FACHBEITRAG: West-Berlin, U-Bahn

von Verena Pfeiffer-Kloss (Heft 15/3)

Berlin, Pavillon Fehrbelliner Platz, Blick durch die Passage neben dem Hauptabgang ins Freie (Bild: Verena Pfeiffer-Kloss, 2014)
Berlin, Fehrbelliner Platz, Pavillon (Bild: V. Pfeiffer-Kloss, 2014)

Auffällig, bunt und ungemein zeitgenössisch sind die U-Bahnstationen West-Berlins. Sie laden ein zu einer Fahrt von der Nachkriegs- in die Postmoderne, durch eine unterirdische Landschaft, die in ihrem Anspruch, ihrer Geschlossenheit und ihrem Umfang einzigartig ist. Zwischen 1952 und 1994 wächst das U-Bahnnetz der ummauerten Stadt um 84 Stationen. An manchen Orten entsprechen sie der oberirdischen Stadt, an anderen halten sie ihr einen Zerrspiegel vor. Wie bei vielen städtebaulichen Projekten in der geteilten Stadt wird auch hier ein hoher Anspruch verfolgt: Der U-Bahn kommt nicht nur eine funktionale, sondern eine repräsentative Bedeutung zu. Nach außen soll sie dem Ostteil der Stadt die westlichen Erfolge vorzeigen und nach innen für die West-Berliner Orte der Identifikation schaffen.

Der U-Bahnhof: ein „unverwechselbarer Ort“

Vielleicht ist dies der Grund, warum die Gestaltung der U-Bahnhöfe nicht wie andernorts üblich an freie Architekten vergeben wird, sondern fest in der Hand des West-Berliner Senats liegt. Dort, in der Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen, leitet von 1964 bis 1994 der Architekt Rainer Gerhard Rümmler (1929-2004) die Unterabteilung Entwurf. Somit ist er auch für die Architektur von 53 U-Bahnhöfen in West-Berlin verantwortlich.

Nicht nur die Politik, auch Rümmler hat einen hohen Anspruch. Es ist sein Arbeitsmotto, den „unverwechselbaren Ort U-Bahnhof“ zu schaffen. Dann ist die Station weit mehr als ein Verkehrsraum: Sie soll einzigartig und zeitgenössisch sein, eine lokale Geschichte erzählen und in die stadträumliche Umgebung eingebunden werden. Im Laufe der Jahre setzt Rümmler dieses Leitbild immer präziser um, wandelt seinen Stil von der Nachkriegs- zur Postmoderne. Dies zeigt sich beispielhaft an den nachfolgend beschriebenen Stationen Alt-Mariendorf (1962-66), Fehrbelliner Platz (1967-71) und Zitadelle (1978-84).

 

Alt-Mariendorf: die leuchtend scharfe Kante

Berlin, Alt-Mariendorf, rotes Glasmosaik (Bild: Verena Pfeiffer-Kloss, 2014)
Berlin, Alt-Mariendorf, rotes Glasmosaik am Treppenaufgang vom Bahnsteig zur südlichen Verteilerhalle (Bild: V. Pfeiffer-Kloss, 2014)

Im Jahr 1966 eröffnet, ist Alt-Mariendorf einer der ersten U-Bahnhöfe, auf den Rümmler größeren Einfluss ausübt. Er emanzipiert sich von seinen Amtsvorgängern Bruno Grimmek und Werner Düttmann, indem er seine Ideen in die – wahrscheinlich bereits abgestimmte – klare kubische Formen- und Materialsprache einfügt. Der junge Architekt wählt Glasmosaik in kräftigen leuchtenden klaren Farben. An Stützen und Ecken entstehen scharfe Kanten durch den abrupten Farbwechsel und die offenen unregelmäßigen Mosaikränder. Diese bis ins Detail reichende Gesamtkomposition zeigt sich auch in der schlanken serifenlosen Schrift der Leuchtkästen und Hinweisschilder.

