Hamburg, Hanseviertel (Bild: gmp Architekten)

Hanseviertel: Abriss oder Denkmalschutz?

Das Hanseviertel in Hamburg war 1980 eine der ersten „Wohlfühl-Einkaufszonen“, die heute viele Innenstädte prägen. Das Star-Büro Gerkan, Marg und Partner zeichnet verantwortlich für den postmodernen Klinkerbau. Bauherrin war die Allianz, für die Volkwin Marg eine lichtdurchflutete Komfortzone entwarf, die sich von den massigen Beton-Einkaufszentren absetzen sollte, die seit den 1960ern europaweit entstanden. Das Konzept ging auf, in den ersten Jahren flanierten täglich bis zu 20.000 Konsumwillige durch das Hanseviertel. Noch immer wird es gut frequentiert, doch die goldene Ära ist vorbei. Es heißt, die Allianz wolle an die ECE-Group verkaufen, die bereits vor geraumer Zeit die Verwaltung des 45.000-Quadratmeter-Komplexes übernommen hat.

Damit droht dem Hanseviertel der Abriss zugunsten einer profitableren Ausnutzung des Filetgrundstücks. Kurioserweise überprüft das Denkmalamt gerade die Schutzwürdigkeit – auf Antrag des Eigentümers! Hier wird es spannend: Stünde das Hanseviertel unter Denkmalschutz, wäre ein Abriss nur möglich, wäre der Erhalt wirtschaftlich unzumutbar. Und das lässt sich kaum glaubwürdig vermitteln. Sollte die ECE jedoch kaufen, könnte es pikant für die Denkmal- und Kulturbehörden werden: Die Stiftung des ECE-Vorsitzenden Alexander Otto spendete just 15 Millionen Euro für die Sanierung der Kunsthalle. Wie reagiert man, wenn einer der bedeutendsten Kulturstifter der Stadt ein Gebäude kaufen und abreißen will? (db, 7.12.17)

Hamburg, Hanseviertel, 1983 (Bild: gmp Architekten)

Düsseldorf, Mannesmann-Hochhaus (Bild: Copyright Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0, via wikimedia commons)

Versteckte Moderne

Die Stahlbauten der Nachkriegsmoderne sind oft unentdeckt, da Stahl meist mehr versteckter Helfer denn sichtbarer Akteur war. Unter dem Thema „Versteckte Moderne“ widmet sich eine Studie des bauforumstahl in Kooperation mit dem daf-Institut der Hochschule Anhalt in Dessau, der Forschung nach und über diese Gebäude, ihrer Dokumentation und Einordnung. Betrachtet werden Gebäude in Deutschland, der 50er und 60er Jahre sowie exponierte Beispiele bis in die 80er. Neben architektonischen wie konstruktiven Einzel- und Besonderheiten stehen der Umgang, der Erhalt und auch die Sanierung im Fokus.

Zu den beispielhaften Projekten zählen etwa das Gerling-Hochhaus in Köln von Helmut Hentrich und Hans Heuser, das Mannesmann-Hochhaus in Düsseldorf von Paul Schneider von Esleben oder aus den 1970ern die Mensa der TU Dresden von Ulf Zimmermann. Gezeigt werden aktuelle Revitalisierungsprojekte, architektonische Aspekte und beispielhafte konstruktive Lösungen. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 12. Januar 2018 im AIT-ArchitekturSalon Hamburg (Bei den Mühren 70). (db, 6.12.17)

Düsseldorf, Mannesmann-Hochhaus (Bild: Copyright Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, via wikimedia commons)

Alekos Hofstetter, Klingt es auch wie eine Sage, kann es doch kein Märchen sein, 2016 (Copyright: Alekos Hofstetter, Courtesy: Laura Mars Gallery, Berlin)

Tannhäuser Tor II

In der Laura Mars Gallery (Bülowstraße 52, 10783 Berlin) ist vom 9. bis zum 22. Dezember die Doppelausstellung „Maarten Janssen. 50 Cent“ und „Alekos Hofstetter. Tannhäuser Tor II“ zu sehen. Der niederländische Künstler Maarten Janssen wird zu diesem Anlass erstmalig seine fünfteilige Serie „alfabetagammadelta“ – eine alphabetische Farbsortierung einsilbiger Farbnamen im Niederländischen – präsentieren. Thema des Werkblocks „Tannhäuser Tor“ von Alekos Hofstetter ist das Verhältnis von Raum, Zeit und Distanz. Im Vordergrund steht die Auseinandersetzung mit dem sich verändernden Blick auf die Nachkriegsmoderne.

