FACHBEITRAG: Müthers Futurismus

von Matthias Ludwig (Heft 16/3)

Binz, Strandwache (Bild: Müther Archiv)
Binz, Strandwache (Bild: Müther-Archiv)

Das Land Mecklenburg-Vorpommern wird vor allem durch seine Lage an der Ostsee und seine charakteristische Landschaft geprägt: zwischen weiten Feldern und im Küstennebel heben sich monumentale Backsteinkirchen, Schlossanlagen und imposante Felsenformationen hervor – ganz so wie vom Maler Caspar David Friedrich einst festgehalten. Die landwirtschaftlich geprägte Region hat sich seit dem 19. Jahrhundert und auch in 45 Jahre DDR, die architektonisch vor allem für ihre Wohnanlagen in industrieller Plattenbauweise bekannt ist, wenig verändert. Jedoch sind in dieser Zeit viele ungewöhnliche Betonschalenbauten entstanden, die nach der politischen Wende 1989 in Vergessenheit geraten waren und erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts „wiederentdeckt“ wurden.

 

Von den Anfängen der Betonschale

Ihr Erfinder war der in Binz auf der Insel Rügen geborene Ingenieur und Bauunternehmer Ulrich Müther (1934-2007). Damals wie heute ist die Insel Rügen mit ihren langen Sandstränden, dichten Kiefernwäldern und traditionellen Bäderbauten eine der beliebtesten Urlaubsregionen in Deutschland. Das war mit ein Grund dafür, dass Müther dort mitten im Sozialismus seine u. a. touristisch genutzten Solitärbauten realisieren konnte. Ab den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden so zunächst auf der Insel Rügen und in Mecklenburg-Vorpommern, später dann in der ganzen DDR seine Betonschalenbauten, vor allem Gaststätten, Pavillons, Kirchen, Sportstätten und Veranstaltungshallen. Mit ihrer Eleganz und Modernität gaben sie den großen Plattenbau-Wohngebieten eine individuelle Note. Daher wurden sie durch die sozialistische Regierung bewusst als faszinierende Vorzeigeprojekte gefördert, mit denen man die Modernität des politischen Systems beweisen wollte. Die Schalenbauwerke wurden für die DDR auch zu einem wichtigen Exportartikel und so konnte Müther in späteren Jahren sogar im Ausland bauen.

Baabe, Buchkiosk (Bild: Müther Archiv)
Baabe, Buchkiosk (Bild: Müther-Archiv)

In der Architektur waren Schalenformen bereits ab den 1920er Jahren verwendet worden, sie hatten sich aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitet und waren zum bevorzugten Bausystem für mittlere und große Spannweiten worden. Besonders prägend waren dabei der Spanier Felix Candela (1910-97) und der Schweizer Heinz Isler (1926-2009). Das Ingenieurstudium von Ulrich Müther fiel in die Aufbruchszeit des internationalen Betonschalenbaus und so hatte er sich während seiner Studienzeit intensiv mit dem Thema Schalenbau beschäftigt. Über Auslandsbeziehungen war er in Kontakt mit anderen Schalenbauern gekommen, ließ sich aber vor allem von Candela inspirieren, der als einer der ersten die neue Formenvariante des hyperbolischen Paraboloids in den Schalenbau eingebracht hatte.

Da Müther bereits seit 1958, parallel zum Studium, technischer Leiter des elterlichen Bauunternehmens in Binz war, nutzte er die Gelegenheit, dort mit Versuchsschalen im kleinen Maßstab zu experimentieren und so empirische Kenntnisse für zukünftige Projekte zu sammeln. Insofern war es nur konsequent, dass er 1963 das Studium als Bauingenieur an der Technischen Hochschule Dresden mit einer Diplomarbeit über „Hyperbolische Paraboloidschalen“ abgeschlossen hat. Diese sog. Hyparschalen, kurz HP-Schalen, wurden zu Müthers Markenzeichen. Mit dem Bau seiner Diplomarbeit, der Überdachung eines Mehrzwecksaals für das Betriebsferienheim „Haus der Stahlwerker“ 1964 in Binz (abgerissen 2002), realisierte er den ersten Hyparschalenbau aus Stahlbeton in der DDR.

