„Wir wünschten eine Stadtmarke“

INTERVIEW: Ursulina Schüler-Witte zum Bierpinsel

 

Ursulina Schüler-Witte, Berlin, Dezember 2015 (Bild: Daniel Bartetzko)
Auf einen Tee mit Ursulina Schüler-Witte: Berlin, Dezember 2015 (Bild: Daniel Bartetzko)

Kaum ein Kind, das im West-Berlin der 1980er nicht staunend vorm Internationalen Congress Centrum (ICC) oder dem „Bierpinsel“ stand. Diese Neubauten, entworfen von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, waren expressiver als die gradlinige Moderne des International Style. Farbenfroher als rohe Brutalismus-Burgen. Und nicht so bräsig wie die uniformen Reihenhaussiedlungen, die überall aus dem Boden schossen. Daniel Bartetzko sprach im Dezember 2015 mit Ursulina Schüler-Witte über das Erstlingswerk des Architekten-Ehepaars.

Daniel Bartetzko: Die kürzeste Frage mit der hoffentlich längsten Antwort zum Einstieg: Wie ist es zum Bierpinsel gekommen?

Ursulina Schüler-Witte: Die Planungen zum Turm begannen 1966/67. Mein Mann und ich standen am Beginn unserer selbstständigen Tätigkeit (Anm. d. Red.: Nach Abschluss ihres Studiums an der TU Berlin arbeiteten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte bis 1967 im Büro ihres einstigen Lehrers Bernhard Hermkes.). Wir wurden vom Senat mit der Gestaltung des U-Bahnhofs Schlossstraße beauftragt. Hier sollten zwei Linien übereinander laufen, darüber eine Verteilerebene folgen. Ebenerdig liegt die Schlossstraße, hierüber sollte noch ein Teilstück der Stadtautobahn als Hochstraße entstehen – also ein Treffen von fünf Ebenen. Wir wünschten für diese Superkreuzung auch ein besonderes Bauwerk, eine „Stadtmarke“.

Berlin, Bierpinsel um 1977, Dia Archiv Schüler-Witte
Farbstark: der Bierpinsel 1976, kurz nach der Eröffnung (Bild: Archiv Schüler-Witte)

DB: Und der Senat ließ sie einfach loslegen?

USW: Nein, man konnte ja nicht mit Luftschlössern auftauchen. Der Turm-Bauplatz lag auf öffentlichem Grund. Als privater Investor eine Genehmigung zu erhalten, schien aussichtslos. Nach langer Suche fand mein Mann aber eine Vorschrift, dass bei einem derartigen Gebäude mit anteiliger öffentlicher Nutzung in 4,5 Meter über und unter dem Straßenniveau keine Bauteile den Straßenverkehr beeinträchtigen dürfen. Wir hatten eine Aufzugsanlage vorgesehen, die auch den U-Bahn-Fahrgästen zur Verfügung stehen sollte. Also war die anteilige öffentliche Nutzung ungehindert möglich und der Weg frei.

DB: Und wie fanden Sie Investoren für ein derart ungewöhnliches Projekt?

USW: Wir gingen mit ersten Skizzen zur Direktion des Kaufhauses Wertheim, das an den U-Bahnhof grenzte. Dort war man schnell begeistert, sprang aber genauso schnell wieder ab. Nachdem wir bei etlichen Brauereien und Gastronomen abgeblitzt waren, fanden sich 1968 zwei westdeutsche Bauunternehmer, die ein Abschreibungsobjekt in Berlin suchten. Ihre Vorgabe: „etwas Besonderes, das wenig kostet“.

DB: Klingt nach Abenteuer. Und nach Diskussionen um Geld und Gestaltung.

USW: Immerhin konnten wir überhaupt bauen. Zunächst beabsichtigten wir, mehrere Kanzeln an den Turm zu hängen, und dieser „Blüten-Entwurf“ wurde auch der Presse vorgestellt. Die Bauherren schätzten die Kosten aber unrealistisch niedrig ein und korrigierten sie immer wieder. Gleichzeitig mussten wir umplanen, um zu sparen. Aus drei getrennt aufgehängten Baukörpern wurde ein einzelner mit drei Etagen. Mit dieser technoiden, an einen Wasserturm erinnernden Kanzel waren wir auch glücklich. Immerhin konnten wir damit absurde Vorschläge interessierter Brauereien wie die Form eines Bierfasses abwenden. Im Mai 1972 war schließlich die Grundsteinlegung.

Berlin, Bierpinsel, Postkarte um1977, Copyright BVG
Eine Stadtmarke, mit der die Berliner Verkehrsbetriebe auf einer Postkarte warben: Schlossstraße um 1977 (Copyright: BVG)

DB: Letztlich wurde der Turm erst 1976 fertig. Was Sie lange nicht beeinflussen konnten.

