Abriss

Offenburg, Sparkasse (Bild: Daniel Bartetzko)

Abräumen in Offenburg

Die derzeitige Hauptargumentation für flächendeckende Abrisse ist ja, dass man einen geschlossenen Block „der Öffentlichkeit zurückgeben“ wolle. Statt Randbebauung gibt’s dann Passagen oder kleine Straßen mittendurch – was ja auch nicht die schlechteste Idee ist. In Offenburg macht es derzeit die Sparkasse vor: Hier fällt derzeit die alte Zentrale inklusive mehrerer Wohn- und Geschäftshäuser und eines Garagenhofs. Die gründerzeitliche Stadthalle, die ebenfalls auf dem Areal steht, bleibt (nach Bürgerprotesten) vom Komplettabriss verschont, wird aber völlig umgestaltet und teils neu gebaut. Auf dem 12.500 Quadratmeter großen Gesamtareal wird das Rée-Karré entstehen, das auch eine Erweiterung der angerenzenden Fußgängerzone sein soll.

Die Planung hat das Darmstädter Büro Kramm & Strigl übernommen, es werden „die üblichen Verdächtigen“ errichtet: ein Mix aus Wohnen, Büros und Geschäften. Farblich in ocker und beige gehalten, aufgelockert durch gezackte Dächer. Als Investor tritt die der Halaba angegliederte OFB Projektentwicklung auf, die als Fertigstellungstermin fürs Rée-Karré das erste Quartal 2019 avisiert hat. Derzeit kann man noch letzte Blicke auf das alte Sparkassen-Gebäude samt begrünter Tiefgarage an der Gustav-Rée-Anlage 1 werfen, das Mitte Juni mit einer Abriss-Party verabschiedet wurde – und (noch) als Beweis dient, dass früher doch manches Besser war…  (db, 22.9.17)

Offenburg, Sparkasse (Bild: Daniel Bartetzko)

Bitterfeld, Kulturpalast (Bild: Joeb07, CC0)

Abrissantrag für Kulturpalast

Im Jahr 2013 hat die Gelsenwasser AG den Chemiepark Bitterfeld Wolfen gekauft. Zum Areal gehört auch der 1952-54 nach Plänen von Alfred Dienst errichtete Kulturpalast. 2004, zum 50-jährigen Jubiläum, wurde der er nach einjähriger Sanierung durch den damaligen Betreiber des Chemieparks wiedereröffnet: Die Stadt Bitterfeld konnte die Sanierungskosten nicht selbst tragen. Mit dem denkmalgeschützten Bau, der zum Zeitpunkt des erneuten Besitzerwechsels vor vier Jahren in voller Nutzung war, konnte (und wollte) die Gelsenwasser AG aber offenbar wenig anfangen: Sukzessive wurde das Gebäude geräumt, seit 2016 steht es leer. Welche Pläne man mit dem DDR-Denkmal hatte, war unklar – nicht aber, dass die mittlerweile als Chemieparkgesellschaft firmierenden Besitzer es als Altlast empfanden.

Nun ist raus, was viele bereits vermuteten: Die Chemieparkgesellschaft hat nach Informationen der Mitteldeutschen Zeitung einen Abrissantrag gestellt. Man wolle den Bau „nicht weiter besitzen und betreiben“, so Chemiepark-Geschäftsführer Patrice Heine. Allerdings sei es nicht das alleinige Ziel, den Kulturpalast abzureißen. Es bestehe auch die Möglichkeit, dass jemand anderes der neue Besitzer werde. Hauptgrund, den Bau mit insgesamt 1150 Sitzplätzen loszuwerden, ist offenbar schlicht das Geld. Laut der Chemieparkgesellschaft müsse jedes Wochenende eine ausverkaufte Veranstaltung stattfinden, um kostendeckend zu arbeiten. Davon träumen freilich die meisten deutschen Kulturhäuser…   (db, 11.9.17)

Kulturpalast Bitterfeld (Bild: Joeb07, CC0)

Frankfurt am Main, IBM-Haus (Bild: Thomas Mies, Frankfurt am Main)

IBM-Haus Frankfurt wird abgerissen

Gerade erst wurde das Werk des Architekturbüros Apel, Beckert & Becker (ABB) in einer Fotoausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt gewürdigt, da fällt eines ihrer Gebäude: Die ehemalige IBM-Verwaltung 6, von 1961 bis 1963 erbaut und seit rund 20 Jahren nicht mehr genutzt, macht einer Wohnanlage Platz. Bereits vor zwei Jahren fielen die Flachbauten auf dem Gelände, das Hochhaus überdauerte die Zeit wohl nur, da die Tiefgarage im Untergeschoss noch bis vor Kurzem genutzt wurde.

