Wer wohnt in weißen Würfeln?

Jetzt bereitet sich das Bauhaus schon auf seinen 100. Geburtstag vor und in vielen Kinderbüchern sehen die Häuser immer noch so aus, als hätte es die stilistische Revolution von Dessau nie gegeben. Gegen den Terror des Satteldachs gibt es jetzt neuen Lesestoff für Kinder: Ingolf Kern, Jutta Stein und Kitty Kahane (Illustrationen) haben sich im Auftrag der Stiftung Bauhaus Dessau zusammengetan, um dem Nachwuchs die Architekturmoderne näherzubringen.

In ihrem neuen Bilderbuch „Wer wohnt in weißen Würfeln?“ – Nachfolger der eher als Sachbuch aufgebauten Publikation „Was ist das Bauhaus?“ – sind die Kinder Lotte und Max mit ihrem Vater zu Besuch im Bauhaus Dessau. Dort lernen sie Titus kennen, der sie auf eine Zeitreise mitnimmt ins Jahr 1927. Dort begegnen sie Kandinsky, Paul Klee und Walter Gropius, die in den besagten „Würfelhäusern“ wohnen Häusern wohnen. Lotte und Max experimentieren in der Dunkelkammer mit den Feininger-Brüdern, feiern mit den Bauhäuslern ein Kostümfest und spielen Zirkus. Und auch Klees Katze wird noch eine entscheidende Rolle spielen … (kb, 23.12.16)

Stein, Jutta/Kern, Ingolf/Kahane, Kitty (Bearb.) Wer wohnt in weißen Würfeln. So lebten die Bauhaus-Meister in Dessau, hg von der Stiftung Bauhaus Dessau, gebunden, 56 Seiten, komplett illustriert, ISBN 978-3-86502-385-8.

Liebe Bundesbahn,

Schlafwagen, 1952 (Foto: Roger und Renate Rössing, Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0)
Das waren noch Zeiten, als ein Zug mit Abteil und Schlafwagen ausgerüstet war (Foto: Roger und Renate Rössing, Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0, 1952)

wir haben schon viel miteinander erlebt: überraschende Schneefälle im Winter (wer konnte damit rechnen), eingeschränkten Speiseservice („Junge Frau, das Essen habe ich, nur kein Besteck, mit dem ich es Ihnen servieren könnte!“) oder durchfahrene Haltestationen („Jetzt ist der an Fucking Hanau vorbeigefahren!“). Nichts konnte mich davon abbringen, meine Bahncard 100 freudig auf allen bundesdeutschen Strecken auszureizen.

Doch in jeder Beziehung nistet sich einmal der Zweifel ein. Dass du 2015 das Ende des Schlafwagens erklärt hast (was dann die Österreicher auffingen), war der erste Knacks. Aber nun willst du im neuen ICE 4 ein weiteres Stück moderne Bahnkultur weglassen: das Abteil. Wohin sollen dann die Langzeitehepaare mit Mettwurst und Ei in ihren Tupperdosen? Wo sollen wir uns auf Langzeitnachtfahrten kostenschonend langlegen? Wo sollen sich aufstrebende Jungpassagiere die nächste Generation Bahnfahrer zeugen?  Ich glaube, du hast das nicht zu Ende gedacht. Vielleicht sollten wir uns mal wieder zusammensetzen. In einem Viererabteil. Bei zugezogenen Gardinen, damit uns niemand stört. Hochachtungsvoll, deine Bahncard 1009577xxx (volle Nummer der Redaktion bekannt). (kb, 23.12.16)

 

Petition für Villa Beer

Es geht ausnahmsweise nicht um einen drohenden Abriss. Doch das, was die Eigentümer in Wien mit der Villa Beer (1929-30) vorhaben, kommt für Experten einer Zerstörung des Baukunstwerks gleich. Sie stellen das Wohnhaus in der Wenzgasse, das nach Plänen von Josef Frank und Oskar Wlach errichtet wurde, in eine Reihe mit Werken von Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe oder Adolf Loos.

