Arne Winkelmann

"Frauen Bauen" (Bild: Antaeus Verlag)

Frau Architekt für Kinder

Im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt beleuchtet die Ausstellung „Frau Architekt“ seit einigen Tagen das Werk ausgewählter Architektinnen. Wenngleich viele Namen den  Besuchern unbekannt sein dürften, versammelt die Schau eine Vielzahl qualitätvoller Bauten. Neben dem umfassenden Katalog erscheint begleitend zur Ausstellung das Buch „Frauen Bauen“, das besonders Kindern Leben und Werk bedeutender Architektinnen näher bringen soll.

Der reich bebilderte Band stellt 12 Architektinnen sowie ihr jeweils bekanntestes Bauwerk vor.  Neben Zaha Hadid und dem Wissenschaftszentrum phaeneo in Wolfsburg, Gae Aulenti und dem Musée d‘ Orsay sowie Margarete Schütte-Lihotzky und ihrer Frankfurter Küche kommen auch so exotische Architektinnnen wie Galina Balaschowa zu ihrem Recht – die russische Baumeisterin zeichnete für die Innengestaltung sowjetischer Raumschiffe verantwortlich. Neben Fotografien erfüllen liebevolle Illustrationen die Architektenporträts mit Leben. So steht etwa ein gezeichnetes Alter Ego von Schütte-Lihotzky in ihrer Frankfurter Küche und verkündet stolz per Sprechblase die Größe des Raumwunders: „Nur 6,6 Quadratmeter!“ (jr, 8.10.17)

Winkelmann, Arne / Kahane, Kitty, Frauen Bauen. Kinder entdecken Architektinnen, antaeus Verlag, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-9810809-9-5 .

FACHBEITRAG: Pionierlager Artek

von Arne Winkelmann (16/2)

Pionierlager Artek, "Lager Meer", 1967 (historische Abbildungsvorlage)
Der Traum vieler Jugendlicher des Ostblocks: das Pionierlager Artek („Lager Meer“, 1967, Bildquelle: Polianski, A. T., Artek, Moskau 1966)

Das Pionierlager Artek an der Südküste der Krim war der Traum vieler Jugendlicher in der früheren Sowjetunion und den anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks. Jeder Junge Pionier wünschte sich, einmal einen Urlaub im „Allunions-Pionierlager Vladimir Il’ič Lenin“ am Schwarzen Meer zu verbringen und mit Kindern aus der ganzen Welt Bekanntschaft zu machen. Artek war nicht nur die größte Einrichtung ihrer Art, sondern auch die älteste und bekannteste. 1925 gegründet, wurde es zu Beginn der 1960er Jahre unter Chruščëv weitreichend ausgebaut. Die Bauleitung rüstete Artek zu einer internationalen Begegnungsstätte auf, um einen neuen politischen Kurs zu vermitteln: „friedliche Koexistenz“, „äußere und innere Öffnung“ sowie sozialer und technologischer Fortschritt. Innerhalb weniger Jahre wurde das Lager systematisch aus- und umgebaut und die Besucherkapazität somit von 1.500 auf 8.000 Betten mehr als verfünffacht.

 

Baukastensystem

Pionierlager Artek, Baukastensystem
Pionierlager Artek, Baukastensystem des Kollektivs um Anatolij Polianskij (Bildquelle: Polianski, A. T., Artek, Moskau 1966)

Ein junges ArchitektInnenenkollektiv um Anatolij Polianskij hatte 1957 den Wettbewerb gewonnen. Grundlage ihres Entwurfs war ein „Baukasten“ aus vorgefertigten Stahlbetonelementen mit zwei Tragsystemen, mit denen alle Gebäude der Ferienanlage konstruiert werden konnten: Schlaftrakte, Speisesäle, Ärzte- und Krankenhäuser, Sportanlagen, Verwaltungsbauten, Schulen, Werkstätten, Labors, Spielpavillons, Unterstände, Versammlungsräume und Appellplätze. Das milde Klima und die saisonale Nutzung gestatteten eine ausgedünnte leichte Konstruktion. Ein Sortiment von nur neun Versatzstücken ermöglichte mehrgeschossige Skelettbauten und flächige Überdachungen auf Grundlage einer sechseckigen „Pilzkonstruktion“. Diese Einfachheit verhalf zu einer hohen Variabilität und ließ im Gegensatz zu der – in den kälteren Regionen verwendeten – Großtafelbauweise eine abwechslungsreiche Architektursprache zu.

