Berlin (Bild: Christopher Falbe)

Was schief gehen kann

von Dina Dorothea Falbe, mit Fotos von Christopher Falbe (17/2)

Energetische Sanierung: Dämmwahn, notwendiges Übel oder vielleicht doch ökologisch sinnvoll? Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern nur mit Blick auf den Einzelfall – genau wie die Frage nach einem möglichen Denkmalwert. Wo beide Fragen zusammenkommen, gehen die Meinungen besonders weit auseinander. Der Fall eines Wohnensembles in Berlin-Schmargendorf illustriert auf eindrucksvolle Weise, was in diesem Zusammenhang alles schief gehen kann.

 

Expressionismus oder Heimatstil?

Die viergeschossigen grauen Putzbauten mit Walmdächern zwischen Orber Straße und Salzbrunner Straße wurden 1938/39 errichtet, ohne sich dies gestalterisch anmerken zu lassen. Sie passen weder zum Heimatstil der gartenstadtartigen SS-Siedlung an der Krummen Lanke, noch zur monumentalen Strenge der Wohnsiedlung am Grazer Damm. Mit den abstrakten Klinkerornamenten um die Eingangstür und am Treppenaufgang könnten sie auch ein konservatives Beispiel der 1920er Jahre sein. Insgesamt sieben Häuserzeilen sind durch verklinkerte Pergolen miteinander verbunden und schließen einen etwas tiefer liegenden Innenhof ein. Als Architekten des Ensembles nennt das Buch „Berlin und seine Bauten Teil IV A“ den Namen „Sänger“. Beauftragt wurde er durch die Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten (Gagfah).

Viele verschiedene Wohnungsbaugesellschaften, private Bauherren und mindestens ebenso viele Architekten bestimmten in den1920er und 1930er Jahren den Wohnungsbau in Berlin. Legendär ist der „Zehlendorfer Dächerkrieg“, in dem sich u. a. Bruno Taut und Hans Poelzig gegenüberstanden. Der Architekt Harry Rosenthal hatte in beiden Büros gearbeitet. So scheint sein „Haus Salzbrunn“ (1927) in der Salzbrunner Straße beide Auffassungen zu verbinden. Für einen privaten Bauherrn errichtete er dort ein Wohnhaus mit großen, schmucklosen Fenstern, runden Balkonen und weißem Anstrich – ganz im Sinne des Neuen Bauens, wie es die Stuttgarter Weißenhofsiedlung repräsentierte. Darauf setzte er allerdings ein geneigtes Dach, wie in traditionellen Bauformen üblich.

 

Polystyrol statt Grauputz

Elf Jahre später, als Architekt Sänger auf der gegenüberliegenden Straßenseite für die Gagfah baute, hatte Harry Rosenthal Deutschland bereits verlassen müssen. Die Dachform und die Gebäudeanordnung, wie sie einen losen Blockrand markiert, verbinden jedoch dieses Gegenüber unterschiedlicher Fassaden. Eine Straßenecke weiter steht ein Haus von Hans Scharoun aus dem Jahr 1932. Die unterschiedlichen Architekturauffassungen der 1920er und 1930er treffen dieser Nachbarschaft zusammen und illustrieren so auf engem Raum ein wichtiges Kapitel Berliner Stadtentwicklung. Die Gegend nahe dem S-Bahnhof Hohenzollerndamm wurde nicht auf einmal beplant: Einige Blocks und Straßenecke blieben auch nach dem Krieg noch lange unbebaut. Der zeittypische Wohnungsbau vieler weiterer Jahrzehnte ergänzte Schritt für Schritt die inzwischen historischen Häuser.

Die Gagfah trug indessen wenig zum Unterhalt ihrer Gebäude in der Orber, Salzbrunner und Charlottenbrunner Straße bei. „Kriegsbedingte Zerstörungen wurden im Rahmen des Aufbau-Programms 1952 beseitigt“, weiß das Bezirkslexikon von Charlottenburg-Wilmersdorf. Dies war die letzte Modernisierung des Ensembles – bis zu dem Jahr, in dem die Deutsche Annington sich mit der Gagfah zu Deutschlands größtem Immobilienkonzern „Vonovia“ zusammen schloss: 2015. Plötzlich wurden die Mieter mit einer geplanten Mieterhöhung konfrontiert, die sich aus einer energetischen Sanierung ergeben sollte. Polystyrol sollte nun den Grauputz verdecken, dessen Widerstandsfähigkeit sich ein Dreivierteljahrhundert bewährt hatte. Weiße Kunststofffenster ersetzen die bauzeitlichen Holzkastenfenster. Auch die roten Haustüren werden bald nicht mehr aus handwerklich bearbeitetem Holz, sondern aus Metall sein.