Gerade erst widmete das Österreichische Museum für angewandte Kunst Frank eine vielbesuchte Retrospektive. Nun will der Eigentümer, die Dr. Strohmayer Stiftung Gemeinnützige Privatstiftung, das Haus in drei Wohnungen unterteilen, einen Fahrstuhl ein- und eine Treppe anbauen. Dagegen hat nun eine illustre Runde – darunter die österreichischen Vertreter von ICOMOS und DOCOMOMO – eine Online-Petition erstellt. Sie sehen ein Stück Kulturerbe der ersten Liga bedroht: „A full preservation of the architectural integrity of the building and the garden as artefact of the era in which it was conceived is of critical importance and speaks of Austria as a cultural nation.“ Die öffentliche Hand solle daher einen derartigen Eingriff in die Villa untersagen, es solle unter Einbeziehung unabhängiger Experten ein Konzept zur öffentlichen Nutzung erarbeitet werden und eine erhaltende sensible Restaurierung des Anwesens in Gang gesetzt werden. (kb, 22.12.16)

Rettung für die Sahneschnitte

Das Cafe Kustermann in München-Solln (Bild: Sophie Anfang)
Süßes Teilchen: das Café Kustermann in München-Solln (Bild: Sophie Anfang)

Eine echte „Sahneschnitte“ der Architektur ist das Café Kustermann aus den 1950er Jahren, darum wird es auch von seinen Stammgästen gerne so genannt. Die mussten vor acht Monaten noch um das außergewöhnliche Café in München-Solln bangen, denn der Pachtvertrag war abgelaufen und die Immobilie stand zum Verkauf. Doch die Rettung ist geglückt: Das Gebäude bleibt erhalten und soll unter Denkmalschutz gestellt werden.

Der schlanke runde Pavillon wurde 1951 nach Plänen von Ludwig Reiber errichtet. Er steht zentral an der Hauptstraße, so wurde er schnell zu einem Wahrzeichen des Viertels. Und schon der Kosename „Sahneschnitte“ deutete an, was es dort alles Leckeres zu holen gab. Um so härter traf die Sollner die Nachricht, dass der Pachtvertrag im April 2016 nicht verlängert und das Gelände neu bebaut werden sollte. Dass nun das Café mit dem runden Eingang erhalten bleibt, ist vor allem einer lokalen Interessensgemeinschaft zu verdanken, die sich mit dem Bezirksausschuss und dem Denkmalschutz zusammentat. Der Pavillon soll jetzt trotz eines Neubaus direkt hinter diesem bestehen bleiben, unter Denkmalschutz gestellt werden und weiterhin als Café genutzt werden. Ob auch der ehemalige Pächter dort wieder einzieht, ist noch offen. (ps, 22.12.16)

„Spiritueller Brutalismus“

Frankfurt am Main, Cantate Domino (Bild: Gaki64, CC BY SA 3.0)
Gibt in Frankfurt Anlass zum Feiern einer ganzen Stilepoche: Cantate Domino (Bild: Gaki64, CC BY SA 3.0)

In diesem Jahr feiert die Frankfurter Cantate-Domino-Kirche (1966, T. Sittmann/W. Schwagenscheidt) ihr 50-jähriges Jubiläum. Dies nimmt „Evangelisches Frankfurt“, das Hausmagazin des Evangelischen Regionalverbands der Stadt, zum Anlass für eine Themenschwerpunkt „Brutalismus“. Der Stilbegriff wird weit gefasst: irgendwie Nachkriegsmoderne. So zeigt sich die Cantate Domino Kirche nach außen als hochgeschlossener weißer Kubus, nach innen als lichtdurchfluteter Gottesdienstraum mit gläserner Decke.

Doch neben Banken-Hochhäusern hat die Mainmetropole eine viel umfangreichere bemerkenswerte Kirchenlandschaft der Moderne zu bieten. Diese Werte hebt Friederike Rahn-Steinacker, Leiterin der Bauabteilung des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt, in einem Interview hervor: „Die Kirchen der 1960 [1960er] stehen meist wuchtig, eigenständig und solitär da und entfalten so eine moderne Symbolwirkung.“ Diese Schönheit erschließe sich heute teils erst auf den zweiten Blick. Bautechnisch komme man mit dieser Epoche bereits jetzt gut klar. „Aber große Probleme macht uns die Betonbauweise nicht.“ Die damit anklingende institutionelle Wertschätzung der Kirchbaumoderne lässt hoffen. Stand Frankfurt in den vergangenen Jahren doch vielfach eher durch Abrisse und stark verändernde Umbauten moderner Kirchen in den Schlagzeilen. (kb, 21.12.16)

Winterlandschaft mit Zeche

Albert Renger-Patzsch, Winterlandschaft mit Zeche Pluto in Wanne-Eickel, 1929 (© Albert Renger-Patzsch/Archiv Ann und Jürgen Wilde/VG Bild-Kunst, Bonn 2016)
Albert Renger-Patzsch, Winterlandschaft mit Zeche Pluto in Wanne-Eickel, 1929 (© Albert Renger-Patzsch/Archiv Ann und Jürgen Wilde/VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

2016 jährte sich zum 50sten Mal der Todestag des Industrie- und Sachfotografen Albert Renger-Patzsch (* 1897 Würzburg, + 1966 Wamel). Er zählt mit Karl Blossfeldt und August Sander zu den bedeutendsten Vertretern der Fotografie der Neuen Sachlichkeit. Renger-Patzschs sachlich klare Darstellungen von industriellen Objekten, Alltagsgegenständen und Architektur waren richtungsweisend für die Bildästhetik der Fotografie der Moderne und wirken bis heute nach.

