Potsdam, Rechenzentrum, Mosaik (Bild: Peter van Heesen)

Potsdam: „Gott schütze dies Haus“

von Dina Dorothea Falbe

„Der Mensch bezwingt den Kosmos“ – moderner könnte ein Titel kaum sein, aus ihm sprechen Fortschrittsoptimismus und ein wenig Selbstüberschätzung. Wie der Begriff „Kosmos“ verrät, entstand er in der DDR. Das dazugehörige Wandmosaik von Fritz Eisel wurde 1971/72 in der Sockelzone des Potsdamer Datenverarbeitungszentrums angebracht. Seit das sogenannte Rechenzentrum als Kunst- und Kreativhaus wieder genutzt wird, ist auch das denkmalgeschützte Mosaik in Potsdam und darüber hinaus wieder sichtbar. Die baugebundene Kunst wurde nicht nur in einer Putzaktion vom Dreck der vergangenen Jahrzehnte befreit, sondern auch zum Markenzeichen der 2015 gegründeten Einrichtung erklärt und beispielsweise auf Postkarten gedruckt. Die neuen Nutzer identifizieren sich mit der Kunst, doch deren Zukunft bleibt ungewiss: Das Rechenzentrum soll abgerissen werden, denn es steht auf dem ehemaligen Grundriss der Garnisonkirche – d. h. eigentlich nur auf dem des Kirchenschiffs, dessen Wiederaufbau noch gar nicht sicher ist. Weg soll die ostmoderne Architektur trotzdem, wie andernorts in Potsdam. Warum eigentlich?

 

Warum eigentlich?

Martin Sabrow vom Potsdamer Zentrum für zeithistorische Forschung befürwortet den Wiederaufbau des Turms, aufgrund des „ästhetischen und architektonischen Ranges“ der Garnisonkirche. 1968 wurde deren Ruine gesprengt, 1969 begannen auf dem Grundstück die Baumaßnahmen für das Rechenzentrum. „Es ist bemerkenswert, dass die SED-Führung in den 1960er-Jahren ernsthaft annehmen konnte, dass der Verlust des Kirchenbaus von Philipp Gerlach wettzumachen sei durch einen fortschrittsverkörpernden Zweckbau“. Dies sei „befremdlich und zeittypisch zugleich“, meinte Sabrow im Juli gegenüber der Zeitung PNN.

Während Sabrow den Architekten der Garnisonkirche namentlich würdigt, bezeichnet er den Nachfolgebau als bloßen „Zweckbau“ der SED-Führung, ohne dessen Architekten und ihre Arbeit zu erwähnen. Diese Haltung entspricht dem Umgang der Stadt Potsdam mit ostmoderner Baukultur. So wird beispielsweise der Abriss des FH-Gebäudes am Alten Markt von der Stadt voran getrieben, trotz Kritik: Fachleute und verschiedene überregionale Medien weisen auf architektonische Qualitäten hin.

 

Rechenzentrum und FH

Ursprünglich hatte das Rechenzentrum eine ähnliche Fassadenstruktur wie das FH-Gebäude, beide wurden im Kollektiv unter Leitung von Sepp Weber entworfen. Trotz moderner Elemente wollten die Architekten mit der Fassadengestaltung der FH auch einen Orts- und Geschichtsbezug herstellen. Betonlisenen und ein Farbkonzept in Gelbtönen korrespondieren mit der benachbarten Nicolaikirche. Heute sind beide Gebäude in die Jahre gekommen, wurden aber auch nicht gepflegt. Die Wandvorlagen am Rechenzentrum hatte man schon vor Jahren entfernt, sodass hier die ursprüngliche Wirkung der Architektur nicht mehr zu erkennen ist. Kürzlich wurden auch die charakteristischen, sternförmigen Sonnenschutzelemente der FH entfernt – in Vorbereitung auf den Abriss.

Sabrow erscheint der Fortschrittsoptimismus der Nachkriegsmoderne befremdlich. Ebenso befremdlich erscheint anderen die Tilgung dieser Architektur zugunsten eines einheitlichen barocken Stadtbildes. Das Mosaik „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ steht als Symbol dafür, dass einige Potsdamer sich Vielfalt in der Baukultur und damit auch Nutzungsvielfalt in der Innenstadt wünschen. 250 Kreative nutzen und schätzen das Rechenzentrum seit 2015 als künstlerischen Freiraum. Mit generationsübergreifenden Kulturveranstaltungen ist aus dem „Zweckbau der SED-Führung“ ein Ort lebendiger Demokratie geworden. Der Bedarf an Räumlichkeiten für Kreative in Potsdam ist groß. Die Einrichtung finanziert sich selbst über Mieteinnahmen und möchte das Haus eigenständig sanieren. Die Stadt geht aber weiterhin vom Abriss aus. Anstelle des Rechenzentrums sollen die Kreativen alternative Räumlichkeiten in barocker Hülle beziehen.

 

Prominente Spender

Prominente Geldgeber haben schon andernorts in Potsdam barocke Rekonstruktionen ermöglicht, als nächstes nun die Garnisonkirche. Schon 2005 wurde der Grundstein gelegt. Bis heute konnte die Stiftung Garnisonkirche nicht genug Spenden für den Wiederaufbau sammeln. Zumindest mit dem Bau des Turms will man aber beginnen, bevor die Baugenehmigung ausläuft. 2013 sagte der Bund zwölf Millionen Euro zu. Die Stadt Potsdam stellt der Stiftung nicht nur das Grundstück zur Verfügung, sondern investiert auch aktuell 460.000 Euro in das Bauvorhaben. Am 29. Oktober 2017 feierte man nun den Baustart mit einem Gottesdienst.

