Denkmalschutz für Bonzen-Siedlung

Haus Honecker (Bild: Ranofuchs, CC-BY-SA 3.0)
In diesem Haus lebte bis 1989 das Ehepaar Honecker (Bild: Ranofuchs, CC BY SA 3.0)

In Brandenburg soll die sog. Waldsiedlung unter Denkmalschutz gestellt werden. Sie versammelte bis 1989 die Wohnhäuser aller Mitglieder des SED-Politbüros und wird bis heute fälschlicherweise mit dem nahen Städtchen Wandlitz identifiziert – tatsächlich gehört sie zu Bernau. Heute beherbergen die ehemaligen Wohnhäuser der Parteifunktionäre unter anderem eine Rehaklinik.

Die Unterschutzstellung soll das geschichtsträchtige Gelände bewahren, das in der DDR eine sagenumwobene verbotene Stadt umschloss. Errichtet wurde die Siedlung in den Jahren 1958 bis 1960 auf Geheiß der ostdeutschen Staatsführung, welche das Leben ihrer Funktionäre in Berliner Privathäusern als zu riskant erachtete. Wer in der Folgezeit in den Kreis des Politbüros berufen wurde, war zum Umzug in die Waldsiedlung verpflichtet, die auf offiziellen Karten nicht existierte. 1989 verschafften sich Akteure der friedlichen Revolution um ein Fernsehteam Zutritt zur Siedlung – und waren überrascht. Einerseits stand den Parteigranden ein unverhältnismäßiger Luxus wie ein Supermarkt mit Waren aus Westeuropa zur Verfügung. Andererseits nahmen sich die Wohnhäuser und ihre Einrichtung kleinbürgerlich bis spießig aus – prunkvolle  Paläste suchte man in der Waldsiedlung vergeblich. (jr, 11.1.17)

INDUSTRIE ERBE MODERNE

Auf ihrer Reise durch Europa macht die Wanderausstellung „INDUSTRIE ERBE MODERNE“, ein Projekt der Route der Industriekultur (Regionalverband Ruhr) im ab heute Station in Weimar – auf Einladung der Bauhaus-Universität Weimar, des Bauhaus-Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und Planung und des DFG-Graduiertenkollegs Identität und Erbe der Bauhaus-Universität Weimar und der TU Berlin. Die Ausstellung hat sich zum Ziel gesetzt, aktuelle wissenschaftliche ebenso wie praktische Fragen der Industriedenkmalpflege zu diskutieren.

Damit wollen die Organisatoren vermitteln, dass das gebaute und das immaterielle industrielle Erbe nicht allein für den Blick in die Geschichte von Interesse sind. Sie können ebenso dabei helfen, eine regionale Identität und eine gemeinsame kulturelle Zukunft zu gestalten. Als Vernissage führt am 10. Januar 2017 um 17 Uhr in der Bauhaus-Universität Weimar (Foyer Hauptgebäude, Geschwister-Scholl-Straße 8) Martin Tönnes, stellvertretender Regionaldirektor und Bereichsleiter Planung beim Regionalverband Ruhr, in das Ausstellungsthema ein. Zu sehen ist die Präsentation anschließend im Hauptgebäude der Bauhaus-Universität Weimar im Bereich der Fakultät Architektur und Urbanistik bis zum 9. Februar 2017. (kb, 9.1.17)

Der heiße Draht: Marl trifft Münster

Marl, Rathaus (Bild: Daniel Ullrich (Threedots), GFDL, CC BY SA 3.0 oder CC BY SA 2.0)
Ab Juni 2017 wird Marl am Skulpturenprojekt teilnehmen (Bild: Marl, Rathaus, Daniel Ullrich (Threedots), GFDL, CC BY SA 3.0 oder CC BY SA 2.0)

Seit 1977 findet alle zehn Jahre das „Skulpturenprojekt“ im westfälischen Münster statt und bleibend im öffentlichen Raum erlebbar ist. Vom 10. Juni bis zum 1. Oktober 2017 nun soll die fünfte Open-Air-Ausstellung dieser Art stattfinden. Zu diesem Anlass soll das Projekt in zwei Städten gastieren, die ihrerseits nach dem Krieg eine besondere Prägung erhielten: Der Wiederaufbau von Münster steht für eine städtebaulich und gesellschaftlich konservative Haltung.

