Specht (Copyright: Anna Blaschke)

Verteidigen, was kein Denkmal ist

von Ursula Baus (17/2)

Dass derzeit die Wärmedämmung wie eine Mitretterin der Welt gehandelt wird, hat in erster Linie mit dem wirtschaftspolitischen Projekt „Energiewende“ zu tun. Politisch werden Dämm- und Verbrauchswerte festgelegt, die für weite Teile des Bestandes, in dem gewaltige Mengen „grauer Energie“ stecken, kaum zu erreichen sind. Zu fragen ist nun, wie wir überhaupt in die Lage gekommen sind, Energie sparen zu müssen. Und welche Konsequenzen für das Thema Dämmen zu ziehen sind.

 

Warum überhaupt Dämmen?

Seit Jahrzehnten treiben wir Raubbau an unseren Lebensgrundlagen. 1972 wies der Club of Rome mit dem Buch „Die Grenzen des Wachstums“ auf die katastrophalen Folgen einer zerstörerischen Wirtschaftsideologie hin. Seine Prognosen wurden immer wieder bestätigt und verschärft. Drei Szenarien werden nun für 2050 diskutiert: dass die Welt nachhaltig bewirtschaftet werde, die Weltgesellschaft zur Zweiklassengesellschaft mutiert oder der ökologische Kollaps eintritt. Das schlechteste Szenario gilt derzeit als das wahrscheinlichste. Und wir alle in den Wohlstandsländern tragen mit unseren Lebensstilen dazu bei.


Die Bundesregierung möchte sich derweil weltmarktstrategisch als Mustermannschaft in Sachen Klimaschutz ( = Weltrettung) profilieren und setzt sich dabei ambitionierte Ziele. Aber wie diese zu erreichen sind, polarisiert. Tangiert sind grob vier Bereiche: Industrie, Verkehr, Haushalte und Gewerbe/Handel/Dienstleistungen. Dabei kommt es wegen der CO2-Relevanz maßgeblich darauf an, welche Energieträger jeweils benutzt werden: Der Verkehr verwendet kaum erneuerbare Energien, bei Industrie und Haushalten sieht es anders aus. Sehr lesenswert ist dazu der 314 Seite umfassende Endbericht zur „Datenbasis zur Bewertung von Energieeffizienzmaßnahmen in der Zeitreihe 2005 – 2014“ des Bundesumweltamts.

 

Weiter so?

Auf stadt- und architekturrelevante Bereiche bezogen, ist die Bauwirtschaft erheblich von Einsparzwängen betroffen, weil Heizbedarf rund 75 Prozent des Energieverbrauchs eines privaten Haushalts ausmacht. Das ruft selbstverständlich die Dämmstoffindustrie auf den Plan, die nicht zu Unrecht satte Gewinne wittert. Betroffen ist in ähnlicher Größenordnung auch die Autoindustrie, die jedoch wenig in die Vermarktung von E-Autos investiert, stattdessen absurde PS-Monster als Dreckschleudern mit gelegentlich betrügerischen Mitteln an Mann und Frau bringt. Ihren Anteil an den klimarelevanten Problemen haben auch die CO2 trächtige Landwirtschaft und nicht zuletzt jeder einzelne Verbraucher, der durch sein eigenes Verhalten sehr viel bewirken kann.

Dass der Einzelne inzwischen vorwiegend als „Verbraucher“ bezeichnet wird, offenbart die globale Misere einer Wirtschaftsideologie, die nichts anderes als Wachstum kennt und zu horrend steigendem Energiebedarf führt. Deswegen ließe sich als Erstes das „Nicht-Verbrauchen“ fordern: Fahrradfahren, ÖPNV und Carsharing benutzen. Zudem könnte man alle, die mehr als die derzeit durchschnittlichen 46 Quadratmeter bewohnen, steuerlich zur Kasse bitten – und mit derartig eingestrichenen Steuergeldern den Ausbau erneuerbarer Energien, Erforschung von geeigneten Speichern, eines herausragenden Stromnetzes vorantreiben. Außerdem ist jeder von uns gefordert, sich vielleicht einen Pullover anzuziehen statt die ganze Wohnung auch im Winter auf 23 Grad zu heizen.