„Geradezu eine Kühnheit für die sechziger Jahre ist die Verkleidung […] mit rot-violettem Glasmosaik“, schreibt Rümmler in den 1980er Jahren. Farbe dient in seinen frühen Bahnhöfen als Orientierungslinie und gestalterisches Element zugleich: Das Treppenhaus zum südlichen Verteilergeschoss ist rot gefliest, das zum nördlichen blau und die Treppenwände zur Erdoberfläche tragen gelbes Glasmosaik. So wird der Aufstieg aus der Unterwelt farblich sanft geleitet. Ähnlich sachlich gestaltet wie die Bahnsteighalle und gut in die Umgebung integriert sind die beiden Eingangspavillons. Ihre Überdachung aus Holzflachdecken lagert auf rechteckigen schlanken Eisenstützen und rotbraunen Ziegelwänden.

Berlin, Alt-Mariendorf, Blaues Glasmosaik und hölzerner Handlauf am nördlichen Treppenaufgang (Bild: Verena Pfeiffer-Klos, 2014)
Berlin, Alt-Mariendorf, blaues Glasmosaik und hölzerner Handlauf am nördlichen Treppenaufgang (Bild: V. Pfeiffer-Klos, 2014)

Diese Schlichtheit macht die Bauwelt 1966 zum Vorwurf: „Die Informationsschilder sind zu elegant-vornehm-zurückhaltend […]. Der U-Bahnfahrer ist notorisch Zeitungsleser, beim kurzen Aufblicken müßte jeder Bahnhof sofort als bestimmter Bahnhof zu identifizieren sein.“ Ob diese Kritik Rümmler beeinflusst, kann nicht sicher beantwortet werden. In jedem Fall folgt er bei seinen ab 1971 auf den Linien 7 und 9 eröffneten Stationen seinem Arbeitsmotto, dem „unverwechselbaren Ort U-Bahnhof“. Ein Grundsatz, den er bis in die 1980er Jahre theoretisch und praktisch noch deutlich ausdifferenziert.

 

Fehrbelliner Platz: knallbunt und rund

Als die Station Alt-Mariendorf in Betrieb genommen wird, ist die 1971 eröffnete Streckenerweiterung auf den Linien 7 und 9 bereits im Bau. Hier hat nun Rümmler die alleinige architektonische Verantwortung. Die 11 neuen Bahnhöfe werden positiver aufgenommen, in der Bauwelt 1971 als „abwechslungsreicher und kraftvoller“ anerkannt. Das Motto der Unverwechselbarkeit setzt Rümmler hier in ihrer einfachsten Form um, als jeweils auffällige und klar von Station zu Station unterscheidbare Gestaltung.

Berlin, Fehrbelliner Platz, Lichtkuppel über der Treppe in das Verteilergeschoss am Fehrbelliner Platz (Bild: Verena Pfeiffer-Kloss, 2014)
Berlin, Fehrbelliner Platz, Lichtkuppel über der Treppe in das Verteilergeschoss am Fehrbelliner Platz (Bild: V. Pfeiffer-Kloss, 2014)

An der damals vorläufigen Endhaltestelle der Linie 7, dem Bahnhof Fehrbelliner Platz, (1967-71) zeigt Rümmler deutlich eine eigene Architektursprache. Verglichen mit dem nachkriegsmodernen Bahnhofsbau in Alt-Mariendorf, herrscht hier eine Opulenz, Verspieltheit und Vielfarbigkeit. Rümmler nutzt organische Formen, setzt großflächig starke und reine Farben mit groben Konturen ein. Aus Kunststoffen und Gips modelliert er abgerundete Ecken, frei geformte Bauteile, schwungvolle Hohlkehlen, Voutendecken und Mobiliar, das aus Boden, Wand und Decke zusammenwächst.