Der Gebrauchsaspekt von Architektur spielt in der Debatte so gut wie keine Rolle. Der Begriff „Zweckbau“ wird geringschätzig verwendet, dabei ist die gute Nutzbarkeit des Rechenzentrums nicht nur aus Sicht der kreativen Nutzer ein wichtiger Aspekt – besonders wenn man den Vergleich zur Rekonstruktion der Garnisonkirche zieht: Hier geht es eben nicht darum, ein Stück deutscher Geschichte zu erhalten, sondern neu zu bauen. Dies soll auf dem Grundriss der verschwundenen Garnisonkirche und in Form dieser Kirche geschehen, ohne dass es für die vorgesehene Nutzung nötig wäre. Die evangelische Kirche braucht den zusätzlichen Raum nicht und eine Gedenkstätte könnte auch in anderer Form entstehen. Der Wiederaufbau in dieser Form kann also nur mit der symbolischen Bedeutung begründet werden. In was für ein Symbol wird nun also öffentliches Geld investiert?

 

Versöhnung womit?

Ein „Ort der Versöhnung“ soll die neue Garnisonkirche werden, sagen die Befürworter des Wiederaufbaus, und so wird auch die Förderung des Bundes begründet. Am „Tag von Potsdam“ haben sich Adolf Hitler und Paul von Hindenburg gewissermaßen „versöhnlich“ gegenübergestanden, indem sich der der neue Machthaber in die preußische Tradition stellte. Doch selbstverständlich soll der Neubau weder Symbol für preußischen Militarismus, noch für nationalsozialistische Machtfantasien sein. Von einer Versöhnung mit der DDR-Vergangenheit kann bei Verdrängung des Rechenzentrums allerdings auch nicht die Rede sein, stattdessen käme einmal mehr eine starke Kulturhierarchisierung zum Ausdruck. 2012 hatte Martin Sabrow in einem PNN-Artikel bereits festgestellt: Das rekonstruierte Stadtschloss, das seit 2014 als Brandenburger Landtag in Betrieb ist, weise „die noch stehen gebliebenen Bauwerke aus der SED-Zeit als Störfaktoren ohne weiteres Existenzrecht aus“.

Am „Tag von Potsdam“, so sagte der Historiker Heinrich August Winkler, hätten die Nationalsozialisten den „Mythos“ des „alten Preußens“ in Dienst genommen, „um ihrer Herrschaft den Schein einer noch höheren Legitimation zu verschaffen als jener, die sie am 5. März durch die Wähler empfangen hatten.“ Die Garnisonkirche diente also mehrfach als Symbol für den Mythos nationaler Einheit unter einer bestimmten Herrschaft. Nach der Kriegsniederlage wurden die Überreste des Kirchenbaus gesprengt. Ein neues Regime wollte den Bruch mit der „mythischen“ Vergangenheit und den Sieg des wissenschaftlich-technischen Weltbilds demonstrieren. Dafür steht im Wandbild die Formel „E = mc²“. Auch dieser symbolische Akt sollte ein einheitliches gesellschaftliches Ziel repräsentieren.

 

Drei Epochen, ein Standort

Der preußische, der nationalsozialistische und der Umgang der DDR mit der Garnisonkirche haben etwas gemeinsam. Der Philosoph Odo Marquard würde jeweils von einem „Mono-Mythos“ sprechen – „nur eine Geschichte haben dürfen“. Die Gewaltenteilung in der Bundesrepublik beruht laut Marquard jedoch darauf, dass mehrere gesellschaftliche Mythen koexistieren. „Mehrere Geschichten haben dürfen“ ist für ihn ein konstituierender Aspekt demokratischer Freiheit.

In diesem Sinne wäre das gleichberechtigte Nebeneinander von Rechenzentrum und Garnisonkirchenturm eine echte Geste der „Versöhnung“ unterschiedlicher „Geschichten“ und Interessensgruppen. Für das Nebeneinander machen sich die Nutzer des Rechenzentrums stark. Studierende der FH Potsdam zeigen in Entwürfen unter Anleitung des Potsdamer Architekten Michael Rosin, wie dieses Nebeneinander aussehen könnte. Übrigens spricht sich auch Martin Sabrow für das Nebeneinander aus, doch die politische Situation lässt derzeit nicht darauf hoffen. Von der Stadt kommt keine Unterstützung und auch die finanzielle Zuwendung des Bundes zu nur einer der beiden Interessensgruppen kann nicht als Gleichberechtigung gelten.

 

Wer reißt hier wen ab?

Nach dem ursprünglichen Zeitplan sollte der Wiederaufbau bereits in diesem Jahr fertiggestellt sein. Zum Glück wird jetzt erst begonnen, denn so bleibt Zeit zu diskutieren. Sollte der Bund zwölf Millionen Euro investieren, um den „kulturellen Rang“ der physisch nicht mehr vorhandenen Garnisonkirche zu demonstrieren? Oder kann unsere Gesellschaft demokratische Vielfalt in Form eines Nebeneinanders von Turm und Rechenzentrum wertschätzen? Der Bund könnte die Förderung zurücknehmen, weil das Verhalten von Stadt und Stiftung dem Projektziel „Versöhnung“ widerspricht. Martin Sabrow bezeichnet die Sprengung der Garnisonkirche als „kulturbarbarischen Akt“. Könnte man dasselbe nicht über einen möglichen Abriss des Rechenzentrums sagen? (14.11.17)

Potsdam, Rechenzentrum, Mosaik (Bild: Peter van Heesen)