„Mächtig stolz auf meine Gemeinde“

INTERVIEW: Von der Kirche zur Synagoge

 

Sigrid Lampe-Densky und Ingrid Wettenberg (Bild: U. Knufinke)
Ingrid Wettberg (links), Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, im Gespräch mit Dr. Sigrid Lampe-Densky, Pastorin der Evangelischen Gemeinde, zu der 2007 auch die Gustav-Adolf Kirche gehörte (Bild: U. Knufinke)

Als am 7. Mai 2007 Pastorin Dr. Sigrid Lampe-Densky die Türen der evangelischen Gustav-Adolf-Kirche in Hannover-Leinhausen zum letzten Mal schloss und die Gemeinde endgültig in die Herrenhäuser Kirche umzog, war dies ein Moment gemischter Gefühle:

Sigrid Lampe-Densky: „Als bei der Entwidmung zwei ehemalige Kirchenvorsteher das Abendmahlsgerät aus der Kirche heraustrugen, das sie bei der Einweihung Jahrzehnte vorher hineingebracht hatten, wusste ich, ich kann die Tür abschließen. Ich hatte die Altarbibel auf dem Schoß, als wir dann zur Herrenhäuser Kirche fuhren. Das Haus ist nicht so wichtig, dachte ich mir, aber wohin ich auch gehe, nehme ich die Bibel mit, das ist das Entscheidende.“

36 Jahre nach der Einweihung verließ die Gemeinde ihre Kirche. Das Bauwerk, entworfen vom Architekten und Stadtplaner Fritz Eggeling (1913–66), ist ein spätes Beispiel des protestantischen Kirchenbaus der 1960er Jahre: Der Kirchensaal ist mit seiner markanten, turmartig ansteigenden Dachform („Sprungschanze Gottes“ wurde in Hannover geläufig) als wichtigster Baukörper ablesbar.

Auf eine Kennzeichnung als Kirche wurde ursprünglich ganz verzichtet, später brachte man ein Kreuz an. Im Erdgeschoss, unter dem Kirchenraum, befindet sich ein Gemeindesaal. Um ein anschließendes Atrium sind verschiedene Gemeindeeinrichtungen angeordnet, darunter ein Kindergarten. Nach der Grundsteinlegung 1965 verzögerte sich die Fertigstellung bis zum Jahr 1971.

Die Gustav-Adolf-Kirche vor ihrer Umnutzung (Bild: U. Knufinke)
Die Gustav-Adolf-Kirche vor ihrer Umnutzung (Bild: U. Knufinke)

Schwindende Mitgliederzahlen – 1998 waren es noch 1.776 – und steigende Unterhaltungskosten veranlassten die Gustav-Adolf-Kirchengemeinde in den frühen der 2000er Jahre, nach weiteren Nutzern zu suchen. Gleichzeitig war auch eine andere Gemeinde auf der Suche: Die 1995 gegründete Liberale jüdische Gemeinde Hannover wollte ihr damaliges Domizil verlassen und ein angemessenes Gemeindezentrum mit größerem Synagogensaal beziehen.

Ingrid Wettberg: „Bei unserer Gründung waren wir 79 Mitglieder, doch wir wuchsen ständig an. Unsere Räume, eigentlich eine Büroetage, waren bald zu eng. Heute hat unsere Gemeinde etwa 800 Mitglieder in Hannover und weit darüber hinaus.“

In der evangelischen Gemeinde dachte man lange über das Angebot der jüdischen Gemeinde nach, die Kirche zu übernehmen.