 

Besitzstörung

Am 23. Januar 2016 empfahl der unabhängige Denkmalrat der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) das Ensemble unter Schutz zu stellen. Im Mai fasste die BVV den Beschluss sich beim Landesdenkmalamt (LDA) für die Eintragung in die Denkmalliste einzusetzen. Im August bestätigte das LDA die Denkmalwürdigkeit unter Vorbehalt weiterer Prüfungen. Die Bauarbeiten der Vonovia schritten indes voran, denn vor der Eintragung in die Denkmalliste sah sich das Landesdenkmalamt offenbar nicht in der Lage, in die Bauarbeiten einzugreifen. Zwischenzeitlich berichtete die Berliner Zeitung (BZ) über den „Aufstand in Schmargendorf“ – insgesamt 16 Mieter der 190 Einheiten umfassenden Wohnanlage hatten vor dem Verwaltungsgericht Klage wegen „Besitzstörung“ eingelegt, um sich gegen die Dämmung ihrer Wohnungen zu wehren. Die erwartete Heizkostenersparnis fällt gegenüber der Mieterhöhung marginal aus. „Die wollen nur die Mieterhöhung verhindern“, meint ein junger Anwohner, „der Denkmalschutz wäre nur ein Mittel dazu gewesen.“

Anfang April 2017 berichtete dann der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) vom „vergeblichen Protest in Berlin-Schmargendorf“ – der Denkmalschutz für die Wohnhäuser kommt nun doch nicht. Nach letztem Stand sollen nur die Gartenanlagen in die Denkmalliste eingetragen werden, da an den Bauten bereits zu viel verändert wurde. Dies erfuhren die Mieter nicht direkt vom Landesdenkmalamt, sondern vor Gericht im Februar 2017 von der Vonovia, die sich nach eigenen Angaben im „ständigen Austausch mit dem Denkmalamt“ befand. Gegenüber dem rbb erklärte die Vonovia zudem, dass das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf ihr bereits im September 2016 „nach Prüfung“ der Planungen „bestätigt“ habe, dass das Bauvorhaben „mit baukulturellen Belangen vereinbar“ sei.

 

Schmargendorfer Mieterprotest

Mieter Fred Grätz fühlt sich betrogen, zumal laut dem in Berlin geltenden Denkmalschutzgesetz die Denkmalliste „eben nicht mehr konstitutiv, also rechtserzeugend, sondern nur noch deklaratorisch, also rechtsbezeugend“ sei. Als Rentner engagiert sich Grätz als Sprecher des „Schmargendorfer Mieterprotestes“. Auch der pensionierte Denkmalpfleger Dr. Dieter Worbs, der als Mitglied des Denkmalbeirats die Eintragung empfohlen hatte, bedauert die nun ungehindert fortschreitenden Baumaßnahmen und bezeichnet sie angesichts der Bausubstanz als „unnötig“. Holzkastenfenster und massive Ziegelwände von 38 bis 50 Zentimetern Dicke bieten bereits mehr Isolation als viele konstruktive Lösungen der Nachkriegszeit.

Im selben Bezirk, etwas weiter südlich befindet sich die „Gartenstadt am Südwestkorso“, auch bekannt als „Künstlerkolonie“. Die 1927 bis 1930 für sozial nicht abgesicherte Künstler und Schriftsteller erbaute Siedlung steht seit 1990 unter Denkmalschutz und gehört ebenfalls der Vonovia. Obwohl die Bausubstanz dieser Siedlung mit der in der Orber Straße vergleichbar ist, sieht die Vonovia hier keinen Bedarf zur energetischen Sanierung.

