Ausstellung

Wien Architekturzentrum, Ausstellungsplakat; www.azw.at

Willkommen im Dschungel

Bauen könnte so schön sein – wenn das Dickicht aus Paragraphen und Vorschriften nicht immer dichter werden würde. Zu allem Überfluss sind etliche auch international nicht genormt. Und dass es schier herrliche Vorschriften gibt, zeigt die Ausstellung „Form folgt Paragraph“, die bis zum 4. April 2018 im Architekturzentrum Wien zu  sehen ist. Sie klärt etwa darüber auf, dass österreichische Erde, die zum Bau eines Kellers ausgehoben und abtransportiert wird, nach zwei Kilometern Lkw-Fahrt von Gesetzes wegen zu Abfall mutiert. Es gibt heute 238 Seiten an Normen, die darum bemüht sind, den Spielplatz zu einer möglichst gefahrenlosen Zone zu erklären. Entsprechend gummiert, gepolstert und uninspiriert fällt die Gestaltung aus. Weil Kinderlärm hierzulande von den Lärmschutzbestimmungen ausgenommen ist, während in Deutschland mitunter Schallschutzmauern um Kinderspielplätze errichtet werden.

Die stetig steigenden Sicherheits- und Qualitätsstandards führen dazu, dass die Eigenverantwortung sinkt und die Wohlstandsgesellschaft klagefreudiger wird, erläutern die Kuratorinnen Karoline Mayer und Martina Frühwirth. Die Besucher der Ausstellung können diese Aussage mittels eines Tests selbst prüfen und mehr über eigene Sicherheitsansprüche herausfinden. Anhand von großformatigen Fallstudien, 1:1 Installationen, Interviews mit Baubeteiligten, aber auch Absurditäten und Anekdoten enhüllt die Schau welche kreativen Leistungen Architekten trotz all der Fülle an einschränkenden Faktoren im Rahmen ihrer Bauvorhaben erbringen. (db, 4.12.17)

Alekos Hofstetter/Florian Göpert, Høyblokka, 2014

Harte normierte Welt?

In diesen Tagen setzen sich gleich zwei Ausstellung künstlerisch mit der modernen Baukunst auseinander: In Dallas an der University of Texas ist bis zum 24. September die Präsentation „a hard place“ zu sehen. Vertreten sind Künstler aus ganz Europa: Alekos Hofstetter, Florian Göpfert, Oisin Byrne, Laure Catugier, Cunningham Architects, Chris Dreier, EVOL, Gary Farrelly, Dirk Krecker, Pádraic E. Moore, ScAle Architects, Christine Weber, Julia Zinnbauer und Matias Bechtold. Alekos Hofstetter (und Florian Göpfert) setzen sich seit 2012 im Werkzyklus „Tannhäuser Tor“ mit moderner Baukunst auseinander.

Christoph Liepach hingegen verfolgt die modernen Zeugen der Stadtentwicklung und ihre Veränderungsprozesse mit der Kamera. Mit seinem Werk ist er aktuell in der Ausstellung „Normierte Welt. Zwischen Anspruch und Aneignung von DDR-Architektur heute“ vertreten. Neben Liepach widmen sich hier ebenso die Fotografen Fabian Heublein und Louis Volkmann (kuratiert von Stefan Kausch „in Kollaboration“ mit den Fotografen) dem Thema „Zwischen Anspruch und Aneignung von DDR-Architektur heute“. Die Ausstellung steht im Rahmen von und mit freundlicher Unterstützung von OSTLichter Kulturfestival und Freiraum Festival 2017. Noch bis zum 17. September ist die Präsentation im Leipziger Pöge-Haus (Hedwigstraße 20) zu bestaunen. (kb, 31.8.17)

Bilder: Alekos Hofstetter/Florian Göpert, Høyblokka, 2014

Onlinearchiv M:AI (Bild: M:AI)

Nieder mit der Finissage!

Die Ausstellung muss ich unbedingt noch sehen … geht ja noch ’ne Weile … wie, Donnerstag ist Finissage?? Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, werden Sie das Onlineangebot des Museums für Architektur und Ingenieurskunst NRW (M:AI) lieben. In seinem neuen Onlinearchiv bietet das Haus dauerhaft Zugang zu seinen sämtlichen vergangenen Ausstellungen.

