München, BMW-Turm (Bild: Marja van Bochove, CC BY SA 2.0)

„Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems“

Der bayerische Generalkonservator Prof. Mathias Pfeil im Interview

„Der Denkmalbegriff aus dem Dehio und auch die Charta von Venedig sind in in Teilen nicht mehr aktuell. So richtig und wegweisend sie seinerzeit auch waren.“ Gesagt hat das Professor und Diplom-Architekt Mathias Pfeil, Generalkonservator im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Er möchte damit freilich nicht zum Bildersturm aufrufen: Es geht ihm um die Denkmalkriterien, die sich angesichts einer neuen Generation schützenswerter Nachkriegsbauten verschieben. Um diesem Wandel gerecht zu werden, wird auch ein neuer Lehrstuhl an der TU München eingerichtet: Auf Initiative von Mathias Pfeil und Professor Andreas Hild entsteht dort voraussichtlich Ende 2017 die „Restaurierungsprofessur Neuere Baudenkmalpflege“. moderneREGIONAL sprach mit Mathias Pfeil Anfang April 2017 über Forschung, Abwägung, Dämmung und Substanz.

moderneREGIONAL: Die Architekturmoderne ist im positiven wie negativen Sinn ein beherrschendes Gesprächsthema der Denkmalpflege. Werden sich ihre Schwerpunkte hin zur Nachkriegsarchitektur verschieben?

Mathias Pfeil: Nein, nicht grundsätzlich. Schwerpunkte verschieben sich ohnehin ständig, müssen sich verschieben. Und dies hieße ja auch, andere Epochen zu vernachlässigen. Aber die späte Nachkriegsmoderne ist in der Tat unterrepräsentiert. In Bayern stammen in der aktuellen Denkmalliste von etwa 110.000 Baudenkmälern nur 211 aus den 1960er und 1970er Jahren. Die Gebäude dieser Ära stehen auf dem gesellschaftlichen Prüfstand: Vom bestaunten Neubau zum außer Mode gekommenen Relikt müssen sie nun in ihrer Wertigkeit neu entdeckt werden oder sie können sich eben auch als obsolet erweisen. Über Letzteres entscheiden auch etwaige Sanierungsanforderungen.

mR: … die womöglich das größte Problem sind, legt man den klassischen Denkmalbegriff auch bei modernen Gebäuden an – was zählt, ist die Originalsubstanz?

M. P.: Teilweise haben wir es hier mit Konstruktionen und Werkstoffen zu tun, die erstmalig saniert werden, darunter Kunststoffe, Hartfaserplatten oder Leichtmetall. Manche Materialien stellen sich als nicht restaurierbar heraus. Auch die energetische Ertüchtigung von spätmodernen Bauten ist schwierig, deren Energiebilanz ist oft ernüchternd. Wie lässt sich die vorhandene Substanz retten? Packt man das Gebäude unter Dämmplatten, bleibt es erhalten, wird gleichwohl vollends entstellt. Das Baudenkmal hat seine Eigenschaft verloren. Eigentlich müsste mindestens die Fassade abgenommen und mit besseren Dämmeigenschaften rekonstruiert werden. So aber geht unweigerlich Substanz verloren.

Doch was macht nun den Denkmalwert des Gebäudes aus: Ist es jene Fassade, seine Originalsubstanz, oder sind es auch seine Konstruktion, die städtebauliche Einbettung, die Idee hinterm Bau? Wir werden derartige Punkte vermutlich anders gewichten müssen, denn die anstehenden Eingriffe in jüngere Gebäude geraten oft wesentlich umfangreicher als bei Bauten etwa der Jahrhundertwende. 50 Zentimeter dickes Ziegel-Mauerwerk bedarf nicht unbedingt einer 15 Zentimeter dicken Styroporschicht. Stahl-Glasfassaden werden sie aber kaum ohne solche Maßnahmen dicht kriegen. Man muss sich also Gedanken machen, wie man sie dämmt, ohne die bauzeitliche Gestaltungsidee zu zerstören.

mR: Das wäre also auch ein Forschungsansatz der Restaurierungsprofessur?

M. P.: Umbau und Sanierung statt Abriss und Neubau heißt künftig die Devise. Der neue Forschungsschwerpunkt wird ein Merkmal der TU München bilden, das über die bestehenden Ansätze weit hinausreicht. Der „Masterstudiengang Restaurierung“ kann durch diese neuen Fragestellungen der Restaurierungsprofessuren erweitert werden. Damit lässt sich auch die Konservierungswissenschaft verstärkt in die Architektenausbildung einbeziehen. Zu den Forschungsfeldern zählen etwa moderne Methoden der Bauphysik, Klima- und Heizproblematik sowie die energetische Sanierung, die Bewertung von Baustoffen, Oberflächen, Materialien und Ausstattungen. Zu oft werden nachkriegsmoderne Bauten unsachgemäß saniert. Das ging schon in den 1980ern los: Man verpasste vielen Häusern jener Ära plumpe Dachhüte, ersetzte filigrane Metallfenster durch Kunststoffteile und fügte glaswollunterfütterte Kunststoff- oder Blechfassaden hinzu.

mR: Haben wir uns die Probleme mit dieser Art der Architektur also selbst zuzuschreiben, durch zu optimistisches Bauen und später durch überstürzte Sanierungsversuche?

M. P.: Die Anforderungen an Gebäude und Materialien änderten sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant. Diese Geschwindigkeit ist nun ein Teil des Problems. Vieles konnte nicht zu Ende gedacht werden oder wurde im Fortschrittsglauben erst mal gebaut, ohne etwas über das Alterungsverhalten zu wissen. Die Sicherung gerade von Nachkriegsbauten hängt davon ab, ob wir diese auch in der ursprünglichen Nutzung behalten oder einer sinnvollen neuen Funktion zuführen können. Doch das ist für Gebäude dieser Zeit mit ihren innovativen technischen Konstruktionen nicht einfach. Es dürfte nicht selten passieren, dass wir gar keine denkmalgerechte Nachnutzung finden können.

 

Prof. Mathias Pfeil, * 1961, Architekturstudium an der TU München, 1991-94 Gebietsreferent Städtebauförderung bei der Regierung von Schwaben, 1994-97 Stadtbaurat in Waldkraiburg, 1997-99 Gebietsreferent Städtebauförderung bei der Regierung von Oberbayern, 1999-2001 tätig an der Obersten Baubehörde im Bayerischen Innenministerium, 2001-06 Referatsleiter in der Bayerischen Staatskanzlei in Brüssel, 2006-14 Leiter der Bauabteilung der Bayerischen Schlösserverwaltung. Seit 2014 Generalkonservator des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, seit 2016 Honorarprofessor an der TU München.

Titelmotiv: München, BMW-Turm (Bild: Marja van Bochove, CC BY SA 2.0)