Marl hingegen, mit dem sich das Münsteraner Projekt 2017 partnerschaftlich zusammentun wird, erhielt in den 1960er Jahren ein innovatives Gesicht: Auf der „grünen Wiese“ entstanden das bekannte moderne Rathaus (van den Broek und Bakema, 1960-67) und das Einkaufszentrum Marler Stern. Bereits 1970 und 1972 fanden in Marl die sogenannte Stadt- und Skulpturenausstellungen statt, 1982 institutionalisierte sich im Rathauskomplex das Skulpturenmuseum Glaskasten Marl. Für das Skulpturenprojekt 2017 nun schwebt den Verantwortlichen vor: ein „Skulpturentausch“ zwischen beiden Städten, das Schreibprojekt „Authors in Residence“ mit einer Dependance auch in Marl – und nicht zuletzt das Symposium „Nothing Permanent: Sculptures and Cities“ vom 13. bis 15. September 2017 in Marl und Münster. (kb, 9.1.17)

Spätkoloniale Moderne

Spätkoloniale Moderne (Bild: Birkhäuser Verlag)

Le Corbusier, Ernst May und Frank Lloyd Wright – sie alle verbindet der Weltruhm in der klassischen Moderne. Ihre Bauprojekte in Europa und Nordamerika begeisterten Zeitgenossen wie Spätgeborene. Für die jüngst erschienene Monographie von Regina Göckede ist dies jedoch eher zweitrangig. Sie nimmt stattdessen die oft kaum bekannte Tätigkeit der Architekten in den ehemaligen Kolonien Europas in den Blick.

So plante die französische Regierung in den 1930er Jahren, Algier zu einer modernen Metropole nach europäischen Maßgaben zu transformieren, einer „Hauptstadt des französischen Afrikas“. Le Corbusier befasste sich hierfür fast zehn Jahre mit städtebaulichen Entwürfen. Auch Ernst May, seit 1934 Emigrant in Ostafrika, suchte die koloniale Idealstadt. Mitte der 1940er Jahre plante er für die britische Kolonialverwaltung eine Erweiterung für Ugandas Hauptstadt Kampala. Frank Lloyd Wright schließlich entdeckte Bagdad als Schaffensfeld. Der Band stellt die Arbeit dreier Modernisten in Afrika bzw. dem Nahen Osten vor. Dabei dekonstruiert er jedoch den Mythos einer per se moralisch integren Moderne. Neben Bauten und Planungen werden auch die Entstehungsbedingungen beleuchtet, die Verflechtungen mit den imperialen Bestrebungen der europäischen Kolonialmächte offenbaren. Lesenswert! (jr, 8.1.17)

Göckede, Regina, Spätkoloniale Moderne. Le Corbusier, Ernst May, Frank Lloyd Wright. The Architects Collaborative und die Globalisierung der Architekturmoderne, Birkhäuser Verlag, Basel 2016, ISBN 978-3-03821-123-5.

Schutz fürs Römisch-Germanische

Köln, Römisch-Germanisches Museum (Bild: © Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))
Inzwischen selbst ein Ort der Stadtgeschichte: das Römisch-Germanisches Museum auf dem Kölner Roncalli-Platz (Bild: © Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))

Die Entscheidung kam gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn im Herbst diesen Jahres soll die Sanierung beginnen: Das Römisch-Germanische Museum, das auf dem Kölner Roncalli-Platz im Schatten des Doms seinen Ort hat, wird unter Denkmalschutz gestellt. 1974 wurde der auf Rundstützen ruhende, hochgeschlossene Quader eingeweiht, der nach Entwürfen der Braunschweiger Architekten Heinz Röcke und Klaus Renner entstand.

Die Gründung des Hauses als städtisches Museum reicht bis ins Jahr 1946 zurück. Der Standort war zugleich Fundort des römischen Dionysius-Mosaiks (3. Jahrhundert nach Christus), das 1941 beim Bau des Dombunkers zum Vorschein kam. Darüber entstand zunächst ein provisorischer Ausstellungssaal, bis 1974 erhielt diese Neugründung der römischen Abteilung des Wallraf-Richartz-Museums dann den heutigen baulichen Rahmen. Die Entscheidung zu dessen Unterschutzstellung begründet die Stadt nun, so berichtet der WDR, städtebaulich. Zudem komme der Präsentation der Artefakte aus der Vorgeschichte Kölns eine besondere pädagogische Bedeutung zu. Bleibt es bei den veröffentlichten Plänen zur Neugestaltung der (Südkante der) Domplatte, würden das Kurienhaus und das an den Quader angrenzende Verwaltungsgebäude des Römisch-Germanischen Museums zugunsten eines neuen Kulturbaus niedergelegt. (kb, 7.1.17)