In den teilweise gemeinschaftlich mit dem Dresdener Künstler Florian Göpfert geschaffenen Zeichnungen und Gemälden wird ein neues Verhältnis von Architektur und Landschaft konstruiert. Die Baukunst, die uns von Hofstetter in seinen Werken gezeigt wird, ist befreit von jeder Funktionalität und scheint nur in entrückter Ferne sein zu können. Die Eröffnung wird am 8. Dezember um 19 Uhr begangen. Zu diesem Anlass wird auch der Katalog „Tannhäuser Tor II“ vorgestellt, der im Fantôme Verlag mit Texten von Daniel H. Wild (Hg.) und Holm Friebe erscheint. (kb, 5.12.17)

Alekos Hofstetter, Klingt es auch wie eine Sage, kann es doch kein Märchen sein, 2016 (Copyright: Alekos Hofstetter, Courtesy: Laura Mars Gallery, Berlin)

Wien Architekturzentrum, Ausstellungsplakat; www.azw.at

Willkommen im Dschungel

Bauen könnte so schön sein – wenn das Dickicht aus Paragraphen und Vorschriften nicht immer dichter werden würde. Zu allem Überfluss sind etliche auch international nicht genormt. Und dass es schier herrliche Vorschriften gibt, zeigt die Ausstellung „Form folgt Paragraph“, die bis zum 4. April 2018 im Architekturzentrum Wien zu  sehen ist. Sie klärt etwa darüber auf, dass österreichische Erde, die zum Bau eines Kellers ausgehoben und abtransportiert wird, nach zwei Kilometern Lkw-Fahrt von Gesetzes wegen zu Abfall mutiert. Es gibt heute 238 Seiten an Normen, die darum bemüht sind, den Spielplatz zu einer möglichst gefahrenlosen Zone zu erklären. Entsprechend gummiert, gepolstert und uninspiriert fällt die Gestaltung aus. Weil Kinderlärm hierzulande von den Lärmschutzbestimmungen ausgenommen ist, während in Deutschland mitunter Schallschutzmauern um Kinderspielplätze errichtet werden.

Die stetig steigenden Sicherheits- und Qualitätsstandards führen dazu, dass die Eigenverantwortung sinkt und die Wohlstandsgesellschaft klagefreudiger wird, erläutern die Kuratorinnen Karoline Mayer und Martina Frühwirth. Die Besucher der Ausstellung können diese Aussage mittels eines Tests selbst prüfen und mehr über eigene Sicherheitsansprüche herausfinden. Anhand von großformatigen Fallstudien, 1:1 Installationen, Interviews mit Baubeteiligten, aber auch Absurditäten und Anekdoten enhüllt die Schau welche kreativen Leistungen Architekten trotz all der Fülle an einschränkenden Faktoren im Rahmen ihrer Bauvorhaben erbringen. (db, 4.12.17)

Hamburg-Altona: Eine ganze Straße zum Lesen

Es ist druckfrisch: das Buch „Die Große Bergstraße. Dokumentarische Ansichten einer Hamburger Einkaufsstraße 1950-2017“ von Johanna Klier und Sylvia Necker. Die Neue Große Bergstraße in Hamburg-Altona ist eine der ersten autofreien Einkaufsstraßen Deutschlands. Bis heute ist sie geprägt durch ihre moderne Nachkriegsarchitektur, aber vom einst glanzvollen Konzept ist nur noch ein Nachhall zu spüren. Dem heutigen Veränderungsprozess ging eine heftig geführte Debatte über die „gescheiterte“ Straße voraus, die ihren Höhepunkt mit der ersten innerstädtischen IKEA-Filiale Europas fand.

