Sitzen im Kino International

von Dietrich Worbs (17/4)

Die Besucher des Berliner Kinos International müssen sich eine ganze Weile durch das Gebäude bewegen, bevor sie sich im Zuschauerraum niederlassen können. Das liegt am Auftrag des Bauherrn, denn der Ost-Berliner Magistrat wollte ein gesellschaftliches Zentrum für den 2. Bauabschnitt der damaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee. Und dieses neue Kulturzentrum musste nicht nur ein Lichtspieltheater, sondern auch Stadtteilbibliothek und -klub aufnehmen. Künftig sollte das Kino DEFA-Premieren zeigen.

 

Stilwechsel an der Stalinallee

Mit großer Freude machte sich der Architekt Josef Kaiser (1910-1991), Leiter des Kollektivs Kaiser im VEB Hochbauprojektierung Berlin, an die Arbeit. Zusammen mit dem Stadtplaner Werner Dutschke (1919-1983) hatte er gegen sechs Konkurrenten 1958 den Wettbewerb um den 2. Abschnitt der Stalinallee gewonnen. Dutschke und Kaiser wichen erheblich von den städtebaulichen und gestalterischen Vorstellungen des 1. Bauabschnitts ab: Entstehen sollten entlang der Magistrale – im Gegensatz zu den neoklassizistischen Arbeiterwohnpalästen im 1. Bauabschnitt – moderne Hochhausscheiben.

Die Reihung der Hochhäuser wurde zwischen den Wohnbauten aufgelockert durch kleine Geschäftspavillons von Edmund Collein (1906-1992). Nördlich und südlich der Magistrale schufen Dutschke und Kaiser grüne Wohnhöfe mit Schulen und Kitas. Sie bildeten vor allem ein klares städtebauliches Zentrum an der Einmündung der Schillingstraße in die Stalinallee: mit dem Kino International, der Gaststätte Moskau und dem Hotel Berolina am U-Bahnhof Schillingstraße. Kurz gesagt, Dutschke und Kaiser führten die Moderne an der Stalinallee ein. Der 2. Bauabschnitt der Jahre 1959 bis 1965 stand in scharfen Kontrast zum 1. Bauabschnitt von 1952/53. Die SED-Parteiführung hatte Mitte der 1950er Jahre festgestellt, dass der Wiederaufbau Berlins an der Frankfurter Allee (wie die Straße ursprünglich hieß) mit traditionellen Vorstellungen nicht zu leisten sei. Nur durch die Vorfertigung und eine moderne (Städte-)Baukonzeption könne die Wohnungsnot überwunden werden.

 

„Raumplan“ für ein Kulturzentrum

Josef Kaiser entwarf nicht nur die zehngeschossigen Typenbauten für die Vorfertigung an der Stalinallee, sondern auch die drei Solitärbauten des Zentrums an der Einmündung der Schillingstraße: ein Ensemble aus Restaurant, Hotel und Kino. Überlegt ordnete er die drei Hauptfunktionen – Kino, Bibliothek, Klub – des International. Die Bibliothek sollte im Erdgeschoss liegen, von außen leicht zugänglich für Kinder und Erwachsene. Für das Kino war ein geräumiger Eingangsbereich mit Kassen, Garderoben und Vestibül vorzusehen, um über seitliche Treppen ins Obergeschoss zum Foyer und zum Zuschauerraum hinaufzusteigen.

Geplant war, den Zuschauerraum vom Foyer durch Schallschleusen zu betreten und im Saal durch zwei breite Gänge die Sitzreihen zu erschließen. Das Gefälle des Parketts von der obersten Sitzreihe zur untersten vor der Bühne war so zu bemessen, dass für jeden Besucher uneingeschränkte Sicht möglich sein würde. Über getrennte Treppen sollten die Besucher das Kino verlassen können. Es war vorgesehen, dass die Klubräume beiderseits des hohen Zuschauerraums über den Kino-Treppenhäusern liegen, erschlossen durch eigene Treppen, verbunden durch eine Brücke über den Schallschleusen und dem Projektionsraum des Kinos. Die ineinander verschränkten Raumbereiche von Kino und Klub sollten in einem geschlossenen, flachen, quaderförmigen Baukörper zusammengefügt werden, der auf einem Sockelgeschoss mit der Bibliothek ruht und mit dem Foyer über den Eingängen im Erdgeschoss ohne Stützen frei auskragt.