 

Eine konkurrenzlose Sonderstellung

1966 machte Müther dann mit der Halle für die Ostseemesse in Rostock-Schutow von sich reden, die er mit seinem 1960 zur Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH Bau Binz) umgewandelten Betrieb erstellte. Die Konstruktion mit zwei zueinander versetzt angeordneten, nur 7 Zentimeter dünnen HP-Schalen mit einer Spannweite von 20 x 20 Metern begeisterte das große Publikum und die Politiker. Daher erhielt Müther in der Folge mehrere Aufträge für Kulturbauten und Gaststätten mit Hyparschalendächern. 1972 wurde sein Betrieb als Genossenschaft zum volkseigenen Betrieb, dem VEB Spezialbeton Rügen. Er konnte allerdings als Direktor die Leitung weiterführen und dieser hatte durch die Spezialisierung auf Betonarbeiten eine konkurrenzlose Sonderstellung in der DDR.

Warnemünde, Teepott (Bild: Müther Archiv)
Warnemünde, Teepott (Bild: Müther-Archiv)

Im streng reglementierten Ostdeutschland konnte Müther seine Bauten in Zusammenarbeit mit Architekten, Ingenieuren und Baufachleuten nicht nur zu entwerfen und konstruieren, sondern sie auch mit teils bis zu 100 Mitarbeitern selbst errichten, denn Planung und Bauausführung lagen von der ersten Berechnung bis zur handwerklichen Fertigstellung in seiner Hand. Selbst nannte er sich bescheiden „Landbaumeister aus Binz“, in der DDR waren seine Konstruktionen allerdings sehr beliebt. Müther verwirklichte mehr als 60 teils wegweisende Betonschalenkonstruktionen, wobei die bekanntesten der „Teepott“ in Rostock-Warnemünde (1968) und der „Rettungsturm“ der Strandwache in Binz (1981) sein dürften. Nach der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands wurde der Betrieb 1990 an Ulrich Müther zurückübertragen. Der Betonschalenbau spielte zu dieser Zeit im Westen schon keine Rolle mehr, auch weil die arbeitsintensiven Sonderkonstruktionen und der aufwendige Schalungsbau zu teuer waren. So musste Müther das Unternehmen 1999 aufgeben. Im Jahr 2007 verstarb Ulrich Müther in Binz.

 

Ein Modellprojekt für zwei Müther-Bauten

Berlin, Ahornblatt (Bild: Müther Archiv)
Berlin, Ahornblatt (Bild: Müther-Archiv)

Viele seiner Bauten sind nach der Wiedervereinigung umgenutzt worden oder stehen bis heute leer und sind dem Vandalismus preisgegeben, manche wurden unsachgemäß saniert, einige sogar abgerissen. Ironischerweise führte aber gerade ein solcher Abriss zu einer breiten Diskussion über die Erhaltung von Müther-Bauwerken: Im Jahr 2000 wurde das seit 1995 unter Denkmalschutz stehende „Ahornblatt“ in Berlin abgerissen, das 1973 aus fünf zusammengesetzten HP-Schalen als Gaststätte und gesellschaftliches Zentrum für das Wohngebiet Fischerinsel gebaut worden war. Angeregt dadurch hatte Müther begonnen, alle erhaltenen Unterlagen, Modelle und Pläne zu ordnen und diese schließlich 2006 als „Müther-Archiv“ an die Hochschule Wismar übergeben.

Seitdem konnte das Archiv öffentlichkeitswirksam mehrere Ausstellungen und Publikationen auf den Weg bringen. Nicht zuletzt dank dieser Vorarbeit wurde aktuell auf Rügen, der Heimat von Müther, ein Projekt mit Modellcharakter für zwei seiner Bauwerke begonnen: der Rettungsturm in Binz und die Kurmuschel in Sassnitz sollen bautechnisch untersucht und saniert werden. Die Kosten trägt die Wüstenrot Stiftung. Die beiden genannten Gebäude waren in den letzten Jahren unter Denkmalschutz gestellt worden, die Kurmuschel erst 2014 aufgrund der oben genannten Aktivitäten. In engem Austausch mit dem Müther-Archiv erfolgen nun zunächst die Voruntersuchung und Zustandserfassung. Auf deren Basis soll ein Maßnahmenkatalog für eine sach- und denkmalgerechte Sanierung erstellt werden. Die Wüstenrot Stiftung übernimmt dabei die verantwortliche Bauherrschaft.