Das M:AI verfolgt damit konsequent seinen Anspruch, als mobiles Museum ohne festen Ausstellungsort „immer vor Ort, niemals am selben“ zu sein. Die Sonderausstellungen des 2005 gegründeten Hauses finden meist an Orten statt, die eng mit dem behandelten Thema verknüpft sind. Dabei fungiert das Ausstellungsgebäude idealerweise als größtes Exponat und bestimmt die Ausstellungsarchitektur. Neben thematischen Informationen macht das Onlinearchiv  seine spezifischen Ausstellungsinszenierungen mit Videos und Bildergalerien wieder lebendig. Auch wenn ein virtueller Rundgang nicht an den Museumsbesuch heranreicht, verlieren damit doch jene eindrücklichen Plakate ihren Schrecken, die mit Parolen wie „NUR NOCH DIESE WOCHE“ und „LETZTE CHANCE!“ das schlechte Kulturgewissen stimulieren. (jr, 27.7.17)

Bild: Online-Archiv des M:AI (Screenshot)

„Det is der Berliner Westen!“

Ausstellungsprojekt "Seh’n se, det is der Berliner Westen!" im Europa-Center Berlin (Bild: MASKE + SUHREN Architekten)
Ausstellungsprojekt „Seh’n se, det is der Berliner Westen!“ im Europa-Center Berlin (Bild: MASKE + SUHREN Architekten)

Es war ein kleines Stück Bundesrepublik, dem nach dem Krieg eine große politische Bedeutung zuwuchs: Als Westberlin nach der deutschen Teilung, spätestens nach dem Mauerbau zur symbolträchtigen Insel wurde, mussten auch viele Neu- und Wiederaufbauten diesem hohen Anspruch gerecht werden. Diesem Thema widmet das Berliner Architekturbüro MASKE + SUHREN (kuratiert von Ulrich Borgert) nun die kleine öffentliche Ausstellung auf den typischen Berliner Litfaßsäulen „Seh’n se, det is der Berliner Westen!“, die noch bis zum 1. März im Berliner Europa-Center (Tauentzienstraße 9-12, 10789 Berlin) zu sehen ist.

Die Ausstellung gibt einen Rückblick auf Geschichte und Entwicklung des Kernbereichs der City West rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und bietet einen Ausblick auf das sich wandelnde Quartier mit seinen aktuellen Projekten. Eine englischsprachige Version der Ausstellung war im Rahmen der Architekturbiennale in Venedig, eine deutschsprachige vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu sehen. Jetzt bietet sich noch einmal die Chance, damals und heute am Ort des Geschehens zu vergleichen. (kb, 16.2.17)

Frei Otto: Denken in Modellen

Mannheim, Multihalle (Bild: Hubert Berberich (HubiB), CC BY 3.0)
Im Original gefährdet: Frei Ottos Mannheimer Multihalle (Bild: Hubert Berberich (HubiB), CC BY 3.0)

Am 5. November eröffnet in Karlsruhe die bisher größte Ausstellung zu Frei Otto: Dort werden über 200 Modelle, über 1.000 Fotos, Skizzen, Objekte, Werkzeuge und vieles mehr zu sehen sein. Damit zeigt die Ausstellung umfassend das Werk des Architekten, der mit seinen außergewöhnlichen Konstruktionen eine ganze Stilepoche prägte. Die Ausstellungsmacher wollen zeigen, wie sich Otto frei zwischen Architektur, Kunst und Wissenschaft bewegte: Seine Modelle sind, mit den Worten des Kurators Georg Vrachliotis, mehr dynamische Objekte als klassische Modelle: „Sie verkörpern damit eine ‚operative Ästhetik‘, die sich zwischen der Präzision von wissenschaftlichen Objekten und der Imagination künstlerischer Instrumente bewegt.“

So ist es nur folgerichtig, dass Frei Ottos außergewöhnliche Modelle im Mittelpunkt einer Ausstellung stehen, außerdem die Instrumente, die er für die Berechnung seiner Projekte entwickelte oder seine Forschungen zu pneumatischen Kon. Die Ausstellung wird vom 5. November 2016 bis zum 12. März 2017 im ZKM Karlsruhe gezeigt. Im Januar soll außerdem ein Symposium zum Thema der Ausstellung stattfinden, selbstverständlich gibt es auch einen Katalog. Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Südwestdeutschen Archivs für Architektur und Ingenieurbau (saai) des KIT und der Wüstenrot Stiftung. (ps, 20.10.16)

Loved, hated or ignored?