Johanna Klier hat die Umbaumaßnahmen fotografisch dokumentiert. Ihre Aufnahmen werden von Sylvia Necker in den historischen Kontext gestellt. Ergänzt um historisches Bildmaterial u. a. aus dem Bestand der „Neuen Heimat“, präsentiert das Buch mehr als 70 Jahre Stadtgeschichte. Die Buchvorstellung, bei der Sylvia Necker einen kurzen Bildvortrag über die Entwicklung der Straße halten und Johanna Klier einige ihrer Fotos zeigen wird, findet am Mittwoch, den 13. Dezember 2017 um 18.30 Uhr in der Großen Bergstraße 213 (ehem. „Frau Tulpe“) in Hamburg-Altona statt. (kb, 3.12.17)

Klier, Johanna/Necker, Sylvia (Hg.), Die Große Bergstraße. Dokumentarische Ansichten einer Hamburger Einkaufsstraße 1950 – 2017, Dölling und Galitz, München/Hamburg 2017, 200 Seiten, englisch-deutsch, ISBN: 978-3-86218-101-8.

Titelmotiv: Buchcover, Johanna Klier/Dölling und Galitz

Berlin-Charlottenburg, Haus der Kirche (Bild: Bodo Kubrak, CC0, 2014)

Das erste Haus soll fallen am Haus der Kirche

Im Jahr 1967 war das Projekt bahnbrechend, präsentierte sich Kirche hier doch zur Großstadt hin programmatisch offen ohne Turm und Schwelle. Das evangelische „Haus der Kirche“ entstand in Berlin-Charlottenburg an der Goethestraße nach Entwürfen der Architekten Konrad Sage, Karl Hebeker und Heinz Richter: im Mittelpunkt ein Tagungsgebäude, drumherum Verwaltungs- und Bibliotheksräume, ein Studentenwohnheim und ein Wohnhaus. Inzwischen ist in die Bauten das „Amt für kirchliche Dienste“ für Aus- und Weiterbildung eingezogen, das Studentenwohnheim steht seit 2012 leer.

Seit 2012 ist das Ensemble aber auch ein Baudenkmal: Es stehe mit seiner Transparenz, mit seinen aufgeständerten Quadern in einer Linie mit „Bauten des Hansaviertels oder dem […] Bikini-Haus“. Doch der kirchliche Betreiber betrachtet Teile der Anlage seit Jahren als „nicht mehr zeitgemäß“, ein Neuanfang sei funktional wie technisch unverzichtbar. Die Abrissgegner sehen Kirche in der Pflicht, ein künstlerisch anspruchsvolles Bauwerk und mit ihm günstigen Wohnraum zu erhalten. 2016 lehnte die Landeskirche die Forderung ab, im leergezogenen Studentenwohnheim Flüchtlinge unterzubringen. Nun soll das Studentenwohnheim fallen und hier ein neuer Verwaltungsbau (Büro pape + pape, Kassel) entstehen. Später will man den ehemaligen Büro- und Verwaltungstrakt zu Wohnungen umgestalten. (kb, 2.12.17)

Berlin-Charlottenburg, Haus der Kirche (Bild: Bodo Kubrak, CC0, 2014)

Bauhäusler am Strand (Bild: Irene Bayer oder Marianne Brandt, 1926-27. Bauhaus-Archiv Berlin)

Heute: Der Tod des Bauhaus?