 

Betonbauten von großer Leichtigkeit

Binz, Buswartehalle (Bild: Müther Archiv)
Binz, Buswartehalle (Bild: Müther Archiv)

Müther hatte den Betonschalenbau zu einer architektonischen, ingenieurtechnischen und ästhetischen Perfektion gebracht. Alle seine Konstruktionen sind äußerst filigran und haben eine große Leichtigkeit. Eine von ihm entworfene und noch erhaltene HP-Versuchsschale zeigt deutlich die Form der aus geraden Brettern eingeschalten HP-Schale mit ihren beiden entgegengesetzten Krümmungen. Sie ist nur 5,5 Zentimeter dünn und 7 x 7 Meter groß und wurde 1967 in Binz an der Proraer Chausee/Dollahner Straße gebaut, um die Berechnungen für die Überdachung der Mehrzweckhalle in Rostock Litten-Klein (gebaut 1968) zu überprüfen. Nachdem sie über viele Jahre als Buswartehalle genutzt wurde, sind heute die späteren Einbauten entfernt und man glaubt, eine Freiraumskulptur zu sehen.

Ein Netzwerk aus Armierungsstahl bildet immer die formgebende Grundlage dieser Bauweise. Es ist für den aufgebrachten Beton sozusagen „Putzträger“ und bei den Schalen aus Spritzbeton auch Schalung. Da es das geometrische Modell einer Schale ermöglicht, die Form der Konstruktion direkt auf den statischen Kräfteverlauf hin abzustimmen, bedeutet dies eine sehr hohe Steifigkeit bei geringer, nur konstruktiv absolut notwendiger Materialstärke. Die teils nur wenige Zentimeter dünnen Schalen aus Stahlbeton können große Weiten scheinbar mühelos überspannen. Müther z. B. überbrückte Spannweiten von bis zu 40 Metern mit einer nur 7 Zentimeter starken Konstruktion ohne Stützen.

Müther hat neben den HP-Schalen weitere Typen wie Buckel- und Hängeschalen sowie auch freie Formen ausprobiert, die teils Unikate geblieben und nicht in Produktion gegangen sind. So ist es ihm gelungen, durch die Kombination von gestützten und aufgehängten Bewehrungsnetzen sehr anspruchsvolle Konstruktionen herzustellen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Schwimmbadüberdachung des ZK-Heims in Sellin auf Rügen, 1977 gebaut als asymmetrische Hängeschale (heute Cliff-Hotel). Außerdem entwickelte Müther die Technik weiter, indem er vor allem Spritzbeton einsetzte und ohne Schalung auf feinmaschiges Drahtnetz „torkretierte“. Für die in den USA entwickelte Spritzbetontechnologie erhielt die namensgebende Firma Torkret 1920 in Deutschland das Patent. Das Verfahren kam vorwiegend bei Tunnelbau und Betonsanierung zum Einsatz. Dabei wird der Beton flüssig auf die vorher angefertigte Schalung aufgebracht und erzielt nach dem Trocknen seine Tragwirkung. Auch bei den beiden Bauwerken des aktuellen Modellprojektes, die im Folgenden detailliert vorgestellt werden, kam dieses Verfahren zur Anwendung.

 

Die Strandwache von Binz

Binz, Strandwache (Bild: Müther Archiv)
Binz, Strandwache (Bild: Müther Archiv)

1975 baute Müther, nach einem Entwurf des Architekten Dietrich Otto (geb. 1943), den Rettungsturm für den Wasserrettungsdienst (WRD) des Deutschen Roten Kreuzes als Station für die Rettungsschwimmer an der westlichen Strandpromenade von Binz. Der Turm diente aus Aussichtsplattform und hatte die Anmutung eines am Strand gelandeten Ufos. Die Konstruktion besteht aus zwei doppelt gekrümmten Schalen aus armiertem Stahlbeton. Diese wurden über einer in Sand modulierten Positivform im Müther’schen Betrieb gegossen, die beiden Hälften dann am Strand zusammengesetzt und auf die zuvor betonierte Stütze mit Kragarmplatte montiert. Die Größe betrug 5,5 x 5,5 Meter, die Schalendicke von 7 bis 16,5 Zentimetern.

Leider wurde der Turm 1993 abgerissen, als in Verlängerung der Hauptstraße an seiner Stelle die Seebrücke wieder aufgebaut wurde. Erfreulicherweise hatte der VEB Spezialbeton aber 1977 den Auftrag für einen weiteren Rettungsturm an der östlichen Strandpromenade von Binz erhalten. Dieser wurde 1981/82 erstellt, wobei die noch vorhandene Form des Rettungsturms von 1975 wiederverwendet werden konnte. Allerdings ist die Mittelstütze verkürzt, die Betonkragplatte fehlt und der Zugang vom Strand erfolgt über eine simple Stahltreppe. Die Schale dieses Turms ist noch dünner und beträgt lediglich zwischen 3 und 5 Zentimeter, denn durch die Verwendung von Ferrozement konnte die Bewehrung reduziert und mit Sechseckdrahtgeflecht (Karnickeldraht) verstärkt werden.

