„Dann benimmt man sich auch besser“

INTERVIEW: Barbara Schock-Werner fährt U-Bahn

 

Köln, Arbeiter mit U-Bahn-Schild (Bild:  Adam Jones, CC BY SA 3.0)
Eine ewige Baustelle: die Kölner Stadtbahn mit ihren unterirdischen Strecken (Bild: Adam Jones, CC BY SA 3.0)

Die Kölner U-Bahn bewegt viele(s): 2014 über 30 Millionen Fahrgäste, die Gemüter der Rheinländer und auch schon mal einen Kirchturm. Doch nicht erst seit dem Einsturz des Stadtarchivs im Februar 2009, der durch den Bau der neuen Nord-Süd-Strecke ausgelöst worden sein soll, ist die Stadtbahn mit ihren vielen Untergrundstrecken ein Gespräch wert. Und genau dieses durfte moderneREGIONAL mit der langjährigen Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner führen.

An Titeln hat es der Laufbahn von Schock-Werner wirklich nicht gefehlt: gelernte Bauzeichnerin, studierte Architektin und Kunsthistorikerin, Doktorin und Dozentin, Dombaumeisterin und – vielleicht ihre schönste Ehrung – „sachkundige Einwohnerin“ im Kölner Stadtentwicklungsausschuss. Als solche fährt sie in ihrer rheinischen Wahlheimat mit offenen Augen durch den Untergrund. Und kommt über die künstlerische Seite des Öffentlichen Nahverkehrs ins Schwärmen:

Karin Berkemann: Für jede Kölner U-Bahnstation wurde individuell per Architektenwettbewerb entschieden – oft waren auch Künstler beteiligt. Braucht und verträgt ein funktionales Verkehrssystem überhaupt soviel Kunst?

Barbara Schock-Werner: Kunst in der U-Bahn muss pflegeleicht sein und ins Auge fallen. Eine Haltestelle ist an sich ja kein Erlebnisraum. Man wartet nun einmal viel entspannter, wenn es etwas zu sehen gibt. Außerdem glaube ich als ästhetisch sensibler Mensch: In einer eleganten Umgebung benehmen sich die Leute auch besser.

KB: Alle Kölner U-Bahnhöfe werden wir in einem Gespräch nicht schaffen. Aber: Haben Sie eine Lieblingsstation?

Köln, Station "Neumarkt", Bahnsteig (Bild: Willy Horsch, GFDL oder CC BY 3.0)
Köln, Neumarkt: Bei der Umgestaltung von 2004 wurden die Fotocollagen von 1969 zu hinterleuchteten Plakatwänden (Bild: Willy Horsch, GFDL oder CC BY 3.0)

BSW: Das ist schwer. Sicher gehört der Neumarkt für mich zu den Höhepunkten. Peter Trint verkleidete die Wände 1969 mit Alu-Wellplatten und einem rosa umrandeten Fries in der Mitte. In der Stadt der Fachmesse „photokina“ wollte er unbedingt ein Stück Fotokunst an zentraler Stelle. Den Auftrag dafür gab Trint 1987 an die Studenten Stefan Worring und Wolfgang Zurborn. Der Neumarkt als Platz, sagt Worring, „ist ja nun nichtssagend, es sei denn, es ist gerade was darauf los.“

Auf den Fotografien von Worring und Zurborn sieht man Umgebungsdetails des Neumarkts wie den Richmodis-Turm, vor allem aber viele Menschen in den verschiedensten Situationen. Neben Farb- und Schwarzweiß-Aufnahmen haben die Künstler bewusst auch verfremdende Kopien eingesetzt. Als die Station 2004 neue barrierefreie Bahnsteighöhen bekam, verschwand das „Wellblech“. Die ursprünglich auf Aluminium gezogenen Foto-Collagen wurden auf Wunsch der Architekten – ausführend war Trints Sohn Kai – erhalten, aber zu beleuchteten Plakatwänden umgestaltet.