Artek ist in zehn unterschiedlich große Gruppen unterteilt, die nach ihrem Standort benannt sind: ein Meereslager „Morskoj“, ein Lager an der Küste „Pribrežnyj“, eines am Berg „Gornyj“ und eine Lagergruppe in einem Zypressenhain „Kiparisnyj“. Man trennte die Funktionen weitgehend, bildete größtmögliche Gruppen und verzichtete auf private Räume. Jede Lagergruppe verfügte über mehrere Schlaftrakte, die aus gleichförmigen Schlafsälen für acht bis zehn Personen und entsprechend sanitären Sammeleinrichtungen zusammengefügt wurden. Zu jeder Gruppe gehörten ein eigener Speisesaal, ein Ärztehaus, ein Freibad und ein Appellplatz.

Die relingartigen Geländer, Seitengänge und Flugdächer zitieren mit Luxus verbundene Motive der großen Passagierschiffe der 1920/30er Jahre und versinnbildlichen damit den sozialen Aufbruch und Aufstieg zu einer Freizeitgesellschaft. Durch die lebhaften Farben der Pavillons und zahlreiche Kunstwerke verbreitete die Anlage eine unbeschwerte, fröhliche, fast kindliche Lebensfreude. Die großen Glasflächen der Gebäudefassaden erlaubten nicht nur den Ausblick auf die umliegende Landschaft, sondern standen auch für Offenheit und Transparenz als neuentdeckte Tugenden nach dem Stalinschen Terror.

 

Vorbildhaft

Pionierlager Artek, Speisesaal Olive, 1964
Nicht nur die Jugend, sondern auch die Architekten bewunderten die unbeschwerte Formensprache (Bildquelle: Polianski, A. T., Artek, Moskau 1966)

Durch diese innovative Formensprache war Artek nicht nur ein Traum für die Jugend des Ostblocks, sondern auch für dessen ArchitektInnen bzw. „Planungskollektive“. Die weitläufige Anlage mit über 150 Gebäuden stand in der Zeit des „Tauwetters“ für den poststalinistischen Stil. Das ArchitektInnenkollektiv um Anatolij Polianskij hatte in Artek eindrucksvoll demonstriert, wie abwechslungsreich, leicht und elegant das industrialisierte Bauen trotz der Typenentwürfe, Standardisierung und Vorfertigung aussehen konnte – jenseits vom sozialistischen Klassizismus Stalins, den man in der gegenwärtige Betrachtung als „Zuckerbäckerstil“ zusammenfasst. Mit diesem Projekt avancierte Polianskij zum obersten Architekten der Sowjetunion und gilt als Pionier der Erholungsarchitektur im ehemaligen Ostblock.

In den 1960er und 70er Jahren wurden die Küsten zunehmend für den Massentourismus erschlossen und das Ferienprogramm für die Jungen Pioniere massiv ausgeweitet. Jährlich konnten 13 Millionen Kinder ihren Urlaub in Artek oder anderen Pionierlagern wie „Molodaja Gwardija“ (Junge Garde), „Orljonok“ (Kleiner Adler), „Alye Parusa“ (Purpursegel), „Čaika“ (Möwe) oder „Zerkalnyj“ (Spiegelnder) verbringen. Sie verfügten jeweils über mehrere Hundert Betten, die größten von ihnen sogar mehrere Tausend! Trotzdem wurden diese Ferienlager meist nicht als gigantische Bettenburgen ausgeformt, sondern als Zusammenballung von Teillagern, die wiederum in mehrere Gruppen aufgeteilt waren. Diese Organisation ermöglichte vor allem eine modellhafte sozialistische Kollektiverziehung.

 

Anachronismus

Pionierlager Artek, Freundschaftsplatz, 1999
Bis 2004 wurde die Gestaltung der 1960er Jahre im Pionierlager Artek gepflegt und erhalten ( © Arne Winkelmann)

Die Pionierlager waren staatliche, hoch subventionierte Einrichtungen, deren Fortbestehen nach dem Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 mehr als fraglich war. Die nunmehr ukrainische Leitung betrieb das Pionierlager noch einige Jahre unter neuem Namen als „Internationales Kinderzentrum“ weiter, behielt aber die Prinzipien der Kollektiverziehung bei. Albina Murašova, eine Lagerleiterin Arteks um die Jahrtausendwende, wollte den Kindern damit die Möglichkeit vermitteln, in den Zeiten des entfesselten Kapitalismus „menschlich zu bleiben“.

Um Kontinuität bemüht, erhielt man bis 2004 auch den baulichen Originalzustand der 1960er Jahre. Die leichten Pavillonbauten wurden gepflegt und der farbenfrohe Anstrich stetig erneuert. Bis auf wenige Ausnahmen wirkte die Anlage wie eine Zeitkapsel der Chruščëv-Jahre.

