PORTRÄT: Essen, U-Bahn-Keramik

von Sebastian Bank (Heft 15/3)

Essen, U-Bahn, Keramikarbeiten (Bild: Sebastian Bank, 2015)
Seit dem 19. Jahrhundert beliebt an stark besuchten öffentlichen Orten, heute in der Essener U-Bahn wieder eine Seltenheit: glasierte Keramikfliesen (Bild: Sebastian Bank, 2015)

„Donnerwetter!“ titelte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung in den 1970er Jahren über die Essener U-Bahn. Und genau dasselbe dachte sich auch der Autor dieses Beitrags, als er auf Spurensuche ging. Denn von den keramischen Arbeiten der U-Bahnhöfe, die entlang der Essener Stammstrecke zwischen 1967 und 1981 von einheimischen Architekten gestaltet wurden, sind nur wenige erhalten. Von Paris bis London verwendete man Fliesen seit dem 19. Jahrhundert gerne im U-Bahnbau: Sie hielten die Feuchtigkeit von außen fern und schützten nach innen vor Spritzwasser. Außerdem war ihre Oberfläche durch hohe Brenntemperaturen sehr widerstandsfähig und einfach zu reinigen. In Essen jedoch ersetzte man die keramischen Arbeiten in den letzten Jahren im großen Stil – z. B. durch „zeitgemäße“ Fliesen.

 

Philharmonie/Saalbau: ein festlicher Empfang

Essen, U-Bahnhof "Philharmone/Saalbau" (Bild: Sebastian Bank, 2015)
Die Keramikarbeiten des Essener U-Bahnhofs „Philharmonie/Saalbau“ wurden annähernd originalgetreu wiederhergestellt (Bild: Sebastian Bank, 2015)

Als erster U-Bahnhof Nordrhein-Westfalens – noch vor Köln – wurde 1967 ein 551 Meter langer Teilabschnitt mit dem Haltepunkt „Philharmonie/Saalbau“ eingeweiht. Einzigartig für Essen, befindet sich die Station noch annähernd in ihrem originalen Zustand, denn die keramischen Platten wurden nach bauzeitlichen Vorbildern ausgetauscht. Dieser erste Teilabschnitt entstand in offener Bauweise, weshalb – verglichen mit dem niedrigeren Tunnelbohrverfahren – ein hoher Hallen-Bahnhof möglich wurde. Den langrechteckigen Raum gliedert eine zentrale Brücke, von der Treppenanlagen zu zwei einander gegenüberliegenden Bahnsteigen führen.

Während die Hauptwände großformatige Platten aus hellblau und cremefarben glasiertem Steinzeug tragen, wählte man an den Treppenaufgängen einen dunkelblauen Farbton. Die bauzeitlichen Platten weisen ein zeittypisches Craquelée auf, einige hellblaue Fliesen bestehen aus rotem, niedriger gebrannten Ton. Dabei muss es sich entweder um ausgewechselte Platten oder Prototypen des frühesten Bahnhofs handeln. Gestalterisch fallen besonders die Fliesen auf, die um die Ecke laufen.

 

Hauptbahnhof: Manta, Manta

Viele dürften den unterirdischen Teil des Hauptbahnhofs aus „Manta – Der Film“ (1991) kennen: Die lange Hetzjagd zwischen einer Blondine, einem VW Golf und einem Opel Manta endete für Letzteren in einer Vitrine der Passage. Ab 1998 wurden die weißen und cremefarbenen Steinzeugfliesen der 1977 eröffneten Station stufenweise entfernt und die Bahnsteige umgestaltet. Zum Kulturhauptstadtjahr 2010 schließlich erneuerte man die Passage der Verteilerebene.

Vereinzelt sind noch Fliesen erhalten, so im Aufgang „Freiheit“ südlich des Bahnhofs und in einem Nebengang der Verteilerebene. Dort fräste man aus bauzeitlichen Fliesen eine Baumform heraus. Auch in der restlichen Station finden sich Spuren: Die Platten wurden im Bahnsteigbereich abgeschlagen, die Wände gestrichen und farbig beleuchtet.

