1950er

Löhma-Munschwitz, ehem. Kneipp-Sanatorium (Bild: NoRud, CC BY-SA 4.0)

Keine Zukunft fürs Sanatorium

Seit 21 Jahren steht es leer, nun scheinen die Tage des Sanatoriums in Leutenberg-Löhma gezählt. Die Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) als Eigentümerin des 1958-60 errichteten Gebäudekomplexes hielt diesen lange, auf eine Neunutzung hoffend, in Schuss. Es gab auch Interessenten: So einen Herrn aus einem westlichen Nachbarland, der bei einer Versteigerung den Zuschlag erhielt, leider aber den Kaufpreis zu zahlen vergaß. Der Kaufvertrag wurde „rückabgewickelt“. Seit Wasser- und Stromversorgung des abgelegenen Gebäudes gekappt wurden, sind die Hürden für potenzielle Nutzer immens: Rund eine halbe Million Euro würde es kosten, das Areal wieder an die Energie- und Wasserversorgung anzuschließen. Dagegen wirkt der noch immer aufgerufene Kaufpreis von 65.000 Euro bescheiden.

Der Grund, warum jahrelang in die Instandhaltung investiert wurde: Im Abrissfall wäre das Grundstück nicht zu verwerten, nach heutiger Gesetzeslage dürfte hier nicht mehr gebaut werden. Nachdem immer wieder Interessenten abrückten, scheint die LEG aufgegeben zu haben: Mittlerweile verfällt der Bau, der noch über etliche Ausstattungsdetails der 1950er Jahre verfügt, zusehends. Nun lässt man eine Kostenschätzung für zwei Varianten erstellen: entweder Teilabriss bis auf die Grundmauern oder Total-Beräumung. Wenn nicht noch plötzlich jemand sein Portemonnaie öffnet, sind die Tage des Ostmoderne-Baus gezählt. (db, 21.4.17)

Löhma, Kneipp-Sanatorium (Bild: NoRud, CC BY SA 4.0)

Münsters modernes Theater

Muenster Stadtheater (Bild: Rüdiger Wölk, CC-BY-SA 3.0)
Münsters Stadtheater war der erste Theaterneubau der Bundesrepublik (Bild: Rüdiger Wölk, CC BY SA 3.0)

In Münster feiert derzeit der erste Theaterneubau der Bundesrepublik seinen 60. Geburtstag. 1954 begannen die Bauarbeiten in der Voßgasse, die ein modernes Bauwerk nach Plänen eines jungen Architektenteams vorsahen. Nachdem sich der Wiederaufbau der stark zerstörten Stadt in den ersten Nachkriegsjahren auf die Rekonstruktion historischer Bauten konzentriert hatte, entschied man sich mit dem Neubau für einen modernen Konterpunkt. Im Februar 1956 wurde das Haus mit Mozarts Zauberflöte eröffnet.

Das moderne Theater wurde auf den Trümmern eines im Zweiten Weltkrieg zerstörten Vorgängerbaus errichtet. Es entstand als Gemeinschaftsprojekt der Architekten Harald Deilmann, Max von Hausen, Ortwin Rave und Werner Ruhnau. Bei den Münsteranern sorgte der elegante Bau für Aufsehen. Das auskragende Foyer verlieh dem Zentrum der Stadt eine ungewohnte Mondänität, der Innenraum ist mit seiner Vielzahl an von der Decke hängenden Leuchten bis heute einmalig. In den 1970er Jahren wurde das Theater um einen Sichtbeton-Annexbau erweitert. (jr, 5.3.16)

Pforzheim ruft!

Pforzheimer Stadtrundgänge, 50er (Bild: Kulturamt Pforzheim)
Auf den Spuren der 1950er und 1960er Jahren in Pforzheim (Bild: Kulturamt der Stadt Pforzheim)

Der Winter neigt sich langsam dem Ende zu. Unser Geheimtipp für einen alternativen Osterspaziergang: ein Ausflug ins Pforzheim der Nachkriegsmoderne! Die im Krieg stark zerstörte Stadt wurde beim Wiederaufbau grundlegend umgestaltet und kann daher heute unter anderem mit Bauten von Egon Eiermann und Otto Bartning aufwarten. Das Kulturamt der Stadt hat dieses architektonische Erbe als Teil der städtischen Identität erkannt und einen „Architekturführer Nachkriegsmoderne“ herausgegeben. Erst vor kurzem endete eine umfangreiche Ausstellung im Stadtmuseum, die sich mit dem Wiederaufbau der Stadt befasste.

