„Vollkommen abgedrehter Komplex“

INTERVIEW: Mit Peter Cachola Schmal in Offenbach

 

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Die Verhältnisse auf den Kopf stellen: DAM-Direktor Peter Cachola Schmal im Gothaer-Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko)

Berliner Straße 175, ein Tag im Juli: Drei Männer drücken sich mit kindlicher Begeisterung auf Feuerwehr-Umläufen herum, fotografieren ihre Spiegelbilder in der Glasfassade und erfreuen sich an leberwurstfarbenen Kieselplatten im Treppenhaus. Das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Was könnte man in den vier Geschäfts- und Büroetagen einrichten, wie das darüber thronende Wohnhochhaus beleben? Ein urbaner Spielplatz für Menschen mit Visionen: Julius Reinsberg und Daniel Bartetzko treffen Peter Cachola Schmal, den Direktor des Deutschen Architektur Museum (DAM) im 1977 eröffneten Gothaer-Haus in Offenbach am Main.

„In der jetzigen Form wird es dieses Gebäude in zehn Jahren wohl nicht mehr geben“, sagt Schmal. Auch Offenbach leidet darunter, dass die ungeliebten Spätsiebziger-Kuben entweder saniert werden müssen oder schon zur Unkenntlichkeit gedämmt wurden. Kurzfristig dürfte sich kein Investor finden, der einen Sinn für diesen Großbau mit Spiegelglasfassade hat. Das Gothaer-Haus steht bald zum Verkauf.

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Stadt im Spiegel: In den Siebzigern bot Offenbach bessere Hochhäuser als Frankfurt (Bild: D. Bartetzko)

„Weiß jemand, wer der Architekt dieses vollkommen abgedrehten Komplexes ist?“ fragt der DAM-Direktor 2013 via Facebook. Seit einem Jahr wohnt er in Offenbach und fährt täglich am Spiegelturm vorbei. Wochen später führt er Interessierte für die Initiative Offenbach loves U durchs Gebäude. Den „abgedrehten Komplex“ auf spitzwinkligem Grundstück entwarfen die Darmstädter Martin Müller (1921-1993) und Peter Opitz (*1938). Zwar wurde der einstige Versicherungssitz 1977 eingeweiht, doch stammen die Pläne von 1972. Damit zählt er zu den frühen Vertretern jener multifunktionalen Großbauten, die damals als zukunftsweisend galten.

Peter Cachola Schmal: Das Gebäude ist ein Kind seiner Zeit: braunes Spiegelglas, Trapezblech, Edelstahl, Marmorplatten, die skulpturale Form. Dazu die Einheit von Wohnen, Einkaufen und Arbeiten plus Tiefgarage und Parkdeck: Das ist urban gedacht, sehr edel ausgestattet und an diesem Platz spektakulär.

Offenbach, Gothaer Haus, Seitenansicht (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)
„Seiner Zeit um Haaresbreite voraus“, bescheinigt Schmal dem Gothaer-Haus (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)

moderneREGIONAL: Und warum begeistern wir uns heute für diesen Bau? Ist es der Charme des Schrägen oder ist es sein Konzept?

PCS: Letztlich beides. Wir befinden uns hier zwischen Moderne und Postmoderne, ein Teil der phantastischen Bewegung der 1970er. Klare Strukturen wie die Fensterbänder oder die Rasterfassade des Parkdecks stehen im Kontrast zum kunstvoll zerklüfteten Wohnhaus – das erinnert etwa an die japanischen Metabolisten um Kenzo Tange, Kiyonori Kikutake und Kisho Kurokawa. Das Nutzungskonzept folgt einem wieder aktuellen Anspruch: weg von der Trennung von Wohnen und Arbeiten. Die Entmischung wurde gerade in den Siebzigern ja gefördert und hat manche Innenstädte veröden lassen.

mR: Also ist dieser Bau sogar moderner als gedacht?