"MODERNITY. Loved, hated or ignored? (Bild: Bohumil Kostohryz)
„MODERNITY. Loved, hated or ignored?“ (Bild: Bohumil Kostohryz)

Wie wurde die Moderne zu unserer alltäglichen Erfahrung? Wie sehen wir die Bauten, in denen wir unsere Tage verbringen? Diese Fragen stellte die Ausstellung „MODERNITY. Loved, hated and ignored?“ schon vor einem Jahr auf der Biennale in Venedig. Nun ist die Schau im bis zum 19. Dezember 2015 in Luxemburg, im LUCA Luxembourg Center for Architecture (1, rue de l’Aciérie, Luxembourg L-1112) zu sehen.

Umarmen wir die Moderne oder stoßen wir sie von uns? Oder behandeln wir sie gar gleichgültig? Die Luxemburger Ausstellung baut um diese Fragen eine eigene Erzählung, genauer gesagt, eine Detektivgeschichte: Wie der Special Agent Dale Cooper in der berühmten Fernsehserie von David Lynch die Kleinstadt Kleinstadt Twin Peaks erkundete, trifft Jane Doe in Luxemburg auf fünf Rechercheaufträge. Durch Raum und Zeit folgte sie den Spuren, wie Menschen mit der sie umgebenden Moderne umgehen. Damit wollen die  Ausstellungsmacher heutigen Vergessen entgegentreten und die Ereignisse wieder zum Leben erwecken, die unser Erleben der Moderne formten. Hierfür kommen Presseberichte, persönlichen Erzählungen und Archivmaterial zum Einsatz, die als „Beweisstücke“ zu einem großen Puzzle gefügt werden. (kb, 26.9.15)

 Moskau: VDNcH wird saniert

Vor dem zentralen Pavillon der VDNcH begrüßt noch immer Lenin die Besucher (Bild: Voytek S)
Vor dem zentralen Pavillon der VDNcH begrüßt noch immer Lenin die Besucher (Bild: Voytek S)

Vystavka dostiženij narodnogo chozjajstva SSSR  –  dieses Wortungetüm, das die Moskauer mit der Abkürzung VDNcH bändigen, stand jahrzehntelang für die Weltausstellung des Sozialismus. Die „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR“ versammelte seit ihrer Eröffnung 1939 Erzeugnisse aus allen Winkeln der Sowjetunion. Auf dem riesigen Gelände im Norden Moskaus stehen heute noch 32 Pavillons, die meisten im stalinistischem Zuckerbäckerstil. Die russische Regierung entschied sich für eine Sanierung.

Die VDNcH verstand sich als kultureller Mikrokosmos der UdSSR. Die Repräsentanzen der Teilrepubliken integrierten landestypischer Elemente. Der Brunnen „Völkerfreundschaft“ wurde ebenso zum Wahrzeichen wie die benachbarte Skulptur „Arbeiter und Kolchosbäuerin“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hieß das Gelände einige Zeit „Allrussisches Ausstellungszentrum“, wurde zum Tummelplatz fliegender Händler. Die Verantwortung für den Erhalt schoben sich die sowjetischen Nachfolgestaaten gegenseitig zu. 2014 erhielt das Gelände seinen historischen Namen VDNcH  zurück. Nach der Sanierung soll es wieder an seine Tradition anknüpfen und nun die russische Wirtschaft repräsentieren. Geplant sind Pavillons für die Raumfahrtbehörde Roskosmos und die Energiekonzerne Gazprom und Rosneft. (jr, 29.10.14)

 

Nachkriegsarchitektur der Gegenwart

Das Besucherzentrum des Wildreservat Pamir-i-Buzurg in Afghanistan wurde nach Plänen von Anne Feenstra errichtet. (Bild: AFIR Architects, Anne Feenstra)
Das Besucherzentrum des Wildreservat Pamir-i-Buzurg in Afghanistan wurde nach Plänen von Anne Feenstra errichtet (Bild: AFIR Architects, Anne Feenstra)

Beim Schlagwort „friedensichernde Maßnahme“ denken sicher die wenigsten an Architektur. Dabei spielen Architekten und Städtebauer beim Friedens- und Aussöhnungsprozess in (bürger-)kriegszerütteten Ländern eine zentrale Rolle. Dem Wiederaufbau zerstörter Städte liegt eine potentiell integrative Rolle inne. Das Architekturmuseum in München widmet diesem Themenkomplex derzeit unter dem Titel „The Good Cause: Architecture of Peace – Divided Cities“ eine Ausstellung.