Diese Formen werden ermöglicht und herausgefordert durch zeitgenössische technisch-industriell hergestellte Materialien: farbig emaillierte Asbestzementplatten, eloxiertes Aluminium oder Hartgussplastik. Rümmler stellt 1980 den Zusammenhang von architektonischer Mode und technischen Innovationen heraus. Dabei nennt er den Einsatz von „farbgebrannte[m] Aluminium auch an hervorzuhebenden Stellen, […] die die Attraktivität des Verkehrsbereiches hervorzuheben haben. Und nicht zuletzt Kunststoffe, die mithelfen […] einer zeitgemäßen Formensprache den Ausdruck des Zeitgeistes zu verleihen.“

 

Fehrbelliner Platz: das Gegenbild

Berlin, Fehrbelliner Platz, Eingangspavillon (Bild: Axel Mauruszat, CC BY SA 3.0)
Berlin, Fehrbelliner Platz, Zugangspavillon (Bild: Axel Mauruszat, CC BY SA 3.0)

„Ausdruck des Zeitgeistes“ ist am Fehrbelliner Platz insbesondere das Eingangsbauwerk. Der Zugangspavillon bildet ein Gegenbild zu den – überwiegend aus den 1930er Jahren stammenden – geschlossenen regelmäßigen Natursteinfassaden des Platzes. „Zielsetzung war“ so Rümmler 1971 in der Bauwelt, „den Verkehrsknotenpunkt zu einem unverwechselbaren Orientierungssymbol […] zu gestalten“. Interessant ist der frei geformte, an ein unregelmäßiges Dreieck angelehnte Grundriss: Offene Durchgangsräume sowie (halb)geschlossenen Kioske und Treppenabgänge durchdringen sich zur unterirdischen Schalterhalle. Die Haupttreppe wird durch eine Lichtkuppel betont und nutzt das historische Eingangstor (1913) der bestehenden Station. Uhrenturm, Tore und Fenstersimse sind in Minzgrün gehalten. Das Gebäude ist mit kleinen Mosaiksteinen in „Verkehrsrot“ verkleidet. In den Passagen ragen runde sonnengelbe Leuchten aus der Decke.

Diese Architektursprache der beginnenden Postmoderne stößt auf Kritik. Glaubt man der Bauwelt von 1971, soll der Pavillon „eine Aussage artikulieren, Aufmerksamkeit erwecken. Das mag als legitimer Anspruch erscheinen; stellt man jedoch fest, daß von mehreren im Prinzip gleichwertigen Zugängen einer so überaus stark betont wird, […] wird der Anspruch fragwürdig und enthüllt sich als Formalismus“. Man sehnt sich nach einem „kleinen, anspruchslosen und angemessen transparenten Bau“. Doch wird solch eine Nachkriegsmoderne in Berlin langsam von der Postmoderne abgelöst, was zeitgleiche Projekte wie der Bierpinsel, das ICC oder die Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße zeigen.

 

Zitadelle: historische Bezüge

Berlin, Zitadelle (Bild: A. Savin, CC BY SA 3.0)
Berlin, Zitadelle, Eingangspavillon mit einer Figur des letzten Bauherrn der historischen Zitadelle, Rochus zu Lynar (Bild: A. Savin, CC BY SA 3.0)

Bei den gereift postmodernen U-Bahnhöfen der Linie 7 in Richtung Rathaus Spandau (1984) setzt Rümmler sein Arbeitsmotto auf einer zweiten, vertieft inhaltlichen Ebene um: Der „unverwechselbare Ort U-Bahnhof“ wird durch den direkten Bezug zum oberirdischen historischen Ort hergestellt – durch architektonische Zitate und abstrahierte bildliche Darstellung der lokalen Geschichte. Stellvertretend für die Stationen Rümmlers, die diesem Prinzip folgen, steht hier der Bahnhof Zitadelle.

Echtes Backsteinmauerwerk, Terrakottagesimse sowie Kapitelle und Wandabschlüsse aus goldfarbenem Aluminium erwecken den Eindruck, man fahre mit der U-Bahn in die Zitadelle ein. Mit der Deckengestaltung des Bahnsteigs wird der Palas der historischen Zitadelle zitiert. Die Türen zu den Funktionsräumen sind wie Burgtore schwarz-weiß gemustert. Technikeinrichtungen, Sitzmöbel und Stationsname gehen in der Gesamtgestaltung auf. Viele Details verleihen dem Bahnhof einen heimatkundlich-lehrreichen Charakter: ob großformatige Farbabbildungen aus der Geschichte der Zitadelle oder die Figur ihres letzten Bauherren, Rochus zu Lynar.

