PORTRÄT: Meine Kirchen

von Karin Berkemann (15/4)

Meine erste Kirche war unendlich groß, hatte warme Fenster und einen kalten Fußboden. Als Kindergottesdienstanfänger sollten wir nicht immer nur im Gemeindehaus singen und Collagen kleben. Wir sollten auch die „richtige“ Kirche kennenlernen. Zu Beginn erzählte der Alt-Pfarrer (dass es mein Großvater war, machte es nicht unbedingt besser) etwas zur Baugeschichte. Dann wurden wir (nicht von meinem Großvater) ermutigt, laut schreiend über die Bänke zu steigen. Um uns die „heilige Scheu“ auszutreiben. Hat funktioniert.

 

Unterm Zirkuszelt

Bad Sobernheim, Matthiaskirche, Kruzifix (Willi Hahn, 1966) vor den Chorfenstern (Georg Meistermann, 1965) (Bild: Karin Berkemann)
Der Sobernheimer Matthiaskirche brachten mein Großvater und Georg Meistermann (nicht ganz in dieser Reihenfolge) bis 1966 die Moderne bei (Bild: Karin Berkemann)

In dieser, meiner ersten Kirche (der Matthiaskirche in Sobernheim) war mir vieles fremd: Märchenhaft schienen verblasste Blumen und Köpfe in den Gewölben auf (Wandmalereien der Spätgotik). Ein wenig unheimlich setzte der vergoldete Ritter seine Füße schwer auf zwei Hunde (ein Grabdenkmal der Spätgotik). Und furchteinflößend litt der Gekreuzigte über dem Altar schwebend vor sich hin (eine Skulptur der Nachkriegsmoderne).

Doch waren da auch die vertrauten Dinge: Die schweren Holzstühle mit der geflochtenen Sitzfläche standen ähnlich um den heimischen Esstisch (dieselbe Möbelfabrik, ein Tipp meines Großvaters, der unsere mittelalterliche Kirche bis 1966 hatte komplett umgestalten lassen). Und die Kirchenfenster sahen aus wie das große Bild in unserem Wohnzimmer, das mit dem bunten Zelt (einer der seltenen kolorierten Fensterentwürfe von Georg Meistermann). Was Gott mit einem Zirkus zu tun hatte, blieb mir bei aller Bibelfestigkeit lange ein Rätsel (fast enttäuschend, dass es dann nur das „Zelt des Abraham“ meinte).

 

Kirche aus dem Koffer

Hamburg, Blick auf den Michel (Bild: K. Berkemann, 2014)
Alle Hamburger müssen jetzt ganz tapfer sein: Betrachtet man den Wiederauf-/Betonanteil, ist auch der (neu)barocke Michel eigentlich eine Nachkriegskirche – aber eine äußerst fotogene (Bild: K. Berkemann)

In den folgenden Wanderjahren hatten die Kirchen der wechselnden Wohn- und Studienorte kaum eine Chance, zur Heimat zu werden. Umso besser passte die hölzerne Kapelle in Bethel zum Lebensgefühl meiner ersten Semester. Die – so erzählte man sich – schweizerische Militärbaracke war über Umwege neben unserem Studentenwohnheim zu stehen gekommen. Ihre bestechende Vorläufigkeit bot den ersehnten Freiraum, den wir für experimentelle Andachten freudig mit Teelichtern und Batiktüchern füllten.

Die ersten (frei-)beruflichen Stationen brachten verschiedenste „Nebenwohnsitze“ – einer der schönsten lag in Hamburg. Auf vielen Streifzügen lehrte mich die Freie und Hansestadt, wie elegant moderner Kirchenbau sein kann. Mit einem Wermutstropfen, denn es waren die ersten Jahre der Fusionen, Aufgaben und Abrisse. Hinter mancher schönen Kirchentür („Was wollen Sie denn in meiner Kirche?“ „Beten?“) wartete ein schwermütiger, gar gebrochener Pastor, der sich bald ohne Kirche/Frau/Würde zurückbleiben sah.

 

Sone und solche Türme

Als das Kirchenanschauen/-bewerten zu meinem Beruf geworden war, galt ein Inventarisationsauftrag dem Mainmetropölchen. In der Schule hatte man uns noch vor den Frankfurtern gewarnt („Messerstecher“ war einer der freundlicheren Titel). Der bezahlte Blick in die Nachkriegskirchen jedoch führte mich zu äußerst liebenswerten südamerikanischen Marienorden, geistbewegten Eingeschworenen und bildungsbürgerlichen Vereinschristen. Viele von ihnen hatten sich in Frankfurt nach 1945 eine neue geistliche Heimat gebaut.

Frankfurt/Main, Matthäuskirche, 2009 (Bild: Melkom, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Die Frankfurter Matthäuskirche (noch) vor der Skyline (Bild: Melkom, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Und mit jedem dieser Kirchenräume wurde die Stadt auch zu meinem Lebensmittelpunkt. Zu einer Heimat, die sich stetig veränderte. Kaum drehte ich einer Straße den Rücken zu, war an die Stelle des Kirchturms ein Hochhaus getreten. In der Stadt der Händler und Banker wurde auch ein Kirchengrundstück schnell zum Spekulationsobjekt. Wem gehörte die Stadt, wem gehörten die Kirchen? Heute ertappe ich mich öfter dabei, in der nächtlich erleuchteten Skyline gar nicht erst nach Kirchtürmen zu suchen. Schont die Nerven.

 

Sakralretro?

Über meine nächste Kirche zu spekulieren, wäre müßig. Verkleinert sich doch die Auswahl durch Gebäudemanagement- und Wärmedämmkampagnen. So manche Kirchentür öffnet sich für „Fremde“ nur noch zögerlich. Selbst amtlich „offene“ Kirchen registrieren sehr genau, wer hier wann wie andächtig wird. Vielleicht hilft ein autobiographischer Retroanfall? Ich treibe die letzten Reste „heiliger Scheu“ aus meinen älter werdenden Knochen und steige schreiend über die nächstbesten Kirchenbänke? Natürlich nur in meiner Freizeit.

 

Rundgang

Sobernheim – Hamburg – Frankfurt (in einer völlig subjektiven Auswahl).

 

Literatur

Berkemann, Karin, Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945-76) (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 [zugl. Diss., Neuendettelsau, 2012].

Berkemann, Karin (Bearb.), „Baukunst von morgen!“ Hamburgs Kirchen der Nachkriegszeit, Ausstellungskatalog , Denkmalschutzamt Hamburg und Freie Akademie der Künste Hamburg, 6. September – 7. Oktober 2007, Freie Akademie der Künste Hamburg, hg. von der Kulturbehörde/Denkmalschutzamt Hamburg, München/Hamburg 2007.

Stribrny, Wolfgang (Bearb.), 1000 Jahre Matthiaskirche zu Sobernheim. 1000 Jahre christlicher Glaube an der mittleren Nahe, hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Sobernheim, Bad Sobernheim 2002.