Das Heft präsentiert die baulichen Highlights der 1950er und 1960er Jahre. Es organisiert nachkriegsmoderne Bauten wie den Hauptbahnhof, den Goldnen Adler oder das technische Rathaus zu einem Rundgang durch Pforzheims Innenstadt. Auch Bauten in den Vororten der Stadt werden präsentiert. Der Architekturführer wurde vom städtischen Denkmalpfleger Christoph Timm verfasst und ist in der Reihe „Pforzheimer Stadtrundgänge“ erschienen. Wer sich nicht mit den Bauten der Nachkriegsmoderne begnügen möchte, findet hier auch Architekturführer zum Pforzheimer Art déco oder zum Reuchlinghaus. (jr, 3.3.16)

Frankfurt in den Fünfzigern

Frankfurt, Eschersheimer Turm um 1955 (Bild: Institut für Stadtgeschichte FFM)
Schick, schick: der Eschenheimer Turm in Frankfurt, gerahmt von eleganter Nachkriegsmoderne (Bild: Institut für Stadtgeschichte FFM)

Angesichts des Furors, mit dem man in Frankfurt am Main gegen das bauliche Erbe der 1950er Jahre vorgeht, überkommt Liebhaber der Nachkriegsmoderne beim Betrachten zeitgenössischer Fotografien oft die Wehmut. Die Trümmer der zerstörten Innenstadt wurden abgeräumt und moderne Bauten erhoben sich bald an allen Ecken. Das Bayer-Haus am Eschenheimer Turm (1952) zählt zu den herausragenden Beispielen jener Zeit, in der die verkehrsgerechte Stadt nach amerikanischem Vorbild der Maßstab war. Doch die Eleganz der Nierentisch-Ära ließ trotz breiter Straßen keinen Moloch am Main entstehen.

Das Institut für Stadtgeschichte (Münzgasse 9, 60311 Frankfurt am Main) präsentiert nun mit der Ausstellung „Schauplätze. Frankfurt in den 50er Jahren“ Bilder aus einer Stadt, deren sichtbare Kriegswunden allmählich schwanden. Und nicht nur die Gebäude spielen die Hauptrolle, auch das Lebensgefühl und der Aufbruch in eine neue (Konsum-) Welt werden noch einmal erlebbar. Ebenso, welch Stadtbild die Hessenmetropole schon längst wieder verloren hat … Die Schau läuft bis zum 6. November, es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm sowie Sonderführungen. (db, 29.2.16)

Schlusspfiff im Ludwigspark

Ludwigsparkstadion_Saarbrücken_(Bild: Sascha Brück,CC-BY-SA 3.0)
Das Ludwigsparkstadion mit seinen charakteristischen unüberdachten Stehplätzen (Bild: Sascha Brück, CC-BY-SA 3.0)

In Saarbrücken geht es dem Ludwigsparkstadion an den Kragen. Die 1953 eröffnete Sportarena wird bis 2018 umfassend „saniert“  –  tatsächlich bedeutet dies einen weitgehenden Abriss. Lediglich die Gegengerade und die historische Stadionuhr sollen in den geplanten Neubau integriert werden. Für einzelne historisch interessante Versatzstücke – die Bänke stammen etwa teils noch aus den 1950ern –  ist zu einem späteren Zeitpunkt zudem eine Versteigerung geplant. Für den Ludwigspark bedeutet die Maßnahme eine Schlankheitskur: er wird zu einem reinen Fußballstadion mit deutlich reduzierter Zuschauerkapazität (16.000 statt 35.000 Zuschauer) umfunktioniert.

