kirchenbau zur Entstehungszeit (Raumform, Material, Bauweise, Lichtführung …)? Welche Tradition und welches Raumkonzept werden aufgenommen? Welche bauhistorische Entwicklung hat der Bau angestoßen und welche lokalgeschichtliche Bedeutung kommt ihm zu?

Gefragt wird ebenso nach der Erfahrungsqualität der Architektur: Wie prägend ist die Kirche städtebaulich? Welche Identifikationsmöglichkeiten bietet sie, welche Präsenz hat sie in der Öffentlichkeit? Welche Eigenschaften von Architektur und Ausstattung sind raumprägend? Wie hoch ist die sakrale Qualität? Eröffnet die Kirche einen Raum für Transzendenzerfahrungen? Wie hoch ist ihre kommunikative Qualität für die unterschiedlichen liturgischen Feiern? Welches theologisch-liturgische Raumkonzept liegt zugrunde, wie eignet es sich für Verkündigung, Gebet (gemeinschaftlich und individuell), Gesang und Musik, Zeichen und Gebärden? Bilden Raum und Ausstattung ein Ensemble? Findet sich die gestufte Wertigkeit der liturgischen Zeichen in der künstlerischen Ausgestaltung wieder?

 

Eine Online-Ausstellung

Strasse der Moderne, Homepage, Regionen (Bild: DLI)
Die Homepage der „Straße der Moderne“ ist nach Regionen untergliedert (Bild: DLI)

Gegliedert ist die Präsentation in sechs Regionen, die eine jeweils etwa gleiche Anzahl von 30 bis 40 modernen Kirchenbauten aufweisen, die vorgestellt werden: Kirchen im Westen (Nordrhein-Westfalen), im Osten (Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt), im Norden (Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein), der Mitte (Hessen, Thüringen), im Südwesten (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland) und Süden Deutschlands (Bayern).

Seit Juli 2015 ist die Präsentation der „Straße der Moderne“ online und stellt Woche für Woche eine neue Station, einen neuen Kirchenbau vor. So wird das Straßennetz Schritt für Schritt erweitert. Eine Facebook-Seite informiert über neu hinzugekommene Bauten und aktuelle Entwicklungen. Weitere unterschiedliche Formen der Präsentation sind geplant: Im Jahr 2016 z. B. werden die Highlights der Kirchbaumoderne im Bistum Mainz (die dortigen Kirchen der „Straße der Moderne“) in einer Ausstellung im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz gezeigt.

 

Erleben, entdecken, ankommen

Deutschland ist das Land einer weltweit einzigartigen Dichte moderner Kirchenbauten. Nahezu alle großen Architekten der Moderne haben mit insgesamt über 5000 Kirchen in Deutschland ihre Spuren hinterlassen. Dabei sind die qualitativ erstklassigen deutschen Sakralbauten nicht nur Spiegel, sondern auch Motor der internationalen Architekturgeschichte.

Weimar-Schöndorf, St. Bonifatius (Johannes-Reuter, 1957) (Bild: S. Angerhausen)
Kirchen als Orte von Spiritualität und Liturgie: Weimar-Schöndorf, St. Bonifatius (Johannes-Reuter, 1957) (Bild: S. Angerhausen)

Es geht darum, Kirchen als Orte von Spiritualität und Liturgie zu zeigen: „Offene Kirchen bieten Raum: Raum für die Stille inmitten der Hektik des Alltags, Raum für das Betrachten von Architektur und Kunst, insbesondere aber Raum für die Freude und Hoffnung, die Bedrängnis und Trauer, die Menschen mitbringen, wenn sie der Einladung einer offenen Kirche folgen. Die Anliegen und Gebete, die Menschen im Raum einer Kirche vor Gott hintragen […], erwecken das architektonische Zeugnis eines Glaubens der Vergangenheit zu einem lebendigen Ort der Begegnung mit Gott.“ (Karl Kardinal Lehmann)

Interessierten sollen hilfreiche Informationen (Adressen, Öffnungszeiten …) an die Hand gegeben werden, um die Kirchen kennenzulernen. Eine Umkreissuche ermöglicht das rasche Auffinden naheliegender Reiseziele auf einer virtuellen Karte. Die Kirchen können aber auch innerhalb der einzelnen Region angezeigt werden – sortiert nach Architekt, Bauzeit oder Ort.

 

Lieblingskirchen

Trier-Mariahof, St. Michael (Konny Schmitz, 1970 (Bild: S. Angerhausen)
Ihre neue Lieblingskirche? Trier-Mariahof, St. Michael (Konny Schmitz, 1970) (Bild: S. Angerhausen)

Das Institut für Demoskopie Allensbach fragte 2009, welches Verhältnis die Deutschen zu den Kirchenbauten haben: Für 59 % der Deutschen sind sie vor allem Orte, in denen sie zur Ruhe kommen, 48 % fühlen sich sofort anders, wenn sie einen Kirchenraum betreten. Für 50 % der Westdeutschen und 39 % der Ostdeutschen verändern sich das Empfinden und die mentale Verfassung, wenn sie sich in einer Kirche aufhalten.

Ihre Lieblingskirche beschreiben 54 % als Ort der Ruhe, 27 % ordnen ihr eine mystische Atmosphäre zu, 25 % die Aura des Geheimnisvollen. Bei der Frage nach der Lieblingskirche konnte man aus verschiedenen Vorgaben auswählen: romanisch, gotisch, barock. Das Institut für Demoskopie war also der Meinung, eine moderne Kirche komme von vornherein nicht als „Lieblingskirche“ infrage. Vielleicht können wir das ja bald ändern.

 

Literatur

Zahner, Walter/Berkemann, Karin (Hg.), Schätze! Kirchen des 20. Jahrhunderts. Eine Ausstellung der DG Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst, München, in Verbindung mit dem EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg und dem Deutschen Liturgischen Institut, Trier, München 2007.

 

Statt Rundgang

Stöbern Sie sich doch selbst durch das Online-Angebot der „Straße der Moderne“5_Strasse der Moderne, Homepage