LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

von Dirk Schubert (Heft 15/2)

Von der Idee zum Verkehrsschild: die deutsche Fußgänngerzone
Von der Idee zum Verkehrsschild

Viele Stadtzentren verlieren heute ihr charakteristisches Profil: Die meist kleinbetriebliche wohnortnahe Versorgung bricht weg und der innerstädtische Einzelhandel wird von Filialisten vereinnahmt. Verkehrs- und Parkprobleme, nachlassende Sicherheit und Sauberkeit, denkmalpflegerische Anforderungen und fehlende Expansionsmöglichkeiten haben die peripheren Einkaufszentren gestärkt. Daneben drängen neue Betriebs- und Marktformen wie Teleshopping und Internethandel auf den Markt. Während sich der Strukturwandel bei Anbietern und Verbrauchern rasch vollzieht, „reagieren“ städtebauliche Strukturen deutlich langsamer.

 

Eine Erfindung der Nachkriegszeit

Die Fußgängerzone war eine Erfindung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die einen neuen Typus öffentlicher Räume mit sich gebracht hat. Zwar wurden schon in den 1920er und 1930er Jahren städtische Haupteinkaufsstraßen zeitweise für den Fahrzeugverkehr gesperrt, wenn sie für Fahrzeuge und Passanten gleichzeitig zu schmal waren. In größerem Umfange setzten sich Fußgängerzonen aber erst in der Nachkriegszeit durch. Ende 1977 gab es in der Bundesrepublik bereits ca. 450 Fußgängerzonen, von 142 Städten und Gemeinden lagen Planungen für weitere vor.

Die Fußgängerzone galt nun als zündende Idee, als pfiffiges Konzept, gar als Quadratur des Kreises: Sie sollte zugleich die Verkehrsprobleme, die Umsatzrückgänge des Einzelhandels und die Verödung der Innenstädte lösen. Inzwischen hat – nach Angaben des Deutschen Instituts für Urbanistik von 2004 – wohl jeder Ort mit mehr als 5.000 Einwohnern in Deutschland eine verkehrsfreie Einkaufsstraße. Begrifflich können Fußgängerstraßen (nur für Fußgängerverkehre), Fußgängerzonen (Netz von Fußgängerstraßen) und Fußgängerbereiche (Netz von Zonen und Straßen) unterschieden werden.

Den Hintergrund für diese Entwicklung bildete – in den USA seit den 1920er Jahren und in Deutschland seit den 1950er Jahren – das rasche Anwachsen des motorisierten Individualverkehrs. Diese „Springflut der Motorisierung“ beherrschte die Straße zunehmend und verdrängte das übrige Leben von ihr. Daher galt die Fußgängerzone vorrangig als verkehrsorientierte Baumaßnahme.

 

An den Rändern der Stadt

Die „Fußgängerzonen-Begeisterung“ färbte auch auf die neuen Wohnquartierszentren am westeuropäischen Stadtrand ab. Bei Planung und Bau von Einkaufszentren halfen die Erfahrungen mit innerstädtischen Fußgängerzonen. Das Auto – zunächst als Symbol des Fortschritts und Wohlstands gewertet – erklärte man umgehend zur Ursache von Stadtflucht, Suburbanisierung und Innenstadtverödung. Verkehrsberuhigung und Wohnstraßen für Wohnquartiere wurden als Gegenkonzepte entwickelt.

Das Erfolgsmodell „Fußgängerzone“ übernahmen phasenverschoben auch die sozialistischen Länder. Hier allerdings überwogen andere ideologische Begründungszusammenhänge. Die sozialistischen Stadtzentren sollten sich deutlich von den kapitalistischen profitmaximierten Innenstädten unterscheiden. Als Alternative zur „City kapitalistischer Prägung“ sah das sozialistische Leitbild andere Qualitäten vor.

Dieser ideologische Begründungszusammenhang ist mit dem vergleichsweise geringen Motorisierungsgrad in der DDR zu relativieren. In der kapitalistischen Immobilienwirtschaft setzten sich die jeweils ertragsreichsten Nutzungen und damit Monostrukturen durch. In den sozialistischen Stadtzentren hingegen erlaubte es der weitgehend eingefrorene Bodenpreismechanismus, Wohnungen und Kultureinrichtungen einzuplanen. Auch im Zentrum sollten dabei möglichst industrielle Bauverfahren eingesetzt werden.

 

Umbauen, anpassen und variieren

Fast alle Fußgängerzonen sind seit ihrer Entstehung (mehrfach) umgebaut worden. Die zunehmende Konkurrenz zwischen innerstädtischen Fußgängerzonen und peripheren Shopping-Centern erforderte für die Kernstädte ein gestalterisches „Make-up“, das einen „Stimmungszusammenhang“ beim Einkaufen befördert. Man beklagte, dass die Fußgängerzonen nach Geschäftsschluss verödeten und zum Sammelpunkte von „Problemgruppen“ wurden. Begriffe wie „Fußgängerzone“ und „öffentlicher“ Raum versprachen gleichermaßen eine Kultur der „europäischen Stadt“, „Urbanität“, belebte Plätze und entspannte, Cappuccino schlürfende Flaneure. Frühere Öffentlichkeitsformen werden dabei nicht selten idealisierend verallgemeinert.