Der Bau mit den charakteristischen Fensterstreifen und der Waschbetonfassade war bis 1986 IBM-Sitz und wurde zeitgleich mit dem direkt gegenüber liegenden Hotel Interconti (ebenfalls von ABB) errichtet. Unter Denkmalschutz stand er nicht, den Abbruch aller auf dem Grundstück befindlichen Gebäude will der Investor Ende 2017 abgeschlossen haben. Unter dem Namen „The Inbetween“ sollen nun 160 Wohnungen und ein Boardinghaus mit 50 Appartements entstehen, bis Anfang 2019 soll das Projekt fertiggestellt sein. Warum das funktionalistische IBM-Haus, das sich für Appartements bestens geeignet hätte, nicht einbezogen wird, erschließt sich beim Blick auf die Visualisierung des Neubaus: einer beigen, kistenförmigen Blockrandbebauung mit Klinker-Sockelgeschoss. Willkommen in der „Stadtreparatur“ … (db, 15.8.17)

Frankfurt am Main, IBM-Haus (Bilder: Thomas Mies, Frankfurt/flickr, miez!)

London, Southwark Station (Bild: Adam Smith, CC BY SA 2.0)

Wird Southwark Station abgerissen?

London gehört zu den europäischen Metropolen, die sich rasant verändern. Wohnen ist teuer, Baustellen in der Tube werben damit, dass der Transit nach dem Umbau „noch schneller“ stattfinden kann. Als in den späten 1990er Jahren die Fortführung der Jubilee Line gebaut wurde, hatte Sir Richard MacCormac – der Architekt der Southwark Station – ein zukünftiges Wachstum mit eingeplant: Bis zu 11 Stockwerke könnten über der Tickethalle errichtet werden, ohne dass die Fundamente Probleme bereiten. „Transport for London“ (TfL), die Dachorganisation, die den Transport in London koordiniert, wollte allerdings viel höher bauen und damit das attraktive Grundstück maximal ausnutzen, wie die „Times“ mit schönen Architekturbildern berichtet.

Die direkt dem Londoner Bürgermeister unterstehende TfL hatte Kulturministerin Karen Bradley gebeten, die erhaltungswerten Bahnhofsbauten auf der Linie zu benennen. Southwark Station erhielt keinen Denkmalstatus, obwohl die Gestaltung nach der Fertigstellung mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet worden war. Die Twentieth Century Society, die die Prüfung der Denkmalwürdigkeit angeregt hatte, möchte die Pläne zum Abriss der Tickethalle nicht ohne weiteres hinnehmen und will nun juristische Schritte prüfen. Das geltende Denkmalrecht erschwert Gebäuden, die jünger als 30 Jahre sind, die Aufnahme in die Denkmalliste. Vielleicht kann eine engagierte Öffentlichkeit helfen? (df, 12.8.17)

London, Southwark Station (Bild: Adam Smith, CC BY SA 2.0)

Berlin, Volksbank (Bild: Jochen Teufel, CC BY-SA 3.0)

Volksbank Berlin: Der Abriss läuft

Es erschreckt noch immer, dass auch Gebäude mittlerweile zu Verbrauchsartikeln erklärt worden sind. Und wir sprechen nicht von einem Behelfspavillon für irgendeine Gartenschau, sondern von einem repräsentativen und aufwendig konstruierten Bürogebäude der Postmoderne, das zudem auch noch an einem städtebaulich markanten Ort steht: Seit einigen Wochen läuft der Abriss des erst 1985 fertiggestellten Volksbank-Hauses am Berliner Olof-Palme-Platz. Errichtet wurde es nach Plänen von Pysall, Stahrenberg und Partner für die Grundkreditbank, die später in der Volksbank aufging. Nachdem das Geldinstitut die Immobilie Ende 2014 an ein Konsortium aus drei Unternehmen verkauft hatte, erwarb sie im August 2016 der milliardenschwere Finanzier Barings „für einen von ihr beratenen institutionellen Investor„.

Das PoMo-Gebäude müsse nun weichen, da es in seiner Aufteilung sehr speziell und nur für den bisherigen Nutzer maßgeschneidert sei – so Armand Grüntuch von Grüntuch Ernst Architekten. Nach Entwürfen seines Büros soll an seiner Stelle ein 60 Meter hoher Turm entstehen, der den „Altbau“ mit dem hinreißend geschmacksunsicheren Entree ersetzt. Bereits seit einigen Jahren war diskutiert worden, ob das Volksbank-Haus aufgestockt werden könne; Planungen wurden aber aufgrund des großen Aufwands verworfen. Und so fällt ein weiteres, markantes Stück West-Berlin der späten Vorwendejahre. (db, 30.6.17)

Berlin, Volksbank (Bild: Jochen Teufel, CC BY SA 3.0)

Biblis, AKW, Block A (Bild: Peter Stehlik, CC BY SA 3.0)

Atomkraft? Nein Danke!