L.-D.: „Selbstverständlich musste die Gemeinde darüber diskutieren, die Kirche abzugeben. Nach einem intensiven Prozess des Nachdenkens stimmte eine Mehrheit des Kirchenvorstands für den Verkauf an die Liberale jüdische Gemeinde. Eine Rolle spielte sicherlich, dass die Kirche weiter eine religiöse Funktion haben sollte. Ich war mächtig stolz auf meine Gemeinde.“

W.: „Dass eine Kirche in eine Synagoge umgewandelt werden sollte – zum ersten Mal in Deutschland – erregte große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Heute, nach einigen weiteren Beispielen, würde das nicht mehr so breit diskutiert werden. Eine Gegnerschaft gegen die Umwandlung war hier in Hannover, anders als in anderen Orten, nicht offen zutage getreten.“

Die ehem. Gustav-Adolf-Kirche wurde auch nach außen sichtbar zur Etz-Chaim-Synagoge (Bild: U. Knufinke)
Die Gustav-Adolf-Kirche wurde – ohne Kreuz, mit neuem Eingang – wurde nach außen zur Etz-Chaim-Synagoge (Bild: U. Knufinke)

Den Vorstellungen der jüdischen Gemeinde von einem für die Umnutzung geeigneten Gebäude kam entgegen, dass die Gustav-Adolf-Kirche nicht betont „kirchlich“ aussah.

W.: „Für uns wäre es nicht in Frage gekommen, einen Kirchturm abzureißen. Wir sind uns bewusst: Die Menschen, die hier konfirmiert wurden oder ihre Kinder taufen ließen, bleiben emotional mit dem Gebäude verbunden. Und sie sind weiter willkommen.“

L.-D.: „Die Torarolle ist jetzt da, wo unser Altar war. Das ist für mich ein Zeichen einer religiösen Kontinuität, wie ja auch die Kirche mit der Synagoge durch die gemeinsame Grundlage des Ersten Testaments verbunden ist.“

Zwischen 2007 und 2009 fand der Umbau durch die Architekten Prof. Gesche Grabenhorst und Roger Ahrens (Hannover) statt. Sie ließen die „Sprungschanze“ bestehen, das Kreuz wurde abgenommen und ein hebräischer Schriftzug über dem Eingang angebracht – ein nicht für jeden auf den ersten Blick erkennbares Kennzeichen der jüdischen Bestimmung des Hauses. Innen veränderten die Architekten den Charakter des Kirchenraums durch eine abgehängte Decke und hell gestrichene Wände aber grundlegend.

Die ehem. Gustav-Adolf-Kirche/Syngoge Etz Chaim (Bild: U. Knufinke)
Die vollzogene Wandlung: In Hannover wurde der Kirchen- zum Synagogenraum – hier der geöffnete Toraschrein der Etz-Chaim-Synagoge in der ehemaligen Gustav-Adolf-Kirche (Bild: U. Knufinke)

Neben den üblichen Gemeinderäumen wurde auf der früheren Empore zusätzlich eine öffentlich zugängliche Bibliothek integriert. 2010 erhielt die Liberale jüdische Gemeinde Hannover als Bauherr der Umgestaltung den Niedersächsischen Staatspreis für Architektur. Der „in die Jahre gekommene“ Bau der 1960er Jahre, der nie den Rang eines Baudenkmals hatte, ist damit in die aktuelle Moderne der 2000er Jahre überführt – von der historischen Gestalt ist jedoch nur noch wenig mehr als die baukörperliche Anlage geblieben.

I. W.: „Nach einer Abstimmung entschied sich unsere Gemeinde für einen Namen für die Synagoge: ‚Etz Chaim‘, hebräisch für ‚Baum des Lebens‘. Der Baum ist ein Symbol: Der Stamm steht für die Tora selbst, die Zweige und Blätter sind die Mitglieder der Gemeinde in all‘ ihrer Verschiedenheit. Wir fühlen uns unter dem Lebensbaum der Tora geborgen, er ist unser Schutz. Die schöne Kastanie im Atrium, die uns die evangelische Gemeinde hinterlassen hat, wird viele davon überzeugt haben, dass ‚Etz Chaim‘ der richtige Name für unsere Synagoge ist.“

Das Gespräch führte Ulrich Knufinke (Heft 15/1).

 

Rundgang

Folgen Sie Ulrich Knufinke in Hannover durch alte und neue Synagogen, die ehemalige Gustav-Adolf-Kirche und die frisch eingeweihte Etz-Chaim-Synagoge.