Den Jahrestag zum Anlass nehmend, wird in der Pinakothek der Moderne in München die Ausstellung „Albert Renger-Patzsch. Ruhrgebietslandschaften“ aus den Beständen der Stiftung Ann und Jürgen Wilde gezeigt. Von 1927 bis 1935 nahm Albert Renger-Patzsch eine umfassende fotografische Serie von Stadtrand- und Haldenlandschaften, Vorstadtsiedlungen, Schrebergärten und Zechenanlagen im Ruhrgebiet auf. Diese Werkgruppe stellt eine der wenigen nicht auftragsgebundenen Arbeiten Renger-Patzschs dar. Mit ihrer zurückhaltenden Emotionalität und kompositionellen Klarheit stehen sie der zeitgleichen Malerei nahe. Rund 80 Jahre später sind Albert Renger-Patzschs Ruhrgebietsfotografien aktueller denn je. Sie geben einen visuellen Kommentar zur heutigen Diskussion um Urbanität, Zersiedlung und Umnutzung von Folgelandschaften. Die Ausstellung wird noch bis zum 23. April 2017 zu sehen sein. (kb, 21.12.16)

Bauhaus virtuell

Bauhaus-Materialien (Screenshot: www.harvardartmuseums.org)
Rechtzeitig vor dem großen Jubiläum hat das in Harvard verortete Gropius-Archiv seine Bauhaus-Materialien online gestellt (Screenshot: www.harvardartmuseums.org)

Dank der Stiftung des Architekten und weiterer Gaben aus der Familie und von Kollegen, beherbergt das Busch-Reisinger Museum heute das Walter-Gropius-Archiv: rund 3.000 Architekturzeichnungen, Drucke und Fotografien, die Leben und Werk von Gropius zwischen 1906 bis 1946 dokumentieren. Das Archiv umfasst u. a. fast 500 Zeichnungen aus der Zusammenarbeit mit Marcel Breuer in Cambridge von 1937 bis 1941 stammen. Aus diesem Schatz sind nun zahlreiche Arbeiten online einseh- und recherchierbar.

Bis 1927 wurde im Bauhaus keine Architekturkurse angeboten, dennoch waren Lehrer und Studenten hier bereits aktiv in die Gestaltung von Architektur eingebunden. Erst unter der Direktorenschaft von Hannes Meyer und im Anschluss unter Mies van der Rohe stieg die Bedeutung der Architektur. In der nun online einsehbaren Sammlung zeugen Zeichnungen von Bertrand Goldberg (aus seiner Zeit als Student bei Mies van der Rohe in Berlin) von dieser Entwicklung. Ebenso finden sich sprechende Beispiele für Ausstellungsarchitektur wie die Zeichnungen von Herbert Bayer für den Werkbund-Pavillon auf der Expo in Paris von 1930. In jedem Fall lohnt also die virtuelle Reise durch das frisch online gestellte Bauhaus-Material, um einen neuen unverhofften Eindruck von der architektonischen Seite der Künstlerschmiede zu bekommen. (kb, 20.12.16)

Das mR-Jahreshoroskop: So wird 2017!

Feuerzangenbowle (Bild: Wikipedia, Tobias Klenze, CC BY SA 4.0)
2017 geht es bei uns – auch – ums Essen und Trinken (Bild: Feuerzangenbowle, Wikipedia, Tobias Klenze, CC BY SA 4.0)

Der Nachkriegsmoderne steht ein weiteres bewegtes Jahr bevor. Bei moderneREGIONAL haben wir uns für 2017 wieder vier Themenhefte vorgenommen: Im Februar steht das Winterheft unter dem Schwerpunkt „Infrastruktur“ (Redaktion: J. Reinsberg), im Frühjahrsheft „Verdämmt und zugenäht“ (Redaktion: D. Bartetzko) widmen sich die Beiträge dem Umgang mit modernen Wandoberflächen. Für den Sommer besuchen unsere Autoren für das Heft „Käseigel“ (Redaktion: K. Berkemann) Orte des Essens und Trinkens, vom Restaurant über die Kantine bis zur Lebensmittelproduktion. Und nicht zuletzt haben wir uns für den Herbst eine/n Externe/n für ein „Kooperationsheft“ dazugebeten – wird gut und noch nicht verraten!