Der Countdown zum Bauhaus-Jubiläum 2019 läuft und alle Welt fragt nach der Aktualität und Möglichkeiten der Wiederauflage des Bauhauses. Nicht so das Projekt Bauhaus, das sich stattdessen an einer „kritischen Inventur“ versucht. Das Bauhaus war demnach „visionär, aber dennoch in seiner Zeit verhaftet“. Es sei daher „an der Zeit, Abschied vom Bauhaus zu nehmen. […] Doch wie ‚beerdigt‘ man eine untote Denkfigur?“ Paff. Kurzentschlossene, die sich jetzt nicht mit Grausen abwenden, können am heutigen Samstag beim vom Projekt Bauhaus organisierten Symposium „Vom Bauhaus zum Silicon Valley“ auf eine Antwort hoffen.

Als entscheidende wirtschaftliche und gesellschaftliche Triebfeder der Gegenwart macht die Tagung die Digitalisierung aus. Bauhaus-Epigonentum erscheint damit zwar obsolet, nicht aber der historische Vergleich. Wie sieht zum Beispiel der Neue Mensch – zentrale Figur in der Bauhaus-Mythologie – in den Visionen des Silicon-Valley aus? Und wie wirkt sich das digitale Zeitalter auf die Gestaltung aus? Diesen und anderen Fragen geht das Symposium heue, am 2. Dezember, ab 12 Uhr im Berliner Haus der Kulturen der Welt nach. (jr, 2.12.17)

Bauhäusler am Strand (Bild: Irene Bayer oder Marianne Brandt, 1926-27. Bauhaus-Archiv Berlin)

Rosa Roehre (Bild: Gunnar Klack, CC By SA 4.0)

Rosa Röhre Reloaded

Es ist nicht leicht, in die Berliner Top Ten der extravaganten Architektur vorzustoßen. Ein Bau, der diese Hürde mit Leichtigkeit nimmt, erstrahlt gerade in neuem Glanz: der Umlauftank 2, besser bekannt als „Rosa Röhre“. Die expressive Farbigkeit des denkmalgeschützten Versuchsgebäudes der TU war in den letzten Jahren zunehmend verblasst. Kürzlich wurde die umfassende Sanierung im Auftrag der Wüstenrot-Stiftung abgeschlossen.

Der nach Plänen Ludwig Leos errichtete Bau wurde 1974 im Stadtteil Tiergarten fertiggestellt und dient der experimentellen Erprobung von Schiffsmodellen. In der überdimensionalen Rosa Röhre, die rechts und links aus dem Bauwerk herausragt, lassen sich künstliche Wasserströme erzeugen, die eine empirische Analyse der Seetauglichkeit erlauben. Die Anlage gilt weltweit als die größte ihrer Art. Ob das rosa Ungetüm in der sensationsgewohnten Hauptstadt künftig wieder als Bürgerschreck fungieren kann, wird sich zeigen. (jr, 1.12.17)

Berlin, Umlauftank (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0)

London Underground Architecture & Design Map (Bild: bluecrowmedia.com)

Ab in den Londoner Untergrund

In London kann man trefflich verloren gehen (wir erinnern nur an einen literarischen Bären mit blauem Mantel und rotem Hut). Vor allem, wenn man im Untergrund nur Augen für die vortreffliche moderne (Bau-)Kunst hat. Hier bietet der Verlag „bluecrowmedia“, der sich schon mit den unterschiedlichsten Brutalismus-Stadtplänen von Paris bis Sydney hervorgetan hat, praktische Lebenshilfe. Frisch erschienen ist nun die „London Underground Architecture & Design Map“ erhältlich.

Damit hat sich der Verlag zum ersten Mal den Untergrund zum Thema genommen. Mark Ovenden, der sich mit der Geschichte des Verkehrsdesigns beschäftigt, und der Fotograf Will Scott, haben einen zweiseitigen Stadtplan zusammengestellt. Darin sind in einer Übersichtskarte des Londoner Untergrunds besondere Stationen gekennzeichnet und umseitig mit Fotografien und Details beschrieben. Das Ganze steckt in einem schützend und dekorativen „Slipcover“, das mit einer ausgestanzten Öffnung in Form des Londoner U-Bahn-Logos einen ersten Blick auf den Inhalt preisgibt. (kb, 30.11.17)

London Underground Architecture & Design Map (Bild: bluecrowmedia.com)