Drehscheibe Dresden

Dresden, Kulturpalast, 1970 (Foto: Richard Peter, Bild: Deutsche Fotothek df ps 0002842, CC BY SA 3.0)
Eine Sektion des Kunsthistorikertags fragt nach Dresden als „Schmelztiegel verschiedenster Kulturräume“ (Dresden, Kulturpalast, 1970, KulFoto: Richard Peter, Bild: Deutsche Fotothek df ps 0002842, CC BY SA 3.0)

Lange schon hat der 34. Kunsthistorikertag, der vom 8. bis zum 12. März 2017 in Dresden stattfinden wird, seine Schatten vorausgeworfen. Das Motto „Kunst lokal – Kunst global“ soll zeigen, wie gerade Dresden als Ort der Kunst von Kunstsammlungen und als historischer Schmelztiegel verschiedenster Kulturräume dazu in der Lage ist, Menschen aus aller Welt auch die Kunst und deren wissenschaftlicher Erforschung nahezubringen. Zwölf Sektionen, sechs Ortstermine, eine Podiumsdiskussion, fünfzehn Foren und eine Fülle von Exkursionen sollen helfen, Diskussionen zu entfachen, Vorstellungen auszutauschen, vielleicht gemeinsame Lösungen zu finden.

Für das Thema Nachkriegsmoderne wird am Donnerstag, 9. März 2017, die Sektion „Drehscheibe Dresden. Lokale und globale Austauschbeziehungen und Wechselwirkungen zwischen internationaler Moderne und regionaler Kunstszene“ (Leitung: Susanne König, Leipzig/Gilbert Lupfer, Dresden/Frank Zöllner, Leipzig) von Interesse sein. Am Sonntag, 12. März 2017, sind aus neun Exkursionen zur Architekturmoderne hervorzuheben: „Die unbekannte Moderne in Ostsachsen – Wagenfeld, Neufert, Wachsmann und Scharoun“, „Chemnitz – Stadt der Moderne. Die architektonische und städtebauliche Prägung des ‚Sächsischen Manchester‘ durch die Industrialisierung – Fabriken, Villen, Stadterweiterungsgebiete“ und „Laboratorium der Moderne – Gartenstadt und Festspielhaus Hellerau“. Anmeldungen zum Kunsthistorikertag sind bis zum 10. Februar 2017 möglich. (kb, 4.1.17)

mR macht Weihnachtspause

Bonn im Dezember 1972: VW-Käfer mit Weihnachtsbaum im Gepäck (Foto: Sonal Mehmet, Bild: Bundesarchiv Bild F038543-0006A, CC BY SA 3.0)
Wir sind dann mal weg: VW-Käferfahrer transportiert bei Bonn im Dezember 1972 seinen Weihnachtsbaum (Foto: Sonal Mehmet, Bild: Bundesarchiv Bild F038543-0006A, CC BY SA 3.0)

Wir gehen fest davon aus, dass Sie ab heute für einige Tage Besseres zu tun haben, als sich durch Meldungen zur Nachkriegsmoderne zu klicken. Wir jedenfalls haben es – und machen daher die inzwischen traditionelle mR-Weihnachts-Neujahr-Pause bis einschließlich zum 6. Januar 2017.

Wir wünschen unseren Lesern und Sympathisanten, Autoren, Fotografen und Unterstützern erholsame Feiertage und einen rauschenden Start ins Neue Jahr! Uns finden Sie hier wieder ab dem 7. Januar 2017 in gewohnter Frische …

Wer wohnt in weißen Würfeln?

Jetzt bereitet sich das Bauhaus schon auf seinen 100. Geburtstag vor und in vielen Kinderbüchern sehen die Häuser immer noch so aus, als hätte es die stilistische Revolution von Dessau nie gegeben. Gegen den Terror des Satteldachs gibt es jetzt neuen Lesestoff für Kinder: Ingolf Kern, Jutta Stein und Kitty Kahane (Illustrationen) haben sich im Auftrag der Stiftung Bauhaus Dessau zusammengetan, um dem Nachwuchs die Architekturmoderne näherzubringen.