Kaiser stammte aus einer deutschböhmischen Baumeisterfamilie in der Nähe von Karlsbad. Von 1929 bis 1935 studierte er Architektur an der Deutschen TH in Prag. In diesen Jahren baute der Wiener Architekt Adolf Loos (1870-1933) hier seine letzten beiden berühmten Raumplan-Villen. Nach Kaisers eigenem Bekunden beeinflusste ihn Loos durch seine Schriften und Bauten. Dieser verschränkte Räume unterschiedlicher Höhe auf verschiedenen Niveaus, legte Wege durch diese Raumfolgen an und arbeitete mit Dunkelzonen und Lichtreizen, um die Menschen durch seine Bauten zu führen. Diese Konzeption nannte sein Schüler Heinrich Kulka den „Raumplan“. Und den nahm Kaiser offensichtlich in seiner Studienzeit auf und wandte ihn 25 Jahre später auf sein Berliner Kinogebäude an.

 

Der Aufstieg zum Kinosaal

Bis heute betritt der Besucher das Kino International zu ebener Erde unter dem auskragenden Foyer im Obergeschoss – ohne pompöse Freitreppe. Nach Windfang und Kassenhalle gelangt man in das niedrige Vestibül, in dessen Mitte eine Rundbank zum kurzen Verweilen einlädt. Darüber sind Hunderte von Glühlampen in eine Lichtdecke eingelassen. An den beiden Seiten sind die zwei Treppenaufgänge angeordnet, die nach einer Wendung um 90 Grad dem Licht entgegen zum oberen Foyer hinaufsteigen: Der Besucher tritt aus dem engen Schacht kommend in einen hellen, hohen, langgestreckten Raum, der sich mit einer Fensterfront zur Karl-Marx-Allee hin öffnet. Man atmet auf und sieht sich um.

Das Foyer besitzt eine Bar und eine lange Reihe von kleinen Tischen mit Stühlen an der Fensterwand. Man konnte hier schon immer vor dem Beginn einer Aufführung auf- und abwandeln oder an einem der Tischchen an der langen Fensterfront sitzen, einen Kaffee trinken, plaudern und sich auf den Film vorbereiten. Von der Karl-Marx-Allee gesehen, erscheinen die Besucher in der langen Fensterfront wie die Personen eines Films im Breitwandformat. Kurz vor der Aufführung öffnen sich dann beiderseits des Projektionsraums die Türen zum Zuschauerraum. Die vorigen Besucher haben den Saal durch eigene Treppenabgänge verlassen. Die engen und niedrigen Durchgänge in den Saal schützen vor Straßenlärm und bereiten auf etwas Neues vor: den hohen Zuschauerraum.

 

Der Zuschauerraum

Der Zuschauerraum fällt nach unten zur Bühne hin um zwei Meter ab, während die Decke im gleichen Maße ansteigt. Dadurch werden optimale Projektions- und Sichtverhältnisse geschaffen. Die Überraschung wird gesteigert durch die abgehängte Decke, den „fliegenden Teppich“ aus getöntem Stuck, der zur Leinwand hin in fünf Wellen ansteigt. Ein champagnerfarbener, mit Pailletten besetzter Vorhang verdeckt die Leinwand, der Fußboden zeigt einen blauen Teppichboden. Wie schon das Foyer sind auch die Seitenwände mit Stabholzleisten verkleidet, die eine gute Akustik gewährleisten.