 

Abriss und Erneuerung: Teufelskreise

Wir leben jedoch in einem vom Wachstumswahn geradezu besessenen, wirtschaftlich pumperlgesunden Land. Wo immer sich eine Chance ergibt, an staatliche Gelder oder staatlich verordnete Privatausgaben heranzukommen, stehen Lobbyisten vor den Abgeordnetenhäusern in Berlin und Brüssel Schlange – sie haben in Berlin sogar unkontrollierten, freien Zugang. Lobbyisten verkünden am liebsten steigende Umsatz- und Absatzzahlen. Die Folgen für Stadt und Architektur sind kaum abzusehen, weil Dämmen und Abriss und Neubau und noch mehr Autos auf den Straßen durch Wirtschaftsrelevanz gerechtfertigt werden, die nahezu sakrosankt ist, während Fragen der Baukultur dreist in den Bereich des ökologisch Unanständigen gedrängt werden. Dämmen rettet die Welt, die vom Wachstumswahn nicht ablässt?

Wandel- und Weiterentwicklung – nicht zu verwechseln mit Fortschritt – prägen Architektur- und Stadtentwicklung seit eh und je. Wie unterschiedlich und warum architekturgeschichtliche Epochen aus unterschiedlichen zeitlichen Distanzen bewertet werden, ist ganz und gar nichts Neues. Gotische Kirchen wurden unbefangen barockisiert, im 19. Jahrhundert feierten Vorlieben für diverse, Jahrhunderte zurückliegende Epochen fröhliche Urständ. Und noch in den 1970er-Jahren wurden ganze Blöcke geringgeschätzter Wohnbauten des 19. Jahrhunderts abgerissen, man zerschlug den blöden Stuck, hängte die hohen Decken ab, baute quietschbunte Kunststofffenster ein – und pinselte die Holztüren auch mal azurblau, schokoladenbraun oder orange an. Heute sind „Altbauten“ nur beliebt, wo sie mit viel Geld „saniert“ und mit Edelstahlküchen und Wellness-Bädern angereichert sind – außerdem mit dreifachverglasten Denkmalschutzfenstern dem Verkehrslärm trotzen und wärmetechnisch zugleich das Umweltgewissen von Bewohnern beruhigen, die immer mehr Quadratmeter und eine immer komfortablere Mobilität in Anspruch nehmen.

 

Stets zu spät: die Denkmalpflege

Zwar war mit der staatlichen Denkmalpflege im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts der Anfang eines architekturgeschichtswissenschaftlichen Schutzes von Bausubstanz gelungen, um sie den Begehrlichkeiten des Marktes, der Ideologen und Geschichtskenntnislosen zu entziehen. Ohne hier im Einzelnen auf die Fehden innerhalb der Denkmalpflege eingehen zu können – das wird hier im Gespräch mit Thomas Pfeil thematisiert – , muss darauf hingewiesen werden, dass die Denkmalpflege diesen Begehrlichkeiten der praktischen Stadt-, Verkehrs- und Baupolitik stets hinterherhinkt. Heute ist sie politisch in weiten Teilen der Republik entmachtet – wie zum Beispiel in Baden-Württemberg, wo sie dem Finanzministerium unterstellt worden ist. Das ist, um in einer Tierfabelwelt zu sprechen, so, als treibe man Gänse in ein Gehege, in dem der Fuchs das Sagen hat. Das Konzept der TU München, mit der Zusammenlegung der Institute des Denkmalpflegers Thomas Pfeil und des Architekten Andreas Hild etwas Neues in Angriff zu nehmen, könnte die zeitliche Dimension des Denkmalschutzes neu in eine politische Diskussion einbringen – nicht zuletzt, um die Problematik deutlich zu machen, dass alle Hinterlassenschaften der Baustoffindustrie auf ihre entsorgungsrelevanten Konsequenzen bereits in die Zulassungskriterien einfließen müssen.

