„Das hat mit Macht zu tun“

INTERVIEW: Karl Schlögel über das sowjetische Bauen

 

Karl Schlögel im Gespräch mit Katharina Sebold (Bild: Julius Reinsberg)
Der Historiker Karl Schlögel, hier im Bild mit Katharina Sebold, spricht mit moderneREGIONAL über die Wurzeln und die Zukunft des sozialistischen Bauens (Bild: Julius Reinsberg)

moderneREGIONAL: Wie würden Sie als Historiker die sowjetische Architektur periodisieren?

Karl Schlögel: Das sozialistische Bauen ist älter als die Sowjetunion. Schon lange vor 1917 wollte man eine dem arbeitenden Menschen angemessene Form finden. Auch im Zarenreich errichteten engagierte Industrielle Arbeiterkolonien im Stil der englischen Fabriksiedlung. Meist periodisiert man die sowjetische Architektur folgendermaßen: die Jahre des Konstruktivismus, die repräsentativen 1930er Jahre, dann die Abkehr vom „großen Stil“, schließlich die postsowjetische Zeit. Damit kann man arbeiten. Spannender sind aber die Elemente, die nicht ins Raster passen.

mR: Was passt nicht ins Raster?

KS: Nehmen wir die 1920er Jahre: Die konstruktivistischen Bauten waren Solitäre, die für die bauliche Bewältigung der neuen Gesellschaft eher Papierarchitektur waren. Man richtete sich zunächst in den alten Gebäuden ein, lebte in der Kommunalka. Für viele Arbeiter war schon ein Platz in einer Baracke ein enormer Aufstieg. In dieser Lebenswelt wurde natürlich nicht über Wohnformen diskutiert. Man sprach zwar auf Betriebsversammlungen über die Wohnungsfrage. Da ging es aber nicht um die Form, sondern um die Frage: „Krieg ich einen Platz?“ Einer der Hauptgründe für Denunziationen in den 1930er Jahren war die Wohnung! Wenn ein angeblicher „Volksfeind“ verschwand, wurde ein Platz frei.

mR: Hatte der Konstruktivismus dann überhaupt die Chance?

KS: Nein. Dafür fehlten die materielle Grundlage und die industrielle Basis. Erst in den 1930er Jahren wurde im großen Stil gebaut. Hier kamen dann die Vertreter der alten Schule zum Zug, nicht die Konstruktivisten. Dies hing mit einer allgemeinen Rückwärtsbewegung zusammen, die sich nicht nur im Bauen zeigte. Die Familie wurde rehabilitiert, bürgerliche Lebenswelten wieder aufgegriffen. Die monumentale Architektur sollte einer von Auflösung geprägten Gesellschaft wieder Halt geben. Dies gilt auch für die Nachkriegszeit: Die repräsentativen Bauten gingen völlig an den elementaren Bedürfnissen vorbei, denn der Krieg hatte die Wohnungsnot massiv verschärft. Diese Geste hat mit Macht zu tun, aber nicht nur. Sie sagt: „Wir liegen am Boden, unsere Städte sind verbrannt, aber nun bauen wir in großem Stil neu auf.“ Modern gesprochen: „Wir schaffen das.“ (lacht)

Moskau, Haus an der Uferstraße (Bild: Vtorou, CC BY SA 4.0)
Das „Haus an der Moskva“ von Boris Iofan (Bild: Vtorou, CC BY SA 4.0)

mR: Trifft die Kategorie „Stalinbarock“?

KS: Man sagt meistens, es gibt die Avantgarde und den Stalinbarock. Es gab aber auch eine Übergangsform, die sich vielerorts zeigte, aber im Schatten der Zuckerbäckerei verschwand. Dazu gehört beispielsweise das Haus an der Moskva von Boris Iofan. Die Avantgarde der 1920er wurde hier mit einer gemäßigten Klassik verknüpft. Diese Zwischenform, eine Art sowjetisches Art déco, kommt in der Forschung noch nicht ausreichend vor.

mR: Gab es 1956 eine Entstalinisierung der Architektur?