PCS: Begrünte Dachflächen, für jeden Mieter ein Platz in der Tiefgarage, schlichte und luxuriöse Wohnungen beieinander – das war seiner Zeit um Haaresbreite voraus. Zugegeben, was uns vordergründig begeistert, ist das Unzeitgemäße: Spiegelglas statt klobiger Fassadendämmung. Eine wilde skulpturale Komposition von Einzelteilen statt eines klaren stereometrischen Baukörpers. Und die verwendeten Bronzetöne der Fassaden treffen nicht nur den damaligen Geschmack, sondern auch unseren bald wieder. Leider wurde das dunkle Wellblech überstrichen, aber ernsthaft in die Bausubstanz eingegriffen hat man bis heute nicht.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: D. Bartetzko/Julius Reinsberg)
Heute wieder zu 75 % ausgelastet (Bild: J. Reinsberg)

2001 war das elfgeschossige Gothaer-Haus noch zu 30 % genutzt. Eine neue Hausverwaltung hat das Gebäude durch hohes Engagement nun wieder zu 75 % vermietet, unliebsame Nutzer sind verschwunden: Der frühere Kinderspielplatz auf der Terrasse im 5. Stock war zeitweise Drogenumschlagsplatz. Die Büroetagen beherbergten etliche Scheinfirmen.

mR: Die Betriebs- und Instandhaltungskosten eines derartigen Großbaus sind hoch. Und der Sanierungsbedarf kündigt sich an einigen Ecken an. Ist das eine Sackgasse?

PCS: Wir stehen zwar nicht in einer Ruine, aber man sieht den Handlungsbedarf. Das könnte auch erklären, warum sich die Denkmalpflege noch zurückhält. Es ist ein Dilemma: Eine Unterschutzstellung wird Kaufinteressenten abschrecken. Gleichwohl drohen dem Amt Kosten, wenn es eine Sanierung fördern müsste. Momentan kann man hoffen, dass der Status Quo erhalten bleibt: Es wird nicht saniert, aber der Verfall gebremst. Solange das Grundstück noch nicht so viel wert ist, ist der Bau nicht bedroht. Er steht ja nicht auf der Frankfurter Zeil, wo selbst die Zeilgalerie von 1992 möglicherweise abgerissen wird.

mR: Und wäre das Gothaer-Haus für Sie ein Baudenkmal?

PCS: Definitiv. Unter Denkmalschutz stellen bedeutet ja, ein besonders typisches Bauwerk zu retten, nicht ein besonders gefälliges.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: J. Reinsberg)
Blick ins Ungewisse (Bild: J. Reinsberg)

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte Altkanzler Helmut Schmidt einmal. Die Anwesenden, die vor ihrem geistigen Auge Künstlerateliers in Praxisräumen und wucherndes Grün auf kahlen Flachdächern sehen, fühlen sich gesund – und bestätigt: Die Frankfurter Rundschau schrieb 1977: „Hier wurde ein wertbeständiges Haus für 100 Jahre nach dem Grundsatz der Solidität für eine gemischte, möglichst vielseitig verwertbare Nutzung bestellt.“ 21 Millionen D-Mark kostete der Bau, heute dürfte er günstiger zu haben sein. Wer greift zu?

Das Gespräch führten Daniel Bartetzko und Julius Reinsberg  (Heft 14/2).

 

Zur Person Peter Cachola Schmal

Peter Cachola Schmahl auf dem Gothaer Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg) Peter Cachola Schmal, geboren 1960, studierte Architektur in Darmstadt. Nachdem er 1989 für Behnisch + Partner tätig war, arbeitete er von 1990-1993 als angestellter Architekt bei Eisenbach + Partner. Von 1992 bis 1997 war Schmal wiss. Mitarbeiter an der TU Darmstadt, lehrte im Anschluss bis 2000 an der FH Frankfurt. Für das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt ist Schmal seit 2000 als Kurator, seit 2006 als Direktor tätig.

 

 

Ein Rundgang durch das Gothaer-Haus