„Man kann das doch so machen, dass es wie aus den 30ern aussieht“, meint ein älterer Anwohner, der wenig Verständnis für die Beschwerden des „Schmargendorfer Mieterprotestes“ hat. Mit dieser Aussage hat er gewissermaßen Recht, doch auch hier muss man wieder mit Blick auf den Einzelfall entscheiden – gerade die konkrete Bauausführung bereitet den Mietern wohl mit die größten Sorgen. Sie befürchten Schimmel und Algen an ihren Wänden und werfen der Vonovia vor, nicht nur bei den verwendeten Produkten, sondern auch an der Verarbeitung zu sparen. Dämmplatten sollen bei Regen und beidseitig an Balkontrennwänden verklebt werden, ein Mieter will verhindert haben, dass ein Fensterblech ohne den erforderlichen Abflusswinkel montiert wurde, sodass das Wasser in seine Wohnung geleitet worden wäre. Hier steht Aussage gegen Aussage. Tatsächlich fällt aber beim Besuch der Baustelle auf, dass die Bauarbeiten relativ unkoordiniert ablaufen. An verschiedenen Ecken wurde mit der Dämmung begonnen. Wirklich abgeschlossen scheint die „Sanierung“ bisher nirgends zu sein, obwohl die Bauarbeiten nun ins dritte Jahr gehen. Einige Holzfenster liegen achtlos auf einem Haufen, andere sind noch in Takt.

Aus Sicht benachteiligter Mieter erlaubt die Energieeinsparverordnung den „Missbrauch der Dämmung“ zur Mietsteigerung. Sie befürchten außerdem, dass die Vorgehensweise deutschlandweit „Schule macht“ und Immobilienfirmen möglichst schnell „Fakten schaffen“, damit sie sich um den Denkmalschutz keine Sorgen machen brauchen – berichtete der rbb. Umgekehrt kann auch die Denkmalpflege Schlüsse aus diesem Misserfolg ziehen. Wäre für eine Modernisierung dieser Art beispielsweise eine Baugenehmigung notwendig, könnten die Behörden Zeit gewinnen, die Denkmalwürdigkeit rechtzeitig zu prüfen.

 

„Deutschland macht’s effizient“

Ob nun rechtens oder nicht – die Abläufe in diesem Fall bestätigen jedes Vorurteil gegenüber Behörden, die im Zweifelsfall nicht auf der Seite der Mieter, der Baukultur oder der Umwelt, sondern auf der Seite der „Wohnungskraken“ stehen – so bezeichnet Fred Grätz die Vonovia, die durch Übernahme weiterer Immobilienfirmen ständig ihre Rendite steigert. Gleichzeitig zeigt der Fall die aktuellen Problemstellungen der institutionellen Denkmalpflege auf: Wie könnte man, oder könnte man überhaupt den Unterschutzstellungsprozess demokratisieren? Die Empfehlung des unabhängigen Denkmalbeirates in Verbindung mit dem Engagement der Mieter zeigt ein öffentliches Interesse an den baukulturellen Werten der Wohnanlage. Obwohl ein solcher Wert fachlich bestätigt war, verlief das Verfahren sehr zögerlich und letztlich erfolglos.

Umweltschützer warnen vor den Folgen, die Kunststoffabfälle für Flora und Fauna haben. Auch Asbest galt lange Zeit als günstiger und sicherer Dämmstoff, bis man die Risiken erkannte. Trotz der Sondermüllklassifizierung von Dämmplatten aus Polystyrol wird auf den Seiten der Kampagne des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie „Deutschland macht’s effizient“ weiterhin zuallererst auf Polystyrol verwiesen, das nach Angaben der Kampagne „etwa drei Viertel aller gedämmten Gebäude in Deutschland“ verkleidet. Immerhin engagiert sich das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mit dem HolzbauPlus-Wettbewerb für das Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen und prämiert unter dem Motto „additive Ehrlichkeit“ auch eine Dämmung aus diesen Materialien, die im Gegensatz zu ihrem künstlichen Gegenstück komplett wiederverwertbar und biologisch abbaubar sind.

Der staatlichen Förderung der energetischen Sanierungen fehlt die Grundlage für wirklich nachhaltiges Wirtschaften, solange die klassische Immobilienbewertung von einer Lebenszeit weniger Jahrzehnte ausgeht, nach deren Ablauf das Gebäude für abrissreif oder zumindest grundlegend renovierungsbedürftig erklärt wird. Nicht nur Energieeinsparung sondern auch Ressourcenschonung und Abfallreduktion sollten in die Berechnungen einbezogen werden. Der Grauputz der 1930er Jahre hat bis heute gehalten. Die massiven Mauern lassen sich gegebenenfalls wieder auspacken, die hölzernen Kastenfenster und Haustüren wandern jedoch auf den Müll und sind damit unwiederbringlich verloren. Die Fassade des neu gebauten Europäischen Rates in Brüssel muss den betroffenen Mietern wie reiner Hohn erscheinen: Sie besteht aus eben diesen Holzfenstern, die den Bewohnern der traditionellen Berliner Mietshäuser und in ganz Europa teils gegen ihren Willen genommen werden.