Koeln, U-Bahnstation "Heumarkt", Zwischenebene (Bild: Tohma, GFDL oder CC BY SA 4.0, 3.0, 2.5, 2.0, 1.0)
Köln, Heumarkt: „Architektonisch eine Wucht“ – und jeden Abend lässt der Künstler Werner Reiterer mit seiner Installation einen „Geisterzug“ einfahren (Bild: Tohma, GFDL oder CC BY SA 4.0, 3.0, 2.5, 2.0, 1.0)

KB: Doch nicht immer passen die Ideen der Architekten und Künstler so ideal zusammen.

BSW: Leider. Ulrich Coersmeiers 2013 eingeweihte Station am Heumarkt ist – mit ihren kühnen Durchblicken über mehrere Stockwerke – architektonisch eine Wucht. Vom Schauwert auf dem Bahnsteig selbst dagegen geht es öde zu. Die originelle Installation des „Geisterzugs“, den man einmal am Tag einfahren hört, obwohl er gar nicht existiert, kann die Glasbaustein-Langeweile logischerweise nicht wettmachen.

KB: Und was geht gar nicht?

BSW: Dom/Hauptbahnhof: Sie strafen diese hässliche, einfallslose Station am besten dadurch, dass Sie gar nicht erst aussteigen. Die gescheckte Fliesenwand der Architekten Koerfer und Menne sieht nach Baumarkt aus. Schade, dass ausgerechnet die wohl wichtigste Haltestelle im Kölner U-Bahn-Netz am schlechtesten weggekommen ist. Wenigstens mindern die vielen Reklamen, die andernorts nur stören, das traurige Bild.

Köln, U-Bahnstation "Appellhofplatz", Bahnsteig (Bild: A. Savin, CC BY SA 3.0)
Köln, Appellhofplatz: Gesponsert von einem Tabakkonzern, wurden an den Pfeilern 1990 die „Kölner Köpfe“ angebracht – ganz vorne Alfred Biolek „in jüngeren Jahren“ (Bild: A. Savin, CC BY SA 3.0)

KB: Es scheint manchmal ein schmaler Grat zwischen Werbung und Kunst.

BSW: Nehmen Sie die U-Bahnstation Appellhofplatz. Hier wurden auf die Pfeiler Kölner Originale gemalt – mal mehr, mal weniger bekannt. Im Vorbeifahren kann es Ihnen passieren, dass Sie plötzlich Alfred Biolek anschaut. In jüngeren Jahren. Nach Auskunft von Reinhard Thon, der bei der Stadt viel mit den Haltestellen zu tun hatte, geht das Kunstwerk „Kölner Köpfe“ auf die spontane Aktion einer Werbeagentur im Jahr 1990 zurück. Ein Schild an der Schmalseite eines der Bahnsteige nennt neben dem Gestalter Tabot Velud auch einen Tabakkonzern als Sponsor.

KB: Hinter jeder Kölner U-Bahnstation und ihrer Kunst steckt offentsichtlich eine ganz eigene Geschichte. Wo könnte man das nachlesen?

BSW: Es gibt keine Gesamtdokumentation aller Kölner Haltestellen und ihrer Kunst – weder bei der Stadt noch bei der KVB. Beide haben aber den dringenden Wunsch danach. Und ich, ich hätte gute Lust, so was zu machen: einen Galerieführer durch die U-Bahnhöfe der Stadt. Das dürfen Sie ruhig als Bewerbungsschreiben verstehen.

Das Gespräch fasste Karin Berkemann zusammen (Heft 15/3). Wir danken B. Schock-Werner, dass wir uns auf ihre im Kölner Stadt-Anzeiger veröffentlichten Aussagen stützen durften.

 

Zur Person Barbara Schock-Werner

Barbara_Schock-Werner_2013_Bild_Elke_Wetzig_CC_BY-SA_3.0Barbara Schock-Werner (*1947), gelernte Bauzeichnerin und studierte Architektin, arbeitete nach 1971 in einem Büro mit Schwerpunkt Denkmalpflege. Parallel studierte sie Kunstgeschichte und Geschichte, um in der Folge als Hochschuldozentin zu arbeiten. Zwischen 1999 und 2012 war Schock-Werner als Kölner Dombaumeisterin tätig. Im Ruhestand wirkt sie u. a. als Erste Vorsitzende des Regionalverbands Köln im Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz .

 

Eine Rundfahrt durch den Kölner Untergrund