Zwei breite Gänge führen von den Foyerschleusen zur Bühne hinunter, die nur um zwei Stufen gegenüber dem Parkett erhöht ist. 600 bequeme Sitze laden beiderseits der Gänge zum Entspannen ein. Der Zuschauerraum auf annähernd quadratischem Grundriss ist durch seine Keilform in der Horizontalen gerichtet – zur Bühne hin mit der Leinwand, auf die sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer konzentrieren soll. Beiderseits der Bühne sind die Türen angeordnet, die sich zu den Treppenabgängen ins Freie öffnen.

Der Bau des Kinos hatte am 15. März 1961 begonnen. Am 15. November 1963 wurde das International in Anwesenheit höchster Repräsentanten von Staat und Partei mit dem sowjetischen Revolutionsfilm „Optimistische Tragödie“ feierlich eröffnet.

 

Die Filme im International

Zu DDR-Zeiten zeigte das Kino International je ein Drittel DEFA-Filme, Produktionen aus den übrigen sozialistischen Ländern und Streifen aus dem Westen – selbstverständlich nur ausgesuchte, wertvolle, fortschrittliche Filme, um die Werktätigen zu sozialistischen Bürgern zu erziehen. Die Besucher wussten dieses Angebot zu würdigen. Von den vielen DEFA-Premieren soll der Film „Spur der Steine“ von Frank Beyer (1932-2006) erwähnt werden. Im Sommer 1966 wurde er nach einer beispiellosen Kampagne vom Kulturminister verboten, jedoch uraufgeführt und dann nach inszenierten Krawallen abgesetzt: Man sah „die Rolle der Partei und des Staates in gröbster Weise verunglimpft“, wie das SED-Politbüro parteiintern verlauten ließ. Der Film verschwand im Tresorraum der DEFA.

Nach zwei Jahrzehnten widerfuhr dem Film, dem Regisseur und seinen Schauspielern späte Gerechtigkeit: Am 23. November 1989, zwei Wochen nach der Öffnung der Mauer, wurde „Spur der Steine“ in angemessener Form im International wiederaufgeführt – im Beisein von Frank Beyer, Manfred Krug und anderen Mitspielern. Als sie nach der Vorstellung vom Künstlerzimmer aus die Bühne betraten, sprangen die Zuschauer spontan von ihren Sitzen auf und brachen in stürmische Ovationen aus. Andere DEFA-Filme – wie z. B. „Lotte in Weimar“ (Egon Günther, 1975), „Solo Sunny“ (Konrad Wolf, 1979) oder „Coming out“ (Heiner Carow, 1989) – fielen nicht weniger kritisch aus als „Spur der Steine“, aber die SED wagte nicht noch einmal, ein Verbot so rüde durchzusetzen wie 1966.

 

Nach der Wende

Das International wurde zusammen mit dem Hotel Berolina und dem Restaurant Moskau als zentrales Ensemble des 2. Bauabschnittes der Stalinallee 1990 unter Denkmalschutz gestellt. Das hat – neben dem Kultstatus und der Qualität des Programms – sicher zur Erhaltung des Kinos beigetragen. Nach der Wiedervereinigung wurde es weiter bespielt, 1992 von der Yorck-Kino GmbH gepachtet und schließlich 1996 erworben. Seit 25 Jahren betreibt die GmbH das International als Programmkino und Veranstaltungsort für Tagungen und Feste, es ist seit 1990 Spielstätte der Berlinale. Im November 2013 feierte die Yorck-Kino GmbH das fünfzigjährige Bestehen des International gebührend mit einer Film-Retrospektive mit 500 geladenen Gästen.

Josef Kaiser hatte sein Kino – wie er 1963 äußerte – mit einem hohen Anspruch entworfen, der sich inzwischen über 50 Jahre bewährt hat: „Die architektonische Gestaltung von Filmtheatern soll heute darauf gerichtet sein, einen Ort festlicher Zusammenkunft für eine erlebnisbereite Gemeinschaft zu schaffen.“

 

Literatur

Worbs, Dietrich, Das Kino International in Berlin, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2015.

Titelmotiv: Kino International, Garderobenhalle, Vestibül (Bild: Eric Neuling, 2009)