Obacht mit der Atomkraft: Manchmal fällt ein Brennstäbchen runter. Dann heißt es rennen. Doch wo wird da eigentlich hingerannt …? Das hätte die ruhmreiche Wiesbadener Anarcho-Combo Crackers schon 1984 gerne gewusst. Nun müssen sich die Herren nicht mehr den Kopf zerbrechen: Seit Anfang Juni wird das hessische Atomkraftwerk Biblis abgerissen. In Betrieb genommen wurde es nach sechsjähriger Bau- und Erprobungszeit im Februar 1975, als der Block A ans Netz ging. Die Skepsis gegenüber der Atomenergie war seinerzeit noch geringer. Als 1977 der Block B eingeweiht wurde, mehrten sich die kritischen Stimmen bereits. Der Betreiber RWE hatte bereits Antrag auf Errichtung zweier zusätzlicher Blöcke gestellt.

Zu Hochzeiten der Umwelt- und Friedensbewegung wurde der „Block C“ zum Anti-Atom-Symbol – obwohl er nicht zuletzt aufgrund anhaltender Proteste nie gebaut wurde. Am 6. August 2011 wurde das AKW Biblis nach der Fukushima-Katastrophe abgeschaltet und schließlich stillgelegt. Sein Abriss wird rund 15 Jahre dauern, 78 Castor-Behälter stehen für den radioaktiven Müll bereit. Das hessische Umweltministerium als Aufsichtsbehörde hatte Ende März die Abbruchgenehmigung erteilt. Dagegen hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof geklagt. Die Bagger rückten dennoch an. Ach ja, die Crackers sind 2012 auch in Ruhestand gegangen … (db, 26.6.17)

Biblis, AKW, Block A (Bild: Peter Stehlik, CC BY SA 3.0)

Köln-Rodenkirchen, Bezirksrathaus (Bild: Willy Horsch, CC BY 2.5)

Aus fürs Rathaus Rodenkirchen

Eigentlich war der Abbruch des Bezirksrathauses Köln-Rodenkirchen schon seit Langem geplant, doch mit jedem Jahr, das der nach wie vor genutzte Bau unberührt überstand, stieg vermeintlich die Hoffnung auf Erhalt: Die Architektur des Brutalismus erfreut sich längst wieder wachsender Beliebtheit, und das achtgeschossige Gebäude ist ein nahezu unberührter Vertreter jener Ära. Der damalige Stadtkonservator Krings hatte zwar bereits 2005 den Denkmalschutz abgelehnt, doch ist seither einiges Wasser den Rhein herabgeflossen. Was damals galt, könnte man ja heute noch einmal prüfen … Nun aber ist es wohl endgültig aus, denn das Rathaus Rodenkirchen ist nach Aussage der Städtischen Gebäudewirtschaft Köln mit PCB und Asbest belastet. Bis 2020 soll es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden.

Das Rathaus im bis 1975 noch eigenständigen Rodenkirchen wurde 1966/67 nach Plänen des Architekten Walther Ruoff (1914-1991) errichtet und kurz nach Fertigstellung mit dem Architekturpreis der Stadt Köln ausgezeichnet worden. Insbesondere die Bürgervereinigung Rodenkirchen setzt sich seit Jahren für den Erhalt ein – nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus bauhistorischen Gründen. Der Antrag auf Denkmalschutz kam seinerzeit ebenfalls von der Bürgervereinigung. (db, 17.5.17)

Köln, Rathaus Rodenkirchen, 2007 (Bild: Willy Horsch, CC BY SA 2.5)

Kiel_Woolworth_2013_Copyright_Jan_Petersen

Postmoderne-Schwund in Kiel

Was haben Frankfurt am Main und Kiel seit wenigen Wochen gemeinsam? In beiden Städten wurden postmodernistische Kaufhäuser aus den 1990ern abgerissen. In der Hessen-Metropole fiel vor einigen Monaten die 1994 fertiggestellte Zeil-Galerie, im hohen Norden fällt gerade das Woolworth-Haus am Berliner Platz (1991/92) in Schutt und Asche. An Stelle des zeittypisch verspielten, wellenförmig geschwungenen Baus wird demnächst gehobene, wie üblich beige Investorenarchitektur treten. Woolworth hat sein Domizil Mitte 2015 geräumt; in den Neubau, den der Duisburger Projektentwickler Fokus Development errichten lässt, zieht die (nicht unumstrittene) Textilkette Primark ein.