 

Berliner Platz: Verteilerebene für den Norden

Essen, U-Bahnhof "Berliner Platz", ausgewechselte Fliese im Bahnsteigbereich (Bild: Sebastian Bank, 2015)
Was passt nicht in die Reihe? Am Essener U-Bahnhof „Berliner Platz“ wurden einzelne Fliesen ersetzt (Bild: Sebastian Bank, 2015)

Im Jahr 1981 eingeweiht, zeigt die Station „Berliner Platz“ vor allem im Bahnsteigbereich äußerst qualitätvolle Fliesen mit orange- und bernsteinfarbenen Lauf- und Kristallglasuren. Zu ihrer Entstehungszeit hoch geachtet, gelten sie durch ihre Farbigkeit heute eher als altmodisch. In der Verteilerebene, die mit dem Neubau des europaweit größten innerstädtischen Kaufhauses in den 2000er Jahren vollkommen verändert wurde, finden sich nur noch selten keramische Arbeiten der späten 1970er Jahre.

Die bernsteinfarbenen Steinzeugplatten mit dunkler Kristallglasur und die vertikalen Streifen aus dunkelgrünen Fliesen prägen die Bahnsteige. Hier kann man auch sehen, wie schwer vergleichbare Platten heute herzustellen sind. Stammen die Fliesen nicht aus einer Lieferung, wird guter Ersatz unglaublich aufwändig und kostenintensiv, da z. B. eine bestimmte Brenntemperatur und -dauer eingehalten werden müssen.

 

Bismarckplatz: „Farbfieber e. V.“

Essen, U-Bahnhof "Bismarckplatz", abgeschlagener Fliesenspiegel im Gleisbereich, Kunstwerk farbfieber e. V. (Bild: Sebastian Bank, 2015)
In der Essener Station „Bismarckplatz“ übermalte „Farbfieber e. V.“ den sichtbar bleibenden abgeschlagenen Fliesenspiegel mit europäischen U-Bahnmotiven (Bild: Sebastian Bank, 2015)

Die 1977 eröffnete Haltestelle „Bismarckplatz“ besitzt einen langgezogenen niedrigen Bahnsteigbereich, der unter dem Ruhrschnellwegtunnel verläuft. Hier sieht man Arbeiten von „Farbfieber e. V.“: Der aus der „Wandmalgruppe Düsseldorf“ hervorgegangene Verein gestaltete die – vom keramischen Schmuck befreiten – Wände mit Motiven zur Stadt Essen oder europäischer U-Bahnen. Die Spuren der Keramikplatten jedoch sind unter der farbenfrohen Malerei weiterhin deutlich zu erkennen. An manchen Stellen verblieben die ursprünglichen weißen Fliesen in verschiedenen Größen im Versatz.

 

„Sobald wir der Wärme bedürfen“

Obgleich vom keramischen Gesamtkonzept der Essener Stammstrecke zumeist nur noch Überreste zu finden sind, zeugt die heutige abwechslungsreiche Gestaltung vom Umdenken der Planer. Vielleicht waren sie von den gleichen Motiven geleitet wie schon Friedrich Jaennicke, der 1902 zu keramischen Wandverkleidungen schrieb: „Ein gewisser Eindruck von Kälte, der dieselben charakterisiert, ist in unserem Geist so eng mit deren Erscheinung verknüpft, daß eine große Fläche dieser Art uns kalt anmutet, besonders sobald wir der Wärme bedürfen“.


Literatur

Eine Stadt bahnt sich den Weg. Eine Dokumentation. 20 Jahre U-Bahn-Bau in Essen, hg. von der Stadt Essen – U-Bahn-Bauamt in Zusammenarbeit mit dem Amt für Ratsangelegenheiten und Repräsentation, Werbe- und Verkehrsamt, Berlin 1986

 Euler, Margit, Studien zur Baukeramik von Villeroy & Boch 1869-1914, Diss., Bonn, 1994

Jaennicke, Friedrich, Die Farbenharmonie, Stuttgart 1902

 

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