 

Es steht viel auf dem Spiel

Es sei hier ein Hinweis auf die Schweiz erlaubt, die wenig Kriegszerstörung, keine Autolobby, aber doch erheblichen Wohlstand und eine florierende Bauwirtschaft hat. Eine wirklich eindrucksvolle Rolle spielt bei den Eidgenossen, dass man Heimat, Kulturlandschaften, öffentliche Bauwerke, bauliches Eigentum kontinuierlich pflegt. Dass ganze Quartiere verlottern und verwahrloste Häuser abgerissen werden – so weit kommt es viel seltener als hierzulande. Erneuerung und Nachverdichtung spielen sich deswegen auf einem baukulturell ganz anderen Niveau ab, das keine Epoche gegen eine andere ausspielt. In deutscher Gründlichkeit heißt Pflegen „Konservierungswissenschaft“ (siehe Pfeil und Hild). Gerade Material- und Konstruktionsqualitäten werden von einer fortschritts- und wachstumsabhängigen Baustoffindustrie schlicht ignoriert. Was Dina Dorothea Falbe (in dieser Ausgabe) über die Rolle der Denkmalpflege im Fall des Vonovia-Projektes in Schmargendorf berichtet, spricht dazu Bände.

 

Immer das Gleiche: die Feindbilder

Ärgerlich ist gerade in Deutschland, wo Krieg und Wiederaufbau, Betongoldgräberstimmung in Wirtschaftswunderzeiten und Verkehrsentwicklung, Energiepolitik und Bauwirtschaftslobbyismus je nach Bedarf bestehender Bausubstanz zuleiberücken, dass leider keine Lehren aus den bau- und kulturhistorischen Erkenntnissen gezogen werden. Es werden immer wieder baukulturell verheerende Fehler begangen – aus unterschiedlichen Interessenslagen heraus, aber mit gleichbleibenden Methoden. Diese geben sich beispielsweise in dem Trick zu erkennen, vorübergehende Ablehnung bestimmter ästhetischer Phänomene zu nutzen, um Feindbilder zu zeichnen, und anschließend Abriss und Neubau oder doch erhebliche Veränderungen beispielsweise durch Wärmedämmung zu propagieren. Solches Vorgehen ist alt und altbekannt, funktioniert aber leider immer noch.

 

Bottom up: Hier lässt sich’s leben

Die Liste gelungener Sanierungen, die Energie- und Müllproduktion zugunsten eines bleibenden Erscheinungsbildes hintan stellten, ist lang und wird länger. Im Berliner Hansaviertel wohnt es sich einfach gut, der Stuttgarter Hannibal – drei Hochhausscheiben – wird sukzessive mit Dreifachverglasung und partieller Dämmung fit gehalten. Dann gibt es jene Beispiele, in denen baukulturell gelungenes Sanieren teuer erkauft wurde: das Dreischeiben-Hochhaus in Düsseldorf oder die Hypobank in München. Na und? Die Ressource „Geld“ gibt es auf der Welt in Hülle und Fülle. Bemerkenswert ist dazu, dass in nahezu jeder Stadt Initiativen gegen Verlust und Entstellung jüngerer Architektur entstehen, oft erfolgreich in prominenten Fällen wie in Köln, oft erschütternd erfolglos wie beim Palast der Republik oder dem Ahornblatt in Berlin.

Bautechnische Aufrüstung oder Abrüstung nun als Methoden gegeneinander auszuspielen, führt in eine dusselige Richtung, die dem Alltag nicht gerecht wird. Ob der Energie und Rohstoffe fressende, Baumüll produzierende Aufwand mit Dämmen und Dreifachverglasen der richtige ist, kann nur im Einzelfall entschieden werden. Aber genau darauf kommt es an. Vorausgesetzt, man einigt sich endlich auf eine sorgsame, vernünftige Pflege des Vorhandenen.


Literatur

www.clubofrome.de.

Radermacher, Franz Josef, Es ist fünf vor zwölf. Die Schweiz 2015, in: TEC21, 16, 2017, S. 35-38.

 

Titelmotiv: Pech für den Specht: Hier hat sich ein anderes Vöglein schon ein Nest gebaut (Bild: Anna Blaschke)