Nach der Wende wurde der Turm bis 2003 von der DLRG (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft) als Rettungswache genutzt, 2003/04 saniert und bis vor kurzem von Frau Zydowitz-Müther (der Witwe von Ulrich Müther) als Büro- und Galerieraum genutzt. Seit 2006 dient er zudem als Trauungsraum für das Standesamt in Binz. Er hat bereits mehrere, teils unsachgemäße Sanierungen, u.a. mit einem Austausch der Holzfenster erfahren. Zudem sind Einbauten entfernt bzw. neue Einbauten vorgenommen worden, die nicht dem ursprünglichen Entwurf entsprechen. Vor allem durch die Nutzung sind Schäden entstanden, die sich z.B. in Kondenswasserbildung mit den entsprechenden Folgen äußern. Um den weiteren Erhalt zu gewährleisten ist eine Sanierung dringend erforderlich.

 

Die Kurmuschel von Sassnitz

Sassnitz, Kurmuschel (Bild: Müther Archiv)
Sassnitz, Kurmuschel (Bild: Müther-Archiv)

1987 wurde als Projekt der Kunsthochschule Berlin-Weissensee mit dem Architekten Dietmar Kuntzsch und dem Ingenieur Otto Patzelt die sogenannte „Kurmuschel“ als skulpturaler Musikpavillon erstellt. Er steht am Ende der Kurpromenade von Sassnitz auf dem Kurplatz und besteht aus einer zentralen fächerförmigen Betonskulptur und zwei seitlich angeordneten Funktionsgebäuden auf einer dreistufig erhöhten Bühne.

Die muschelförmige Konstruktion besteht aus einer viertelkreisförmigen Reihung von sieben, sich nach oben zu einem Dach auffächernden HP-Schalen. Für diese wurde zunächst ein Gitter aus gebogenen Armierungseisen gefertigt und auf das daran befestigte Drahtnetz (Karnickeldraht) ohne weitere Hilfsschalung Spritzbeton aufgebracht. Die seitlich angeordneten Funktionsräume wurden aus Zement-Hohlblocksteinen gemauert, verputzt und wie das Schalenbauwerk mit einem hellen Anstrich versehen. Die Kurmuschel selbst hat einen Durchmesser von 11 Metern, eine Höhe von ca. 6,90 Metern und eine Schalendicke 5-15 Zentimetern. Die größte Ausdehnung der Anlage beträgt 20 x 10 Meter.

Das Bauwerk wurde 2006 saniert, aktuell besteht jedoch wieder Sanierungsbedarf. Zudem wird die im Rahmen des Projekts erfolgende Untersuchung der mehrschichtigen Farbfassungen zeigen, ob die ursprünglich geplante farbige Gestaltung tatsächlich umgesetzt worden ist. In der Kurmuschel finden regelmäßig Konzerte und andere Veranstaltungen statt. Das nun dank der Wüstenrot Stiftung begonnene Modellprojekt auf Rügen ist ein großer Schritt auf dem weiten Weg, den Schalenbauwerken von Ulrich Müther die ihnen zustehende Wertschätzung zu geben. Verbunden ist das Projekt mit der Hoffnung, dass die Müther’schen Konstruktionen bald auch außerhalb von Fachkreisen als architektonischen Kulturerbe wahrgenommen und auch andernorts, nicht nur auf der Insel Rügen, geschätzt und mit der entsprechenden Sorgfalt erhalten werden.

 

Rundgang

Seltene historische Aufnahme ausgewählter Müther-Bauten aus dem Müther-Archiv …

 

Literatur

Seeböck, Tanja, Schwünge in Beton – Die Schalenbauten von Ulrich Müther, Schwerin 2016.

Der Musikpavillon in Sassnitz auf Rügen (Publikationen des Müther-Archivs 2), Wismar 2015.

Die Rettungstürme 1 und 2 (Publikationen des Müther-Archivs 1), Wismar 2014.

Lämmler, Rahel/Wagner, Michael, Ulrich Müther Schalenbauten in Mecklenburg-Vorpommern, Sulgen/Zürich 2010.

Scheurmann, Ingrid/Helbig, Olav (Hg.), DenkMale des 20. Jahrhunderts, Dresden 2010.

Dechau, Wilfried (Hg.), Kühne Solitäre. Ulrich Müther – Schalenbaumeister der DDR, Stuttgart 2000.