 

Niedergang

Ohne staatliche Förderung gingen die Besucherzahlen stark zurück. Unter den weniger werdenden Gästen fanden sich vor allem Russen. Viele ehemalige Funktionäre und Kader, die zu Sowjetzeiten zu den Auserwählten gehörten und in Artek ihre Ferien verbringen durften, wollten dies nun auch ihren Kindern oder Enkeln ermöglichen. Statt Linientreue und Leistungen in der Jugendorganisation öffnete nun einzig der Geldbeutel die Türen der ehemaligen „Märchenstadt“. Mehrwöchige Aufenthalte kosteten zwischen 600 und 1.600 Euro! Auch wenn 60 Prozent der BesucherInnen geringere Tarife oder gar nichts zahlten, wurden die Gruppen immer elitärer. Die Inhalte wollten mit den Räumen nicht mehr recht zusammenpassen.

Um die Jahrtausendwende war die damalige westlich orientierte Regierung Timošenko wegen der mehrheitlich russischen Gäste offenbar nur wenig daran interessiert, die hoch subventionierten Ferienanlagen weiter zu betreiben. Dem Lager drohte die Insolvenz. Der damalige Direktor Boris Novošilov trat aus Protest in den Hungerstreik. Tatsächlich ließ sich die Regierung damit zu weiterer Förderung bewegen. „Artek gerettet!“ titelten 2009 mehrere Zeitungen, das weltweit größte Kinderferienlager sei dem Konkurs entkommen.

 

Umbau

Krim, Ferienlager Artek, 2005 (Bild: Vyacheslav Stepanyuchenko, CC BY 2.0)
Der Freundschaftsplatz 2005 mit postmodernen „Zusätzen“ (Bild: Vyacheslav Stepanyuchenko, CC BY 2.0, 2005)

Der Preis der Rettung war eine grundlegende Umnutzung. Aus der Modellstadt für die Kollektiverziehung wurde eine Schule für die künftigen Wirtschaftseliten des Landes. Statt Sozialverhalten in der Gruppe werden nun Individualismus und Eigenverantwortung gefördert. Jeglicher Wettbewerb im Sport, bei Spielen oder bei den wissenschaftlichen Workshops findet nun nicht mehr für das Kollektiv statt, sondern für den Einzelnen.

Um den Ansprüchen der wohlhabenden Jugendlichen zu genügen, musste die Lagerleitung nicht nur ihre Freizeit- und Animationsangebote verändern, sondern auch die Anlage ertüchtigen. Ursprünglich hatte man die saisonal genutzten Pavillons ohne Heizung und Isolierung errichtet. Für einen ganzjährigen und damit rentableren Betrieb wurden die Gebäude der vier wichtigsten Teillager mit neuen Wänden gedämmt. Für die gehobenen Ansprüche gestaltete man die Schlafsäle für acht bis zehn Personen um zu Zweibettzimmer auf Hotelstandard.

Dem Ensemble Arteks hat die Modernisierung und Erweiterung geschadet. Die filigranen und sensibel in die Landschaft eingebundenen Pavillons wurden in klobige verglaste postmoderne Kuben verwandelt. Die Speisesäle mit ihren charakteristischen „Dach-Betonpilzen“ wurden vollständig überformt. Der fließende Übergang zwischen Innen- und Außenraum, die Nähe zur Natur sind abhandengekommen. Für den Komfort mag das förderlich sein, der ursprünglichen Konzeption der vorbildlichen Anlage war es abträglich.

 

Denkmal?

Pionierlager Artek, Lenindenkmal, 2006
Das einstmals größte Lenindenkmal der Welt an den Hängen des Pionierlagers (Bild: © Mathias Häßner)

Die sowjetischen Hoheitszeichen, die vielen Lenin-Porträts und Parolen wurden geschleift. Das einstmals größte Lenin-Denkmal der Welt, das sich an den Hängen in einer Kaskade aus rotem Marmor und Beton talwärts wand, verfällt heute. Die Appellplätze mit ihren Bildstelen und Lagerfeuerstellen wurden zu technisierten Bühnen umgebaut. Das Gesamtkunstwerk aus Architektur, städtebaulicher Struktur, Bildwerken, Skulpturen und einbezogener Landschaft wurde zerstört. Vier Lagergruppen sind glücklicherweise noch im Originalzustand erhalten. Leider sind es nicht die repräsentativen am Ufer.

Artek wäre ein klarer Fall für den Denkmalschutz, doch ein öffentliches Bewusstsein für die Chruščëv-Zeit und ihre baulichen Zeugnisse existiert kaum. Es bleibt abzuwarten, ob auf die russische Annexion der Krim von 2014 die Modernisierung der übrigen Teillager folgt.

 

Rundgang

 

Literatur

Winkelmann, Arne, Das Pionierlager Artek. Realität und Utopie in der sowjetischen Architektur der sechziger Jahre, Dissertation, Weimar 2004.

Jacks, Bärbel, TV-Dokumentation „Auf der Krim“, Deutschland 2002, Regie: Bärbel Jacks.

Winkelmann, Arne, Typologie der Ferienzeit. Das Pionierlager Artek auf der Krim, in: Bauwelt 91, 2000, 16, S. 12–19.