 

Zitadelle: geschickt kombiniert

Berlin, Zitadelle (Bild: Verena Pfeiffer-Kloss, 2014)
Berlin, Zitadelle, Blick in die reich ausgeschmückte Bahnsteighalle (Bild: V. Pfeiffer-Kloss, 2014)

Auf den ersten Blick wirkt alles maßgeschneidert und kostspielig, doch dann offenbart sich, was aus einer kleinen Anzahl industrieller Normteile geschickt zusammengesetzt ist. „Die Vielzahl der industriellen Produkte“, so Rümmler 1978, „läßt dem gestaltendem Architekten noch genug Spielraum, auf diesem Instrument virtuos spielen zu können.“ Die Nutzung der Technik wird so zu ihrer eigenen postmodernen Überwindung. Aus den Vorgaben des Seriell-Industriellen entsteht das Eigentümlich-Individuelle – ein künstlerisch-intellektuelles Handwerk, in dem Rümmler es in den 1980er Jahren zur Meisterschaft bringt.

Mit der Backsteinauskleidung und dem Eingangspavillon bezieht sich Rümmler auf das historische Material der Spandauer Zitadelle und ihrer Umgebung. Ebenso folgt er dem Trend der Internationalen Bauausstellung Berlin 84/87, Backstein einzusetzen. Seit Mitte der 1970er Jahre erforscht und erhält die Denkmalpflege die historische Zitadelle, woran Rümmler mit späteren Neu- und Umbauarbeiten beteiligt ist. Gleichzeitig bereiten in den 1980er Jahren beide Hälften Berlins intensiv ihre 750-Jahr-Feier vor. Hierfür wird die Stadtgeschichte umfassend aufgearbeitet und architektonisch rekonstruiert wird, wie z. B. im Nikolaiviertel oder in der Altstadt Spandau. In diese Arbeiten reihen sich Rümmlers U-Bahnhöfe in Spandau ein: Unter der Erde schafft er idealisierte Abbilder der eigens recherchierten lokalen Geschichte, an die über der Erde oft kaum noch etwas erinnert.

 

Rümmlers Bahnhöfe: Gegenorte in West-Berlin

Berlin, Zugeinfahrt in den U-Bahnhof Zitadelle (Bild: Ingolf/Berlin, CC BY SA 2.0)
Berlin, Zitadelle, Zugeinfahrt (Bild: Ingolf, CC BY SA 2.0)

Inhalt und Gestaltung des Bahnhofs Zitadelle sind für die Postmoderne zeittypisch. Mit dieser entrückten und zugleich lokalisierenden, der Geschichten erzählenden, gegenwartsfernen und die Außenwelt überhöhenden Geste schafft Rümmler Gegenorte zur Alltagswelt, die sich in ihnen spiegelt und die gleichzeitig ihre reale Andersartigkeit offenbaren: Heterotopien für das West-Berliner Inselvolk. Orte, die den West-Berlinern ihre Stadt näher bringen und ein Stück mehr Raum und Qualität schaffen sollen, wo die ummauerte Stadt über der Erde so eng ist.

 

Rundgang

 

Literatur und Quellen

Rümmler, Rainer Gl., Gestaltung von U-Bahnhöfen, in: Berliner Bauwirtschaft 1980, Sonderheft Berliner Bauwochen 1980, S. 380-383

Rümmler, Rainer G., Ausbau der U-Bahnhöfe der Linie 7. Konstanzer Straße bis Richard-Wagner-Platz, in: Berliner Bauwirtschaft 1978, 8, S. 203-205

Kühne, Günther, Neue U-Bahnhöfe in Berlin, in: Bauwelt 1971, 4, S. 137-139

Rümmler, Rainer G., U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, in: Bauwelt 1971, 4, S. 140-143

Kühne, Günther, Halbzeit im Berliner U-Bahnbau, in: Bauwelt 1966, 9, S. 233-239

Rümmler, Rainer G., Architektur [unveröffentlichtes Manuskript, Landesarchiv Berlin, Nachlass Rainer G. Rümmler, E. Rep. 300-70]