Die Schau ist in zwei thematische Bereiche untergliedert. Der eine beleuchtet unter der Überschrift „Architecture of Peace“ anhand von Fallstudien aus Afghanistan, Ruanda, Israel oder dem Kosovo, wie Architektur lokal erfolgreich zur Befriedung ehemaliger Krisenherde genutzt wurde. Der zweite, betitelt mit „Divided Cities“, befasst sich mit „erkalteten“, aber ungelösten Konflikten, welche sich in geteilten Städten wie Nikosia auf Zypern manifestieren. Die Ausstellung zeigt aktuelle Beispiele von Architekten und Städtebauern, die mit einzelnen, transnational ausgerichtete Projekten versuchen, die Teilung schrittweise aufzuheben. Sie ist noch bis zum 19. Oktober im Münchner Architekturmuseum zu sehen. (jr, 8.10.14)

2 x 50

Halle-Neustadt, 1967 (Bundesarchiv Bild-Nr. 183-F0607-0013-001, Foto: Horst Sturm)
Halle-Neustadt, 1967 (Bundesarchiv Bild-Nr. 183-F0607-0013-001, Foto: Horst Sturm)

In diesem Jahr werden gleich zwei Großsiedlungen 50: das DDR-Vorzeigeprojekt Halle-Neustadt und als kapitalistisches Gegenstück das Märkische Viertel im Westen Berlins. Für Halle plante der ehemalige Gropius-Assistent Richard Paulick die „Stadt der Chemiearbeiter“, für die 1964 der Grundstein gelegt wurde. Zu diesem Anlass bekommt Halle-Neustadt nun ein breitgefächertes Veranstaltungsprogramm, darunter mehrere Ausstellungen. Bis zum 2. November schlägt die Schau „Heimat Halle-Neustadt“ mit zwei Ausstellungsorten eine Brücke von der Alt- (Stadtmuseum) zur Neustadt (Ladengeschäft in der Neustädter Passage 13). Studierende der Kunsthochschule Burg Giebichenstein präsentieren Alltagsobjekte, Beschilderungen und Souvenirs aus 50 Jahren Stadtgeschichte.

Das Berliner Märkische Viertel wurde von 1963 bis 1974 errichtet, geplant von rund 35 Architekten – darunter Namen wie Werner Düttmann oder Oswald Mathias Ungers. 1964 zogen die ersten Bewohner ein, 50 Jahre später erklärt die Wohnungsbaugesellschaft Gesobau das ganze Viertel zur Ausstellung. Unter Schlagworten wie „Abenteuer“, „Heimat“ oder „Kulturen“ werden prägende Teile des Viertels vorgestellt. Hinter „Moderne“ verbirgt sich – von der Kirche St. Martin bis zum Heizkraftwerk – die Baugeschichte. Darüber hinaus werden Stadtrundgänge vorgeschlagen oder ein „Soundwalk“ durch die großstädtische Landschaft als Download angeboten. (kb, 1.9.14)

Ein Blick auf Günther Domenig

"Gebirge" am Ufer des Ossisacher Sees: Das Steinhaus von Günther Domenig. Foto: H.P. Schäfer
„Gebirge“ am Ossisacher See: das Steinhaus von Günther Domenig (Bild: H.P. Schäfer)

Der Architekt Günther Domenig (1934-2012) gehörte zu den bedeutendsten öster­reichischen Archi­tekten des 20. Jahr­hunderts. Das Haus der Archi­tektur in Graz zeigt in der Aus­stellung „Ein anderer Blick“ bis zum 31. August 2014 acht aus­gewählte Bauten, die vom Foto­grafen David Schreyer 2013 und 2014 aufgenommen wurden. Konsequent durchlief der in Klagenfurt geborene Baukünstler unterschiedliche baukulturelle Strömungen. Hauptsächlich wird sein Oevre dem Dekonstruktivismus zugerechnet. Das Architekturzentrum „Steinhaus“ (1980) in Steindorf am Ossisacher See zählt zu seinen bekanntesten Werken.

Domenig, der von 1980 bis 2000 die Professur am Institut für Gebäudelehre der TU Graz innehatte, verstand Architektur als Gesamtkunstwerk und politisches Statement. Zahlreiche Bauten im In- und Ausland, darunter das Dokumentationszentrum auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände (1998), dazu Zeichnungen und Theorietexte, dokumentieren die Vielfalt seines Werks. Die Schau in Graz wirft anlässlich seines achtzigsten Geburtstags einen anderen Blick auf sein Schaffen. (db, 29.7.14)