Bei moderneREGIONAL war 2016 von den ersten Schritten aus dem Digitalen ins Analoge geprägt: Im November stellten wir unser Fotospezial „Generation Beton“ auf der Denkmal-Messe in Leipzig vor. Für 2017 gehen die Vorbereitung zur ersten realen mR-Ausstellung weiter mit großen Schritten voran: „Klebhäuser“, zum Modellbau als Spiegel, Freiraum und Inspiration der Nachkriegsmoderne. Und das Moderne-Horoskop 2017? Wir sehen Abrisse und Sanierungen, ein zunehmendes Ergrauen der Betonoberflächen und der digitale Blätterwald orakelt: Der Brutalismus ist der Trend der Zukunft! Oder der Modernismus. Oder der Postmodernismus. (db/kb/jr, 19.12.16)

Große Pläne für Kassel

Große Pläne für Kassel (Bild: Schüren-Verlag)
Folckert Lüken-Isberner, der Autor von „Große Pläne für Kassel“, berichtete für mR schon über die Treppenstraße (Bild: Schüren-Verlag)

Die Stadtplanung Kassels verbindet man meist mit den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dem ambitionierten Wiederaufbau. Doch bereits lange vor den Bombardements existierten Pläne zur grundlegenden Umgestaltung der nordhessischen Großstadt. Der jüngst erschienene Band „Große Pläne für Kassel“ versammelt städtebauliche Utopien und Projekte für Kassel von der Zwischenkriegszeit bis zur Gründung der Bundesrepublik. Auf Grundlage wissenschaftlich bislang noch nicht ausgewerteter Quellen rekonstruiert er am Beispiel Kassel unterschiedliche Spielarten moderner Stadtplanung.

In den 1920er Jahren orientierte sich die Stadt an den Metropolenplanungen Europas. Die Städtebauer träumten von einem überregional bedeutsamen „Groß-Kassel“.  Während der NS-Herrschaft sollte Kassel dagegen zur mustergültigen Gauhauptstadt transformiert werden. Nach den ersten Bombardements entstanden bis 1949 verschiedene Konzepte für den Wiederaufbau. Fast allen Entwürfen gemein ist die Absicht des radikalen Neuaufbaus. Die historische Bebauung und der tradierte Stadtgrundriss fanden darin kaum Berücksichtigung. Die Begründungen für die Radikalität der Planungen variierten mit den politischen Rahmenbedingungen und reichten von der paneuropäischen, über die luftschutzgerechte bis zur modernen Stadt im technisch-funktionalen Sinne. (jr, 18.12.16)

Lüken-Isberner, Folckert, Große Pläne für Kassel. 1919 bis 1949. Projekte zu Stadtentwicklung und Städtebau, Schüren Verlag, Marburg 2016, 272 Seiten, 240 x 290 mm, ISBN 978-3-89472-297-5.

Modernism Today

Amsterdam, Westereindflat (Bild: Janericloebe, GFDL oder CC BY 3.0)
Am Tagungsort Amsterdam ist die Moderne schon angekommen: hier im Westereindflat (1957) (Bild: Janericloebe, GFDL oder CC BY 3.0)

Die 19. Modernist Studies Association Annual Conference, die vom 10. bis zum 13. August 2017 in Amsterdam stattfinden soll, steht unter dem Motto „Modernism Today“. Veranstalter sind die University of Amsterdam, das Stedelijk Museum Amsterdam, University of Groningen, die Utrecht University, das Commonwealth Center for the Humanities and Society, die University of Louisville, die Amsterdam School of Cultural Analysis, Onderzoekschool Literatuurwetenschap und das English Department
at Florida State University.

Unter dem Motto „Modernism Today“ geht es darum, die heutigen Bezüge und Anknüpfungspunkte zur Moderne – Film, Bildende Kunst, Architektur und anderen Aspekten moderner Kultur – herauszuarbeiten, verstand sich die Moderne doch selbst als nicht endende Forderung an die Gegenwart. Mögliche Themenvorschläge könnten sein: moderne Chronologien, Konzeptionen von Moderne heute, Kanonisierungsprozesse der Moderne u. v. m. Über diesen allgemeinen Aufruf hinaus wird speziell zu den Themen „Pre- and Postwar Art Movements“ und „Human Rights, Borders, and Displacements“ gesucht (Nachfragen an: Program Chair, Lisi Schoenbach, aschoenb@utk.edu, oder Chair of Interdisciplinary Approaches, Scott Klein, at klein@wfu.edu.). Bis zum 16. Dezember 2016 sind Vorschläge für Seminare und Workshops, bis zum 13. Januar 2017 für Panel, Roundtable und Digital Exhibition Proposals willkommen unter: MSA19Amsterdam@gmail.com. (kb, 17.12.16)