Tatsächlich hat das Stadion seine großen Tage hinter sich. Zu den Spielen der Heimmannschaft, des momentan viertklassigen 1. FC Saarbrücken, kommen selten mehr als 5000 Zuschauer, auf den unüberdachten Stehplätze wuchert das Unkraut. Doch das war nicht immer so: 1954 war das Stadion Austragungsort eines WM-Qualifikationsspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen das damals unabhängige Saarland. 53 000 Zuschauer drängten in das überfüllte Stadion, um eine 1:3-Niederlage gegen den späteren Weltmeister zu sehen. (jr, 15.2.16)

Frankfurts Fünfziger

Der Architekturführer porträtiert 10 Jahre Frankfurter Baugeschichte (Bild: Niggli-Verlag)
Der Architekturführer porträtiert 10 Jahre Frankfurter Baugeschichte (Bild: Niggli-Verlag)

2014 begann man mit dem Abriss des historischen Gebäudes der Oberfinanzdirektion in Frankfurt am Main. Es stand sinnbildlich für die Frankfurter Nachkriegsarchitektur und das Selbstverständnis der Stadt in der jungen Bundesrepublik. Seit Anfang dieses Jahres ist es verschwunden. Der jüngst erschienene Architekturführer „Frankfurt 1950-1959“ garantiert ihm jedoch ein Nachleben – genau wie neun weiteren Frankfurter Ikonen der Nachkriegsarchitektur.

Das von Wilhelm Opatz und dem Deutschen Werkbund Hessen herausgegebene Buch porträtiert stellvertretend für jedes der Jahre 1950 bis 1959 ein herausragendes Frankfurter Bauwerk in Text und Bild. Dabei widmet es sich neben der Oberfinanzdirektion unter anderem der Kleinmarkthalle, dem Junior-Haus, der Herz-Marien-Kirche oder auch einem markanten Wohnhaus im Oeder Weg, das durch seine mit gelbem Klinker verkleideten Balkone vom Sehen her wohl jedem Frankfurter bekannt ist. Die Porträts werden von Aufsätzen von Astrid Hansen, Dieter Bartetzko, Stefan Timpe, Lore Kramer u. a. begleitet. Der Band bildet den Auftakt einer Reihe, die auch die folgenden Frankfurter Jahrzehnte und ihre Architektur in den Blick nehmen möchte. (jr, 7.2.15)

Deutscher Werkbund Hessen/Wilhelm Opatz (Hg.), Frankfurt 1950-1959. Architekturführer. Niggli Verlag, Zürich 2014, ca. 160 Seiten, 60 Abbildungen ISBN 978-3-7212-0906-8.

Graue Architektur

Graue Architektur (Bild: Walther König)
Graue Architektur (Bild: Walther König)

Wiederaufbau fand nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur auf den amtlich dafür vorgesehenen Wegen statt. Jenseits von Genehmigungsprozessen und Geschmacksurteilen wurde vielerorts ganz einfach gebaut – „graue Architektur“, wie sie Benedikt Boucsein in seinem gleichnamigen Buch nennt. Der Schweizer Architekt spürt den Entwurfsprinzipien hinter diesen scheinbar wild gewachsenen Bauten nach. Am Beispiel der Essener Innenstadt zeichnet er zugleich eine Geschichte des „Wiederaufbaus von unten“.

Boucsein würdigt damit eine Leistung, die nach dem Krieg unter großem Zeit- und Finanzierungsdruck entstand. In ganz eigener Weise verbanden diese Bauten traditionelle und moderne Formen. Ihre Besonderheiten zeigt die Publikation sowohl mit historischen Materialien als auch mit rund 50 aktuellen Architekturfotografien aus Essen, Düsseldorf und Köln. Der Leser gewinnt so nicht allein neues baugeschichtliches Wissen. Darüber hinaus gibt Boucsein auch Architekten und Denkmalpflegern eine Entscheidunghilfe für eine Baugattung, die uns in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen wird. (kgb, 9.7.14)

Benedikt Boucsein, Graue Architektur. Bauen im Westdeutschland der Nachkriegszeit, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2012, 172 Seiten, 25 x 20 cm, ISBN 978-3865607614.