Die Shopping Mall setzte die Fußgängerzone konsequent und konsumorientiert fort. Zwischen 1950 und 1960 stieg ihre Zahl in den USA von 100 auf 3.000. Im Jahr 1985 wurden bereits mehr als 50 % des Einzelhandelsumsatzes in Einkaufszentren gemacht. Dabei lassen sich das „Strip Commercial Center“, die „Roadside Franchises“, die „Shopping Villages“ und die „Pedestrian Mall“ unterscheiden. Häufig wurden die Einkaufszentren mit Freizeitzentren und Themen-Parks verzahnt.

 

Ein „grenzenloses Vergnügen“?

Es geht immer stärker um den erlebnis- und freizeitorientierten Einkaufsbummel, um ein „grenzenloses Vergnügen“. Zunehmend gerät die innerstädtische Fußgängerzone ins Hintertreffen: Der angestammte Einzelhandel wird von Filialen verdrängt und verliert damit seine Vielfalt. Zudem geht der Trend zu Standorten, die sich am Autokunden orientieren. Vor diesem Hintergrund werben die peripheren Einkaufszentrum mit einem entspannten Erlebniseinkauf („shopping is fun“).

Wenn heute über die öffentlichen Räume von Fußgängerzonen diskutiert wird, herrschen zwei Themen vor: Zum einen werden Schlagworte wie Kriminalität, Sicherheit und Überwachung medien- und (partei-)politisch ausgeschlachtet. Zum anderen erörtert man die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf öffentliche Räume – und verbindet dies noch mit Themen wie Kontrolle und Privatisierung des öffentlichen Raumes. Hier geht es vor allem um die „neuen“ öffentlichen Räume (Malls, Passagen, Shopping Center etc.), die Modernisierung der Fußgängerzonen und die „Verinselung“ (sicherer) öffentlicher Räume.

Beklagt werden inzwischen die Musealisierung, Theatralisierung und Dekoration des öffentlichen Raumes (Malls, Skywalks, Passagen etc.). Besonders kritisiert man die (behauptete) zunehmende Privatisierung sowie räumliche oder zeitliche (Teil-)Sperrung von Fußgängerzonen. Andere wiederum beschweren sich über Kriminalität, Obdachlose, Junkies und Drunkies und fordern mehr Kontrolle (Videoüberwachung, bessere Ausleuchtung, abschließbare Parks etc.). Das Bild einer Stadt und ihrer öffentlichen Räume bezieht sich zumeist auf das Zentrum und häufig auf die Fußgängerzonen, die ihre Reize teils aus der Vergangenheit erhalten. Denn Plätze und Fußgängerzonen bilden in der europäischen Stadt die klassischen Kristallisationspunkte öffentlichen Lebens.

 

Die Idyllisierung des Urbanen

Das Ende einer Idee?
Viele Malls der Stadtränder kopieren nur die Idylle der Innenstädte

Der x-te Umbau eines Rathausplatzes und die x-te Neupflasterung einer Fußgängerzone bewirken nicht automatisch, dass diese als öffentliche Räume besser akzeptiert und intensiver genutzt werden. Noch überwiegt hier ein übertriebenes „Sauberkeits-, Besitz-, Ordnungs-, Macht- und Besserwisserdenken“. Der Charakter einer Stadt, ihre Bedeutung und Ausstrahlung wird maßgeblich von ihrem „Showstück“, dem Zentrum bestimmt. Denn periphere Einkaufszentren sind häufig nur (schlechte) Kopien der Idyllen des Zentrums. Die Mall gleicht sich äußerlich der städtischen Fußgängerzone an und vice versa. Die Unterschiede nivellieren sich auf ein Mehr oder Weniger vom Gleichen.

Die neue Kontrolle wiederum (Disziplinierung, Normalisierung und Reduktion von Sicherheit), wie man sie in den eingeschränkt öffentlichen Malls eingeführt hat, werden von den Innenstädten kopiert. Das Konzept der „Business Improvement Districts“ setzt zwar auf Freiwilligkeit und sucht nach Alleinstellungsmerkmalen, will aber letztlich konkurrenzfähig machen zu den peripheren Malls. Die Innenstadt gibt der Stadt (noch) Unverwechselbarkeit, auch wenn die „Guten Stuben“, die Fußgängerzonen immer weniger unterscheidbar sind. Innenstädte und Fußgängerzonen sind vor allem dann zukunftsfähig, wenn sie wandlungsfähig bleiben.

 

Literatur

Schubert, Dirk, Die Fußgängerzone – Auslaufmodell oder Beitrag zur europäischer Stadtkultur, in: Jahrbuch Stadterneuerung 2008, S. 33-54.

Siebel, Walter, Zum Wandel des öffentlichen Raums – Das Beispiel Shopping-Mall, in: Saldern, Adelheid von (Hg.), Stadt und Kommunikation in bundesdeutschen Umbruchzeiten, Stuttgart 2006, S. 67-82.

Logemann, Jan, Einkaufsparadies und „Gute Stube“. Fussgängerzonen in westdeutschen Innenstädten der 1950er bis 1970er Jahre, in: Saldern, Adelheid von (Hg.), Stadt und Kommunikation in bundesdeutschen Umbruchzeiten, Stuttgart 2006, S. 103-122

Montz, Markus, Lebendige Stadtmitte. Eine städtebau- und kulturgeschichtliche Betrachtung er Fußgängerzone in westdeutschen Städten um 1970, Magister-Arbeit, Universität Göttingen, 2005.

Noller, Peter, Globalisierung , Stadträume und Lebensstile. Kulturelle und lokale Repräsentation des globalen Raums, Opladen 1999.

Durth, Werner, Die Inszenierung der Alltagswelt. Zur Kritik der Stadtgestaltung, Braunschweig 1977.