USW: Die Bauherren litten unter Finanzengpässen: Im Frühjahr 1974 waren erst die Tiefgeschosse und der Turmschaft fertiggestellt, gleichzeitig wurde ein Baustopp verhängt. Dann stiegen die Bauträger wegen Steuerschwierigkeiten ganz aus – für uns eine Katastrophe. Aber auch der Berliner Senat wollte keinen Imageschaden durch eine prominente Bauruine riskieren. Die städtische Wohnbaugesellschaft BEWOGE übernahm das Projekt, und ab Juni 1975 wurde wieder gebaut.

DB: Die BEWOGE wollte nicht ernsthaft in die Gastronomie einsteigen?

USW: Es musste weiter ein Betreiber gesucht werden. Wir entwarfen zum x-ten Mal Interieurs: Mein Mann orientierte sich an Zeppelinkanzeln und Ozeandampfern der 1930er Jahre. Diese museale Ausrichtung, heute würde man es „retro“ nennen, wäre ein reizvoller Kontrast zum gerne als futuristisch bezeichneten Äußeren gewesen.

DB: Ich erinnere mich bei meinen Bierpinsel-Besuchen Ende der Achtziger an Rüschendeckchen und Alt-Berliner Gemütlichkeit à la Heinrich Zille.

USW: Die Berliner-Kindl-Brauerei übernahm schließlich den Turm als Pächter. Doch sie bestand darauf, die Einrichtung selbst zu gestalten. So kam es zu Tiffanylampen, Western-Saloon-Einrichtung und weiterem Nippes. Wir haben den Bierpinsel seit der Eröffnung nie wieder betreten. Aus Angst, dass jemand glaubt, wir hätten das entworfen (lacht).

DB: Auch wenn Sie nicht mehr hineingingen – gebaut haben sie weiterhin am Turm.

USW: 1986 planten wir einen neuen Eingang und 1993 eine Mobilfunkanlage auf dem Dach. Trotzdem kam das Gebäude herunter, die BEWOGE investierte nicht in die Instandhaltung. Als der Sanierungsstau drückte, verkaufte sie den Turm 2002 – seitdem steht er fast durchgehend leer. Die jetzigen Eigentümer versuchten, ihn 2009 wiederzubeleben und dafür bunt besprühen zu lassen. Das wollten wir mit Hinweis auf unser Urheberrecht verhindern. Nach monatelanger Funkstille legten die Handwerker unerwartet los: Die Gestaltung sollte ein Jahr bleiben, die Fassade dann wieder rot erstrahlen. Aber der Turm trägt jetzt gut sechs Jahre das schreckliche Graffiti-Kleid und ist immer noch ungenutzt.

Berlin, Bierpinsel, 2012, Bild Alexander Savin, CC BY-SA-3.0
„Ein schreckliches Graffiti-Kleid“: Der Turm, wie er seit 2010 aussieht (Bild: Alexander Savin, CC BY SA 3.0)

DB: Und was zur Bauzeit drohte, scheint Realität geworden zu sein: Der Bierpinsel als prominente Bauruine.

USW: Laut Eigentümerin ist ein Wasserschaden schuld. Sie streite seit 2010 mit der Versicherung. Zuletzt hat das Steglitzer Bezirksamt Mitte 2015 eine Instandsetzung angemahnt, passiert ist nichts. Ich fürchte, dass eine Renovierung nur auf dem Klageweg zu erreichen sein wird.

DB: Unabhängig vom Status Quo: Glauben Sie, dass ein Projekt wie der Bierpinsel heute noch möglich wäre?

USW: Das kann ich nicht sagen. Aber die Suche nach Investoren war schon 1968 nicht leicht, auch die Bauvorschriften sind umfangreicher geworden. Möglich, dass derartige Projekte heute auf einem Amtsschreibtisch enden. Übrigens: Die Bezeichnung „Bierpinsel“ war eine Erfindung der Presse, der wir uns gefügt haben. Diesen eingängigen Namen wäre der Bau ohnehin nie wieder losgeworden.

DB: Hatten Sie eine eigene Idee?

USW: Nein, wir sprachen immer vom Turmrestaurant Steglitz – und ahnten, dass der Berliner Mutterwitz für einen Spitznamen sorgen würde …

 

Rundgang

… rund um Berlins schnittigstes Restaurant.

 

Zur Person

Ursulina Schueler-Witte, Bild D. Bartetzko
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Ursulina Schüler-Witte (*1933) gehört neben ihrem Mann Ralf Schüler (1930-2011) zu den prägenden Architekten West-Berlins. Neben den bekannten Großbauten entwarf das Ehepaar zwischen 1967 und 2004 weitere öffentliche Gebäude und -erweiterungen, Wohnhäuser, Brücken und Museumsausbauten, dazu 1987 die Mahnmale für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Nach dem Tod ihres Mannes zog die Architektin 2011 in ein zum Mietshaus umgenutztes Schwesternwohnheim. Dass sie selbst es 1993 entwarf, merkte sie erst, als sie zur Wohnungsbesichtigung eintraf: In der Zeitung war nur ein einzelner, herausgelöster Grundriss abgebildet. Der sie spontan begeisterte …

 

Unbedingt Lesenswert

Ursulina Schüler-Witte, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC, Lukas-Verlag, Berlin 2015, 227 Seiten, 175 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-86732-212-6.