KS: Der Amtsantritt Chruščëvs war eine ästhetische und soziale Neuordnung im Wohnungsbau. Er bedeutete den Auszug eines großen Teils der Bevölkerung aus der Kommunalka und der Baracke. Zum ersten Mal hatten diese Menschen eine Wohnung für sich, eine private Behausung. Die Wohngebirge, die in dieser Zeit entstanden, sind für mich ein historisches Dokument dafür, dass die sowjetische Gesellschaft zur Ruhe gekommen war.

Philipp Meuser: "Die Ästhetik der Platte" (Bild: Dom Publishers)
Heute wird (wieder) über die „Ästhetik der Platte“ diskutiert (Buch: Philipp Meuser im Verlag Dom Publishers)

mR: Heute haben die Plattenbausiedlungen aus dieser Zeit einen denkbar schlechten Ruf, gelten als monoton und anonym. Damals war die Platte aber positiv besetzt?

KS: Allerdings. Und auch in Deutschland ist diese Diskussion noch nicht abgeschlossen. Das Buch von Philipp Meuser könnte ein Anstoß sein. Ich will nicht die Monotonie entschuldigen, die es ohne Zweifel gibt. Aber es gibt auch andere Seiten – dass Millionen Menschen endlich für sich einen privaten Raum hatten, kam einer Revolution gleich. Oder die Aneignung des öffentlichen Raumes durch die Bevölkerung. Momentan sehen wir eine Gegenbewegung des „Aufräumens“, gerade in Moskau. Die Frage ist, ob das Land 100 Jahre nach der ersten Enteignung wieder an einem Punkt angekommen ist, an dem es schon einmal war.

mR: Dann ist der Zarismus zurück?

KS: Es gibt Anzeichen dafür. Die plötzliche Rückkehr der Superreichen bedeutet einen ungeheuren Rückschritt. Auch das späte kaiserliche St. Petersburg kultivierte den Reichtum, aber so etwas wie heute war nicht möglich. Einmalig ist auch die Verwandlung von öffentlichen Räumen in „gated communities“. Ich war anfangs fasziniert von der Rückkehr des Urbanen in Moskau. Inzwischen sehe ich eine Welle der Zerstörung: Viele historische Bauten, auch aus dem 18. Jahrhundert, wurden ausgehöhlt und zu Banken oder Büros umfunktioniert. Eine ganze Stadt wurde entkernt. Hier hat auch die internationale Fachwelt geschlafen. Es ist ungeheuerlich, dass es kaum Proteste gegen den Abriss des Hotels Moskva, eines Klassikers von Alexej Šussev aus den 1930er Jahren, gab.

mR: Wie können wir richtig mit dem sowjetischen Kulturerbe umgehen?

KS: Das ist eine Frage der Machtverhältnisse und der Rechtskultur. Die ganze Finanzmacht der russischen Föderation konzentriert sich auf wenige Quadratmeter Moskaus. Dem müsste man einen rechtlichen Rahmen entgegensetzen, dem sich auch die finanzielle Macht fügt. Wichtig wäre auch eine Öffentlichkeit, die sich um diese Dinge kümmert. Es hat lange gedauert, bis in Zeitungen und Ausstellungen überhaupt wieder über Architektur diskutiert wurde. Bis sich die Menschen wieder mit ihrer Stadt befassten. Heute gibt es solche Bestrebungen, aber gegen den finanziellen Druck konnten sie bislang nichts ausrichten.

Das Gespräch führten Julius Reinsberg und Katharina Sebold.

 

Zur Person Karl Schlögel

Karl Schlegel bei der Verleihung des Deutschen Friedenspreises 2009 in der Frankfurter Paulskirche (Bild: Dontworry, CC BY SA 3.0)
Karl Schlögel 2009 als Laudator beim „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ in der Frankfurter Paulskirche (Bild: Dontworry, CC BY SA 3.0)

Karl Schlögel, geboren 1948 in Hawangen im Allgäu, studierte in Berlin Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik. Als Osteuropahistoriker und Publizist verfasste er maßgebliche Beiträge zur Geschichte der UdSSR, unter anderem die Monographie „Terror und Traum“ und den Band „Die Mitte liegt ostwärts“. 1990 wurde Schlögel als Professor an die Universität Konstanz berufen, von 1995 bis zu seiner Emeritierung 2013 wirkte er an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Seine jüngste Monographie „Entscheidung in Kiew“ setzt sich mit der modernen Ukraine auseinander.