Das Woolworth-Gebäude entstand nach Plänen des Büros Detlefsen + Figge, nachdem im April 1990 der Vorgängerbau einem Brand zum Opfer fiel. Der Abriss des Granitverkleideten Postmoderne-Kaufhauses nach nicht einmal 30 Jahren missfällt dem einstigen Planer ausgesprochen: Auf die Frage der Kieler Nachrichten, wie ihm angesichts des nun bevorstehenden Abrisses zumute ist, antwortete Norbert Figge knapp „Das tut richtig weh.“ Besonders schmerzlich sei nicht nur, dass ein intaktes Gebäude nach vergleichsweise kurzer Zeit aus dem Innenstadtbild verschwinde, sondern  vor allem der Umstand, dass nichts Besseres nachkomme. Dem ist nichts hinzuzufügen. (db, 13.5.17)

Woolworth Kiel 2013 (Bild: Jan Petersen)

Olpe: Rathaus abgewählt

Olpe: Rathaus (Bild: Donald Townsend, CC-BY-SA 2.5)
Hat die Mehrheit gegen sich: das Olper Rathaus (Bild: Donald Townsend, CC BY SA 2.5)

Im sauerländischen Olpe entschieden die Bürger dieser Tage über ihr Rathaus; und das ist nicht metaphorisch gemeint. Das sanierungsbedürftige Hochhaus aus den 1970ern war Gegenstand eines Bürgerentscheids. Sanierung oder Neubau, diese Frage stand bereits seit 2011 im Raum. Eine klare Mehrheit sprach sich nun gegen die Sanierung aus, das Schicksal des Verwaltungsturms scheint damit besiegelt. Während an anderer Stelle ein Neubau entsteht, soll das alte Rathaus abgerissen werden.

„Wir dürfen damit rechnen, daß auch künftige Generationen mit uns der Ansicht sind, ein für unsere kommunale Selbstverwaltung in Größe, Gestaltung und Funktionsfähigkeit geziemendes Haus errichtet zu haben.“ war sich der damalige Bürgermeister Alfred Enders zur Eröffnung im Jahr 1978 noch sicher. Das Votum dieser Generationen fiel nun großteils anders aus, 63 Prozent stimmten gegen das monumentale Bauwerk mit der markanten, aufgestelzten Sockelzone. Es war nach Entwürfen des Büros Allerkamp in den Jahren 1975-77 errichtet worden und wirkte auch als städtebauliche Dominante. Die Leitlinien für die künftige Stadtentwicklung liegen noch nicht fest. (jr, 9.4.17)

Adieu Garagenhof …

Frankfurt a.M., Kölner Straße (Bild: Daniel Bartetzko)
Die Gentrifizierung ist am linken Bildrand gestartet und wird demnächst die Mitte erreichen. (Bild: Daniel Bartetzko)

Eine ehemalige Tankstelle aus den 1950ern, dahinter ein Garagenhof, der teils noch aus den 1930er Jahren stammt – das Ganze auch noch in pittoresk-romantischem Verfallsstadium: Schöner kann kein Hinterhof-Klischee erfüllt werden. Das Gebäudeensemble zwischen Kölner und Emser Straße im Frankfurter Stadtteil Gallus war nicht umsonst mehrfach Kulisse für Fernsehkrimis wie „Ein Fall für zwei“ und „Tatort“. Und wie dieses angeschrummelte Idyll bis 2017 nahezu unberührt überdauern konnte, gehört zu den urbanen Rätseln der Hessenmetropole. Aber nun ist es damit auch vorbei: Die Bagger sind angerückt und schaffen Platz für ein Eigentumswohnungs-Projekt mit dem klangvollen Namen „The Link“.

So unfreiwillig klischeehaft der Garagenhof irgendwann war, so klischeehaft gerät auch die aktuelle Situation: Das Areal gehört schon seit einigen Jahren nicht mehr zum Gallus, sondern heißt jetzt „Europaviertel“. Und als wolle man den Begriff Gentrifizierung besonders anschaulich erklären, mussten Kleingewerbetreibende und Moped-Bastler ihr Idyll zugunsten eines Investoren-Projekts mit modisch-überkandideltem Namen verlassen. Das, was an Stelle der raren historischen Kfz-Anlage entsteht, wäre angesichts seiner Gewöhnlichkeit eigentlich auch keinen „Link“ wert. Die entstehende Gebrauchsarchitektur macht den Verlust einer charmanten Schmuddelecke nur noch bedauerlicher … (db, 3.4.17)