In ihrem neuen Bilderbuch „Wer wohnt in weißen Würfeln?“ – Nachfolger der eher als Sachbuch aufgebauten Publikation „Was ist das Bauhaus?“ – sind die Kinder Lotte und Max mit ihrem Vater zu Besuch im Bauhaus Dessau. Dort lernen sie Titus kennen, der sie auf eine Zeitreise mitnimmt ins Jahr 1927. Dort begegnen sie Kandinsky, Paul Klee und Walter Gropius, die in den besagten „Würfelhäusern“ wohnen Häusern wohnen. Lotte und Max experimentieren in der Dunkelkammer mit den Feininger-Brüdern, feiern mit den Bauhäuslern ein Kostümfest und spielen Zirkus. Und auch Klees Katze wird noch eine entscheidende Rolle spielen … (kb, 23.12.16)

Stein, Jutta/Kern, Ingolf/Kahane, Kitty (Bearb.) Wer wohnt in weißen Würfeln. So lebten die Bauhaus-Meister in Dessau, hg von der Stiftung Bauhaus Dessau, gebunden, 56 Seiten, komplett illustriert, ISBN 978-3-86502-385-8.

Liebe Bundesbahn,

Schlafwagen, 1952 (Foto: Roger und Renate Rössing, Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0)
Das waren noch Zeiten, als ein Zug mit Abteil und Schlafwagen ausgerüstet war (Foto: Roger und Renate Rössing, Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0, 1952)

wir haben schon viel miteinander erlebt: überraschende Schneefälle im Winter (wer konnte damit rechnen), eingeschränkten Speiseservice („Junge Frau, das Essen habe ich, nur kein Besteck, mit dem ich es Ihnen servieren könnte!“) oder durchfahrene Haltestationen („Jetzt ist der an Fucking Hanau vorbeigefahren!“). Nichts konnte mich davon abbringen, meine Bahncard 100 freudig auf allen bundesdeutschen Strecken auszureizen.

Doch in jeder Beziehung nistet sich einmal der Zweifel ein. Dass du 2015 das Ende des Schlafwagens erklärt hast (was dann die Österreicher auffingen), war der erste Knacks. Aber nun willst du im neuen ICE 4 ein weiteres Stück moderne Bahnkultur weglassen: das Abteil. Wohin sollen dann die Langzeitehepaare mit Mettwurst und Ei in ihren Tupperdosen? Wo sollen wir uns auf Langzeitnachtfahrten kostenschonend langlegen? Wo sollen sich aufstrebende Jungpassagiere die nächste Generation Bahnfahrer zeugen?  Ich glaube, du hast das nicht zu Ende gedacht. Vielleicht sollten wir uns mal wieder zusammensetzen. In einem Viererabteil. Bei zugezogenen Gardinen, damit uns niemand stört. Hochachtungsvoll, deine Bahncard 1009577xxx (volle Nummer der Redaktion bekannt). (kb, 23.12.16)

 

Petition für Villa Beer

Es geht ausnahmsweise nicht um einen drohenden Abriss. Doch das, was die Eigentümer in Wien mit der Villa Beer (1929-30) vorhaben, kommt für Experten einer Zerstörung des Baukunstwerks gleich. Sie stellen das Wohnhaus in der Wenzgasse, das nach Plänen von Josef Frank und Oskar Wlach errichtet wurde, in eine Reihe mit Werken von Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe oder Adolf Loos.

Gerade erst widmete das Österreichische Museum für angewandte Kunst Frank eine vielbesuchte Retrospektive. Nun will der Eigentümer, die Dr. Strohmayer Stiftung Gemeinnützige Privatstiftung, das Haus in drei Wohnungen unterteilen, einen Fahrstuhl ein- und eine Treppe anbauen. Dagegen hat nun eine illustre Runde – darunter die österreichischen Vertreter von ICOMOS und DOCOMOMO – eine Online-Petition erstellt. Sie sehen ein Stück Kulturerbe der ersten Liga bedroht: „A full preservation of the architectural integrity of the building and the garden as artefact of the era in which it was conceived is of critical importance and speaks of Austria as a cultural nation.“ Die öffentliche Hand solle daher einen derartigen Eingriff in die Villa untersagen, es solle unter Einbeziehung unabhängiger Experten ein Konzept zur öffentlichen Nutzung erarbeitet werden und eine erhaltende sensible Restaurierung des Anwesens in Gang gesetzt werden. (kb, 22.12.16)